Efeu - Die Kulturrundschau

Der Realismus einer somnambulen Personenführung

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29.10.2015. Interessant gescheitert, so könnte man die Reaktionen auf Jossi Wielers Stuttgarter "Fidelio" resümieren. Die Zeit bewundert Erfolgsstrategien, Vernetzungsvermögen und Selbstmarketing zweier holländischer Malerstars des 17. Jahrhunderts. Danach tanzt sie mit Drake Hotline Bling. Der Freitag stampft den neuen Bond ein. Die SZ besucht Naypyidaw, die neue Hauptstadt Burmas. Die NZZ bewundert die Architektur Vancouvers.

Bühne


"Fidelio". Mit Josefin Feiler (Marzelline) und Daniel Kluge (Jaquino). Foto: A.T. Schaefer

In Stuttgart hatte Jossi Wielers Inszenierung von Beethovens "Fidelio" Premiere - inklusive der als schwierig geltenden Dialogpassagen, die jüngst mitunter ganz gekürzt wurden. In einem Bühnenbild von Bert Neumann, dem vor kurzem verstorbenen Bühnenbildner der Volksbühne, konzipierte der Regisseur die Oper dabei als Stück über Überwachung, erfahren wir aus den Kritiken. Lotte Thaler lobt in der FAZ die Leistungen des Ensembles, das für die Dialoge eigens im Sprechen geübt wurde, tadelt aber die "nach heutiger Opernpraxis durch und durch konventionelle, auf kleinbürgerliches Format 'heruntergebrochene', jeden utopischen Hoffnungsschimmer vermeidende Inszenierung." Wolfgang Schreiber gesteht in der SZ: So habe er diese "visionäre Oper über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, tatsächlich noch nicht erlebt." Doch "der Realismus einer somnambulen Personenführung" löst bei ihm "nicht nur Erkenntnis und Empathie, manchmal auch Befremden, Zweifel" aus. In den Stuttgarter Nachrichten verteidigt Susanne Benda die Inszenierung: Sie mache "aus den Figuren, die oft als bloße Verkörperungen von Idealtypischem verstanden wurden, plötzlich: Menschen." Und Julia Spinola urteilt in der Zeit: "ein Abend voller loser Enden, ein Experiment".

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung unterhält sich Annika Krump mit Karin Bayer, einer seit 1979 an der Berliner Volksbühne angestellten Mitarbeiterin. In der Presse schreibt Barbara Petsch zum Tod der Schauspielerin und Regisseurin Birgit Doll. In der FAZ stellt Natali Kurth die neue "dritte Bühne" des Pariser Opernhauses vor: Ein Internetportal mit Videos exklusiver Performances. Auf Youtube liegt die "dritte Bühne" auch in Form einer Playlist vor:



Besprochen werden zwei Choreografien von Mette Ingvartsen im Tanzquartier Wien (Standard), Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" am Theater Kanton Zürich (NZZ), Frank Castorfs Inszenierung von Andrei Platonows Roman "Tschewengur" in Stuttgart (NZZ), der Saisonbeginn am Wiener Volkstheater mit Inszenierungen von Ulf Schmidt und Anna Badora (FAZ) sowie der Saisonauftakt am Bamberger Theater unter der neuen Intendantin Sibylle Broll-Pape ("Gut gelaufen, diese Eröffnung", meint Helmut Schödel in der SZ).
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Musik

Marie Schmidt deutet in der Zeit das Männerbild, das Drake in seinem Video für "Hotline Bling" verkörpert: Er tanzt in einer Art Unterwasser-Minimalismusstil, der bereits eine Menge lustiger Nachahmer gefunden hat:



Weiteres: Fabian Wolff porträtiert im Tagesspiegel den Rapper Chefket. Eckart von Hirschhausen besucht für die Zeit seinen Gitarrelehrer, den Jazzmusiker Coco Schumann. Besprochen werden das Heidelberger Konzert von Liturgy (Spex) und ein von Christian Thielemann dirigiertes Konzert der Dresdner Staatskapelle in Berlin (Tagesspiegel).
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Architektur

Jürgen Tietz blickt staunend auf die Architektur in Vancouver und stellt in der NZZ fest: Die haben wirklich fast alles richtig gemacht. Aber am Ende nützt das den Ärmeren nur wenig. "Die in Toronto erscheinende Tageszeitung Globe and Mail hat jüngst darauf hingewiesen, dass Familien bis in das rund 70 Kilometer nördlich von Vancouver gelegene Squamish auf Wohnungssuche gehen - mit Folgen für die dortigen Immobilienpreise. Heute gilt Vancouver als eine der teuersten Metropolen der Welt. Die Lebensqualität hat ihren Preis und ihre unerwünschten Nebeneffekte - selbst in einer grünen Stadt, die lang vieles richtig gemacht hat."

Jörg Häntzschel bereist für die SZ Naypyidaw, die in wenigen Jahren aus dem Boden gestampfte neue Hauptstadt von Myanmar, die zwar eine gigantische Fläche beansprucht, aber gerade mal 300000 Menschen beherbergt: "Es gibt in Naypyidaw so viele unterschiedliche Arten der Leere wie in der Arktis Schneesorten." Kurz: Eine "Fata Morgana der Modernität".
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Literatur

Im Freitag stellt Lukas Latz die Bücher von Marko Martin vor. SZler Christoph Schröder resümiert Marcel Beyers Kölner Poetikvorlesung. Außerdem hat der Freitag Beate Trögers Interview mit Martin Jankowski über indonesische Lyrik online nachgereicht.

Besprochen werden Ralph Dutlis Roman "Die Liebenden von Mantua" (NZZ), Paolo Giordanos Roman "Schwarz und Silber" (NZZ) und Charlotte Roches "Mädchen für alles" (Freitag).
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Film


Marion Cotillard und Michael Fassbender in "Macbeth"

Mit Michael Fassbender und Marion Cotillard hat Justin Kurzels "Macbeth" zwei großartige Darsteller, sind sich die Filmkritiker einig. Außerdem bringen sie auch noch die richtigen Körper mit, meint Peter Praschl in der Welt: "Supergesichter beide, sie ein wenig älter als er, was das Kinderverlustmotiv noch einmal herausarbeitet, da ist vertanes Leben, es geht eben nicht mehr, dass sie noch ein Baby bekommt. Sein supersexy Körper, wie er kurz nach dem Abschlachten des Königs in einen Hochlandsee hineinwatet, um sich abzuwaschen, und man sieht einen Tipptopp-Torso und dass ihm Kälte nichts anhaben kann. Dieser Body ist expressiv genug für diese Geschichte, der Rest lässt sich auch introvertiert erledigen." Der ganz große Wurf ist der Film aber doch nicht, findet Norbert Mayer in der Presse, denn: "Wo bleiben die großen rhetorischen Konfrontationen beim Kampf um die Macht?"

Schon jetzt bespricht Andreas Busche im Freitag den erst kommende Woche anlaufenden Bond-Film "Spectre". Der Kritiker stampft diesen Teil und überhaupt die ganze Daniel-Craig-Ära der Reihe in Grund und Boden: Regisseur "Sam Mendes hat die Bond-Reihe mit Spectre zu einer tragischen Familiensaga heruntergewirtschaftet." Und warum kann Bond nicht auch mal schwarz sein, fragt sich Lisa Goldmann in der taz - oder womöglich gar mal eine Frau.

Weiteres: In der taz empfiehlt Claudia Lenssen eine von Cecilia Valenti sowie von den Perlentaucher-Filmkritikern Lukas Foerster, Fabian Tietke und Nikolaus Perneczky kuratierte Reihe zum chinesischen Gegenwartskino im Berliner Zeughauskino. Jana Gioia Baurmann besucht für die Zeit die amerikanische Firma Bungie, die das 500 Millionen Dollar teure Computerspiel Destiny entwickelt hat.

Besprochen werden Fernando León de Aranoas "A Perfect Day" mit Benicio del Toro und Tim Robbins als abgebrühte NGO-Arbeiter (Standard), Cesc Gays Tragikomödie "Truman" (NZZ), Jean-Jacques Annauds "Der letzte Wolf" (taz, Perlentaucher), Malgorzata Szumowskas "Body" (taz, critic.de), die vom Leben der legendär miesen Sängerin Florence Foster Jenkins inspirierte Tragikomödie "Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne" (Tagesspiegel, NZZ, SZ), Benni Diez' Tierhorrorfilm "Stung" (Perlentaucher), Christian Ulmens "Macho Man" (Welt, SZ), der japanische Edel-Exploitationklassiker "Lady Snowblood", den Arte am 2.November zeigt (Freitag), und die DVD von Fabrice Du Welz' "Alléluja" (taz).

Und ein Tipp aus den Mediatheken: Beim RBB ist "Ich will mich nicht künstlich aufregen" zu sehen, das Spielfilmdebüt von Max Linz, der auch für den Perlentaucher einige Texte verfasst hat. "Systemkritik sah nie besser aus", versprach Anja Seeliger in ihrer Besprechung zur Berlinale.
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Kunst

Govert Flinck und Godfried Schalcken sind zwar nicht so berühmt wie Rembrandt, Hals oder Vermeer, aber sie gehörten doch zu den Großen in der Blütezeit der niederländischen Malerei im 17. Jahrhundert, versichert Benedikt Erenz in der Zeit. Wie er die Bilder beschreibt und lobt, möchte man sie sogar zu den ganz Großen zählen! Aber da ist noch mehr zu sehen: Im Kölner Wallraf-Richartz-Museum und im Museum Kurhaus in Kleve werden derzeit "ihre Erfolgsstrategien analysiert, ihr Geschick, sich an Stilwandeleien und nationale Geschmäcker anzupassen, ihr Vernetzungsvermögen und gediegenes Selbstmarketing. Schalcken begann in der kurzzeitig hochbegehrten Manier der Feinmaler; Gerard Dou in Leiden, der höchstbezahlte Künstler der Zeit, war sein Lehrherr. Schalcken entwickelte daraus eine perfekte Helldunkel-Malerei, bewies als Porträtist in London Sicherheit im englischen Geschmack und wusste auch am Düsseldorfer Hof den Ton zu treffen. Während Flinck, der als Weggefährte Rembrandts begann, sich später dem gefragten flämischen Stil zuwandte, der einem neuen aristokratischen Lebensgefühl entsprach. Es sind Wandlungen, die zugleich viel über Land und Zeit verraten, über ein selbstbewusstes niederländisches Bürgertum, das seinen genügsamen Republikanismus allmählich feudal zu verbrämen begann, der Kaufmann als Edelmann." (Bild: Godfried Schalcken, Brieflesendes Mädchen bei Kerzenlicht, um 1689, Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kuntsammlung Dresden)

Besprochen werden außerdem Daniel Richters "Hello, I love you"-Ausstellung in der Frankfurter Schirn (Freitag), die Johanna-Kandl-Ausstellung im Essl-Museum (Presse) und die Ausstellung "Le bouddhisme de Madame Butterfly" im Ethnografischen Museum in Genf (taz).
Archiv: Kunst