Efeu - Die Kulturrundschau

Spiegelung, Mimesis, historische Aufarbeitung

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.08.2015. Die NZZ feiert mit Francesco Munzis neorealistischem Mafiafilm "Anime nere" endlich wieder großes italienisches Kino. Die taz begibt sich staunend in die Parallelwelt der Youtube-Stars und -Fans. Der Tagesspiegel bewundert das mathematische Hirn der Choreografin Lucinda Childs. Im Blog Freitext ficht Ulrike Draesner gegen das Relevanzdiktat in der Kunst.

Film



Endlich mal wieder ein großer Film aus Italien! In der NZZ empfiehlt Till Brockmann nachdrücklich "Anime nere", Francesco Munzis neorealistischen Spielfilm über einen kalabrischen Ndrangheta-Clan: Zwar sind alle Protagonisten erfunden, "doch sie sind eine Collage von Ähnlichem und Plausiblem, das sich auf diesem Territorium zuträgt. Und sie basieren mehrheitlich auf dem gleichnamigen Roman von Gioacchino Criaco, der in Africo - dem Originalschauplatz, an dem "Anime nere" gedreht wurde - aufgewachsen ist und während der Dreharbeiten wiederholt konsultiert wurde. Selbst in Italien wird der Film zudem mit Untertiteln gezeigt, da der gesprochene Dialekt für alle, die nicht aus der Region stammen, gänzlich unverständlich ist."

Für die taz klickt sich Ekkehard Knörer staunend durch die Mikro-Starsysteme auf Youtube: Von Millionen Fans gefeiert, sind die Youtube-Stars außerhalb dieser Soziotope völlig unbekannt. Doch "für die Zielgruppe sind sie richtige Stars. Eine Umfrage, die das Filmbranchenblatt Va­riety im letzten Jahr in den USA in Auftrag gab, kam zum Ergebnis: Unter den 13- bis 18-jährigen sind die YouTuber in so ziemlich jeder Hinsicht beliebter und bekannter als die Stars aus Film und Fernsehen. Das an der Spitze der Bekanntheit liegende Comedy-Team Smosh übertrifft die Werte von Jennifer Law­rence oder Johnny Depp sehr deutlich."

Weitere Artikel: Lukas Foerster (Cargo) bringt weitere Notizen vom Filmfestival in Locarno. Ganz irrsinnig ärgert sich Werner Kranwetvogel im Freitag über die unausrottbare Tendenz deutscher Verleiher, ausländischen Filmen idiotische Verleihtitel überzustülpen: "Deutschen Titelübersetzern ist nicht Klarheit wichtig, sondern Lautstärke." In Frankfurt bot sich kürzlich die seltene Möglichkeit, den nigerianischen Filmemacher Ola Balogun kennenzulernen, berichtet Nikolaus Perneczky im Freitag. Diese hat Lukas Foerster rege genutzt, wie ein Blick in sein Blog verrät. Für die SZ spricht Fritz Göttler mit Michael Cimino, dem beim Filmfest in Locarno ein Ehrenleopard verliehen wurde.

Besprochen werden Andrei Schwartz" Dokumentarfilm "Himmelverbot" (Freitag), Mohammad Rasoulofs Politthriller "Manuscripts Don"t Burn" (Tagesspiegel, taz, Perlentaucher, mehr in unserer gestrigen Kulturrundschau), Guy Ritchies 60s-Spionage-Film "Codename U.N.C.L.E" (Perlentaucher), Anna Muylaerts Hausangestellten-Komödie "Second Mother" (NZZ), die Komödie "Dating-Queen" mit Amy Schumer (FAZ, Zeit), David Simons neue HBO-Serie "Show Me a Hero" (Welt, Zeit) und Josh Tranks in Dietmar Daths (FAZ) und Harald Peters" (Welt) Augen katastrophal gescheiterte Comicverfilmung "Fantastic Four".
Archiv: Film

Architektur


Foto: Sebastien Michelini / Ill-Studio

Dieser wunderbare Basketballplatz liegt mitten in Paris, in einem Hof in der Rue Duperré. Entworfen hat ihn das Ill-Designstudio zusammen mit der französischen Modemarke Pigalle, berichtet Dezeen. "Ill-Studio took inspiration from a 1930s artwork called "Sportsmen" by Russian artist Kasimir Malevich - a boldly coloured oil painting that depicts four figures stood side by side."

Weitere Artikel: In einigen russischen Städten wird der Zuckerbäckerstil der Stalin-Ära wiederentdeckt, berichten Oliver Will und Jens Malling im Freitag. In der NZZ freut sich Bernd Noack über das neue Erika-Fuchs-Museum im oberfränkischen Örtchen Schwarzenbach an der Saale.

Besprochen werden eine Ausstellung zum Werk der russischen Weltraumarchitektin Galina Balaschowa im DAM in Frankfurt (NZZ) und ein Führer zur neuen Tessiner Baukunst (NZZ).
Archiv: Architektur
Stichwörter: Stalin, Tessin

Musik

Jayson Greene hat für eine Reportage auf Pitchfork in Erfahrung gebracht, wie Dr. Dres neues Album "Compton" zustande gekommen ist. Für The Quietus spricht Harry Sword mit dem Metal-Urgestein Iron Maiden. Wolfram Goertz huldigt in der Zeit Dorothee Oberlinger als der "Königin der Blockflöte".

Besprochen werden Patti Smiths Berliner "Horses"-Konzert (Tagesspiegel, Berliner Zeitung) und das Mahler-Konzert des National Youth Orchestra of Great Britain beim Young Euro Classics Festival in Berlin (Tagesspiegel).
Anzeige
Archiv: Musik
Stichwörter: Metal, Pitchfork, Patti Smith

Literatur

"Turin [ist] im Moment die interessanteste Stadt Italiens. Wegen der massiven Deindustrialisierung musste sich extrem viel verändern", erklärt der Schriftsteller Andrea Bajani Maike Albath, die ihn ebendort für die NZZ getroffen hat. Auch in seinen Büchern beschreibt er immer wieder die Folgen großer Veränderungen: ""Meine großen Themen sind eigentlich immer wieder die Kindheit und dann der Wandel. Nach der Wende wurden die osteuropäischen Länder plötzlich in dieses Stadium zurückkatapultiert. Genau wie ein Kind mussten sie die Welt neu begreifen. Das ist natürlich schmerzhaft", erklärt Bajani, der viel in Osteuropa unterwegs war. "Noch in den neunziger Jahren war es dort so, als kehrte man in ein Italien der fünfziger und sechziger Jahre zurück. Ich konnte mir auf einmal vorstellen, wie der Kapitalismus mein Land verändert hat. Entweder bringt einen so ein Wandel um - oder es kommt zu völlig überraschenden Öffnungen.""

Im Zeit-Blog Freitext schreibt Ulrike Draesner gegen das Relevanzdiktat in der Kunst an: "Zunehmend klammern Institutionen und Veranstalter, Journalisten und Kritiker sich an der Relevanz des Kunst-Gegenstandes fest. Spiegelung, Mimesis, historische Aufarbeitung. Wir sollten uns fragen, was wir wirklich erwarten. Kunst kann Ereignis sein, Spektakel, aufregend, laut. Doch leise darf sie ebenfalls auf uns zukommen, oder? Und auch subtil, komplex, intellektuell, intelligent? Als eine Herausforderung, die den alten Satz des docere et delectare, den man heute vielleicht besser umdreht in ein delectare et docere, nicht vergessen hat."

Besprochen werden Wolfgang Hermanns Roman "Die Kunst des unterirdischen Fliegens" (NZZ), Péter Esterházys "Mantel-und-Degen-Version" (NZZ), die neuen Bände aus Joann Sfars und Lewis Trondheims Comicreihe "Donjon" (taz), Lee Harpers "Geh hin, stelle einen Wächter" (Freitag), Kenneth Bonerts Roman "Der Löwensucher" (Standard), Ricardo Piglias "Munk" (ZeitOnline), Maylis de Kerangals "Die Liebenden reparieren" (FAZ), Gary Shteyngarts Autobiografie "Kleiner Versager" (SZ) und Miranda Julys "Der erste fiese Typ" (der laut Lars Weisbrod in der Zeit zum Kindermachen anregt). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Bühne


Szene aus "Available Light", Choreografie Lucinda Childs

Sandra Luzina porträtiert im Tagesspiegel die Choreografin Lucinda Childs, die heute den Berliner "Tanz im August" eröffnet: "Wie Childs aus einfachem Schrittmaterial komplexe Bewegungsmuster generiert, ist faszinierend. Grundlage ist ein ausgetüfteltes mathematisches Kompositionsverfahren. Die Phrasen scheinen sich unentwegt zu wiederholen, doch der aufmerksame Betrachter kann die minimalen Variationen erkennen, die durch Veränderungen in Rhythmus und durch Richtungswechsel entstehen."

Besprochen werden Choreografien von Florentina Holzinger, Vincent Riebeek und Sergiu Mathis bei Impulstanz in Wien (Standard), Katharina Wagners "Tristan und Isolde"-Inszenierung in Bayreuth (Freitag) und Julian Crouchs Salzburger "Mackie Messer", bei dem sich Egbert Tholl (SZ) "gute drei Stunden lang angebrüllt" und Martin Lhotzky (FAZ) vom Regisseur mit Brecht überfallen fühlt.
Archiv: Bühne

Kunst

In der Zeit streiten die frühere Peking-Korrespondentin Angela Köckritz und ihre zeitweilig verhaftete Mitarbeiterin Zhang Miao mit Ai Weiwei, der sich frisch in seinen neuen Berliner Atelier eingerichtet hat und kritisch, aber sehr abwägend über die Lage in China spricht: "Die Situation jedes einzelnen Festgenommenen ist ganz unterschiedlich. Es gibt keine unabhängige Justiz, keine Menschenrechte, die Armee, die Medien, alles gehört dem Staat. In so einer Situation handeln sie vielleicht nicht besonders gut, doch sie könnten es viel schlechter machen. Sie hätten mich zu vielen Jahren Gefängnis verurteilen können, acht oder zehn, das wäre ganz normal. Ich habe viele Leute kennengelernt, die nichts verbrochen haben, aber fünf oder sechs Jahre in Haft waren. Sie gehen mit jedem anders um, sie haben ein kategorisiertes System. Obwohl sie autoritär sind, sind sie vernünftig. Wir sollten Vertrauen schaffen. Vernunft ist unser gemeinsamer Schatz."

Alle, die sich über Ai Weiweis neue Milde gegenüber dem Regime aufregen, erinnert Bernd Ulrich in einem kurzen Text zum Interview an Wolf Biermanns Diktum: "Du sollst nicht mit dem Arsch eines anderen durchs Feuer reiten."

Weiteres: Die FAZ bringt einen Auszug aus Konstanze Crüwells Buch "Worte sind im Museum so überflüssig wie im Konzertsaal - Eine Hommage an Georg Swarzenski, Städeldirektor 1906-1937". Besprochen wird die Arno-Rink-Ausstellung in der Kunsthalle Rostock (Zeit).
Archiv: Kunst