Efeu - Die Kulturrundschau

In Grauwerte übersetzt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.07.2015. Der Independent ahnt, warum die Briten Ai Weiwei nur ein 20-Tage-Visum gewährt haben: Damit der Besuch des chinesischen  Präsidenten Xi Jinping im Oktober nicht von einem aufmuckenden Künstler gestört wird. Die NZZ denkt über die Realität der Bilder im Zeitalter von Photoshop nach. Artechock stellt Cem Kayas Dokumentarfilm "Remake, Remix, Rip-Off" über das klassische türkische Genrekino vor. 40 Jahre nachdem sie den Bolero tanzte, ist FAZ immer noch hin und weg von Maja Plissezkaja.

Kunst

Im Tagesspiegel meldet Christiane Peitz Ai Weiweis Ankunft in Deutschland und ärgert sich darüber, dass die britischen Behörden dem chinesischen Künstler das beantragte 6-Monats-Visum verweigern, weil dieser beim Antrag angeblich falsche Angaben zu Verhaftungen und Strafverfahren gemacht habe. Aber auch die chinesischen Behörden, die Ai Weiwei nach vier Jahren seinen Reisepass wiedergegeben haben, lässt sie nicht vom Haken: "Seinen Pass hat der Konzeptkünstler und Pekinger Olympiastadion-Architekt ausgerechnet in einer Zeit wiederbekommen, in der gerade eine neue Verhaftungswelle unter chinesischen Menschenrechtsaktivisten und -anwälten sowie deren Kanzlei-Mitarbeitern gestartet worden war. Über 200 Festnahmen, einige sitzen nach wie vor hinter Gittern - da nimmt sich die neue Milde gegenüber Ai Weiwei als einem der prominentesten Aktivisten wie ein Ablenkungsmanöver aus."

Der Independent hat eine Ahnung, warum die britischen Behörden Ai Weiwei das beantragte Visum verweigern: "The 20-day visa that Ai has been granted, instead of the six-month work permit he applied for, means he will not be in this country when President Xi Jinping makes a state visit in October. Whether deliberate or inadvertent, it will save the government"s blushes."

Besprochen werden eine Ausstellung zu Ferdinand Hodlers zweifiguriger Fassung der "Heiligen Stunde" im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt (NZZ), Karl Blossfeldts Fotografie-Ausstellung "Aus der Werkstatt der Natur" (SZ) sowie "Rudolf von Alt - genial, lebhaft, natürlich und wahr" (FAZ), beide in der Pinakothek der Moderne in München.
Archiv: Kunst

Design


Aus der Serie "There is a place in hell for me and my friends" von Pieter Hugo. Fotos: Pieter Hugo / Galerie Stevenson

In der NZZ denkt Kerstin Stremmel über Photoshop und die Realität der Bilder nach. Zwar haben Künstler schon immer retuschiert, aber im digitalen Zeitalter führt diese Kunst zu völlig irrealen Ergebnissen. Nur wenige nutzen Photoshop wirklich kreativ, so Stremmel, die als Beispiel die Serie "There is a Place in Hell for Me and My Friends" des südafrikanischen Fotografen Pieter Hugo nennt. Sie "besteht aus digitalen, meist frontalen Farbfotografien von Freunden und Bekannten, auf denen Hugo die Farbkanäle manipuliert und in Grauwerte übersetzt hat, so dass die Pigmentierung der Haut und Hautschäden sichtbar werden. Abgesehen davon, dass man sofort beschließt, ab jetzt immer Sunblocker beim Verlassen des Hauses aufzutragen, da die mit medizinischer Präzision hervorgehobenen Makel der Haut etwas Verstörendes haben, ist diese Serie auch der Versuch, die Oberfläche der Haut, die Hautfarbe, die man sonst sofort als Merkmal wahrnimmt, zu ignorieren, tiefer zu gehen und Schwarz und Weiß als obsolete Kategorien zu entlarven."

Bei Fashionista erklärt Alyssa Vingan, warum sie nicht besonders traurig ist, dass Modedesigner Alexander Wang Balenciaga verlässt: "During the short time that Wang has been at Balenciaga, he"s produced beautiful clothes and striking ad campaigns, as well as some truly memorable red carpet moments and even a new "It" bag - the "Le Dix." But the energy he brings to his own label never quite seemed to be there."
Archiv: Design

Literatur

Der russisch-israelische Literaturwissenschaftler Zeev Bar-Sella hat herausgefunden, dass der Roman "Der stille Don", für den Michail Scholochow 1965 den Literaturnobelpreis erhielt, in Wirklichkeit vom 1920 im Bürgerkrieg erschossenen Wenjamin Krasnuschkin geschrieben wurde, berichtet Kerstin Holm in der FAZ: "Man habe insbesondere den russischen Emigranten beweisen wollen, dass es eine bedeutende Sowjetliteratur gab. Das Beute-Manuskript des ermordeten Weißgardisten Krasnuschkin, dessen Wert die Staatssicherheit offenbar erkannt hatte, brauchte also einen vorzeigbaren Adoptivvater. So wurde der literarisch unfähige Michail Scholochow aufs Autorenpodest gehievt, sagt Bar-Sella, der ihn dafür regelrecht bemitleidet: Ein Leben lang habe er für das Werk von jemand anderem einstehen müssen." (Mehr dazu im DRadio Kultur)

Für den Freitag blättert sich Katja Kullmann durch die Besprechungen, die Christian Kracht in den USA für die gerade veröffentlichte Übersetzung seines Romans "Imperium" erhält. Insbesondere ein Radiogespräch imponiert ihr: "So muss ein großer Künstler reden. Rätsel platziert, Weltruhm absehbar."

Weitere Artikel: Mirco Drewes (Berliner Zeitung) porträtiert den Berliner Autor Paul Bokowski. Friedmar Apel (FAZ) gratuliert dem Germanisten Wolfgang Frühwald zum Achtzigsten.

Besprochen werden Patrick Modianos "Damit du dich im Viertel nicht verirrst" (FAZ, FR, Tagesspiegel) und Sandra Gugićs "Astronauten" (SZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Architektur

Designboom wirft einen ersten Blick in das strahlend weiße Innere von Santiago Calatravas WTC Transportation Hub. Der "Walkie Talkie" genannte Wolkenkratzer in Londons Skyline ist ein "absolutes Desaster", schreibt Alexander Menden in der SZ: Hässlich, wegen Brennspiegel-Gefahr zur Südseite hin mittlerweile mit Lamellen abgedeckt und Fallwinde produziert es auch.
Archiv: Architektur

Film

Für Artechock unterhält sich Sabine Matthes mit Cem Kaya über dessen Dokumentarfilm "Remake, Remix, Rip-Off", an dem der Berliner Filmemacher sieben Jahre gearbeitet hat. Sein Thema ist das klassische türkische Genrekino. Dieses Genrekino ist unter Trashfans berüchtigt dafür, erfolgreiche Filme aus den USA mit wenig Geld nachzudrehen und dabei auch unbekümmert Soundtracks und Filmschnippsel aus den Originalfilmen zu stehlen: "George Lukas oder Ennio Morricone sind ja nicht pleite gegangen, weil Çetin Inanç ihre Bilder und Musik wieder­be­nutzte. Und nicht ein Mensch hat sich deswegen "Star Wars" nicht angesehen oder eine Platte Morri­cones weniger gekauft. Daraus ergibt sich für mich, dass der lockere Umgang mit Urhe­ber­rechten, eine faire Regelung zur Wieder­be­nut­zung, Raum für eine andere Form von Krea­ti­vität eröffnet." Heute kann man sich den im Ausland als "Turkish Star Wars" bezeichneten Film "Dünyayi Kurtaran Adam" auf Youtube ansehen:



Besprochen werden John Macleans Western "Slow West" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), die Gamer-Komödie "Pixels" mit Adam Sandler (FR, FAZ), Noah Baumbachs "Gefühlt Mitte Zwanzig" (FR, Tagesspiegel, taz, FAZ, unsere Kritik hier), Naomi Kawases "Still the Water" (Welt) und die Verfilmung von John Greens Roman "Margos Spuren" (FAZ).

Außerdem: Freude am männlichen Actionfilm-Körper - Fandor bringt einen Videoessay von Jessica McGoff über Arnold Schwarzenegger und die Fetischisierung dessen Körpers in den "Terminator"-Filmen.

Archiv: Film

Musik

Wenig begeistert schreibt Kristof Schreuf in der Jungle World vom Versuch am vergangenen Wochenende, unter dem Titel "Zug der Liebe" eine Art Loveparade-Revival zu initiieren: Den Veranstaltern sei es gelungen, "eine aufregend freakige, so gutgelaunte wie großmäulige Parade stellenweise in einen Zug der Beklommenheit zu verwandeln".

Weitere Artikel: Tim Caspar Boehme besucht für die taz Richard Weize, der 40 Jahre lang das auf liebevoll zusammengestellte Re-Issues und Box-Sets spezialisierte Label Bear Family geleitet hat und sich nun in den Ruhestand verabschiedet. Für die SZ unterhält sich Jonathan Fischer mit dem Produzenten Doctor L über kongolesischen Pop und dessen Band Mbongwana Star.

Besprochen werden Mighty Sam McClains Album "Tears Of The World" (NZZ), die Sampler-Reihe "NDW. Aus grauer Städte Mauern" (NZZ), Markus Achers neue, unter dem Pseudonym Rayon veröffentlichte Soundtracks (taz, bei der Spex im Stream) und ein Konzert von Robert Plant (FR, FAZ).

Archiv: Musik

Bühne

Nach dem Musikfestival in Verbier kann Gerhard R. Koch in der FAZ nicht nur von einigen "erheblichen Überraschungen", sondern auch von einer wahren "Sensation" berichten: Gezeigt wurde eine musikalisch live unterlegte Aufnahme aus dem Jahr 1975 von Maurice Béjarts "Bolero"-Choreografie mit Maja Plissezkaja. Und das war schier "überwältigend: Allein auf einem runden Tisch plaziert, beginnt sie mit absolut minimalistischen Armbewegungen, die ganz allmählich zum Handspiel wie von balinesischen Tempeltänzerinnen übergehen. Frappierend die Analogie zur etwa gleichzeitig aufkommenden Zeitlupen-Ästhetik von Robert Wilson." Auf Vimeo kann man sich die Aufnahme ansehen:



Ein Shitstorm bei der Premiere tut mancher Inszenierung schon mittelfristig gut, meint Udo Badelt im Tagesspiegel nach dem Besuch von Hans Neuenfels" bei der Uraufführung 2010 in Bayreuth noch mächtig ausgebuhtem "Lohengrin", der sich heute über 20 Minuten blanken Jubel freuen kann. Viel Jubel, wenn auch in erster Linie für Dirigent Kirill Petrenko, gab es in diesem Jahr auch für Castorfs 2013 legendär ausgebuhte "Rheingold"-Inszenierung: Beim br kann man die diesjährige Aufführung nachhören.

Weiteres: Alexander Menden berichtet in der SZ vom "fantastischen, exzentrischen" Beckett-Festival "Happy Days" im irischen Enniskillen, wo ihm allenthalben "transzendente Theatermomente" begegnen. Im Interview mit dem Standard erklärt Franz Welser-Möst, der am Dienstag in Salzburg den "Fidelio" dirigieren wird, mit welchen Regisseuren er nicht mehr zusammenarbeitet.

Besprochen wird die Gastaufführung der Londoner "Jesus Christ Superstar"-Inszenierung an der Deutschen Oper in Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Bühne