Efeu - Die Kulturrundschau

Von der globalen Sehnsucht, jung sein zu dürfen

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22.04.2015. Die NZZ geht vor dem Chor der Komischen Oper in die Knie, der mit ekstatischer Wucht Schönbergs dodekafone Gesangslinien in "Moses und Aron" bewältigt. Die taz sah Romeo und Julia in der Ukraine. Die Berliner Zeitung hüpft zur magischen Peitsche Blurs. Die FAZ lässt sich noch mal vom Terrororchester Günther Ueckers provozieren. Und Georg Seeßlen macht seinen Frieden mit der mechanischen Hand.

Bühne


Arnold Schönberg, Moses und Aron. Ensemble: Chorsolisten der Komischen Oper Berlin, Vocalconsort Berlin u.a. Foto: Monika Rittershaus

NZZ-Rezensent Christian Wildhagen kommt mit leuchtenden Augen aus Arnold Schönbergs Oper "Moses und Aron" an der Komischen Oper in Berlin: Tolles Orchester unter Vladimir Jurowski, lebendige, überbordende Regie von Barrie Kosky, wunderbares Bühnenbild von Klaus Grünberg und dann erst der Chor! "Schönbergs Oper trug noch in den fünfziger Jahren das Stigma der Unaufführbarkeit - wegen ihrer Chorpartien, die als "unsingbar" galten. Wie die Musik der gesamten Oper ist der Part des israelitischen Volkes aus einer einzigen Zwölftonreihe entwickelt und folglich schwer im Kopf zu behalten. ... Auch in Berlin brauchte der Chor der Komischen Oper, geleitet von David Cavelius und verstärkt um das Vocalconsort Berlin, an die hundert Proben, um der dodekafonen Gesangslinien Herr zu werden. Das Ergebnis aber belohnt die Mühe. Der Chor singt seine Partie schlicht überwältigend souverän, klar in der Intonation, fokussiert, mit stellenweise ekstatischer Wucht. Obendrein folgt er Koskys virtuoser Massenchoreografie mit einer Hingabe, bei der kein Einziger aus der Reihe tanzt."


Romeo und Julia auf Ukrainisch

Beim "Radikal jung"-Festival in München kommt auch Sashko Bramas Hardrock-Variante von "Romeo und Julia" zur Aufführung, die die Liebesgeschichte vor der Kulisse der Auseinandersetzungen in der Ukraine positioniert, erfahren wir von Sabine Leucht in der taz: "Einiges an diesem Abend kommt einem kitschig vor. Allein die Vorstellung, dieser Gemengelage eine Art von Glück abtrotzen zu wollen, erscheint heroisch. Der Gedanke, dass die Liebe diese ewige Spirale des Hasses und der Gewalt durchbrechen könnte, wirkt aber wiederum fast natürlich. Unnötig zu sagen, dass es nicht gelingt." Auch Willibald Spatz von der Nachtkritik hat sich das Stück angesehen: Was er sah, war zwar eher ein Rockkonzert als eine Theateraufführung, doch irgendwie fügte sich die Performance der dramatischen Kunst dann doch: "Diese Menschen zeigen keine ihnen fremde Geschichte. Die steckten da mitten drin und versuchen nun, aus Erlebtem Kunst zu machen und das ohne ein schlichtes politisches Statement abzugeben. Sie erzählen von der globalen Sehnsucht, jung sein zu dürfen. Politik ist dabei nur ein willkommenes Mittel, Romantik herzustellen."

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung porträtiert Susanne Lenz die transsexuelle Afghanerin Nadia Ghulam, die sich beim Berliner F.I.N.D.-Festival selbst auf der Bühne spielt. In der FAZ legt Gerhard R. Koch allen Theaterfreunden eine Reise nach Cottbus ans Herz: Das Opern- und Konzertprogramm des dortigen Staatsheaters sei "entschieden respektabel", wovon er sich bei Uraufführungen neuer Werk von Mike Svoboda und Vassos Nicolaou überzeugen konnte.

Besprochen werden Felix Breisachs Inszenierung von Mozarts "La Nozze di Figaro" in Wien (SZ), Barrie Kroskys "Moses und Aron"-Inszenierung an der Komischen Oper in Berlin ("bewundernswert", jubelt Wolfgang Schreiber in der SZ), Sebastian Hartmanns Bühnenbearbeitung von Clemens Meyers Roman "Im Stein" in Stuttgart (Adrienne Braun staunt in der SZ über einen "furiosen Höllenritt") sowie Francis Poulencs "La voix humaine" und Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" am Staatstheater Wiesbaden (FR).
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Film



Mit Alex Garlands "Ex Machina" kommt dieser Tage eine Art Science-Fiction-Variante des Pygmalion mit Robotern ins Kino. Grund genug für Georg Seeßlen, auf Zeit online einen seiner weitreichenden kulturhistorischen Essays zu veröffentlichen, in dem es um das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine im Spiegel der Popkultur geht. Sein Ausblick: "Mensch und Maschine werden miteinander verschmelzen, so oder so. Am Körper, in der Geschichte, in der Gesellschaft, bei der Arbeit, im Sex. Aber zur gleichen Zeit fallen Mensch und Maschine auch immer wieder heftig auseinander. Sie führen Kriege miteinander, sie betrügen sich und die mechanische Hand wird gegen den menschlichen Körper rebellieren." In der SZ bespricht David Steinitz den Film.



Horst Bramkamps "Art Girls" arbeiten dagegen an der Versöhnung mit der Technologie mittels Kunst, erzählt Jana Weiss in Monopol: "Fliegende Frösche, futuristische Messgeräte, zwei verrückte Wissenschaftler. Die Brüder Peter und Laurenz Maturana (beide von Peter Lohmeyer gespielt) arbeiten für einen Biotechkonzern an der Freischaltung blockierter Körperzellen, die, so ihre Theorie, ohne die Blockaden zu viel mehr in der Lage wären - zum Beispiel dazu, Frösche fliegen zu lassen. Das erfolglose Experiment endet in einem Selbstversuch Peters, der fortan im Rollstuhl sitzt. Das jedoch führt die Brüder zu einer wichtigen Entdeckung: Die Kunst, in der die Welt flexibler ist als in der Realität, hat eine positive Wirkung auf die blockierten Zellen."

Besprochen werden außerdem Joss Whedons neuer "Avengers"-Film (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, Welt), ein neuer Dokumentarfilm über Helge Schneider (Filmgazette) und Tim Burtons "Big Eyes" über die Lebensgeschichte der Malerin Margaret Keane (taz).

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Musik

Das erste neue Blur-Album seit 1999 (zumindest, was die Originabesetzung betrifft) schlägt bei der Popkritik ein wie eine Bombe. Zwar besichtige die Band "ihr musikalisches Erbe", schreibt Thorsten Keller in der Berliner Zeitung, und zwar "ohne falsche Scham, aber auch ohne die sentimentale Stagnation", für die die einstigen Konkurrenten von Oasis seit den 90ern stehen. Ein "einschlägiges Britpop-Revival" rufe das Album dennoch nicht aus, meint er weiter. Begeisterung auch in der taz: Wann eigentlich haben Blur "zuletzt so stimmig geklungen", fragt sich eine restlos überzeugte Stephanie Grimm. Dieses Album sei "modern zeitlos", pflichtet Gerrit Bartels im Tagesspiegel bei. Auf Spiegel Online kann man sich das Album im Stream anhören.

Außerdem: Auf The Quietus macht sich David Stubbs Gedanken über das schwierige Verhältnis zwischen Politik und Pop. Überhaupt kein Verständnis zeigt Peter Hagmann in der NZZ für Pläne, das Sinfonieorchester Biel aufzulösen.

Besprochen werden das neue Album von Squarepusher (Spex), Joanne Robertsons neues Folk-Album "Black Moon Days" (taz), ein von Kent Nagano dirigiertes Konzert in Berlin (Tagesspiegel), ein Auftritt des Pop-Duos Ibeyi (Tagesspiegel) und ein Konzert der Barr Brothers (FAZ).

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Literatur

Im Freitag stellt Beate Tröger neue Lyrikbände vor.

Besprochen werden Tex Rubinowitz" Roman "Irma" (NZZ), Rob Davis" Comicadaption des "Don Quixote" (Tagesspiegel), Hanns-Josef Ortheils "Rom, Villa Massimo" (FR), Anthony Doerrs gerade mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneter Roman "Alles Licht, das wir nicht sehen" (Berliner Zeitung), Tim Krohns "Aus dem Leben einer Matratze bester Machart" (SZ) und Michael Glawoggers "69 Hotelzimmer" (FAZ).

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Kunst

Was bleibt von der Kunst? Darüber denken zwei zwei Künstler im Art Magazin nach. So sagt der südafrikanische Fotograf Roger Ballen im Interview: "Ich habe Geologie studiert um die Umwelt entschlüsseln zu können. Es geht immer um das, was übrig bleibt, wenn man stirbt. Meine Knochen sind wahrscheinlich irgendwann weg, aber meine Fotos bleiben." Der polnische Künstler Piotr Uklanski, der gerade eine Ausstellung mit Fotoarbeiten im New Yorker Metropolitan Museum hat, ist pessimistischer: "Welche Reise treten wir an, um an diesen Punkt, den Endpunkt, zu kommen? Worauf es ankommt, ist zu wissen, dass all dies unbedeutend ist. Sehen Sie eine Institution wie diese an, in der sich Sammlungen aus tausenden von Jahren befinden. All diese kostbaren Objekte handeln von Hoffnung. Die Hoffnung, dass sie vielleicht doch bedeutend sind. Wie traurig." (Bild: Piotr Uklanski, "Ohne Titel (Totenkopf)", 2000, © Piotr Uklanski)

Mitunter prächtig was los in der Günther Uecker gewidmeten Schau im K20 in Düsseldorf, wie Rose-Maria Gropp in der FAZ zu berichten weiß: Unter anderem gibt es dort das "Terrororchester" (siehe dazu auch Wulf Herzogenraths Anmerkungen hier) zu sehen, das auf subtile Zwischentöne schon vornherein verzichtet. Einmal in Gang gesetzt, "randaliert zum Beispiel ein scharfes Messer in seinem Käfig; was einmal eine Waschmaschine war, macht die Unwucht ihrer Trommel zur Nervensäge; ein schwarzer, mit Nägeln bedeckter Block sträubt sich, während aus seinem Innern das Geräusch des Hämmerns dringt; oder ein Neckermann-Röhrenradio mit integriertem Plattenspieler lässt alle halbe Stunde Dean Martin (oder so) leiernd jaulen. ... Bis heute hat keine Avantgarde (...) das Maß der Provokation überboten, das künstlerisch wie gesellschaftlich von einer solchen Zumutung in der weiland Bundesrepublik ausging."

Weitere Artikel: Ingeborg Ruthe schreibt in der Berliner Zeitung zum 70. Todestag von Käthe Kollwitz. Die SZ bringt eine Strecke mit Tadao Cerns derzeit in Berlin ausgestellten Fotografien ganz gewöhnlicher Leute. Besprochen wird die Michael-Beutler-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin (SZ).
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