Efeu - Die Kulturrundschau

Kawusch-Kawusch

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05.03.2015. Großes Lob für Julianne Moore, die in "Still Alice" wunderbar zurückhaltend eine alzheimerkranke Kognitionswissenschaftlerin spielt. In der NZZ schildert Alberto Nessi eine Reise durch Kroatien. Die Welt lernt vom Maler Emile Bernard, wie Revolutionäre zu Reaktionären werden. Ebenfalls in der Welt erzählt DJ Westbam, warum es kein Techno ohne Karneval gibt. In der Zeit kratzt Gerhard Richter an der Aura des Originals.

Film


Sitzen immense Komplexität aus: Kristen Stewart und Julianne Moore in "Still Alice." Bild: Polyband.

Für ihre Leistungen in dem Alzheimer-Drama "Still Alice" wurde Julianne Moore kürzlich mit dem Oscar prämiert. Für Filmlöwin Sophie Charlotte Rieger liegt in diesem Film auch ein enormes emanzipatorisches Potenzial: "Weil er der weiblichen Hauptfigur eine immense Komplexität zugesteht, sie nicht auf Klischees reduziert und sich einer schwarz-weiß Zeichnung verweigert. ... "Still Alice" verzichtet auf eine elendsvoyeuristische Beobachtung und steht der Hauptfigur bis zur letzten Minute eine starke und unabhängige Persönlichkeit zu."

Außerdem: Julianne Moore "war noch nie so gut, so zurückhaltend, so konzentriert auf die Veränderungen der Figur und darauf, nichts vorzeitig preiszugeben, vor allem nichts von dieser höchst intimen Geschichte an den Kitsch und die Rührseligkeit zu verraten", lobt Elmar Krekeler in der Welt. Wenig angetan ist unterdessen Josef Lommer (critic.de) von der erzählerischen und ästhetischen Reduktion des Films, die "sich aber nicht zum künstlerischen Prinzip erheben lässt. ... [Der Film] sitzt seine Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes aus, anstatt sie anzupacken." Weitere Besprechungen gibt es in der Berliner Zeitung, im Freitag, in der taz und im Tagesspiegel.

Weitere Artikel: Jan Freitag freut sich auf ZeitOnline über die Entscheidungen der Grimmepreis-Jury, die mit "Tatort: Im Schmerz geboren" und "Altersglühen" gleich "zwei komplette Konventionsverweigerungen" prämiert haben. Das habe Signalcharakter. Carolin Weidner unterhält sich für die taz mit der Dokumentarfilmerin Heidi Specogna über José Mujica, über den sie ihren Film "Pepe Mujica - Der Präsident" gedreht hat.

Besprochen werden Andrei Swjaginzews Film "Leviathan" (NZZ), Neill Blomkamps Science-Fiction-Film "Chappie" (Perlentaucher), James Grays auf DVD veröffentlichter "The Immigrant" (taz), Daniel Ribeiros "Heute gehe ich allein nach Hause" (SZ, Perlentaucher), Éric Lartigaus "Verstehen Sie die Béliers?" (Tagesspiegel) und der Gaunerfilm "Focus" mit Will Smith (critic.de, SZ).
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Musik

DJ Westbam wird fünfzig und hat seine Autobiografie veröffentlicht. Im Gespräch mit Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt er in der Welt von seiner ersten musikalischen Prägung: Karneval. "Da lief Marschmusik, man trug Uniformen, das Kawusch-Kawusch fand ich gleich gut. ... Das war natürlich die Love-Parade, und es war natürlich auch Anti-Hippie, die Uniformen, das Marschieren, all diese Sachen, die wir eigentlich nicht machen sollten. Wobei, mein Vater war da ambivalent. Er war schon Hippie, aber er war auch Rheinländer und also Karnevalist. Deshalb waren wir auch zusammen bei diesen Umzügen. Und da hat mich besonders fasziniert dieses Vorangehen mit dem Marschierstab, der Taktgeber, das war es tatsächlich. Wobei jede Lebensschilderung natürlich auch immer die eigene Erfindung ist."

Außerdem: Moritz von Uslar trifft sich für die Zeit mit Westbam auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Susanne Lenz gratuliert in der Berliner Zeitung zum Fünfzigsten.

Weitere Artikel: Eine Reihe von Rapvideos, in denen Minderjährige mit Waffen fuchteln und sexistische Sprüche reißen, schockiert Frankreich, berichtet Oliver Pohlisch in der taz. Christian Ede (The Quietus) spricht mit Future Brown. Auf The Quietus porträtiert Jean-Luc Karcher Jon Spencer, der auch mit 50 dem Rock"n"Roll-Leben noch nicht abgeschworen hat. Jens Mühling (Tagesspiegel) spricht mit dem ukrainischen Poanisten Serhiy Salov über die Entwicklung in dessen Heimat. Jan Feddersen berichtet in der taz von der Präsentation von Conchita Wursts Memoiren. Für die taz plaudert Marlene Halser mit der Mittelalter-Folkband Faun, die beim Eurovision-Vorentscheid ihr Glück versucht. Und auf Skug führt Curt Cuisine durch aktuelle Veröffentlichungen aus dem Ambient-Bereich, wobei ihn insbesondere "There" von Luigi Archetti zu begeistern weiß (hier eine Hörprobe).

Besprochen werden Noel Gallaghers neues Album "Chasing Yesterday" (FR), Madonnas neue CD ("ein durchaus avanciertes Stück Popkunst", meint in der Zeit Jörg Scheller), das neue Album von Moon Duo (Pitchfork) und das neue Album von Sam Prekop (Pitchfork, Popmatters), dessen aktuelles Video die Spex präsentiert:

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Bühne

Besprochen werden Roberto Castros Inszenierung von Mauricio Sotelos Oper "El Público" in Madrid (SZ) und Elmar Goerdens Inszenierung von Lessings "Emilia Galotti" in Mannheim (SZ).

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Literatur

Spuren des Krieges, aber auch der Schönheit sieht der Tessiner Autor Alberto Nessi auf seiner Reise durch Kroatien überall, schreibt er in der NZZ: "Beim Schlendern durch Zagreb, dort, wo der Markt bunt leuchtet mit seinen Trockenblumenarrangements, Hagebutten, Kürbissen, Nusskernhaufen, Gemüsen und Gewürzen jeglicher Art, die hier, auf dem Dolac-Bauernmarkt, von grossen roten Sonnenschirmen geschützt werden, habe ich das Mädchen mit dem Beinstumpf erblickt: Da stand es samt seiner Prothese auf dem Platz vor der neugotischen Kathedrale, die ihre übertriebenen Fialen zum Himmel streckt. Das Mädchen machte aber nicht den Eindruck, als heischte es nach Mitleid, klagte nicht, bettelte nicht, sondern stand einfach da, ein blondes Mädchen mit seinem furchtbaren künstlichen Bein, wie ein Flamingo auf der Lauer, und forderte stolz die Passanten heraus."

Für das CulturMag porträtiert Senta Wagner den Müry Salzmann Verlag aus Salzburg. Andreas Maier dokumentiert im Logbuch Suhrkamp weiterhin sein "Jahr ohne Udo Jürgens". Ulrich Greiner erinnert sich in der Zeit an den Kollegen Fritz J. Raddatz.

Besprochen werden ein prächtiger Edelband (hier ein Einblick) über Norman Mailers Reportage "JFK. Supermann kommt in den Supermarkt" (CulturMag), Rachel Kushners "Flammenwerfer" (CulturMag), João Ricardo Pedros "erstaunlicher" Debütroman "Wohin der Wind uns weht" (CulturMag), António Lobo Antunes" Roman "Kommission der Tränen" (NZZ), eine Biografie über die Dichterin Edna St. Vincent Millay (Tagesspiegel), Norbert Scheuers "Die Sprache der Vögel" (FAZ, FR), Jamie Attenbergs "Die Middlesteins" (taz) und Lilian Lokes "Gold in den Straßen" (SZ).
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Kunst


Emile Bernard, Die blaue Kaffeekanne, 1888. Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen / Foto: Lars Lohrisch

"Wo Revolution ist, droht auch Absturz in die Reaktion", lernt Welt-Rezensent Tilman Krause in einer Bremer Ausstellung des Malers Emile Bernard, der Ende des 19. Jahrhunderts mit van Gogh und Gaugin die Moderne mitbegründete, dann aber im katholischen Sektierertum landete: "Man kann in der Kunsthalle einerseits Aufstieg und Verglühen dieses Kometen wunderbar verfolgen. Und man bekommt andererseits ein denkwürdiges Lehrstück erzählt über das, was ein Zuviel an Weltanschauung aus Künstlern macht, nämlich meist Epigonen. Aber auch bisweilen Leute mit Gespür für Historizität. Insofern ist es kein Zufall, dass der abtrünnige Emile Bernard der Erste war, der über die Gründerväter der neuen Bewegung schrieb. Über Vincent van Gogh beispielsweise, den er übrigens auch als Erster porträtiert hat: In seinem Album "L"enfance d"un peintre" (Kindheit eines Malers), in Form einer Federzeichnung, die den holländischen Dickschädel charakteristisch zur Geltung bringt."

Er habe schon versucht, die Preise für seine Bilder zu torpedieren, aber "dem Markt kann man nicht entkommen", meint Gerhard Richter im Gespräch mit der Zeit. Und das, obwohl das Original heute viel von seiner Aura verloren habe: "Ich fand es toll, dass es in der ­ Tate ­Modern in London, wo ich ausgestellt wurde, einen On-demand-Drucker gab, der viele meiner Bilder ausdruckte, damit sie jeder mit nach Hause nehmen konnte. Ich habe auch bei mir im Atelier viele meiner Bilder als Repro­duk­tion hängen. Die Tante Marianne hatte ich zum Beispiel auf Leinwand drucken lassen, das sah allerdings schrecklich aus, wie eine Leiche. Auf glattem Papier aber kann man so eine Re­pro­duk­tion gut machen."

Weitere Artikel: Michael Zajonz (Tagesspiegel) besucht die neue Dauerausstellung im nach Um- und Erweiterungsbauten wiedereröffneten Museum Neuruppin. Die SZ bringt eine Strecke mit im MoMA in New York ausgestellten Avantgarde-Fotografien.

Besprochen werden die Rembrandt-Ausstellung in Amsterdam (Zeit), die Ausstellung "De Raphaël à Gauguin" mit Werken aus der Sammlung Jean Bonna in der Fondation de l"Hermitage in Lausanne (NZZ) und die Ausstellung "Il bel paese" im italienischen Ravenna (SZ).
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