Efeu - Die Kulturrundschau

Immerhin ein Anfang

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03.03.2015. Mit der Gummisexpuppe bei Puccini können die Kritiker nicht viel anfangen, aber der Geschlechterkampf bei Bartok kommt gut an: All dies von Calixto Bieito an der Komischen Oper inszeniert. Das Port Magazine spricht mit dem Kurator der ersten Ausstellung über neue südkoreanische Architektur in London. Der Romancier Sherko Fatah erklärt im Interview mit der FR, warum er über Folter schreiben musste. In der NZZ trauert Georg Klein um Mister Spock. Information is beautiful serviert einen Cocktail.

Bühne


Gidon Saks, Ausrine Stundyte in "Herzog Blaubarts Burg". Foto: Monika Rittershaus


Mit den hintereinander weg im selben Bühnenbild gespielten Einaktern "Gianni Schicchi" von Puccini und "Herzog Blaubarts Burg" von Bartók hat Calixto Bieito wieder einen Abend an der Komischen Oper in Berlin gestaltet. Der "Schicchi" lässt die Kritik einhellig gelangweilt bis ratlos zurück. Der "Blaubart" dagegen gefällt. So schreibt Peter Uehling in der Berliner Zeitung über den Schicchi: "Bieito scheitert bereits daran, diese Komödie solide als Komödie zu inszenieren, stattdessen muss das Publikum über frei erfundenen Flitterkram wie einen fehlplatzierten Neonsportdress, eine Gummisexpuppe und eine vollgeschissene Bettpfanne lachen. Was die Oper mit dieser Geschichte erzählen will, verrät uns Bieito ebenfalls nicht."

Im Tagesspiegel findet Udo Badelt lobende Worte vor allem für die Darsteller aus dem "Blaubart": "Wie sich Saks und Stundyte einen existentiellen Kampf liefern, ist sensationell. Sie knallt seinen Kopf gegen die Spiegel (!), er blutet, taumelt, zieht ihre roten Stöckel an, feminisiert sich, Identitäten fließen durcheinander. Hat Bieito den "Gianni Schicchi" noch relativ konventionell inszeniert, gelingt ihm im "Blaubart" tatsächlich etwas Neues. Mann und Frau sind sich ähnlich, der Zuhörer verfolgt atemlos ein Psychodrama." In der FAZ lobt Jan Brachmann vor allem die Musik.


"Was ihr wollt". Foto: Arno Declair

Am Deutschen Theater Berlin setzt Stefan Pucher Shakespeares "Was ihr wollt" unterdessen als fröhlich schillernden Genderbending-Reigen mit Jules-Verne-Anspielungen um, berichten die Kritiker. Simone Kaempf freut sich in der taz über "schrillen Glamour" und eine "frische und verspielte" Inszenierung. In der Berliner Zeitung versteht Doris Meierhenrich die Inszenierung als "bitterbösen Gegenwartskommentar". Und nachdem der Abend mit verweiblichten Männern und vermännlichten Frauen endet, meint Mounia Meiborg in der SZ: "Die Gegenwart der Fische ist vielleicht die Zukunft der Menschen."

Besprochen werden außerdem Michael Talkes Inszenierung von Ulrike Syhas "Report" am Schauspiel Leipzig (taz), Riki van Falkens in Berlin wiederaufgeführte Choreografie "One More Than One" (Berliner Zeitung), Jan-Christoph Gockels Inszenierung Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" in Mainz (FR), Alexander Eisenachs Inszenierung von Sartres "Das Spiel ist aus" in Frankfurt ("leer" und "flach", kritisiert Judith von Sternburg in der FR) und die in Frankfurt aufgeführte Auschwitz-Oper "Die Passagierin" aus dem Mieczysław Weinbergs Nachlass (FAZ).
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Architektur


UOS RestHole. UTAA. Foto: The Cass

In London hat der Architekturhistoriker und -kritiker Hyungmin Pai die erste Ausstellung über zeitgenössische südkoreanische Architektur kuratiert. Im Interview mit dem Port-Magazine erklärt er seine Auswahl: "I deliberately chose a pool of architects that are working in all kinds of environments and have very different tendencies. If there is a common aspect to their practices, it is that they have been successful in catching an emerging clientele hungry for a kind of architecture that remains undefined. They are usually low budget and involve work outside of the traditional boundaries of the professional architect. What I wanted to show was a kind of resourcefulness and toughness that these practices employ."
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Kunst

Im Tagesspiegel porträtiert Marie Rövekamp den Berliner Fotografen Christoph Löffler, der sich auf Demonstrationen der linken Szene spezialisiert hat.

Besprochen werden Rosemarie Trockels Ausstellung "Märzôschnee ûnd Wiebôrweh sand am Môargô niana më" im Kunsthaus Bregenz (NZZ), eine auf enormes Besucherinteresse stoßende Retrospektive Otto Piene im Museum für zeitgenössische Kunst in Teheran (taz), eine Ausstellung von Bettina Flitners Fotografien in den Kunsträumen der Michael Horbach Stiftung in Köln (FAZ) und eine Werkschau Günther Uecker in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf (FAZ).
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Film

Am Freitag starb der amerikanische Schauspieler Leonard Nimoy, bekannt vor allem in seiner Rolle als spitzohriger Mister Spock in "Raumschiff Enterprise". In der NZZ erinnert sich Georg Klein an "das simple Raffinement, mit dem in Spocks Erscheinung wenige Elemente zum Bild des Andersartigen zusammenklingen ... Spock ist ein Bastard. Und dass eine Serie, die noch 1969 einen Teil des amerikanischen Fernsehpublikums dadurch empören wird, dass Raumschiffkapitän James Kirk eine dunkelhäutige Kollegin küsst, einen derart offensichtlichen Mischling zu ihrer zweiten Hauptfigur kürt, scheint kein geringes Wagnis. Aber auch rassistische Phobien lassen sich bisweilen künstlerisch überlisten." In der Welt schreibt Matthias Heine den Nachruf.

Weitere Artikel: In der taz berichtet Stefan Reinecke von einer Konferenz über Harun Farocki in Berlin. Sehr wohlwollend tritt Klaudia Wick (Berliner Zeitung) den neuen deutschen Prestige-Serien "Blochin" (ZDF) und "Deutschland 83" (RTL) entgegen, mit denen die Sender an internationales Niveau anschließen wollen: "Immerhin ein Anfang." Marco Koch bringt im Filmforum Bremen Neuigkeiten aus der deutschen Filmblogosphäre.

Besprochen wird Alfred Polgars Biografie über Marlene Dietrich (FAZ).
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Literatur

Der Romancier Sherko Fatah spricht im Interview mit der FR über Irak, Syrien und den Westen, Islam und Islamismus und die drastische Darstellung der Folter in seinen Romanen: "Ich musste das einbeziehen, weil systematische Folter in diesen Ländern gang und gäbe ist, bis heute Alltag ist, auch bei unseren Verbündeten. Und nur manchmal erfahren wir davon. Das gehört auch zur Doppelmoral des Westens, dass Häftlinge den Fachleuten der Folter übergeben werden, in Jordanien, in Ägypten, in Syrien. Das Problem besteht darin, dass viele Leute im Westen davon überzeugt sind, dass der Nahe Osten Diktatoren braucht, dass das die angeblich beste Regierungsform dort ist, dass der Despot und der Tyrann dazugehört. Deshalb glaubt man, dass die Folter dazugehört. Literarisch darüber zu schreiben, war schwer, aber es war keine freie Entscheidung, sondern eine Notwendigkeit."

In Paris schließt die Buchhandlung La Hune - endgültig. Das Traditionshaus in Saint-Germain-des-Prés weicht einem Laden für Coffetable-Bücher. Damit wird dieser Stadtteil noch nicht endgültig zur Kulturwüste, tröstet Marc Zitzmann in der NZZ, aber um das zu glauben, muss man die Latte sehr niedrig hängen.

Besprochen werden John Williams" Roman "Butcher"s Crossing" (NZZ), Lizzie Dorons "Who the fuck is Kafka?" (taz), Marc Degens" "Fuckin Sushi" (Berliner Zeitung), Zoe Suggs "Girl Online" (Berliner Zeitung), Milan Kunderas "Fest der Bedeutungslosigkeit" (FAZ), Teresa Präauers "Johnny und Jean" (FR) und Lars Gustafssons Gedichtband "Das Feuer und die Töchter" (FAZ).

Archiv: Literatur

Design



Was für eine wundervolle Idee! Information is beautiful hat 78 Rezepte für Cocktails zusammengestellt. Absolut idiotensicher, mit farbig gefüllten Gläsern. Einfach ausdrucken, an die Wand hängen und nie mehr suchen.
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Stichwörter: Cocktails

Musik

Im Berghain beging die internationale Clubsound-Allstar-Band Future Brown kürzlich ihr erstes Berlin-Konzert. Jens Balzer war für die Berliner Zeitung vor Ort und stellte fest, dass die Musik auch live unter anderem "zwitschert, schwatzt, spricht, tiriliert, pfeift und singt", wobei der aufgeschichtete Mischmasch dann doch andere Sehnsüchte in ihm wachsen lässt: "Bei so viel Freiheit und Entgrenzung kann man sich manchmal wieder etwas Beschränktheit herbeiwünschen, die Kehrseite jedes Eklektizismus ist natürlich Beliebigkeit. Aber Future Brown gehören zu einer Generation, für die es kein Zurück vor den Eklektizismus mehr gibt, so tief hat sich die universale Verfügbarkeit aller nur denkbaren Stile in ihre künstlerischen Werdegänge gebrannt."

Reinhard J. Brembeck überlegt in der SZ, warum viele in Christian Thielemann den aussichtsreichsten Kandidaten für den Chefposten der Berliner Philharmoniker sehen: Er lasse "das Erhabene [wieder zu Ehren kommen], das auf eine grundlegende Abgehobenheit der Kunst von Alltag zielt. ... Thielemann gießt Bruckner um in eine Gefühlslava, die Hörer wie Musiker rauschhaft umströmt, sie einbettet in ein Glücksversprechen. Da ist jede Distanz ausgelöscht, Klang verwandelt sich in Gefühl." Ein Aufbruch zu Neuem wäre die Wahl Thielemanns für Brembeck allerdings nicht.

Weitere Artikel: In der Welt stellt Manuel Brug das Nischenlabel Opera Rara vor, das unter anderem 24 Donizetti-Opern aufgenommen hat. Wenn Valery Gergiev die Berliner Philharmoniker durch einen Beethoven-Abend dirigiert, darf man als Zuhörer zwar durchaus gespannt sein, "was als nächstes passieren wird", schreibt Peter Uehling in der Berliner Zeitung, doch "zuweilen bleiben die Phrasen dabei seltsam unfertig und das Klangbild unzusammenhängend." In aller Ausführlichkeit spricht T. Cole Rachel auf Pitchfork mit Popqueen Madonna. Für den Telegraph porträtiert Sheryll Garratt Punk-Ikone Debbie Harry. Ralf Krämer (Berliner Zeitung) unterhält sich mit dem Singersongwriter José Gonzáles.

Besprochen werden das neue Album der österreichischen Band Bilderbuch, die Jens-Christian Rabe (SZ) damit "wirklich glücklich macht", Nenas neues Album "Old School" (FAZ) und Steven Wilsons neues Album "Hand. Cannot. Erase" (Berliner Zeitung).
Archiv: Musik