Efeu - Die Kulturrundschau

Klingt komplex, ist es auch

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04.12.2014. Die NZZ betrachtet in der Schirn das Gesicht der Malerei in Helene Schjerfbecks Selbstporträts. Der Standard wandert für Tony Conrad in den Knast. Bei Van erzählt Helmut Krausser, wie Puccini gute Musik machte und die seiner Konkurrenten verhinderte. Wenig Magie versprüht für die Kritik Woody Allens neuer Film "Magic in the Moonlight". Dafür kann man sich schon auf fünf Kurzfilme mit Marina Abramovic als Callas freuen, meldet das Art Newspaper.

Kunst


Die Schirn hat zur Schjerfbeck-Ausstellung ein sehr schönes "Digitorial" ins Netz gestellt, mit vielen Bildern und Erklärungen zu Malerin und Werk

Staunend steht Bettina Gockel in der Frankfurter Schirn vor den Selbstporträts der "drastisch modernen" finnischen Malerin Helene Schjerfbeck (1862-1946). Aber sind es wirklich Selbstporträts, fragt sie sich in der NZZ: "Die schier nicht enden wollenden Serien der Kopfbilder machen klar: Wir sehen hier kein malerisches Selbstexperiment à la Maria Lassnig, auch nicht allein das Gesicht von Helene Schjerfbeck, sondern vor allem das Gesicht ihrer Malerei. Wir sehen die im Laufe der Jahre zunehmend matter, einmal pastos, dann wieder kreidig wirkenden Oberflächen, die an Puvis de Chavannes und Munch erinnern, deren Werke Schjerfbeck kannte. Wie Rasterpunkte blitzt dann die helle Leinwand durch trocken aufgeriebenes Schwarz und verweist auf Farben und Strukturen, die der Abstraktion stets nahe bleiben, ohne sie erreichen zu wollen."


Tony Conrad, Über zwei Ecken, Kunsthalle Wien 2014, Foto: Stephan Wyckoff. Courtesy der Künstler

"Die Macht, die Blicke lenkt" - das ist für Roman Gerold vom Standard das grundlegende Thema der Tony-Conrad-Ausstellung "Über zwei Ecken" in der Kunsthalle Wien: "Auf die politischen Dimensionen der Blicklenkung bzw. Überwachung verweist die Installation Jail: Conrad hat zwei Gefängniszellen installiert, die mit ihrer Konkretheit einen Kontrapunkt zu den minimalistischen Arbeiten bieten: Hochbetten, Nachttöpfe, Waschbecken und Gitterstäbe. Besucher sind eingeladen, diese Installation, die ursprünglich ein Filmset war, zu betreten. Der dazugehörige Film wird unterdessen durch die Gitterstäbe der Zellen hindurch an die Wand projiziert. Das heißt: Während sich die Besucher fragen, ob sie nun "innen oder außen" stehen, überlagern sich Filmgitterstäbe, echte Gitterstäbe und deren Schatten. Klingt komplex, ist es auch."

Außerdem: Die Helmut-Newton-Stiftung in Berlin hat ihre Sammlung neu gehängt, berichtet Christiane Meixner im Tagesspiegel.

Besprochen werden die Ausstellung "Weltenbummler. Abenteuer Kunst" im Essl Museum in Klosterneuburg (Standard) und "Rembrandts Selfies" in der National Gallery in London (Welt).
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Film


"Magic in the Moonlight" von Woody Allen. Bild: Warner

In der SZ spricht Roland Huschke mit Woody Allen über dessen neuen Film "Magic in the Moonlight", den Andreas Kilb (FAZ) für "eines der schwächer leuchtenden" Werke des Regisseurs hält. Im Perlentaucher fragt sich Lukas Foerster, inwieweit der Regisseur überhaupt an der Entstehung seines Films beteiligt war: Er will beinahe vermuten, "dass Allen (...) sich lieber auf einem der sicher sehr schönen Golfplätze der Riviera herumgetrieben hat; und von dort aus alle paar Minuten seinen Assistenten angerufen hat, mit der Bitte, die Kamera ein wenig zu bewegen, oder es vielleicht sogar mit einer neuen Einstellung zu versuchen." Was er zugegebenermaßen nicht völlig reizlos findet. Auch Barbara Schweizerhof (Freitag) attestiert dem Regisseur latente Arbeitsverweigerung: "Allens Inszenierung dieses Gesellschaftsstücks ist so schnörkellos, dass sie die Grenze zur Lieblosigkeit berührt." Im Tagesspiegel hält Jan Schulz-Ojala den Film immerhin für "so amüsant wie spannend". In der Welt stöhnt Barbara Möller: "Aus Zuschauersicht fühlt sich alles falsch an."

Fünf Filmregisseure, darunter Roman Polanski, werden Kurzfilme mit Marina Abramovic machen, in denen sie die sieben berühmtesten Todesszenen der Maria Callas nachstellt, meldet das Art Newspaper.

Im Standard plaudert Terry Gilliam über seine Science-Fiction-Farce "The Zero Theorem", den er in Bukarest gedreht und dessen Ausstattung er auf einem chinesischen Markt vor der Stadt erworben hat: "Ja, mein Kostümbildner Carlo Poggioli hat dort diese tollen synthetischen Stoffe gefunden. Er hat sie nicht nach Laufmeter, sondern zum Kilopreis erworben. Wir haben auch Duschvorhänge und durchsichtige Tischdecken verwendet." Oh, und inspiriert haben ihn die Collagen von Neo Rauch, erzählt er.

Weitere Artikel: Anlässlich von Herrmann Zschoches 80. Geburtstag erinnert sich der Kameramann Dieter Chill im Freitag an gemeinsame Dreharbeiten. Im Interview mit den Reiseseiten der Zeit verkündet der britische Neuseeland-Experte Alex Lewis, dass die Schweiz das Vorbild für Hobbitland war, nicht Neuseeland.

Besprochen werden Ulrich Seidls "Im Keller" (taz, Welt, Zeit), Lee Sang-Ils in die Samuraizeit versetztes Remake von Clint Eastwoods Western "Unforgiven" (taz, SZ), Bob Saginowskis Mafiafilm "The Drop" (Welt), Abderrahmane Sissakos Film "Timbuktu" (Zeit), Paul Kings "Paddington" (taz) und neue Filme über globale Krisenherde beim Wiener Menschenrechtsfestival "This Human World" (Standard).
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Literatur

Auf ZeitOnline stellt Ulrich Rüdenauer den Schriftsteller Xaver Beyer vor. In der FR berichtet K. Erik Franzen vom Susan-Sontag-Symposion in München. Anne Delseit gibt im Tagesspiegel ihre Comicfavoriten des Jahres bekannt.

Besprochen werden u.a. Roddy Doyles Roman "Punk is Dad" (NZZ), Michela Murgias "Murmelbrüder" (taz), Cormac McCarthys "Ein Kind Gottes" (FR), Daniel Schreibers Fantasy-Comic "Annas Paradies" (Tagesspiegel), Bernd Stieglers "Spuren, Elfen und andere Erscheinungen" über Arthur Conan Doyles Verhältnis zur Fotografie (SZ, mehr), Antonio Fians "Das Polykrates-Syndrom" (SZ, mehr) und Italo Svevos Erzählungen "Ein gelungener Streich" (FAZ).
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Musik

Mit den in Hamburg aufgeführten Stücken "Egmonts Freiheit oder Böhmen liegt am Meer" und dem "König der Nacht" schließt Jan Müller-Wieland an die Tradition des Melodrams des 19. Jahrhunderts sehr gegenwärtig an, beobachtet Christian Wildhagen in der FAZ voller Spannung: Der Komponist "belebt die totgeglaubte Form des "Sprechens in Musik" und stellt damit auch das Verhältnis zwischen Worten und Tönen auf eine neue Grundlage. Das Ergebnis sprengt gewohnte Gattungs- und Ausdrucksgrenzen, ohne aber das Wissen um die Traditionen zu verleugnen: Es ist eine szenisch wirkende Musik mit ausgeprägtem Bekenntnischarakter, die keine Bühne mehr braucht, weil Theater, Oper und Konzertsaal in eins fließen." Und das hält Wildhagen auch unter heutigen Bedingungen für revolutionär.

Auf Steve Albinis Enthusiasmus, was das Web und die Musik betrifft, reagiert Jörg Augsburg im Freitag mit allergrößter Gelassenheit: Früher wie heute stecken auch nur Kapitalismus und Konzerne hinter dem Geschehen, nur dass es heute eben die IT-Konzerne sind. "Die brauchen "Content", dafür ist auch Musik geeignet. Also haben sie sich willfährige Zulieferer - die Majors - herangezüchtet und beuten den Rest rücksichtslos aus; all die Musiker, die einen Computer mitbringen, Musikproduktionssoftware, einen Internetanschluss, ungezählte Accounts bei Bandcamp, Youtube, Soundcloud, Facebook, Twitter, Instagram. Diese Form der Veröffentlichung von Musik ist kein freierer, mehr selbstbestimmter Akt als früher."

Für die FAZ trifft sich Philipp Kron mit Holly Johnson. In der Berliner Zeitung schreibt Christian Bos, in der FAZ Edo Reents und in der SZ Andrian Kreye den Nachruf auf den Saxofonisten Bobby Keys, der unter anderem 45 Jahre für die Stones gespielt hat.

Besprochen werden das Album "Rhythm" von Wildbirds & Peacedrums (ZeitOnline), das Album "Elektronische Musik" der Umherschweifenden Produzenten, hinter denen unter anderem Knarf Rellöm steckt (taz), und ein Konzert von Carl Carlton (Tagesspiegel).
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Bühne

Im Interview mit der FR erklärt Oliver Reese, wie er sich seine Arbeit als Intendant des Berliner Ensemble ab 2017 vorstellt: "Ich habe eine immer größere Sehnsucht danach, dass wir die Stoffe für die große Bühne entwickeln, die eindeutig Hier und Heute sind und uns meinen, nicht nur um fünf Ecken. Ich habe ein wachsendes Unbehagen daran, wenn Theater zu sehr Museum ist. Ich sehe ein Defizit und wir alle sind mit Schuld, weil wir über die Jahre die Dramatiker nicht entwickelt haben. Es gab eine Zeit, da haben in Deutschland Heiner Müller, Botho Strauß, Thomas Bernhard zugleich neue Stücke geschrieben. Und die wurden wie selbstverständlich an prominenten Häusern uraufgeführt und in allen deutschsprachigen Ländern sofort nachgespielt. Das gibt es heute nicht mehr."

Auf VAN erzählt der Schriftsteller Helmut Krausser die Geschichte von Puccinis Oper "Tosca". Dabei erfährt man, dass Verwertungsrechte schon im 19. Jahrhundert auch benutzt wurden, um Kultur zu unterdrücken: Als Puccini sich für Sardous Schauspiel "Tosca" interessierte, stellte er fest, dass die Rechte bereits vergeben waren. "Ricordi hat sie an Alberto Franchetti vermittelt, und Illica sitzt bereits an der ersten Fassung. Puccini schüttelt den Kopf, denn Franchetti, der Sohn des reichsten Mannes Italiens, kauft Dutzende Stoffrechte auf. Alles, was irgendwie interessant sein könnte, schnappt er sich und lässt es dann meist unbearbeitet herumliegen - eine Unart (... die Puccini, sobald es sein Vermögen zulässt, von ihm übernehmen wird. Aber während Franchetti einfach nur unsicher ist, wie er weitermachen soll und sich nichts Böses dabei denkt, wird Puccini vielversprechende Stoffe vor allem deshalb ankaufen, um sie etwaigen Konkurrenten zu entziehen.)"

Weitere Artikel: Nach der Kritik am Kurswechsel des Stückemarkts beim Berliner Theatertreffen in diesem Jahr, rudert man dort nun zurück, berichtet Jürgen Berger in der SZ: "Künftig wird es wieder einen Wettbewerb geben." Die Nachtkritik fragt sich, was Claus Peymann wohl ab 2017 treiben wird, und kürt außerdem die besten Inszenierungen des Monats: Auf Platz 1 ist Susanne Kennedys Münchner Fassbinder-Bearbeitung "Warum läuft Herr R. Amok" gelandet (mehr dazu hier).

Besprochen werden der "Don Giovanni" an der Komischen Oper Berlin (Standard, Zeit - die die Inszenierung des "deutschen Muntermachers Herbert Fritsch" an der Komischen Oper Berlin mit der des polnischen Schmerzensmanns Krzysztof Warlikowski" in Brüssel vergleicht: Warlikowski gewinnt eindeutig. Die SZ scheint keiner der beiden Aufführungen den Vorzug zu geben), eine Adaption von Stephen Kings Roman "Misery" am Schlosspark Theater in Berlin (Tagesspiegel) und Alexander Charims "Johnny Breitwieser" am Schauspielhaus Wien (SZ).
Archiv: Bühne