Im Kino

Nicht gezähmt

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Jochen Werner
03.12.2014. An Lav Diaz kommt man im internationalen Gegenwartskino nicht mehr vorbei; das grenzensprengende Historienepos "From What Is Before" zeigt, warum. Den leider inzwischen etwas billig wirkenden Reiz des unaufgeregt in sich selbst Ruhenden versprüht "Magic in the Mooonlight", die neue Komödie von Woody Allen.


Der neue Film des philippinischen Regisseurs Lav Diaz markiert einen Meilenstein in der in cinephilen Kreisen bereits seit Jahren beachteten Entwicklung dieses so radikalen wie kontroversen Filmemachers. Waren Diaz" Filme bis dato stets in den für experimentelle, grenzensprengende filmische Ansätze aufgeschlosseneren Nebensektionen der großen internationalen Filmfestivals zu sehen, luden die Kuratoren des Festivals von Locarno Diaz mit "From What Is Before" erstmals in den Wettbewerb ein - wo er prompt den Goldenen Leoparden gewann. Eine Preisvergabe mit Signalwirkung, die das Œuvre von Lav Diaz aus jener Nische herauszieht, in der es durch seine radikale Formgebung bis dato verortet war - an Lav Diaz, so darf man diesen Preis wohl verstehen, kommt man im internationalen Gegenwartskino nicht mehr vorbei.

Und dafür muss man sich Zeit nehmen, ist doch das oberflächlich herausragende Merkmal seiner Filme ihre extreme Länge. Der über den Zeitraum einer Dekade realisierte "Evolution of a Filipino Family", Diaz" bis heute längster Film, nimmt sich elf Stunden Zeit, um ein umfassendes, apokalyptisches Szenario mit multiplen Handlungssträngen zu entfalten - und zugleich mittels einer konsequenten Entschleunigungstaktik die Zeitwahrnehmung der Zuschauer zu transformieren. In dieser Hinsicht ist "From What Is Before" nachgerade konsumfreundlich aufbereitet. Fünf Stunden und 40 Minuten nur benötigt er, um nicht wenig Geschehen unterzubringen.

Das Kino von Lav Diaz funktioniert in einem Spannungsverhältnis zwischen Erzählung und Stillstellung. Seine Filme umspannen oft jahre-, ja, jahrzehntelange Entwicklungen, sowohl in psychologischer, als auch in politischer Hinsicht, sein Kino ist tief in der katastrophischen Geschichte der Marcos-Militärdiktatur verwurzelt, die die Philippinen von der Ausrufung des Kriegsrechts durch den vormals demokratisch gewählten Ferdinand Marcos im Jahr 1972 bis zu dessen erzwungenen Rücktritt im Jahr 1986 regierte. Zur Rechtfertigung dieses radikalen Schrittes von der demokratischen Regierung hin zur offenen Diktatur kam Marcos der terroristische Widerstand durch die radikalmaoistische Gruppe NPA, oder Neue Volksarmee, zupass - sowohl die zunehmende Militärpräsenz der Marcos-Truppen, als auch die grausamen Massaker durch die NPA werden im Verlauf von "From What Is Before" zunächst allmählich, später umso nachhaltiger in Diaz" Bildwelten hineinsickern.

Ort des Geschehens ist ein kleines, abgelegenes Barrio, von scheinbar zeitlosen Urwaldgebieten und Wasserläufen umgeben. Die Menschen führen hier ein einfaches Leben und die Filipino-Mythologie ist noch ganz lebendig, als erste merkwürdige, erschreckende Geschehnisse den Frieden der Dorfgemeinschaft bedrohen. Rinder werden abgeschlachtet, ein toter Mann liegt auf einer Straßenkreuzung, Hütten werden in Brand gesteckt. Man ist zunächst, von den gestreuten Gerüchten der reisenden Händlerin Heding befeuert, geneigt, die Ursachen für das grausige Geschehen im Aberglauben zu suchen - so wird etwa erörtert, ob ein Aswang, eine Art philippinischer Vampir, für die Tiermorde verantwortlich sei. Tatsächlich ist die Auflösung, die hier nicht preisgegeben werden soll, einfacher, banaler und doch erschreckender - und sie beruht, wie Lav Diaz selbst angibt, auf einer wahren Begebenheit, die seine Jugendzeit mitprägte.

Es sind bereits gut ein, zwei Stunden von "From What Is Before" vergangen, wenn sich die eher kontemplative Beobachtungshaltung der Inszenierung zu so etwas wie narrativen Entwicklungen zu verdichten beginnt - umso zwingender und katastrophischer entfalten sich diese allerdings in der Folge. Lav Diaz fordert viel Zeit von uns, um uns in den Schauplatz und den Rhythmus der Lebenswelt einzufinden, deren unaufhaltsamem Untergang wir dann in der zweiten Hälfte des Films beizuwohnen gezwungen sind. Es ist dies die entscheidende Reibungsfläche von Diaz" raumgreifender Ästhetik: Es geschieht ungeheuer viel in seinen Filmen, aber was geschieht, wird nicht - oder jedenfalls: nicht in klassischer Weise - narrativ aufbereitet. Nicht gezähmt. Geschichte ereignet sich in diesen Filmen überall und immer, sie durchdringt alles, aber sie wird nicht durch Geschichten erzählbar gemacht. Sie wird in der Dauer, durch die Dauer hindurch und in langsamen, allmählichen, aber unaufhaltsamen und irreversiblen Entwicklungen spürbar, und man muss sich dem Erleben dieser Filme aussetzen, um zu ihr durchzudringen.

Der Verleih trigon-film wird demnächst in der Schweiz das Experiment eines offiziellen Kinostarts für "From What Is Before" wagen, und in den Weihnachtstagen wird der neugegründete deutsche Verleih Grand-Film den Vorgänger "Norte, the End of History" in die deutschen Kinos bringen. Nach der Preisverleihung von Locarno ein weiterer Schritt zur Integration von Diaz" Schaffen in die Kinokultur diesseits der vom Alltagsbetrieb weitgehend abgekoppelten Festivalökonomien; ein Schritt, dem man nur Erfolg wünschen kann. Man sollte, man muss diese Filme sehen, so man sich auch nur einen Deut für den Status quo des Weltkinos interessiert. Aufregenderes, radikaleres Kino ist derzeit kaum zu denken.

Jochen Werner

From What Is Before - Philippinen 2014 - Originaltitel: Mula sa kung ano ang noon - Regie: Lav Diaz - Darsteller: Perry Dizon, Roeder, Hazel Orencio, Karenina Haniel, Reynan Abcede, Mailes Kanapi - Laufzeit: 338 Minuten.

"From What Is Before" hat (noch?) keinen regulären deutschen Kinostart, wird aber am 7.12. um 16:00 Uhr im Berliner Kino Babylon Mitte gezeigt, als Teil des Festivals "Around the World in 14 Films".

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Es würde mir so oder so schwer fallen, "Magic in the Moonlight" nicht als "den neuen Woody Allen", sondern als eine romantische Komödie unter vielen anzuschauen. Im aktuellen Kino dürfte Allen der letzte Regisseur sein, der so souverän in sich selbst ruht, dass er sich in ein eigenes Genre verwandelt hat. Eine vorurteilsfreie Rezeption ganz unmöglich machen diesmal gleich die ersten Minuten, insbesondere das instantnostalgische Cole-Porter-Arrangement ("You Do Something to Me"), das über der Titelsequenz liegt. Ich lehne mich zurück, einerseits noch ein wenig entspannter als ohnehin, andererseits schon jetzt ein klein wenig gelangweilt: nun gut, der neue Woody Allen.

Mit dem ersten Bild, der Front einer Theaterfassade, eine Verortung: Berlin. Also nach London, Barcelona, Paris, Rom eine neue Station auf der ausgedehnten Europatournee, auf der sich Allen seit Mitte der Nuller Jahre befindet? Dazu gleich noch eine Datierung: 1928. Huch! Er wird doch nicht etwa? Aber nein, keine Angst, Woody Allens Blick auf Europa bleibt ein touristischer - auf diesmal fast schon interessant sture Weise: Nach dem Prolog, der die Hauptfigur, den Zauberer (oder besser: Illusionskünstler) Stanley (Colin Firth), einführt, brechen Stanley und der Film schnell ihre Zelte ab, verabschieden sich vom ohnehin lediglich in einigen putzigen deutschen Akzenten und der Türaufschrift "Ankleideraum" präsenten Berlin und verbringen den restlichen Film entspannt an der Riviera, unter blauem Himmel, umgeben von üppiger grüner Natur, nicht direkt in einer zeitlosen Kapsel (stets gibt es in Allens Filmen, vor allem in seinen Figurenzeichnungen, einen Eindruck von Alltäglichkeit, der verhindert, dass es den kommunikativen Kontakt zur Gegenwart, auch zu mir selbst, komplett verliert), aber doch blickdicht isoliert von allem, was auch nur von weitem nach Weltgeschichte aussehen könnte.



Statt dessen eine Liebesgeschichte, die sich in keiner Hinsicht die Mühe macht, sich selbst zu plausibilisieren. Wie der gnadenlos rationale, etwas angestrengt misanthrope Stanley auf die wenig raffinierten Finten des selbsternannten Mediums Sophie (Emma Stone), die zu entlarven er eigentlich an die Riviera gereist ist, herein fallen kann? Keine Ahnung. Und warum die etwas angestrengt schnippische Sophie sich ausgerechnet in den eher oberlehrerhaft als verführerisch wirkenden Old-School-Macho Stanley verliebt? Erst recht keine Ahnung. Es läuft sehr schnell auf die Verknüpfung gleich mehrerer gut abgehangener Allen-Topoi hinaus. Zum einen ist Gott tot und hat Psychosen hinterlassen, die ausführlich verbalisiert werden wollen. Zum anderen gibt es glücklicherweise eine junge Frau, die einen zwar nicht von den Psychosen erlöst, aber nur allzu schnell bereit ist, als deren Behälter (oder eben: Medium) zu agieren. Besonders billig wirken diesmal die satirisch gemeinten, aber einmal mehr einfach nur bösartigen Seitenblicke auf jene Nebenfiguren, die mit der eigentlich eh überschaubaren Komplexität von Stanleys und Sophies Geplänkel nicht mithalten können.

Seitdem der Regisseur nicht mehr selbst vor der Kamera agiert, haben diese Geplänkel einiges an Drive (oder vielleicht genauer: inneren Widerständen) verloren. In "Magic in the Moonlight" hat man fast den Eindruck, dass Allen während der Dreharbeiten auch nicht mehr hinter der Kamera zugegen war, sondern sich lieber auf einem der sicher sehr schönen Golfplätze der Riviera herumgetrieben hat; und von dort aus alle paar Minuten seinen Assisten angerufen hat, mit der Bitte, die Kamera ein wenig zu bewegen, oder es vielleicht sogar mit einer neuen Einstellung zu versuchen. Einerseits hat, angesichts der schon ziemlich generellen Überkandideltheit des Gegenwartskinos, gerade die dezidierte Unaufgeregtheit der mise-en-scene, die Art, wie es sich die Schauspieler teils tatsächlich minutenlang in geräumigen Einstellungen nebeneinander gemütlich machen können, einen nicht geringen Reiz. Andererseits habe ich mir bei einigen der letzten "kleineren" Allen-Filmen (also bei allen, die nicht, wie zuletzt "Blue Jasemine", wenigstens in eine einzelne Figur etwas Außerordentliches investieren) gefragt, ob ein derart routiniert auf Autopilot programmiertes Kino nicht auch gleich auf ein Publikum verzichten kann.

Lukas Foerster

Magic in the Moonlight - USA 2014 - Regie: Woody Allen - Darsteller: Colin Firth, Emma Stone, Simon McBurney, Marcia Gay Harden, Hamish Linklater - Laufzeit: 97 Minuten.