Efeu - Die Kulturrundschau

Die Ordnung der Gefühle

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27.03.2014. Die Uni Konstanz erklärt, warum die Zeitschriften von Elsevier aus ihrer Bibliothek fliegen. Die Presse geißelt den Theater-Schwanzvergleich reisender Regietheatervertreter. Gawker begutachtet den neuen Haarschnitt für alle Nordkoreaner. Der Rest des Feuilletons beugt sich über Spike Jonzes "Her".

Film



Spike Jonze' neuer Film "Her", in dem sich Joaquin Phoenix in das von Scarlett Johansson gesprochene Betriebssystem seines Computers verliebt, hat Bert Rebhandl (taz) sehr entzückt: "'Her' ist einmal mehr ein Versuch über die Ordnung der Gefühle im technischen Zeitalter. Und das halb futuristische, halb retrokomfortable Design des Films weist die Richtung des prinzipiellen Verdachts, auf den Jonze hinauswill: Mit den neuen und gar mit den kommenden technischen Regimes wird es die Liebe nicht leichter haben."

Hanns-Georg Rodek von der Welt packt unterdessen ein sanfter Hauch von Melancholie: Der Film "wirkt wie vom Zauber der Unschuld überzogen, als ob sich Vertreter zweier Spezies im Paradies zum ersten Mal von einander angezogen fühlten; das Problem ist nur, dass wir - während dieser Film entstand - den Sündenfall erlebt haben. Nach NSA, Facebook, Big Data werden die Rechner und wir uns nie mehr im Zustand der Unschuld begegnen können." Vera Tollmann hält das im Freitag tatsächlich für ein Versäumnis des Films: Dieser Film "spricht nicht aus einem Bewusstsein für Big Data heraus. Trotz Edward Snowden und NSA wird aus einer Frage wie 'Stört es dich, wenn ich deine Festplatte durchschaue?' keine politische." Im Perlentaucher kritisiert Rajko Burchardt die "kleinkünstlerische Affektiertheit" Jonzes.

Außerdem: In der taz schreibt Matthias Dell zur mittlerweile zwanzigjährigen Geschichte des Jüdischen Filmfestivals in Berlin. Lukas Foerster führt für die taz durch das Programm der Filmreihe "Algerien nach 1954" im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Im Freitag spricht Felix Werdermann mit dem Regisseur Peter Benedix, der als Langzeitprojekt einen Film über Kohle-Tagebau und Umsiedlungen dreht. In der taz bilanziert Sven von Reden die Diagonale in Graz. In der Welt stellt Hanns-Georg Rodek das Mutter/Sohn-Drehbuchteam Heide und Christian Schwochow vor.

Besprochen werden Hiner Saleems Film "My Sweet Pepper Land" (Perlentaucher), Anthony und Joe Russos neuer Captain-America-Film (Berliner Zeitung), der Film "Westen", mit dem Christian Schwochow Julia Francks Roman "Lagerfeuer" verfilmt (Berliner Zeitung, Welt), Jakob Lass' Komödie "Love Steaks" (taz), Anna Thommens Dokumentarfilm "Neuland" über Jugendliche in einer Integrations- und Berufswahlklasse in Basel (NZZ) und Feo Aladags Kriegsfilm "Zwischen Welten" (taz).
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Literatur

Der Artikel aus dem Tagesspiegel, den wir hier heute morgen zitiert hatten, war von 2010. Sorry, für das Versehen.

Die Uni Konstanz will die Lizenzgebühren des Wissenschaftsverlags Elsevier nicht mehr zahlen, meldet buchreport.de unter Bezug auf den Rektor der Universität, Ulrich Rüdiger, der sich in einer Pressemitteilung äußert: "Elsevier habe in den vergangenen Jahren die Preise deutlich gesteigert. Der Durchschnittspreis einer bei Elsevier lizenzierten Zeitschrift lag demnach an der eigenen Universität zuletzt bei 3400 Euro pro Jahr, dies sei fast dreimal höher als beim zweitteuersten großen Verlag. 'Die Universität Konstanz kann und will bei dieser aggressiven Preispolitik nicht länger mithalten und wird ein solches Vorgehen nicht unterstützen. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, den Lizenzvertrag mit Elsevier durch alternative Beschaffungswege zu ersetzen', so Rüdiger weiter."

1979 war Hugendubel am Münchner Marienplatz, das einst andere Buchhandlungen vertrieb und jetzt selber schließen muss, Deutschlands erstes Buchkaufhaus, bringt Hannes Hintermeier in der Leitglosse des FAZ-Feuilletons in Erinnerung: "Hugendubels damalige Ansage: Mittlere Größen sind dem Untergang geweiht, nur ganz groß oder klein und spezialisiert wird überleben. Dass man heute genau das Gegenteil erlebt - Rückbau oder Aufgabe der Großfläche -, ist die bittere Pointe dieser immerhin siebenunddreißig Jahre währenden Geschichte."

Außerdem: Lisa Maucher berichtet in der taz von den ersten Brecht-Haus-Lectures (mehr) in Berlin, wo Klaus Theweleit sein Publikum mit viel zu langen Godard-Clips offenbar sehr langweilte. In der FAZ spricht Donna Tartt im ganzseitigen Interview über ihren neuen Roman "Der Distelfink". Besprochen wird u.a. Lisa O'Donnells grimmiger Debütroman "Bienensterben" (NZZ).
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Kunst

Der Tagesspiegel bringt den zweiten Teil von Christiane Peitz' Reportage über ihren Besuch im Atelier von Ai Weiwei: "Während wir reden, macht der Künstler ein Foto mit dem Smartphone, das gehört bei ihm zum Ritual. Noch eine Obsession: Ai Weiwei fotografiert und filmt unentwegt. Will er denen Paroli bieten, die ihn permanent überwachen? Warum die Liebe zur Kamera? 'Wissen Sie, ich traue der Wirklichkeit nicht. Selbst diesen Augenblick, in dem wir hier sitzen, begreife ich nicht ganz. Filme und Fotos zeichnen auf, aber sie sind nicht die Wirklichkeit. Aber ich kann sie als Tagebuch nutzen, als Erinnerungsspeicher, so wie Andy Warhol das tat. Warhol war seiner Zeit um ein halbes Jahrhundert voraus.'"

Weiteres: In der Zeit schaudert Hanno Rauterberg vor der "gewaltigen Belanglosigkeit" der neuen Architekturhochschule in Hamburg.

Besprochen werden die Wikinger-Ausstellung im British Museum (NZZ), die Ausstellung "Die Göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler" im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (Zeit) und die Ausstellung "Delivery for Mr. Assange" im Helmhaus Zürich (Zeit).
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Musik

Der Freitag hat Vivien Goldmans Artikel aus dem Guardian über die Bedeutung des Punk für britische Juden übersetzt. Georg Etscheit schreibt in der taz über Valery Gergiev, den künftigen, wegen seiner Putin-Affinität umstrittenen Chef der Münchner Philharmoniker. Besprochen werden das Berliner Konzert der Synthpop-Band Chvrches (Tagesspiegel), ein Konzert von Bohren & Der Club Of Gore in Wien (Standard), Ryan Keens Album "Room for Light" (Zeit) und Linda Perhacs neues Album "The Soul Of All Natural Things" mit Liedern für die Blumenkinder von heute (Zeit).

(Via Le Monde). Es ist Woche der Museen, auch in Frankreich. aus diesem Anlass präsentiert die Cité de la Musique auf Youtube den Octobass, eine Art Über-Kontrabass, der im 18. Jahrhundert gebaut wurde. Und was spielt er? Erkennen Sie die Melodie:


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Bühne

Der Abstieg des Burgtheaters begann lange vor Matthias Hartmann, schreibt Peter Truschner in einem zornigen Artikel in der Presse. Claus Peymann und Hermann Beil hatten der Burg ein Profil gegeben, doch schon der Nachfolger Klaus Bachler machte das kaputt mit seinem Durchgangsbetrieb für reisende Vertreter des Regietheaters: "Die (überwiegend männlichen) Vertreter dieses Systems gehorchen der Logik des Theater-Schwanzvergleichs: viele Inszenierungen, viel Geld, hoher Status. Getarnt wird das zumeist mit dem üblichen Theaterkitsch: Der Mann brenne eben für das Theater, er sei überhaupt nur im Theater und auf der Probe zu Hause, er könne auf all den Wohlstand mit einem Lächeln verzichten. Schluchz, seufz!"

Außerdem: Karin Bergmann erklärt im Interview, dass ihre Hinweise auf Missstände an der Burg niemand ignorieren wird: Man muss es eben "in der Form mitteilen, dass es Konsequenzen hat. Das ist doch das Entscheidende!" Wem die Hintergründe des Burgskandals noch nicht vertraut sind, wird mit Helmut Schödels knackiger Darstellung im Freitag bestens informiert.

Weiteres: In der Zeit stellt Jana Simon auf zwei Seiten den Nachlass des Theatermachers August Wilhelm Iffland vor, der nach Berlin kommen soll (mehr in der FAZ). In der FAZ fragt Dieter Bartetzko, ob wir ein Musical zu 1914 brauchen (wie es im belgischen Ypern im Sommer uraufgeführt werden soll).

Besprochen wird Luk Percevals "FRONT" am Hamburger Thalia Theater (Zeit).
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Design

Der Geliebte Führer möchte, dass die Männer seines Reiches künftig seinen Haarschnitt tragen, meldet Gawker. "Until now, there have been 28 government-approved hairstyles in North Korea - 10 for men and 18 for women. Long hair has been discouraged by North Korean state TV since 2005, when a campaign warned men that too much hair could consume vital nutrients, stunting brain development. The campaign recommended they schedule haircuts every 15 days. Now the state is going a step further, reducing men's hair options to one: Kim's famous center-parted 'do. If it weren't mandated, Kim's style wouldn't be particularly popular. Before it was known as the 'Dear Leader' haircut, Koreans mostly associated it with Chinese smugglers."
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