Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Dimensionslose Raumstrukturen

07.11.2025. Die SZ besucht eine Ausstellung der designierten Documenta-Kuratorin Naomi Beckwith - mit viel French Theorie. Der NZZ bleibt in Lausanne das Lachen im Halse stecken, spätestens wenn sie sieht, wie Felix Vallotton Frauen darstellte. Die taz zweifelt, ob die saudische Desertrockband Seera wirklich eine Kulturrevolution auslösen kann. Die FAZ hört beim Festival Wien modern "dead wasps in the jam jar".

Niemand hat darüber Rechenschaft abgelegt

06.11.2025. Die taz fragt sich, woher das plötzliche Kunstinteresse des usbekischen Präsidenten Shavkat Mirziyoyev kommt: Will da jemand von der Menschenrechtsproblematik im Land ablenken, fragt sie. Die FR erkennt in Rüsselsheim: Auch Simone de Beauvoirs Schwester Hélène kämpfte für Frauen - in Gemälden. Die Welt rauft sich die Haare, wenn jetzt plötzlich 200 Kasernen reaktiviert werden sollen, die man vorher ungeniert verfallen ließ. Die Zeit erleidet mit Florian Lutz und seiner Inszenierung von Verdis "Aida" in Kassel Schiffbruch. Die NZZ verliebt sich in Agnieszka Hollands Biopic "Franz K." in den Schauspieler Idan Weiss.

Panoptikum der Pracht

05.11.2025. Ganz sicher ist die FAZ nicht, was sie davon halten soll, wenn etwa beim ukrainischen Literaturfestival Meridian alle Einflüsse russischer Kultur getilgt werden. Backstage Classical rechnet indes mit Justus Frantz ab, der sich ungeniert Putin andient. Die taz erinnert an die absurden Zensurmaßnahmen zu Sowjetzeiten. Außerdem reitet die FAZ in Potsdam durch 4.000 Jahre Geschichte des Einhorns. Der Tagesspiegel zündet ein Diskursfeuer um Koranverbrennungen mit Mehmet Akif Büyükatalays Film "Hysteria".

Eine dritte Zugehörigkeit

04.11.2025. Wie trauert Albert Camus um Algerien, fragt Dan Diner in seiner Sigmund-Freud-Preisrede, abgedruckt in der FAZ.  FAZ und FR schälen den Boris in Keith Warners Frankfurter "Boris Godunov"-Inszenierung aus dem Fabergé-Ei. Monopol lernt in einer Ausstellung in Frankfurt, was "Solastalgie" bedeutet. Die Kritiker lassen sich von Kleber Mendonça Filhos Palme-d'Or-Gewinner "The Secret Agent" über die  brasilianische Militärdiktatur in eine paranoide Grundstimmung bringen.

Den vergessenen Menschen ein Gesicht geben

03.11.2025. Die FAZ veröffentlicht die Büchner-Preisrede von Ursula Krechel, die an Georg Büchners Schwester und frühe Feministin Luise Büchner erinnert. In Bochum lassen sich die Kritiker von Jette Steckels Ágota Kristóf-Inszernierung erschüttern. Bach-Enthusiasten haben sich in Leipzig versammelt, wo auch die SZ zugegen war, um Johannes Lang 22 Stunden dabei zuzuhören, wie er das komplette Orgelwerk des Komponisten aufführt. Und die Zeitungen trauern um den Schauspieler Tchéky Karyo.

Von gewaltigen Fanfaren ornamentiert

01.11.2025. Die Filmkritiker applaudieren Kleber Mendonça Filhos Noir-Thriller "The Secret Agent" über die brasilianische Militärdiktatur, der eine Gesellschaft am Abgrund zeigt. Die FAS skizziert die Kampagne der politischen Rechten in Israel gegen Shai Carmeli-Pollaks Film "Das Meer". In der deutschen Nachkriegsgeschichte drohte nie ein neuer Faschismus, konstatiert der Schriftsteller Peter Schneider in der Welt. Die FR bewundert in Frankfurt farbprächtige Comics aus Afrika. Und alle feiern das neue Album von Florence and the Machine.

Hautnahes, Menschelndes

31.10.2025. In der NZZ erklärt der iranische Regisseur Jafar Panahi, dass er nicht politisch verstanden werden will, wenn er kleine Revolutionen anzettelt. Die SZ wundert sich im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, dass die Pariser Straßen im 18. Jahrhundert offenbar nach gefegtem Heuschober rochen. Der Tagesspiegel betrachtet in Paris derweil andächtig die Gemälde des Barockmalers Georges de La Tour. Nachtkritik und Tagesspiegel fragen sich, warum  Yana Eva Thönnes nochmal Paris Hiltons Sex-Tape für die Schaubühne ausgegraben hat.

Seminar in Sachen 'besser kommunizieren'

30.10.2025. In der Zeit erklärt Kamel Daoud der französischen Linken, wie wichtig westliche Werte sind, wenn sie sich "frei bewegen, frei fühlen, frei ausdrücken" will. Luc Bessons Dracula-Adaption fällt bei den Kritikerin durch: Zu viel Spektakel, zu wenig Feinsinn, seufzen FAZ und FR. Nachtkritik und FAZ staunen, wie eindringlich die Kriege in der Ukraine und in Gaza beim Festival "Politik im Freien Theater" auf die Bühne gebracht werden. Und die Welt erkennt das Subversive im Impressionismus dank der Scharf-Collection.

Augenblick des Nichtstuns

29.10.2025. Yorgos Lanthimos hat mit "Bugonia" einen Film fürs digitale Endzeitalter gedreht, freut sich die taz. Die FAZ sorgt sich darum, dass digitale Kunst nicht genug gepflegt wird. Warum soll ausgerechnet Gazprom-Dirigent Currentzis die höchste österreichische Kunstauszeichnung erhalten, fragt backstageclassical. Geigenbogenbauer haben bald ein Problem, erklärt uns die FR angesichts eines neuen Naturschutzgesetzes, das das brasilianische Fernambukholz zum raren Gut machen wird. 

Ich nenne das Zeitverwüstung

28.10.2025. FR und FAZ entdecken in der Berliner Ausstellung "Netzwerke des Surrealismus" dramatische Geschichte(n) hinter Kunstwerken. Die SZ bekommt von Nürnberger Ballettchef Richard Siegal mit einer Installation in der Kongresshalle in Nürnberg gezeigt, wie man die Geister der Nazis austreibt. Die taz blickt auf Cancel-Culture-Exzesse in den USA. Und die Musikkritiker trauern um eine letzten großen Legenden des Jazz: den Schlagzeuger Jack DeJohnette