Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.11.2025. Der Schriftsteller Ivo Andrić wird heute von allen Seiten vereinnahmt, besonders von großserbischen Nationalisten, erzählt in der Welt der Germanistikprofessor Vahidin Preljević. In der NZZ kennt der Dichter Michael Krüger kein Pardon für Unterhaltungsliteratur. Der Tagesspiegel lässt sich bei Lydia Steiers Inszenierung der Offenbach-Oper "Hoffmanns Erzählungen" in ein funkelndes New York entführen, die FAZ versinkt hingegen im Chaos. Die Feuilletons trauern um die Kessler-Zwillinge.
17.11.2025. Nachtkritik und FAZ hören in Karin Henkels Hamburger Adaption von Ágota Kristófs "Das große Heft" den Überlebenden des Hamburger Feuersturms zu. Die NZZ lernt in Cyrill Boss' und Philipp Stennerts "Nibelungen"-Serie einen fast menschlichen Hagen kennen. Auch für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist das Risiko eines Museumseinbruchs allgegenwärtig, erfährt der Tagesspiegel im Interview mit Leiterin Marion Ackermann. Den palästinensischen Dichter Yousef el-Qedra stellt die Zeit vor.
15.11.2025. Macron ist der Gehörnte in dieser Geschichte, sagt Pascal Bruckner, der dem französischen Präsidenten in der Welt vorwirft, im Fall Boualem Sansal versagt zu haben. Die FAZ erinnert indes an all jene, die weiterhin in Algerien inhaftiert sind. Auch in Düsseldorf wurde der Wettbewerb für einen Opernneubau entschieden - und zwar demokratischer als in Hamburg, meint der Tagesspiegel. Die Welt huldigt der Dokumentarfotografie auf der Paris Photo. Und alle trauern um den Schauspieler und Filmemacher Hark Bohm.
14.11.2025. Das dänische Architekturbüro Bjarke Ingels Group gewinnt den Wettbewerb für Hamburgs neue Oper: Sieht aus wie Klingsors Zaubergarten - und teurer wird's bestimmt auch, mault die SZ. Hier wird eine neue architektonische Gattung begründet, freut sich indes Zeit Online. Die FAZ erklärt, weshalb es keinen Nachwuchs in der Architektur gibt. In Le Point gibt Kamel Daoud sein erstes Telefongespräch mit dem endlich aus der Haft entlassenen Boualem Sansal wieder. Die FR begegnet in Frankfurt dank August Gaul einem Orang-Utan auf Augenhöhe.
13.11.2025. Boualem Sansal ist nach der Begnadigung bereits in Deutschland eingetroffen: "Letztlich war es Deutschland, das Boualem Sansal - und Algerien - einen Ausweg bot", muss der Figaro konzedieren. Im Standard findet der in Bulgarien geborene Schriftsteller Dimitré Dinev den Begriff "migrantische Literatur" demütigend und "rassistisch". Zum wirklichen Skandal taugte die Raubkunst-Affäre bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen nicht, muss die SZ nach einem Expertenbericht einräumen. VAN beerdigt das repräsentative Zeitalter des Klassischen Konzerts. In seinem Film "Yes" über Israel nach dem 7. Oktober bricht Regisseur Nadav Lapid alle Tabus, staunt die FR.
12.11.2025. Bundespräsident Steinmeier bittet seinen Amtskollegen Abdelmadjid Tebboune um Begnadigung von Boualem Sansal, melden die Zeitungen. Die SZ fragt, ob deutsche Verlage heimlich Literatur aus Israel boykottieren. Die FR bestaunt in Berlin die ersten Readymades der Literatur, geschaffen von Raoul Hausmann. Die taz empfiehlt die Kompositionen von Emilie Mayer als Mittel gegen Novemberblues. Außerdem gratulieren die Zeitungen Neil Young zum Achtzigsten und David Szalay zum Booker-Prize.
11.11.2025. Die FAZ schließt in der Hamburger Inszenierung von Michail Glinkas Oper "Ruslan und Ljudmila" die Augen und hört lieber nur der Musik zu. Die SZ guckt hin und lernt, wie sich ein Machtapparat zum Unterdrückungsregime entwickelt. Die NZZ feiert den schwedischen Klarinettisten und Performancekünstler Martin Fröst. In der FR erklärt die angolanische Architektin Paula Nascimento, warum 2027 so viele afrikanische Künstler auf der Sharjah Biennale in den VAE zu sehen sein werden. Der Standard meditiert über den Wiglwagl der Filmkritik.
10.11.2025. Die Kritiker besuchen eine rechte Buchmesse in Halle und sind verwirrt: warum werden hier "formschöne Zigarrenschneider" gezeigt? Die taz entdeckt im Weltkulturenmuseum Frankfurt die Comics afrikanischer Zeichnerinnen und ihre Sheroes. Jean Nouvel schuf für die Fondation Cartier laut Tagesspiegel eine Arena für radikale Kunsteinfälle. Stefan Kaegi rettet in "Die Zauberformel von Zürich" am dortigen Schauspielhaus laut Nachtkritik und pünktlich zu Weihnachten die Gletscher und den Frieden.
08.11.2025. Das Unheimliche entsteht durch das absolut Gute, lernen die hingerissenen Filmkritiker in der neuen Serie "Pluribus". In der FAS notiert der Architekt Gunnar Klack erleichtert das vorläufige Ende des saudischen Mammut-Bauprojekts Neom, für ihn ein maximal ungleiches Fortschrittsmodell. Die taz besucht Theater in der Ukraine, die Welt im Kosovo. Die FAZ blickt auf Lovis Corinths "Kuhstall" und fragt sich: Ist das schon Abstraktion? Die Musikkritiker versuchen immer noch, zu Rosalía zu tanzen.
07.11.2025. Die SZ besucht eine Ausstellung der designierten Documenta-Kuratorin Naomi Beckwith - mit viel French Theorie. Der NZZ bleibt in Lausanne das Lachen im Halse stecken, spätestens wenn sie sieht, wie Felix Vallotton Frauen darstellte. Die taz zweifelt, ob die saudische Desertrockband Seera wirklich eine Kulturrevolution auslösen kann. Die FAZ hört beim Festival Wien modern "dead wasps in the jam jar".