Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.01.2026. Die Theaterkritiker sind hin und weg von Sophokles' "Antigone" in Hölderlins Fassung, die Johan Simons am BE mit drei Schauspielern auf die Bühne gebracht hat: Die nachtkritik wagt kaum zu atmen. Das ist die höchste Kunst, ruft die FAZ. In der WamS legt uns Autor Burkhard Spinnen die Lektüre von Flauberts Farce "Bouvard und Pécuchet" ans Herz: Das ist die Prophezeiung unserer Medienrealität. Die Welt feiert Chloé Zhaos Shakespearefilm "Hamnet". Die NZZ porträtiert den deutsch-nigerianischen Musiker Adé Bantu, der wie selbstverständlich zwischen Afrobeats und Beethoven pendelt.
16.01.2026. In der taz fragt sich die russische Schriftstellerin Marija Stepanova, ob nicht alle Russen eine unbewusste Mitschuld am Krieg gegen die Ukraine tragen. Die taz bewundert außerdem die Courage des Kunstraums Hase29, der in der Domstadt Osnabrück Porträts von Missbrauchsopfern zeigt. Die FR lernt in Düsseldorf, dass auch abstrakte Kunst queer sein kann. Und die SZ erkennt dank der Berlin Ballett Company: Techno und Ballett passen perfekt zusammen.
15.01.2026. Die Kritiker feiern Ildikó Enyedis neuen Film "Silent Friend", in dem ein zweihundert Jahre alter Gingkobaum die Hauptrolle spielt: Eine kostbare Meditation, jubelt die Welt. Die Zeit ist beeindruckt vom schillernden Leben des Autors Marko Martin, der sich den Freiheitsbewegungen der Welt verschrieben hat. Die taz erkundet in einer Ausstellung in Prag die verstörend-schönen Kunstwerke von David Lynch. Die NZZ hüllt sich in echte und unechte Pelzmäntel.
14.01.2026. Die Feuilletons kommentieren die Auswahl fürs Theatertreffen: Viel schwere Kost, findet die nachtkritik, traurig und dürftig, stöhnt die FAZ. Die sich hingegen über die Science-Fiction-Autorin Aiki Mira freut, die Musk und Co eine bessere, lebbare Zukunftsvision entgegenhält. Die Zeit würdigt die von einem ICE-Agenten erschossene Dichterin Renee Good. Die taz lässt sich auf den Tanztagen Berlin von Alvin Collantes' schwitzender, japsender Drag-Performance hinreißen.
13.01.2026. Die Feuilletons sind zu zahm, die Redaktionen zu ängstlich und die Kulturkritiken zu fad geworden, ruft der Autor Jonathan Guggenberger in der taz. Auch die Musikkritik leidet einerseits unter fanatischen Fans, aber auch unter ihrem eigenen Unkritisch-Sein, klagt der Freitag. Die Theaterkritiker fragen sich bei Matthias Pintschers Opern-Adaption von "Das kalte Herz", was der ägyptische Gott Anubis im Schwarzwald zu suchen hat. Und die FAZ lässt im Museum of Islamic Art in Doha das beeindruckende Lebenswerk des Architekten Ieoh Ming Pei Revue passieren.
12.01.2026. Die FAZ feiert den vor hundert Jahren geborenen Komponisten Morton Feldman, dessen Stücke an kammermusikalische Grenzen führen. Die Menschheit lässt sich auch dann nicht retten, wenn wir auf den Mond fliegen, stellt die Nachtkritik etwas enttäuscht im Theater Bonn fest. Die taz spricht mit Regisseurin Ildikó Enyedi über ihre Kommunikationsversuche mit einem Baum, Protagonist ihres neuen Films. Joan Miró konnte zwar kein Englisch, war aber trotzdem ein großer Transatlantiker, lernt die FAZ in Barcelona.
10.01.2026. Zwei Monate nach seiner Freilassung hat Boualem Sansal Berlin besucht. Auf Zeit Online warnt er westliche Demokratien eindringlich vor der Gefahr durch den Islamismus. Der FAZ verrät er, dass er nach Algerien zurückkehren will, um ein neues Urteil zu fordern. Ebenfalls in der FAZ erklärt der Schriftsteller Martin Ahrends, weshalb viele Ostdeutsche ein "löchriges Geschichtsbewusstsein" haben. Die FAS blickt in Berlin in die schaurigen Smartphone-Fratzen des rumänischen Malers Adrian Ghenie. Das russische Propagandakino ist so geschmacklos, dass es inzwischen sogar beim russischen Publikum durchfällt, bemerkt die NZZ.
09.01.2026. In der SZ hält der iranische Regisseur Jafar Panahi fest: Es geht nicht mehr um Reformen im Iran, sondern um eine richtige Veränderung ohne das Regime. In der Welt erklärt die russische Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa, weshalb "Marschroute eines Lebens" von Jewgenia Ginsburg sie besonders geprägt hat. Monopol schaut sich in der zeitgenössichen Kunstszene Japans um. Im Tagesspiegel erläutert der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, was "Red-Ship-Art" ist.
08.01.2026. Perlentaucher und FAZ verneigen sich vor Jafar Panahi, der in "Ein einfacher Unfall" das islamische Regime im Iran unverhohlen attackiert. Die Welt staunt derweil, wie klar sich Künstler auf der Kochi-Muziris Biennale in Indien gegen das Kastensystem stellen. Die FAZ lernt in gleich vier Ausstellungen im Humboldt Forum, dass Familie auch die Verwandtschaft mit Brunnen und Bäumen bedeuten kann. In der SZ erklärt die Japanologin Katharina Hülsmann, warum vor allem Mädchen und Frauen in Japan schwule Mangas lesen.
07.01.2026. Béla Tarr ist tot. Die FR trauert um einen Meister des Slow Cinema, dessen Filme an Liturgien erinnerten. Die FAZ bewundert Tarrs maximale Erstreckung der Vorstellungskraft. Außerdem begegnet sie in einer Ausstellung im Engadin der aufregenden Avantgardistin Edita Schubert. Die Welt lauscht in Neapel einer lyrisch mäandernden Morricone-Oper. Die taz stellt den Berliner Rapper Baran Kok vor, der sich der Homophobie im Deutschrap widersetzt.