Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.03.2026. Was früher Charlie Parker in der Musik leistete, könnte heute die KI übernehmen, ist Gitarrist Pat Metheny in der SZ überzeugt. Tricia Tuttle hält an ihrem Posten als Berlinale-Leiterin fest, verrät sie nicht etwa den Feuilletons, sondern der dpa. SZ und NZZ feiern den Tabubrecher Gustave Courbet in Wien. Die FR schaudert genussvoll in George Benjamins Oper "Written on Skin" beim Anblick einer Frau, die unwissentlich das Herz ihres Liebhabers verzehrt. Die Welt verliebt sich in die dem Tastsinn schmeichelnden ökologischen Bauten Anupama Kundoos.
02.03.2026. In der Rheinischen Post erklärt Wolfram Weimer, Berlinaleleiterin Tricia Tuttle habe ihre Position selbst infrage gestellt - wegen der vergifteten Atmosphäre. Die Theaterkritiker lassen sich in Essen von Shirley Jacksons "The Lottery" in der Regie Marie Schleefs in den Bann ziehen. Sarah Engels wird Deutschland beim ESC vertreten, meldet der Tagesspiegel, die Welt räumt ihr durchaus Chancen ein. Die FAZ bestaunt im Jüdischen Museum Wien Arten und Kunstwerke des Vergessens. Dieter Rams ist für Design das, was Kraftwerk für die Musik ist, ruft die SZ.
28.02.2026. Alles Farbe hier, staunt die FAZ in der Hagener Rupprecht-Geiger-Retrospektive. In Ulm erliegt sie Donizetti und zwei Stimmwundern. Die taz stellt den Schauspieler Thomas Schmauser vor, der auf der Bühne zwischen sieben Tiger springt. Die FAS fragt sich, warum Nelio Biedermann bei den Kritikern so beliebt ist: Weil er als Schriftsteller aus der Gen Z old school schreibt? Die NZZ wünscht sich eine Berlinale ohne Realpolitik, und in der FAZ warnt Roland Weißmann, Generaldirektor des ORF: Der Eurovision Song Contest ist kein politisches Tribunal.
27.02.2026. Tricia Tuttle ist nicht von Wolfram Weimer abgesägt worden, wie die Bild behauptete. Sollte sie gehen, hätten die Gesinnungsprüfer gewonnen, meint die FAZ. Die Kunstkritiker widmen sich den Übersehenen: Die FAZ hofft, dass die Surrealistin Leonora Carrington dank einer Schau in Paris auch in Europa anerkannt wird. Monopol entdeckt in London ganz unbekannte queere Surrealisten. Und der Tagesspiegel lernt in Potsdam: Es gab auch deutsche Impressionistinnen. Spätestens 2032 soll auch die Berliner Philharmonie zwecks Sanierung die Pforten schließen, stöhnt der VAN.
26.02.2026. Muss Tricia Tuttle nach dem Berlinale-Eklat gehen? Das wäre das Ende des Festivals, finden unter anderen Artechock und FR. Die Zeit wird in Zürich süchtig nach den "Sudokus in Farbe" des Schweizer "Konkreten" Richard Paul Lohse. Die FAZ ist überwältigt von der "Urwut" in Anne Haugs Basler Adaption von Fritz Zorns Buch "Mars". Die Musikkritiker trauern um die Komponistin Eliane Radigue, die mit ihrer Drone-Musik "Räume von transparenter Tiefe" schaffte.
25.02.2026. In der SZ erzählt Judith Hermann, wie sie sich auf die Spuren ihres Nazi-Großvaters in Polen begab und mit leeren Händen zurückkam. Der Guardian bestaunt in London das makabre Werk der kolumbianischen Künstlerin Beatriz Gonzalez, die die blutigen Verbrechen ihrer Heimat auf Bettlaken bannte. Die FAZ gratuliert Lloyd Riggins, der die Ballettkompanie in Hamburg ins 21. Jahrhundert führt. Und die Zeitungen huldigen Franz Xaver Kroetz zum Achtzigsten, auch wenn der nichts davon wissen will.
24.02.2026. Der Guardian stellt die Fotografin Julia Kochetova vor, die in der Ukraine Zerstörung und Tod, aber auch Hoffnung, fotografiert. Die FAZ verfolgt gespannt Timofej Kuljabins Inszenierung von Bulgakows "Der Meister und Margarita", die die Geschichte als Geheimdienst-Verhör erzählt. Ebenfalls die FAZ hofft, dass bei der Frankfurter Buchmesse die ganze Bandbreite der rumänischen Literatur zu lesen sein wird. Es ist Zeit, den Machismo in der Architektur-Branche abzuschaffen, ruft die FR mit Blick auf den Rücktritt Thomas Pritzkers.
23.02.2026. Die Berlinale ist zu Ende: Die Kritiker sind glücklich, dass Sandra Hüller als beste Hauptdarstellerin mit dem Silbernen Bären und İlker Çatak für seinem Film "Gelbe Briefe" mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurden. Den ängstlich umschifften Eklat um den Gazakrieg gab es am Ende allerdings doch. Gespaltener Meinung sind die Kritiker zu Jakob Noltes und Laura Linnenbaums Bühnenversion von Gorkis "Kinder der Sonne". Mehr Streit im politischen Theater wünscht sich die SZ. Die NZZ entdeckt in Bangkok das neue Dib Intenational Contemporary Art Museum. Die FAZ besucht Peter Kogler in seinem Atelier.
21.02.2026. Endspurt der Berlinale: Die FAZ legt sich auf Favoriten fest - Lance Hammers "Queen at Sea" dürfte den Goldenen Bären mit nach Hause nehmen, ist sie sicher. Und einen Mangel an politischen Perspektiven, vor allem zum Nahost-Konflikt, gab es ebenfalls nicht, ruft sie den Unterzeichnern des jüngsten offenen Briefes entgegen. Der Standard erschrickt in Wien vor der Aktualität von Sue Williams Bildern, die immer wieder Gewalt gegen Frauen thematisieren. Die Welt erkennt: Die Operette funktioniert in Deutschland hervorragend, wenn sie nur genderfluid inszeniert wird. Die SZ hört Peaches und denkt dabei an Sex und andere soziale Schmiermittel.
20.02.2026. Was für ein Berlinale-Jahrgang, schwärmt die FR, die besonders die drei deutschen Beiträge lobt - allen voran Eva Trobischs "Etwas ganz Besonderes", der von der Treuhand-Zeit in den Neunzigern erzählt. In der NZZ und bei Artechock fällt der Jahrgang indes komplett durch. Kulturstaatsminister Weimer sollte am fast kinolosen Potsdamer Platz im großen Stil Gebäude einkaufen, rät die FAZ. Wenig Gefallen findet sie außerdem am "Mood-Management" des Bayerischen Rundfunks. Die Welt fragt angesichts der vielen Wiederentdeckungen von Künstlerinnen, ob die "Frauenfrage" überhaupt noch gestellt werden muss.