Efeu - Die Kulturrundschau
Kannst du aus der Asche erblühen?
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24.02.2026. Der Guardian stellt die Fotografin Julia Kochetova vor, die in der Ukraine Zerstörung und Tod, aber auch Hoffnung, fotografiert. Die FAZ verfolgt gespannt Timofej Kuljabins Inszenierung von Bulgakows "Der Meister und Margarita", die die Geschichte als Geheimdienst-Verhör erzählt. Ebenfalls die FAZ hofft, dass bei der Frankfurter Buchmesse die ganze Bandbreite der rumänischen Literatur zu lesen sein wird. Es ist Zeit, den Machismo in der Architektur-Branche abzuschaffen, ruft die FR mit Blick auf den Rücktritt Thomas Pritzkers.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
24.02.2026
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Kunst

Heute vor vier Jahren wurde die Ukraine von Russland angegriffen. Charlotte Higgins stellt die Fotografin Julia Kochetova vor, die für den Guardian den Alltag im Kriegsgebiet fotografiert. Bald werden ihre Arbeiten in einer Ausstellung im Amsterdamer "Foam" zu sehen sein. "War is personal" zeigt den Krieg in all seiner Zerstörungkraft, zeigt das Leid von Zivilisten und den Tod. Es gibt aber auch Augenblick des Innehaltens und der Hoffnung: "Wir betrachten ein weiteres Bild: einen Soldaten in einem Schützengraben, der in den Farben der ukrainischen Flagge - Blau und Gelb - erblüht ist. Das Foto, aufgenommen 2023 in der Region Donezk, symbolisiert für Kochetova die Möglichkeit, inmitten der Gewalt und des Leids des Krieges 'diese besonderen Momente der Schönheit, der Freude, der Stille' zu finden. Jeder liebt die atemberaubenden Sonnenuntergänge über der ukrainischen Steppe, 'egal ob Kommandant eines Zuges oder ein Kind aus der Gegend. Wir alle erleben denselben Sonnenuntergang und denselben Sternenhimmel. Eines der Hauptthemen, die ich mit Fotografie und Poesie erforsche, ist: 'Kannst du aus der Asche erblühen? Kannst du etwas aufbauen, nachdem deine Stadt zerstört wurde? Kannst du einen Garten anlegen, nachdem dein alter abgebrannt ist?'"
Weitere Artikel: Aktivisten haben im Louvre ein Foto der Verhaftung von Ex-Prinz Andrews aufgehängt, meldet unter anderem SpoN. Benjamin Moldenhauer besucht für das ND eine Ausstellung mit Kunst von David Lynch in der Berliner Galerie Pace und vergangene Ausstellungen im Prager Dox und im Horst-Janssen-Museum Oldenburg. Besprochen wird die Ausstellung "Status quo Moldova - Generation Zoomer" im Berliner Kunstverein Ost (taz).
Architektur
"Mit der Verstrickung von Tom Pritzker bekommt die jahrzehntelange Branchenkritik nun unfreiwillig ein Gesicht", schreibt Karin Hartmann in der FR. Der Pritzker-Erbe trat von allen Funktionen zurück, nachdem Verbindungen zu Jeffrey Epstein und Vergewaltigungsvorwürfe laut wurden (unser Resümee). Er wird also auch nicht den von seinem Vater gestifteten Pritzker-Preis verleihen. Das sollte ein Anlass sein, die ganze Branche neu zu denken, so Hartmann: "So wünscht man sich, dass die Affäre um den Pritzker-Preis für die Branche zum Anlass und zur Chance wird, seinen Wertekompass zu hinterfragen. Ein erheblicher Teil der Architekturwelt, kann mit dem Branchen-Machismo nicht länger etwas anfangen. Kein bedauerlicher Einzelfall: Die Affäre um den Pritzker trifft auf eine Branche, deren Sexismus, Rassismus und Klassismus nur schwergängig bearbeitet werden, mit der Argumentation, qua Architekturwettbewerb und Kompetitivität ringe man um die beste Lösung, unabhängig davon, wer sie entwirft. Marginalisierte Personen sind zurecht wütend über das Schneckentempo der Beseitigung struktureller Hürden, zumal der aktuelle Wandel der politischen Landschaft es wieder salonfähiger macht, fachliche Panels etwa ohne Frauen zu besetzen und auch für die vierte Professur in Folge 'einfach keine geeignetere Person zu finden' als einen weißen Mann."
Bühne

Viele Bühnenadaptionen von Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita" scheitern an den begrenzten Möglichkeiten der Bühne, erinnert Helene Röhnsch in der FAZ. Der im Exil lebende russische Regisseur Timofej Kuljabin hat sich nun entschieden, aus der Not eine Tugend zu machen und bringt die teuflische Geschichte am Schauspiel Frankfurt in radikaler Reduktion auf die Bühne. Der Satan ist nicht mehr in der Stadt, selbst alle Hauptfiguren sind nicht mehr anwesend. Stattdessen vertraut der Regisseur auf die Kraft zu des Textes und lässt Augenzeugen im Kreuzverhör vor dem NKWD die Ereignisse wiedergeben: "Manja Kuhl, Wolfgang Vogler und Stefan Graf spielen die Ermittler mit nuancierter Selbstbeherrschung, wechselnd führt die eine das Protokoll, der andere filmt die Zeugen (...) und der Letzte stellt die Fragen (...) Doch die kollektive Schizophrenie, die sich weder protokollieren noch einhegen lässt, hat ihre eigene Wahrheit, die den Ermittlern die Grenzen ihres Staatsterrors vor Augen führen: Hin und wieder ermatten sie unter der Beweislast, die ihnen die eigene Korruptheit vor Augen führt. All das wird auf verstörend subtile Weise bis zur letzten Minute des Abends herausgearbeitet (...)."
Besprochen werden das Ballett "Become Ocean" am Staatstheater Darmstadt (FR), Ana Cuéllar Velascos Inszenierung von Viktor Ullmanns Oper "Der Kaiser von Atlantis" am Staatstheater Mainz (FR), Tilmann Köhlers Inszenierung von Tolstois "Krieg und Frieden" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ) und Martin Kušejs Inszenierung von Thomas Bernhards Stück "Vor dem Ruhestand" am Schauspiel Stuttgart (SZ).
Film
Dass ausgerechnet Künstler, Intellektuelle und Journalisten vor der Komplexität des Nahostkonflikts kapitulieren und stattdessen Parolen, Schwarzweißdenken, Bekenntniszwang und moralische Erpressung bringen, ärgert Jürgen Kaube in der FAZ mit Blick auf die eben zu Ende gegangene Berlinale sehr. Dies umso mehr, da Tilda Swinton als Aushängeschild des Offenen Briefs geradezu scheinheilig auftrete: Der politische Furor, den sie von Wenders und dem Festival verlangte, findet sich in den letzten Jahren ihres Schaffens nämlich auch nicht. "Irgendwie gibt man Swinton offenbar die falschen Drehbücher, oder diejenigen mit den politisch einschlägigen haben nicht das Geld, den Star zu bezahlen. Swinton kennt also den Unterschied zwischen Film und Politik, sie macht ihn ständig. Womöglich verschafft ihr das ein schlechtes Gewissen, und sie kompensiert es durch umso energischere gesinnungsethische Forderungen an Filmfestivals. Es ist ja so leicht, politisch zu sein, es kostet nur eine Unterschrift. So gesehen wäre der offene Brief ein Ablassbrief. ... Fast könnte man von Bußheuchelei sprechen. Oder von Solidaritätsdarstellung, moralischem 'method acting'."
Weiteres: Am Rande der Berlinale wurde die nunmehr um die Heimkehr von David Cunio aus der Hamas-Geiselhaft ergänzte Fassung von Tom Shovals vor einem Jahr auf der Berlinale uraufgeführtem Dokumentarfilm "A Letter to David" (unsere Kritik) gezeigt, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt. Philipp Bovermann plauscht in der SZ mit Jim Jarmusch, dessen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten "Father Mother Sister Brother" diese Woche in den Kinos startet, unter anderem über die faszinierende Welt von Bibern und Pilzen und dass man jede Abrechnung aus Hollywood mindestens zweimal mit der Lupe durchsehen sollte.
Besprochen werden Jack Thornes Serien-Neuadaption von "Lord of the Flies" auf Sky (Welt) und der von Russo-Brüdern für Amazon produzierte Piratinnenfilm "The Bluff" (FAZ).
Weiteres: Am Rande der Berlinale wurde die nunmehr um die Heimkehr von David Cunio aus der Hamas-Geiselhaft ergänzte Fassung von Tom Shovals vor einem Jahr auf der Berlinale uraufgeführtem Dokumentarfilm "A Letter to David" (unsere Kritik) gezeigt, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt. Philipp Bovermann plauscht in der SZ mit Jim Jarmusch, dessen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten "Father Mother Sister Brother" diese Woche in den Kinos startet, unter anderem über die faszinierende Welt von Bibern und Pilzen und dass man jede Abrechnung aus Hollywood mindestens zweimal mit der Lupe durchsehen sollte.
Besprochen werden Jack Thornes Serien-Neuadaption von "Lord of the Flies" auf Sky (Welt) und der von Russo-Brüdern für Amazon produzierte Piratinnenfilm "The Bluff" (FAZ).
Literatur
Rumänien wird Gastland der Frankfurter Buchmesse 2028. Markus Bauer hofft in der FAZ, dass damit die Aufmerksamkeit von den großen, bestens etablierten Namen der rumänischen Literatur nun auch auf deren gesamte Bandbreite gelegt wird: "Die in Rumänien als klassisch betrachteten Werke von Rebreanu, Papadat-Bengescu, Petrescu, Caragiale, Arghezi, die in der DDR noch (nach Plan) mustergültige Bearbeitung durch gründlich ausgebildete Übersetzerinnen und Übersetzer erfuhren, fehlen; die aktuelle Bücherlandschaft unter den Bedingungen eines in Konzernverlagen von Umsatz- und Gewinnmaximierung dominierten Marktes tut sich schwer damit, das sich verändernde Rumänien als kulturellen Raum in deutscher Sprache lesbar zu machen. Gerade die jüngere Generation rumänischer Publizierender - globalisiert, aktivistisch und digitalisiert, wie sie vor zwei Jahren das Berliner Literaturhaus lebendig unter dem Motto 'Don't look back' zeigte - findet offenbar kaum den Weg in die großen deutschen Verlagshäuser. ... Unübersehbar bleibt, dass es kleine Verlage sind, die hier Großes leisten."
Außerdem: Jens Uthoff porträtiert in der taz den ukrainischen Schriftsteller Artem Tschapaj, der seit fast vier Jahren Dienst in der ukrainischen Armee leistet. Besprochen werden unter anderem Kathrine Nedrejords "Acht Jahreszeiten" (taz), Christoph Poschenrieders "Fräulein Hedwig" (NZZ), Viktor Martinowitschs "Das Gute siegt" (Standard), Rachel Cockerells "Melting Point" (FAZ) und Son Lewandowskis "Die Routinen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Außerdem: Jens Uthoff porträtiert in der taz den ukrainischen Schriftsteller Artem Tschapaj, der seit fast vier Jahren Dienst in der ukrainischen Armee leistet. Besprochen werden unter anderem Kathrine Nedrejords "Acht Jahreszeiten" (taz), Christoph Poschenrieders "Fräulein Hedwig" (NZZ), Viktor Martinowitschs "Das Gute siegt" (Standard), Rachel Cockerells "Melting Point" (FAZ) und Son Lewandowskis "Die Routinen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Musik
Maik Bierwirth gestattet in der Jungle World einen Einblick in Chicagos Indieszene, wo Bands wie Horsegirl, Lifeguard und Sharp Pins zuletzt reüssierten. Besprochen werden ein von Zubin Mehta dirigiertes Konzert des West-Eastern Divan Orchestra in Wien (Standard), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters in Frankfurt (FR), Patti Smiths Memoiren (ND), eine neue EP von U2 (NZZ) und das neue Album "No Lube So Rude" von Peaches, die darauf mit dem Stück "Hanging Titties" laut Standard-Kritiker Christian Schachinger "mit oder ohne Gleitgel das kapitalistische System ziemlich hart mit ihrer umgeschnallten Gummiwurst fickt".
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