Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Typen, Schmiere, Sensationen

31.08.2024. Die Filmkritiker begeistern sich auf den Filmfestspielen Venedig für Tim Fehlbaums "September 5" über das Münchner Olympiaattentat des Jahres 1972 - die SZ erkennt klassisch-griechische Tragödienwucht. Die Welt ärgert sich darüber, dass die Kunstbiennale Venedig indigene Wandteppiche ausstellt - anstatt digitaler Kunst aus dem globalen Süden. Die NZZ verteidigt die boomende Young-Adult-Literatur gegen den Vorwurf, lediglich der Sehnsucht nach überkommenen Geschlechterrollen Ausdruck zu verleihen. Im Anschluss an eine Theaterfahrt durch den Osten schlägt die FAZ Alarm: Insbesondere in Sachsen droht bei einem AfD-Wahlsieg ein kulturpolitischer Kahlschlag.

Gefangene unserer eigenen Egos

30.08.2024. In Venedig spaltet Andres Veiels Doku-Film über Leni Riefenstahl die Gemüter:  Warum heute noch Riefenstahl, fragt der Tagesspiegel, viel Gegenwart entdeckt der Filmdienst.  Indes feiern die Kritiker Angelina Jolie, die so athletisch den Geist von Maria Callas beschwört. Ein bisschen platt kommt der FAZ eine Kant-Installation in Potsdam vor. Die taz staunt, wie gut die Tanzszene in Dresden vernetzt ist. Das Van-Magazin spricht mit dem Komponisten Walter Zimmermann über dessen Musikphilosophie.

Sind wir vielleicht Hofnarren des Spektakels?

29.08.2024. Im Welt-Gespräch erzählt Andres Veiel, wie er in seinem Dokumentarfilm über Leni Riefenstahl die Lügen der NS-Propagandafilmerin wie unter dem Mikroskop zerlegt. Die Zeit bestaunt in Karlsruhe Lady Gaga zwischen Ninja Turtles auf den gigantischen Tapisserien von Margret Eicher. Den Musikkritikern eröffnen sich bei der Wiederaufstehung von Nick Cave alle Himmelszelte, während Gospelchöre niederfahren. Die NZZ sucht indes das irdische Paradies im Museum Frieder Burda.

In der Fußgängerzone des Seins

28.08.2024. In der SZ wütet Dominik Graf gegen den "Einschaltquoten-Rinderwahnsinn" der Öffentlich-Rechtlichen und wünscht sich Experimente, bei denen uns Hören und Sehen vergeht. Da wäre dann vielleicht auch Platz für Tilman Singers wagemutigen Alpen-Horrorfilm "Cuckoo", der die Uneindeutigkeit strahlen lässt, meint der Perlentaucher. Die FR wirft einen Blick auf die abgehalfterten Rockstars, die sich nicht zu fein sind, Trump zu unterstützen. Apropos abgehalfterte Rockstars: Auf die Oasis-Reunion hätte die taz gern verzichtet. Hyperallergic feiert in Philadelphia die amerikanische Impressionistin Mary Cassatt.

Überfordert den Verstand des zynischsten Lesers

27.08.2024. Die Theaterkritiker knien nieder vor Isabelle Huppert, die als "Bérénice" von Romeo Castellucci bei der Ruhrtriennale die ganze Bühne geschenkt bekommt, um alle emotionalen Extreme zu zelebrieren. In der NZZ sehnt sich Clemens J. Setz nach den alten Zeiten der herrlich falschen Twitterpoesie, die Elon Musk nun auch in den Orkus geblasen hat. Die taz lauscht in Venedig den Wehklagen der Nigerianer, die Precious Okoyomon von ihren Alltagssorgen erzählen lässt. Und Monopol feiert sechzig Jahre Comic-Geschichte im Pariser Centre Pompidou.

Eine letzte, vergessene Kanone

26.08.2024. Kiril Petrenko hat sich für den Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker durch Bruckners Fünfte gekämpft - und leider nur halb gewonnen, bedauert die FAZ. Mit Heiner Goebbels Stück "Everything That Happened and Would Happen" finden die Salzburger Festspiele indes zu einem gelungenen Abschluss, nickt die SZ. Der neue Roman der österreichischen Schriftstellerin Ljuba Arnautović verarbeitet die Rückkehr ihres Vaters aus dem sowjetischen Gulag, erzählt sie dem Standard. Die taz porträtiert den romantischen Maler Carl Alexander Simon, der in Chile ein neues Deutschland gründen wollte.

Orgien verletzter Gefühle

24.08.2024. Die Filmkritiker streiten über die Überlegung, Mohammad Rasoulofs "Die Saat des Heiligen Feigenbaums" als deutschen Beitrag zu den Oscars zu schicken: Mehr als eine politische Geste, jubelt die FR, diese "Schummel-Nominierung" zeigt die Schwäche des deutschen Films, wütet die Welt. Der Tagesspiegel schaut sich zeitgenössische mongolische Kunst im oberfränkischen Mürsbach an. Die FAS erinnert sich in einer Ausstellung in Bordeaux, wie Disney die Franzosen in Retortenstädten zu Frankreich-Darstellern machte. Die SZ ist peinlich berührt, wenn Bestsellerautorin Carolin Wahl darüber klagt, dass sie nicht auf der Longlist steht.

Die geheime Mechanik der Seele

23.08.2024. Die Streamingdienste zeigen nur noch uniformen Schrott, beschwert sich Zeit Online. Die FAZ lotet das Verhältnis Claudia Roths zu Bayreuth aus und genießt auf dem Kunstfest Weimar das Spiel der Theaterlegenden Eva Mattes und Roberto Ciulli. Ebendort freut sich die SZ, dass die Menschenrechtsorganisation Memorial sich nicht unterkriegen lässt. In Luzern bekommt die NZZ Wagner mit zeitgenössischen Instrumenten zu hören - und staunt, wie rauh das klingt. Der Freitag hinterfragt die Kanon- und Auszeichnungspraktiken des deutschen Literaturbetriebs.

Bilderrausch des Weltenwahnsinns

22.08.2024. Leni Riefenstahl war keine Opportunistin, sondern durch und durch Faschistin, erzählt in der Zeit Sandra Maischberger, die eine Riefenstahl-Doku von Andres Veiel produziert hat. Den Theaterkritikern geht die Puste aus in Krystian Lupas fünfstündiger Salzburger Inszenierung des Zauberbergs in litauischer Sprache. Die FAZ stellt das Projekt Roma 050 vor, das Rom Berliner Siedlungseinheiten und fünf Parks am Tiberufer verspricht. In Marseille besucht sie indes Oasen der Nacktheit.

Es klopft und schleift und blubbert

21.08.2024. Die Feuilletons sind weitgehend zufrieden mit der Longlist für den Deutschen Buchpreis, auch wenn sie verlagstechnisch diverser hätte ausfallen dürfen. Immerhin gibt es genug Autoren aus Ostdeutschland und Osteuropa. Die FAZ erzählt vom Prozess gegen die Theatermacherinnen Schenja Berkowitsch und Swetlana Petrijtschuk. Schwimmen wir bald zur Arbeit, fragt sich der Guardian. Und die Filmkritiker reiten mit Kevin Costner einem Fiasko entgegen.