Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.09.2024. Im Tagesspiegel hält Frank Castorf den AfD-Erfolg im Osten nicht nur für einen "animalischen" Akt der Rache des Ostens am Westen, sondern auch Europa für überschätzt. Der Tagesspiegel erkennt im Schinkel Pavillon außerdem: Sigmar Polke funktioniert auch hervorragend abseits des Mainstreams. Bilder, die man nicht mehr vergisst, sieht der Perlentaucher in Farahnaz Sharifis Essayfilm "My Stolen Planet", der Archivaufnahmen von tanzenden Frauen im Iran zeigt - bevor die Mullahs sie unter den Hijab zwangen. Die Zeit denkt derweil über Haare in der liberalen Gesellschaft nach. Und alle trauern um Caterina Valente, die Beyoncé ihrer Zeit, wie die taz schreibt.
11.09.2024. Darth Vader ist tot - oder zumindest seine Originalstimme James Earl Jones: Der Tagesspiegel huldigt dessen majestätischem Bariton. Die taz erfreut sich in Athen im Museum für Gegenwartskunst an Kernkompetenzen femininer Ästhetik. Das Blog Tag und Nacht blickt ins dunkle Haus der Schriftstellerin Shirley Jackson. Die Berliner Zeitung erinnert anlässlich einer Ausstellung an das Theater des Jüdischen Kulturbundes, das jüdischen Theaterleuten nach 1933 zwischenzeitig Beschäftigungsmöglichkeiten verschaffte.
10.09.2024. Monopol und Tagesspiegel lassen sich in drei Berliner Ausstellungen von den Puppen der Choreografin Gisele Vienne verstören, die in ihren Arbeiten dem Ursprung von Faschismus und Rassismus nachspürt. Der Tagesspiegel bewundert im Willy-Brandt-Haus außerdem, wie Annemarie Heinrich sich in ihren Fotografien Argentiniens Katholizismus und Machismo widersetzte. "Niemand will ein zweites Ungarn", sagt Matej Drlička, von der slowakischen Regierung geschasster Leiter des Nationaltheaters, im taz-Gespräch. Die FAZ liest der Musikkritik die Leviten. Und die NZZ lauscht gebannt dem Wettstreit zwischen Susanna Mälkki und Christian Thielemann beim Lucerne Festival.
09.09.2024. Pedro Almodóvars "The room next door" hat in Venedig den Goldenen Löwen abgeräumt: Eine "Verbeugung vor dem klassischen Schauspielkino", sieht der Tagesspiegel hier. Der FR ist selten ein klügerer und subtilerer Film über den Tod und das selbstbestimmte Sterben untergekommen. Die FAZ findet sich in Ulrich Rasches Inszenierung von Samuel Becketts "Warten auf Godot" in Bochum in einer Sphäre der "völligen Ort-und Zeitlosigkeit" wieder. Die Feuilletons trauern um die Künstlerin Rebecca Horn und den Bossa-Nova- und Samba-Musiker Sergio Mendes.
07.09.2024. Die FAZ dokumentiert die ILB-Eröffnungsrede der französisch-ruandischen Schriftstellerin Beata Umubyeyi Mairesse, die erzählt, wie sie dem Genozid der Hutu an den Tutsi entkam. Diese Rede zeigt, was Literatur vermag, erkennt der Tagesspiegel. "Kindesmissbrauch ist auch Gewalt gegen die Sprache", sagt die französische Schriftstellerin Neige Sinno, die von ihrem Stiefvater vergewaltigt wurde, im Welt-Interview. Einen gelungenen Auftakt der neuen Burgtheater-Ära unter Stefan Bachmann sehen die Theaterkritiker, wenn Karin Henkel gleich fünf Hamlets auf der Bühne spuken lässt. Der Tagesspiegel legt in den wiedereröffneten Rieckhallen mit Mark Bradford Schichten von Zuschreibungen und Lügen frei.
06.09.2024. Der Tagesspiegel erkennt in Göran Hugo Olssons Montagefilm zum Israel-Palästina-Konflikt: Geschichte wiederholt sich als Teufelskreis. Die FAZ ärgert sich, dass Aslı Özarslans Film "Ellbogen" erst ab 16 freigegeben wird. Die Welt lässt sich in den Deichtorhallen von Andrea Orejarenas und Caleb Steins Verschwörungstheorien in den Bann ziehen. Mit Bruckners Neunter legt Lahav Shani einen vielversprechenden Auftakt für die Leitung der Münchner Philharmoniker hin, freut sich die SZ. Die FAZ macht sich Gedanken zu "Farben als Distinktionsmerkmal."
05.09.2024. Es ist so weit: Heute würde Caspar David Friedrich 250 Jahre alt. In der FR erzählt Florian Illies, wie sehr Friedrich Goethe triggerte. Die Filmkritiker zündeln mit Todd Phillips und Lady Gaga zu Klassikern von Sinatra und Bacharach im Kopf des Jokers. Die Zeit erkennt in Düsseldorf: Anfangs liebte es Gerhard Richter "billig und banal". Backstage Classical sorgt sich um Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, von dem jüngst nur noch Phrasen zu hören waren. In der taz befürchtet Helon Habila, Mitkurator des Internationalen Literaturfestivals Berlin, dass Verlage keine "ehrlichen, einfachen Geschichten" über Menschen aus Afrika wollen.
04.09.2024. Die österreichische Theaterwelt um Elfriede Jelinek und Milo Rau schlägt Alarm - die FPÖ plant im Falle eines Wahlsieges Katastrophales, auch für die Kultur, weiß die nachtkritik. Robert Longos in der Albertina ausgestellte Zeichnungen lassen Düsenjäger auf die Betrachter los, staunt der Standard. Luca Guadagninos Burroughs-Adaptation "Queer" spaltet in Venedig die Kritik: Der Tagesspiegel bejubelt Daniel Craigs verschlagene Performance, laut FR bleibt das Ganze im Illustrativen hängen. Zum 200. Geburtstag Anton Bruckners erinnern die Feuilletons an ein Werk, das laut Neues Deutschland vor allem in seiner Maßlosigkeit beeindruckt.
03.09.2024. Lars Henrik Gass verlässt nach siebenundzwanzig Jahren die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen: In der Welt spricht er über die beispiellose Hetzkampagne gegen ihn. Venedig: Der Tagesspiegel sieht in Brady Corbets Dreistünder "The Brutalist" über den Architekten László Tóth ein herausragendes "Monument des Schmerzes", der Filmdienst ist ebenfalls begeistert. Die NZZ taucht in der Albertina Wien ab in die albtraumhaften Welten des Künstlers Alfred Kubin. Die Nachtkritik freut sich, dass in Mizgin Bilmens Inszenierung von "Machbeth" in Darmstadt nicht so viel gemetzelt wird - der FR wird dafür zu viel gekreischt.
02.09.2024. SZ und FAZ entdecken in Lars Eidingers Fotografien im K21 in Düsseldorf die Absurdität des Alltäglichen. Jenny Erpenbeck wehrt sich im Standard gegen den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der ihr "Ostdeutschtümelei" vorwirft. Der Nachtkritik werden bei Sven Holms Schönberg-Überschreibung "Ein Ermordeter aus Warschau" schwere Vorwürfe von Max Czollek und heftige Bässe um die Ohren gehauen. Die SZ hat die Nase voll vom "Dynamic Pricing" beim Konzertticket-Verkauf.