Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die heitere Hölle der Hilflosigkeit

18.10.2024. Hat die frischgebackene Nobelpreisträgerin Han Kang das Gwangju-Massaker verfälschend dargestellt, fragt die Welt. Sich auf das Ende der Welt zuzubewegen, kann auch sehr beschwingen, erfahren SZ und Standard in György Kurtágs Oper "Fin de Partie." Queere Synagogen sieht der Tagesspiegel in Navot Millers Bildern. Astronauten fliegen demnächst mit Prada-Weltraumanzügen durchs Universum, staunt die SZ. Musikproduzent Ben Bazzazian gibt der SZ Hoffnung für die deutsche Musik.

Die Augen schließen geht immer

17.10.2024. Oliver Reeses Inszenierung von Michael Frayns Stück "Der nackte Wahnsinn" macht das Beste aus der Berliner Theaterkrise, freut sich die FAZ: gutes Theater. Elif Shafak beschwört auf der Frankfurter Buchmesse in ihrer von der FAZ dokumentierten Rede die Macht der Literatur, die Peripherie ins Zentrum zu bringen. Florentina Holzingers Nonnen-Skateboard-Spektakel "Sancta" zieht an der Staatsoper Stuttgart Triggerwarnungen und Onlineempörung nach sich, weiß die Zeit. Der Perlentaucher fühlt sich wohl in Andreas Dresens neuem Film "In Liebe, eure Hilde", der den Körper der Widerstandskämpferin ins Zentrum rückt.

Weiter zur nächsten Galaxie

16.10.2024. Jean Tinguely war kein Schweizer Dinosaurier, sondern ein Meister der Kinetik, dessen Maschinen selbst zu Künstlern werden, jubelt die FAZ in einer Ausstellung in Mailand. Außerdem freut sie sich über inspirierten Georges-Perec-Schabernack in einer Inszenierung von Anita Vulesica in Hamburg. Übersetzer machen sich existentielle Sorgen angesichts immer besserer KI-Programme, die ihren Job übernehmen könnten, berichtet die SZ. Die besucht auch die Frankfurter Buchmesse und kann sich zwischen den Elefanten im Raum kaum bewegen.

Es walden die vögelein die ruhe schweigt

15.10.2024. Die Literaturkritiker sind zufrieden, dass die Buchpreis-Jury mit Martina Hefters Roman "Hey guten Morgen, wie geht es Dir?" Mut zur Avantgarde zeigt. Nur die Welt hat genug von der kleinen Welt des Privat-Familiären, und hätte lieber Clemens Meyer ausgezeichnet. Die NZZ blickt in Bern auf die existenzielle Nacktheit von Chaim Soutine, der Farben dem Fleisch anverwandelte. Einer auch physisch nackten Marina Otero begegnet die Welt, die im Berliner HAU Narzissen mit ihrem Urin begießt. Im Tagesspiegel verspricht die neue Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle Filme als Filme und nicht als Transportmittel für Ansichten zu würdigen.

Meeresfriedliche Mondnacht

14.10.2024. Die SZ schaut im Festspielhaus von Dresden-Hellerau dabei zu, wie ein Roboter die Dresdner Sinfoniker dirigiert. Die Welt versucht das Geheimnis diffuser Gewalt in den Bildern der portugiesischen Malerin Paula Rego zu ergründen. Die FAZ lässt Bertrand Bonellos Monsterfilm "The Beast" mit Léa Seydoux hochleben. Bei der Uraufführung von Anna Gmeyners vergessenem Stück "Ende einer Verhandlung" klärt sie einen Mord auf. Die NZZ bewundert Kengo Kumas Neubau für das Museum Gulbenkian in Lissabon.

Nur ein Schatten von schwarzem Kitsch

12.10.2024. Die SZ erlebt ein Gefühl der kognitiven Dissonanz in einer Wuppertaler Lucio-Fontana-Retrospektive, und sie bewundert bei einem Berliner Konzert Dynamik und die vielen Haare des 83-jährigen Bob Dylan. Van porträtiert das Ensemble Naked String Quartet. Die Welt wundert sich über die "schräge" Entscheidung der Schwedischen Nobel-Akademie für Han Kang. Die FAZ erlebt in Amsterdam mit Benjamin Brittens "Peter Grimes" das Todesurteil der öffentlichen Meinung. Dass die Luxusindustrie in der Krise ist, konstatiert sie ohne allzu großes Bedauern.

Es sind dunkle Welten

11.10.2024. Die Zeitungen sind sehr zufrieden mit dem Literatur-Nobelpreis für die Südkoreanerin Han Kang: Schön, dass man in Stockholm mal wieder über den westlichen Tellerrand hinausblickt, freut sich der Tagesspiegel. Die FR bestaunt in der Frankfurter Schirn grenzsprengende Werke mit Puppenaugen, Vulven und Tierkrallen, die die Italienerin Carol Rama seit den Dreißigern schuf. Die FAZ lässt Haydns "Schöpfung" mit Melly Still in Köln als Schattenspiel vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Und dezeen bewundert das Flüchtlings-Wellnesscenter, das der südafrikanische Architekt Sumayya Vally in Kenia schaffen will.

Hier könnte Heroisches geleistet werden

10.10.2024. Die Filmkritiker blicken mit Ramon Zürchers "Der Spatz im Kamin" in die brutalen Abgründe hinter Familienfassaden: Zürcher verheiratet Bergman mit Lynch, staunt die FAZ. Die SZ kuschelt sich in Benedikt von Peters Basler Ring lieber an Plüschtiere und echte Pferde. FAZ und FR begeben sich im Frankfurter Städel auf Entdeckungsreise durchs barocke Italien. In der SZ ermuntert uns die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk mehr ukrainische Literatur zu lesen. Und in der Zeit hätte Pianist Chilly Gonzales die Neo-Klassik lieber nicht mitbegründet.

Viel Glück, Toreros!

09.10.2024. Die FAZ tanzt in einer Ausstellung in Finnland mittelalterliche Totentänze - bis in die künstlerische Moderne. NS-Raubkunst wird in Deutschland nur zurückgegeben, wenn auch die Diebe damit einverstanden sind, ärgert sich die SZ. Der Filmdienst erinnert daran, wie Luis Buñuel einmal gemeinsame Sache mit einem Stierkämpfer machte, um die spanischen Faschisten zu überlisten. Gemeinsam mit dem Fotografen H. G. Esch staunt die taz: Architektonisch sind sich Pompeji und New York näher, als man denkt. Die NZZ feiert ein wiederentdecktes Jugendwerk Mozarts als Hit.

Glitzernde Fatamorgana

08.10.2024. Was für ein Comeback! Die NZZ würde Pamela Anderson für ihre Rolle im Film "The Last Showgirl" am liebsten den Oscar verleihen. Die Kritiker wischen sich während Kornél Mundruczós Inszenierung seines Splatter-Horrors "Method" an der Berliner Volksbühne das Blut aus dem Gesicht, taz und Nachtkritik sind uneins. Perlentaucherin Angela Schader begegnen in Agri Ismaïls Roman "Das Gewicht der Welt" Kurden, abseits jedes Klischees.