Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.10.2024. Einige sehr prominente AutorInnen rufen zum Kulturboykott gegen Israel auf - zu ihnen gehören etwa der Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah und einige Booker-Preisträger. Ihr Vater wäre stolz gewesen, von diesen Autoren gecancelt zu werden, sagt Fania Oz-Salzberger. Die taz schaut sich nach dem Wahlsieg der prorussischen Regierungspartei in der schockgefrorenen georgischen Clubszene um. Andres Veiels Dokumentarfilm "Riefenstahl" ist das Psychogramm einer Lügnerin, meint die SZ. Der Standard spaziert in der Kunsthalle Tirol durch Neda Saeedis gläserne Gärten, in denen echte Natur höchstens als Unkraut zu haben ist. Die FAZ fühlt sich wohl zwischen Gotik und Game of Thrones in Tobias Kratzers "Rheingold" an der Münchner Staatsoper.
29.10.2024. Die SZ packt angesichts des Tools Demandsens, das den Markterfolg eines Buches vorherzusagen soll, das Grauen: Kant, Mann oder Ernaux wären so nie publiziert worden, glaubt sie. Die taz blickt in einer Bremer Ausstellung der südafrikanischen Künstlerin Helena Uambembe auf die Geschichte des Bürgerkriegs in Angola. Die FAZ amüsiert sich bestens, wenn Schwachsinnige im Louvre von Bäumen plumpsen. Die NZZ erinnert sich in Lignon daran, wie man mit Marmor, Mahagoni und Voltaire eleganten Massenwohnungsbau schafft. Und der Standard staunt, wie The Cure Mahler und Analogkäse zusammenbringt.
28.10.2024. Das Herkunftsmilieu spielt bei den Aufstiegschancen im Literaturbetrieb immer noch eine große Rolle, hält die Schriftstellerin Sabine Scholl in einem Essay im Standard fest. Zeit Online blickt entgeistert nach Florida: Mit nur einer Beschwerde können rechte Cancel-Culture-Hetzer Bücher aus Bibliotheken verschwinden lassen. Die nachtkritik begegnet in Alice Buddebergs Adaption von Maxim Billers Roman "Mama Odessa" dem Zigarette rauchenden und Lederjacken tragenden Helden gleich in dreifacher Ausführung. Und die Musikkritiker trauern um Phil Lesh, den Bassisten der Grateful Dead.
26.10.2024. Ist das eher dumm oder bösartig, fragen sich die Kritiker nach dem AfD-Antrag zu einer "differenzierten Betrachtung" der "abgrundtief hässlichen" Architektur des Bauhauses. Die Welt feiert die proletarischen Männerkörper des Malers Gustave Caillebotte. Die FAZ stellt die ukrainischen Bojtschukisten vor, eine Künstlergruppe, die von Stalin ausgelöscht wurde. Zeit online hört die neue Sade. Der Freitag ist genervt vom Typus des großen, motzenden Schriftstellers.
25.10.2024. Die FR lässt sich von Neo Rauch und Rosa Loy im Museum der schönen Künste in Liberec die Kunst als "Hoffnungsmaschine" zeigen. Dass man vor Francis Bacon keine Angst haben muss, erkennt die FAZ in der Londoner National Portrait Gallery. Der Standard macht sich anlässlich des Deutschen Buchpreises Gedanken zur Ökonomie des Schreibens. Auch die Filmkritik ist in ökonomischen Schwierigkeiten, hält Artechock fest. Häuser können ihre Bewohner zurücklieben, lernt die Welt in Eileen Grays Villa E.1027. Valentina Magaletti zeigt der taz, was feministisches Schlagzeugspiel bedeutet.
24.10.2024. Weniger Rebellion als hellwache Reflexion bestaunt die Welt in der großen Carol-Rama-Retrospektive in der Frankfurter Schirn. Die taz lernt auf einer Kölner Veranstaltung, welche systemischen Hürden Literatur aus der Arbeiterklasse nehmen muss. Die Zeit erliegt dem Charme der Heiterkeit, den der französische Superstar Zaho de Sagazan ausstrahlt. Van resümiert die Donauerschinger Musiktage. Die SZ versinkt mit Mati Diops "Dahomey" in der Dunkelheit der Depots von Raubkunst.
23.10.2024. Pedro Almodóvars Sterbedrama "The Room Next Door" entzweit die Filmkritik: Die FAZ schwärmt, der taz ist es zu blasiert. Die SZ verwandelt sich in Zürich mit Leonie Tholl vergnügt in Kafkas Käfer. Die FAZ wird ebenfalls in Zürich in Anne Lenks "King Lear" von Vaginas dentatas gebissen. Die SZ möchte lieber wieder über Clemens Meyers "Projektoren" reden. Zeit Online wundert sich: Bayerns Kulturminister Markus Blume fordert eine opferfreundlichere Restitutionspraxis - und drückt in einem prominenten Raubkunstfall selbst auf die Bremse.
22.10.2024. Die FAZ lässt sich von Bruno Gollers Bildern, die im Kunstmuseum Bonn zu sehen sind, bereitwillig in ein ortloses Irgendwo entführen. Ebenfalls in Bonn schwingt die SZ in der Ausstellung "Tanzwelten" die Hüften. Außerdem staunt sie im Münchner Bergson-Kraftwerk über das Vivace-Klangsystem und "die perfekte klangliche Simulation eines Raums, der gar nicht da ist." Die FR verliebt sich, wie ganz Frankreich, in den jungen Chanson-Star Zaho de Sagazan.
21.10.2024. Die Zeitungen beschäftigen sich weiter mit dem Ausraster von Clemens Meyer bei der Buchmesse: das "unverstandene Originalgenie" verkörpert er für den Spiegel, die NZZ findet, der Buchmarkt muss seine Stars auch im Straucheln unterstützen. Die Zeit trifft in Christina Friedrichs DDR-Film "Zone" auf die wütenden Gespenster der Vergangenheit. Die Echos der Kolonialgeschichte hallen bei Serge Coulibalys neuer Choreografie "Balau" wieder, die die FAZ in München besucht hat.
19.10.2024. "Es ist eine Scheiße, eine Unverschämtheit", dass er den Deutschen Buchpreis nicht gewonnen hat, legt Clemens Meyer im Spiegel-Gespräch nach. Besonders gut ist die Stimmung auf der Frankfurter Buchmesse ohnehin nicht, notiert die FAZ mit Blick auf einen Jahrmarkt zwischen Stofftaschenanbietern und religiösen Eiferern. Der Tagesspiegel bewundert indes Bürstenwürmer in einer fulminanten Arte-Povera-Ausstellung in Paris. Der Filmdienst erinnert an die Videokünstlerin Friederike Pezold, die das Schauen revolutionierte, indem sie etwa ihr Gesäß zerlegte. Und der Standard grunzt mit der Band Blood Incantation im Wutraum.