Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Hoffentlich meldet sich keiner

26.02.2025. Der Restitutionsstreit rund um die Bayerische Staatsgemäldesammlungen eskaliert: Der SZ wurden giftige Emails zugespielt, die im Museum kursieren. Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod" wird vorerst nicht verboten - gut so, findet die taz. Die FAZ staunt in einer Düsseldorfer Ausstellung über die Subtilität, mit der Bracha Lichtenberg Ettinger die Schrecken der Shoah sichtbar macht. Britische Musiker protestieren gegen KI, berichtet die SZ, mit einem Album auf dem nur Stille zu hören ist. Die Welt erinnert an den Literaturkritiker Fritz J. Raddatz, einen Paradiesvogel im Reich der Mehlwürmer und Grottenolme.

In einer stillen Glut

25.02.2025. Die FAZ wird in Edvard Clugs Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" am Berliner Staatsballett nicht in den verzauberten Wald versetzt, sondern an den Strand. Die SZ lernt von der Übersetzerin Ki-Hyang Lee, dass das Koreanische viel subtiler ist als das Deutsche. Der Tagesanzeiger hält es für eine vortreffliche Sache, dass Amazon die Rechte an den James-Bond-Filmen gekauft hat. Und die Musikkritiker verabschieden sich von der Soul-Sängerin Roberta Flack.

Flaschenpost eines fernen Freundes

24.02.2025. Dag Johan Haugeruds "Drømmer" erhält den Goldenen Bären auf der Berlinale: Eine gute Wahl in einem nicht überragenden, aber soliden Wettbewerbsjahr, befinden die Kritiker. Die FR schwebt mit dem Karlsruher "Rinaldo", Händel inszeniert von Hinrich Horstkotte, auf "Flugwolken". Dem chinesischen Verständnis von Kunst-Kopie zum Original geht die NZZ nach. Die taz berichtet aus der Kiewer Buchhandlung "Sens", die russischsprachige Literatur aus ihren Regalen verbannt hat. Boualem Sansal ist in den Hungerstreik getreten, meldet Zeit Online.

Wie wird ein Mensch ein Mensch?

22.02.2025. Die Berlinale-Bilanz der Filmkritiker fällt positiv aus: Die FAS sieht die gezeigten Filme als Waffe für eine gute Demokratie, der Tagesspiegel lobt immerhin Tricia Tuttles Experimentierfreude. In der NZZ blickt der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew auf die zwei Literaturen Russlands, deren goldene Äpfel im Westen gelandet sind. SZ und Tagesspiegel blicken auf den NS-Raubkunst-Skandal bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und meinen: Nicht die Museen, sondern die Politik trägt die Schuld. Und der Guardian schaut in Margate auf hundert Jahre Widerstand zurück.

Zuviel Geschmack ist gefährlich

21.02.2025. Tricia Tuttles erste Berlinale lässt die Filmkritiker zumindest klaglos zurück: Es gab genug Kunst und Innovation, meint die FR. Und der ukrainische Schwerpunkt war ohnehin sehenswert, ergänzt die taz. Monopol staunt in Düsseldorf über die Landschaften aus Elektroschrott, die der äthiopische Künstler Elias Sime erschafft. Der Münchner Museumsverband versucht nach dem SZ-Leak zu NS-Raubkunst in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen nun seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, konstatiert der Tagesspiegel. Die FR lernt in Bulgarien, wie Kulturerbe schmerzen kann.

Die Wunde eines ganzen Landes

20.02.2025. Die Filmkritiker ziehen eine erste vorsichtige Berlinale-Bilanz, Highlights entdecken sie in den Nebensektionen: Philipp Dörings vierstündiger Dokumentarfilm "Palliativstation" etwa, oder Marcin Wierzchowskis und Martina Priessners Beiträge zu den Anschlägen in Hanau und Mölln. Das französische Unterstützerkomitee für Boualem Sansal veröffentlicht einen deutlichen Appell an Macron, wir zitieren. In Franc-Tireur verteidigt Raphael Enthoven Kamel Daoud und die Kunstfreiheit. Die SZ entnimmt einem geleakten 900-Seiten-Dokument, wie die  Bayerischen Staatsgemäldesammlungen NS-Raubkunstfälle verheimlichten.

Zwischen Weisheit und Größenwahn

19.02.2025. Die Filmkritiker feiern auf der Berlinale Richard Linklaters "Blue Moon" - die FAZ ist entzückt davon, wie Ethan Hawke hier mit Worten tanzt. Die taz sieht in Berlin in Matt Copsons laser-animierter Oper "Coming of Age" zu, wie ein Baby mit süßen Knopfaugen alles niederbrennt. Claus Leggewie berichtet im Perlentaucher von einem Solidaritätsabend für Boualem Sansal in Paris. Die SZ fühlt sich in einer umstrittenen römischen Futurismus-Ausstellung an Katholikentagskitsch erinnert. Einen vogelartig staksenden Faun lernt die FR dank Choreografin Liliana Barros im Staatstheater Wiesbaden kennen.

In den unmöglichsten Winkeln im Nacken

18.02.2025. Herrlich cringe finden die Filmkritiker Frédéric Hambaleks Berlinale-Film "Was Marielle weiß" über ein junges Mädchen, das plötzlich alles sehen und hören kann, was seine Eltern treiben. Mit Oleksiy Radynskis Dokumentarfilm "Special Operations" erleben sie die dumme Realität russischer Okkupation in Tschernobyl. Die Welt hat die Nase voll von den Brüllorgien und Vulgarismen in der deutschen Theaterlandschaft. Die FAZ blickt neidisch ins norwegische Trondheim, wo die Architektin India Mahdavi im neuen Gegenwartskunst-Museum PoMo Farben durch alle Räume rinnen lässt.

Possierliche Raupenmonster

17.02.2025. Halbzeit bei der Berlinale: Die FR ist noch nicht zufrieden, macht aber Bong Joon-Hos Science-Fiction-Farce "Mickey 17", in dem Robert Pattinson es mit einer Trump-Karikatur im Weltall aufnehmen muss, als stärksten Film aus. Der Tagesspiegel feiert derweil Bruno Forzanis "Reflections in a Dead Diamond", eine irrlichternde Hommage an das Eurospy-Genre der Sechziger. Die FAZ wird mit Mark-Anthony Turnages Oper "Festen" in eine düstere Familienfeier hineingezogen. Die SZ entdeckt in der Londoner Courtauld Gallery einen Picasso hinter dem Picasso.

In verzweifelter Erwartung des Bösen

15.02.2025. Die Jüdische Allgemeine registriert entsetzt den Hass auf Israel in der Filmbranche, der sich im Applaus für Tilda Swintons Kritik am "Kolonisator" Israel und dem Schweigen zu den israelischen Opfern ausdrückte. Die taz ist beeindruckt von der unideologischen Bildsprache in Tom Shovals Doku "A Letter to David" über den von der Hamas entführten Schauspieler David Cunio. Die FAS nähert sich dem Thema "Angst" in einer Ausstellung des Jüdischen Museums in Wien. Wie man Sprachlosigkeit lösen kann, lernt die beeindruckte FAZ bei einem Gedenkkonzert der Dresdner Philharmonie zur Bombardierung Dresdens mit Benjamin Brittens "War Requiem".