Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Und sie singt weiter

17.06.2025. FAZ und FR wird in Johannes Eraths Inszenierung der Händel-Oper "Alcina" an der Oper Frankfurt optisch einiges geboten: Variété, Zirkus und sogar eine zersägte Frau. "Für mich ist Russland im Moment ein Monster und nichts anderes", sagt die russische Filmemacherin Svetlana Rodina im Tages-Anzeiger. Zeit Online sorgt sich um die Zukunft des Musikvideos. Und die Musikkritiker trauern um den Freejazzer und Experimentalmusiker Sven-Åke Johansson

Der Gestus eines leise bebenden Nachblickens

16.06.2025. Ayşe Güvendiren erschüttert die Nachtkritik mit ihrer hochpolitischen Inszenierung des NSU-Terrors und seiner Folgen am Staatsschauspiel Dresden. Die Hilti Art Foundation zeigt der NZZwie die Kühle Lyonel Feiningers mit dem "ungebändigten Furor" Ernst Ludwig Kirchners kommuniziert. Die SZ braucht starke Nerven beim Bachfest in Leipzig, die FAZ lernt beim Mozartfest in Würzburg die Folgen eines delikaten Pedalgebrauchs verstehen.

Launig-sarkastische-irgendwas Verkünstelung

14.06.2025. Die FAS findet bei der diesjährigen Berlin-Biennale heraus, wie man mit einem Kohlkopf gegen repressive Regime protestieren kann. Die SZ amüsiert sich prächtig, wenn Arthur Franck in seiner Doku "The Helsinki-Effect" die Derbheiten von Henry Kissinger und Leonid Breschnew während der KSZE-Konferenz 1975 rekonstruiert. Die FAZ fragt in einer Ausstellung in Wien, wer in der Geschichte die Hosen anhatte - und findet Meisterwerke der Textilkunst. 

Schönheit und deren Zertrümmerung

13.06.2025. Die FAZ tanzt im Palais Garnier mit dem israelischen Choreografen Hofesh Shechter, als wäre es die letzte Party ihres Lebens. Artechock taucht im Filmmuseum München in die Filme der iranischen Nouvelle Vague ein, die dem heutigen regimekritischen Kino den Weg bereitet hat. Wir dürfen Boualem Sansal nicht vergessen, warnt der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun bei Le Point. Zeit Online fackelt mit Progressive-Metal-Band Sleep Token nach allen Regeln der Kunst die Welt ab. 

Es ängstelt nur

12.06.2025. Die Feuilletons trauern um den früheren Beach Boy Brian Wilson: Er war John Lennon, Paul McCartney und George Martin in Personalunion, schreibt die NZZ. Die SZ erlebt eine fulminante Mendelssohn-Inszenierung von Andreas Homoki in Zürich, in der ein grantiger Prophet "Elias" auf das Volk schimpft. Die Zeit steht in der saudischen Wüste am Grund eines gigantischen Stausees in Planung und erinnert daran, dass das Projekt "Neom" nicht nur Geld, sondern auch Leben kostet. 

Soviel Weiblichkeit muss sein

11.06.2025. Große Trauer um den Funkmusiker Sly Stone, der es laut taz, verstand, Spiritualität und Wut musikalisch zu kanalisieren. Trauer auch um den für seine Nagelreliefs berühmten Künstler Günther Uecker. Und um Frederik Forsyth: Die SZ erinnert sich an seine Thriller, in denen vor allem Präsenz und Körperlichkeit zählen. Außerdem: Eher ein Reinfall ist die Neuaufnahme der Reichstagsverhüllung per Lichtprojektion, ärgert sich die Zeit. Die Welt fragt, nachdem Demis Volpi das Hamburger Ballett verlassen hat, ob das Haus auf ewig ein Erbhof John Neumeiers bleiben wird.

Wie ein Bacon'sches Schlafzimmer

10.06.2025. SZ und Welt sind schier überwältigt, wenn Barrie Kosky in Salzburg eine ganz eigene Vivaldi-Oper kreiert, in der Cecilia Bartoli und Philippe Jaroussky in einer Fülle aus Klangfarben brillieren. Die FR schwelgt in Frankfurt in den Arbeiten von 26 japanischen Künstlerinnen der 1950er Jahre bis heute. Die SZ trifft in Lübeck Thomas Manns Enkel Frido Mann, der glaubt, dass sein Großvater die heutige Welt nicht mehr verstanden hätte. Die NZZ schaut sich im Met in New York um, das gerade für zwei Milliarden renoviert wird. 

Ein Mehr an Denkmuskeln

07.06.2025. FAS und taz lernen bei der Buchmesse in Kyjiw, wie schwierig es ist, Kriegsslang und Kriegserfahrungen zu übersetzen - vor allem dann, wenn sich die Ukraine ständig erklären muss. Die Polyphonie der Dagmara Kraus zu übersetzen ist vermutlich unmöglich: Im Perlentaucher würdigt Marie Luise Knott die große Sprachwerkerin. Die nachtkritik wirft Milo Rau vor, einem Gewaltfetischismus zu frönen, wenn er ein Stück über eine Kriegsreporterin auf die Bühne der Wiener Festwochen bringt. Und backstageclassical ärgert sich über Michael Barenboim, der einen Boykott Israels fordert.

Unschärfe als notwendige Strategie

06.06.2025. Die Feuilletons gratulieren Thomas Mann zum 150. Geburtstag. FAZ und taz raten gerade jetzt, den politischen Mann zu hören, der vor Irrationalismus warnte. In der FR sucht Mann-Biograf Tilmann Lahme vergeblich eine bedeutende Frauenfigur im Werk des Dichters. En attendant Nadeau feiert eine Pariser Ausstellung über die Unschärfe in der Kunst. Die SZ wollte von Musikfestival-Veranstaltern wissen, was sie gegen Antisemitismus unternehmen wollen. Spoiler: Kaum jemand reagierte.

Rau und bereit, hässlich zu sein

05.06.2025. Der Tagesspiegel spürt beim Literaturfestival "HeadRead" im estnischen Tallinn die unterschwellige Angst vor einem russischen Einmarsch. Der Guardian kämpft mit Yoshitomo Naras Cartoon-Girls gegen Atomkraft. In der Zeit denkt der Musikproduzent Johann Scheerer über eine genossenschaftlich organisierte Musik-Plattform nach. Und die Filmkritiker blicken mit fiesem Body-Horror von Emilie Blichfeldt durch die Augen von Cinderellas hässlicher Stiefschwester.