Im Kino

Kino als Klassenzimmer

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
06.05.2026. Der Menschheitsverbrecher und der Psychiater: James Vanderbilts "Nürnberg" erzählt die juristische Aufarbeitungen des Naziunrechts als Schauspielerduell. Mit historischen Schreckensbildern geht der Film dabei einigermaßen pragmatisch um.

Zwei Projekte verfolgt der Film, ein dramaturgisches und ein pädagogisches. Das dramaturgische erzählt von einer unheimlichen Nähe. Der amerikanische Militärpsychologe Douglas M. Kelley (Rami Malek), der unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkriegs nach Nürnberg abkommandiert wird, um im Zuge der dort stattfindenden Prozesse den Geisteszustand der Angeklagten zu untersuchen, kommt einfach nicht mehr los von seinem prominentesten Untersuchungsobjekt; von Hermann Göring (Russell Crowe), je nach Zählung Nummer 2, 3 oder 4 in der Hackordnung des Dritten Reiches, nun jedenfalls ranghöchster Gefangener der Alliierten. Mit sich und der Welt sonderbar zufrieden, residiert der rundliche Kriegsverbrecher zunächst noch in einem veritablen Großraumbüro, und auch wenn er später eine handelsüblich spartanisch eingerichtete Zelle bezieht, zeigt er sich durchaus angetan von der ihn nun allseitig eng umschließenden deutschen Wertarbeit.

Kelley hingegen kann höchstens ganz am Anfang, während einer noch weitgehend im Touristenmodus sich vollziehenden Zugfahrt durch das ausgebombte Deutschland, entspannen. Sein Flirt mit der hübschen Reporterin Lila (Lydia Peckham) setzt sich nach seiner Ankunft in der Haupthandlung des Films nicht fort. Lilas Aufgabe wird sich im Weiteren darauf beschränken, in die ansonsten arg ocker- und dunkelbraunlastigen Farbpalette hier und da hellere Farbtupfer einzutragen. Zumeist haben der Film und auch Kelley nur Augen für Göring, der mit seiner jovial-väterlichen, von wuchtiger Autorität unterfütterten Art den naiven, selbstunsicheren Psychiater um den Finger wickelt. Die Suggestionskraft nationalsozialistischer Brachialrhetorik, der sich in den Jahren zuvor ein ganzes Land nicht entziehen konnte, wird gewissermaßen noch einmal im Kleinen aufgeführt, in einer Serie von emotional zunehmend entgleisenden Vieraugengesprächen.

Womit wir beim pädagogischen Projekt wären. "Nürnberg" ist offensichtlich als eine Art Nachfolgeprojet beziehungsweise zeitgemäßes Update von Stanley Kramers "Urteil von Nürnberg" angelegt, einem dreistündigen Schwarzweiß-Film aus dem Jahr 1961, der zu weiten Teilen aus Szenen besteht, in denen sich Hollywoodstars - Spencer Tracy, Richard Widmark, Maximilian Schell und so weiter - gegenseitig wortgewandt anbrüllen. Mit dem Ziel, dem Kinopublikum vorzuführen, weshalb es sinnvoll ist, auch die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte mit einem Prozess, also einer diskursiv-theatralen Aushandlung, zu beantworten; und nicht, zum Beispiel, mit einem nüchternen Erschießungskommando. 


"Nürnberg" nun ist ein bisschen kürzer, ein bisschen farbiger und insbesondere in den Gerichtsszenen um einiges platter. Kramer hatte sich gerade nicht den besonders spektakulären, bereits im Herbst 1945 eröffneten Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vorgeknöpft, sondern den Richterprozess im Jahr 1947; im Zentrum stand also - mit Blick auf, unter anderem, NS-Urteile zu Sterilisierungen und "Rassenschande" - die Frage, ob und wie Rechtssprechung selbst Unrecht sein kann, eine Frage, die natürlich automatisch auch die Legitimität der Nürnberger Prozesse berührt.

Der neue Film gibt sich mit derartigen Spitzfindigkeiten nicht ab oder huscht jedenfalls dort, wo sie doch ihr Haupt heben, flink über sie hinweg. Stattdessen steht, dagegen ist selbstverständlich nichts einzuwenden, Vermittlung von zeithistorischem Grundlagenwissen auf dem Programm. Immer wieder kommt die ohnehin recht gemächliche dramatische Handlung ganz zum Stillstand und das Kino verwandelt sich in ein Klassenzimmer. Dann klärt zum Beispiel eine Figur eine andere direkt auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände über die Nürnberger Gesetze auf. Später wird die Lektion um eine persönliche Dimension erweitert, wenn ein in Deutschland aufgewachsener amerikanischer Soldat einem Kameraden vom Leid seiner jüdischen Familie in Nazideutschland erzählt. Die Gerichtsszenen selbst nehmen vergleichsweise wenig Platz ein; und sie steuern pfeilgenau auf den von Göring am 31. Juli 1941 unterzeichneten Befehl zum "Endlösung der Judenfrage" zu. 

Centerpiece sowohl des dramaturgischen als auch des pädagogischen Projekts ist ein Film im Film. Dessen zentrale Stellung ist vielleicht die offensichtlichste Verbindung zu "Urteil von Nürnberg". Denn Kramers Film prägt nicht nur das mediale Bild der Nürnberger Prozesse bis heute; sondern gilt auch als ein Meilenstein in der filmischen Darstellung des Holocaust - als erster Mainstreamfilm integrierte "Urteil von Nürnberg" Aufnahmen aus den Lagern, die amerikanische und britische Soldaten nach der Befreiung aufgenommen hatten.

In "Nürnberg" nehmen die inzwischen geläufigen, aber deshalb noch lange nicht in irgendeinem Sinn verarbeiteten Bilder von Leichenbergen und lebenden Skeletten, die Anfang 1945 in Ost- und Mitteleuropa entstanden, noch einmal deutlich mehr Raum ein. Sie dienen einerseits dazu, die filmische Geschichtsstunde zu intensivieren und ultimativ zu beglaubigen, ein bisschen, wie wenn der Lehrer mit der Faust aber sowas von auf den Tisch haut; andererseits lassen sie die Beziehung von Kelley und Göring kippen, was vorher teils fast nach sensibler Männerfreundschaft ausschaut, verwandelt sich in eine freilich fast noch intimer anmutende Männerfeindschaft. So ganz schlau wird man freilich bis zum Schluss nicht daraus, was den Film an diesem Kelley fasziniert, der insgesamt, vorsichtig ausgedrückt, nicht wie der allerkompetenteste Naziversteher rüberkommt.

Einen ziemlich pragmatischen Umgang mit den historischen Schreckensbildern pflegt "Nürnberg" jedenfalls. Was man aus grundsätzlichen Gründen problematisch finden mag, genau wie das arg auf Effekt getrimmte Schauspielerduell, auf das Regisseur James Vanderbilt Kramers vergleichsweise komplexen Klassiker zurecht stutzt. Andererseits kann man dieser Tage wohl froh sein, dass der insgesamt eher mittelaufregende Film es dabei bewenden lässt; und nicht nach Möglichkeiten sucht, die Bilder aus den Lagern ihrer historischen Verortung zu entkleiden und sie in diese oder jene zeitgenössische Empörungsmaschinerie einzuspeisen.

Lukas Foerster

Nürnberg  - USA 2025 - OT: Nuremberg - Regie: James Vanderbilt - Darsteller: Rami Malek, Russel Crowe, Michael Shannon, Lydia Peckham - Laufzeit: 148 Min.