Efeu - Die Kulturrundschau
Roh und ungefiltert
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06.11.2026. Im Tagesspiegel erkennt Daniel Kehlmann Parallelen zwischen dem alten Preußen und der MAGA-Bewegung. Die FAZ sucht in Malaga lieber die Gemeinsamkeiten zwischen den Ideal-Expressionisten Edvard Munch und Pablo Picasso. Ganz einig sind sich FAZ und artechock nicht, ob Michal Kosakowskis Essayfilm "Holofiction", der Kinobilder über die Shoah verdichtet, gelungen ist. Die Welt überlegt, ob das Projekt der Bjarne Ingels Group, "Refugee Cities" in Uganda zu bauen, zynisch ist.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
06.11.2026
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Literatur

Weitere Artikel: Der Verleger Klaus Bittermann schreibt in der taz einen Nachruf auf den Schriftsteller Joseph von Westphalen. Tilman Spreckelsen berichtet in der FAZ von einer Tagung zum hundertsten Geburtstag des Schriftstellers Günter de Bruyn. Besprochen werden unter anderem Manik Sarkars "Ochsenkopf" (FAZ) und Tommie Goerz' "Der Baum" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Spannende Gegenüberstellung, und doch fast zwingend: Wieviele Gemeinsamkeiten Edvard Munch und Pablo Picasso aufweisen, hätte Stefan Trinks (FAZ) vor seinem Besuch der aktuellen Ausstellung im Picasso-Museum in Malaga gar nicht vermutet. Neben biografischen Übereinstimmungen beider Künstler teilen sie nicht nur ein Interesse an den Abgründen der menschlichen Psyche oder die Intensität, mit der sie den Tod malerisch festhalten. "Wenig überraschend allerdings entspinnt sich der engste Dialog beim Thema der 'Femme fragile - femme fatale'. Beide bleiben für ihre wörtlich desaströsen Beziehungen zu Frauen wie auch für ihr Lavieren zwischen vorbehaltloser Attraktion und semisadistischen Abstoßungstendenzen gegenüber dem weiblichen Geschlecht notorisch. Munch und Picasso sind in dieser Hinsicht Ideal-Expressionisten, da sie ihre Gefühle roh und ungefiltert in Farbe gießen. Im Zustand des Verliebtseins gelingen die anziehendsten Frauenbildnisse, als Abstoßungsreaktion gerinnen die Geliebten Picasso zu Monstren und Schädeln, Munch zu rothaarigen Vampiren, von denen es nicht weniger als acht Versionen gibt."
Die Künstler der fast vergessenen Funk Art bildeten keine zusammenhängende Gruppe, und doch einte sie mit der Pop Art ein gemeinsamer Gegner, erinnert Freya Dieckmann (Monopol), die sich im Di Rosa Center for Contemporary Art im Napa Valley nahe San Francisco amüsiert mit der "knalligen Wildheit" der Werke. Es galt, in erster Linie unangepasst zu sein, wie etwa das "Rhino Car" zeigt: "Das Gemeinschaftswerk der Künstler Michael Bishop und David Best besteht aus einem von Krimskrams übersäten Oldtimer - und dem Kopf eines lebensgroßen Nashorns. Der ragt aus dem Heck des Autos hervor, das mit seinen Sammelfigürchen aus US-amerikanischen TV-Shows, Plastikpistolen und kitschigen Jesus-Büsten wie eine kleinteilige und bissige Satire der US-amerikanischen Gesellschaft wirkt."
Weitere Artikel: Walter M. Straten berichtet in der Welt über Streitigkeiten zwischen der Londoner National Gallery, die aktuell eine Van-Eyck-Ausstellung zeigt und dem deutschen Kunsthistoriker Stephan Kemperdick, der behauptet Van Eycks berühmte "Arnolfini-Hochzeit" stelle gar nicht die Arnolfinis dar. Bewegt und beeindruckt berichtet Fridtjof Küchemann in der FAZ von einer auf Menschen mit Demenz ausgerichteten Führung im Kölner Museum Ludwig.
Bühne
Besprochen werden Dmitri Tcherniakovs Inszenierung mit drei selten gespielten Einaktern von Sergej Rachmaninow am Opernhaus Zürich ("Ein Geniestreich des Musiktheaters, jubelt Jan Brachmann in der FAZ, mehr hier) das Potsdamer Performance-Festival "Unidram" (taz), eine Tanzperformance des Tanzduos "Strike" im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main im Frankfurter Produktionshaus Naxos (FR) und Barbara Webers Adaption von Madame Nielsens Roman "Lamento" am Wiener Volkstheater (Standard).
Architektur

Ganz so zynisch wie es klingt, ist es gar nicht, beschwichtigt Marcus Woeller in der Welt: In Uganda, das Europa als willkommenes Ziel für Abschiebungen dient, will das dänische Architekturbüro BIG um Bjarke Ingels gemeinsam mit der von den Brüdern Nachson und Arieh Mimran gegründeten Organisation to.org an die Stelle provisorischer Flüchtlingslager ganze "Refugee Cities" setzen: "Als ersten Baustein von 'Refugee Cities' haben die Partner nun den Prototyp einer modularen Familienwohneinheit in der ugandischen Flüchtlingssiedlung Bidi Bidi vorgestellt. Aus solchen Einheiten soll eine skalierbare Stadtstruktur entstehen, die Wohnraum, Produktion, Landwirtschaft, Schulen und öffentliche Räume verbindet." Aber: "Es fehlen Angaben zu Eigentumsverhältnissen an Land, Häusern und Infrastruktur, zur Höhe des benötigten Kapitals, zur erwarteten Rendite und zur Refinanzierung. Ebenso offen bleibt, welche Mitsprache die Bewohner besitzen und ob sie Mieter, Eigentümer, Anteilseigner oder bloße Nutzer der Infrastruktur wären. Unklar bleibt auch, wer bei einem Scheitern des Vorhabens haftet."
Weitere Artikel: Dass Trump einen Tag nach der Wahlniederlage mit Journalisten lieber über seinen neuen Ballsaal plauderte, veranlasst Gerhard Matzig in der SZ dazu, darüber nachzudenken, warum sich Mächtige wie Ludwig II., Hitler oder eben Trump am Ende ihrer Macht in Baufantasien flüchten: "Was verspricht größere Kontrolle als ein Bauplan? Während Wähler widersprechen, Generäle scheitern und Banken Kredite kündigen, bleiben Säulen, Fassaden und Raumfluchten auf dem Reißbrett und in den Renderings beherrschbar."
Film

Michal Kosakowskis Essayfilm "Holofiction" sammelt, verdichtet, collagiert und kontrastiert die Bilder, die sich das Kino in seiner Geschichte vom Holocaust gemacht hat - dabei bilden sich Tropen heraus, Standardmotive und -situatione, bis hin zu grotesken Gegenüberstellungen, wenn ein und derselbe Schauspieler sich im Schnitt als Täter wie Opfer begegnet. Über allem steht Claude Lanzmanns Diktum des Bildverbots vom Holocaust. "Man kann 'Holofiction' wie eine Enzyklopädie oder eine Bibliografie lesen, die zu den Quellen führt, die aber eben nicht die Quellen sind, sondern sich über die Tatsache legen, dass es aus dem Innersten der Schoa keine Bildquellen gibt", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "Die 'Holofiction' wird somit als eine eigene Form erkennbar, mit einem im Kino nicht repräsentierbaren Geschehen repräsentierend umzugehen. ... Die Schoa wird in 'Holofiction' tatsächlich zu einem Menschheitsverbrechen - sie strahlt aus in das Kino vieler Länder, sie wird zu einem Zentrum der Möglichkeit, nahezu lebensnahe 'period pieces' zu erzeugen, bewegte Bilder von Geschichte, die alle Mittel der Mimesis aufbieten, um den garstigen Graben in die Vergangenheit zu überbrücken. Bei Lanzmann gehört die Verweigerung der 'transgression', die Schoa einfach in den Bilderstrom der Moderne aufzunehmen, zum Prinzip des 'Nie wieder'. Kosakowski versucht, dieses Prinzip mithilfe des Bilderstroms ein weiteres Mal ins Recht zu setzen."
Die auf dokumentarische Formen spezialisierte Filmwissenschaftlerin Eva Hohenberger (Artechock) reagiert auf das Bilderkonvolut indessen mit spürbarer Skepsis, auch weil der Film in seinem eigens komponierten und durchgehend gespielten Score sonderbar widersprüchlich wirkt: "Selbst wenn manche Dissonanzen an Hanns Eislers Verunstaltung der deutschen Hymne in 'Nacht und Nebel' erinnern, ist das musikalische Konzept das Gegenteil von Eislers kontrapunktischem Musikeinsatz. Regiert beim Bild das Gesetz der großen Zahl, so bei der Musik der Gestus der Überwältigung. Hier wird das Bild, das sonst sich in der Menge nivelliert, auf einmal wieder bitterernst genommen, und den visuellen Stereotypen wird erneut jene Schwere eingeblasen, die sie vermutlich in ihren Ursprungsfilmen haben sollten. Geradezu mimetisch passt sich die Musik an die Inhalte der Bildmotive an; ein Walzer hier, ein trauriges Lied dort, und die Dissonanzen rufen dem Hörer zu, dass es jetzt ernst wird. Der ästhetische Selbstwiderspruch ist so aufschlussreich wie die Bildstatistik in ihrem Erkenntnisgewinn banal."
Jan Küveler porträtiert in der Welt die frühere Schauspielerin Sandra Lipski, die in den letzten 15 Jahren still und heimlich das Filmfestival Mallorca aufgebaut hat. Diesem gelingt mittlerweile, woran große Festivals zuletzt immer häufiger scheitern: Stars anlocken. Das hat mit gewissen Marktkalkülen hinter den Kulissen zu tun: "Noch vor zehn Jahren schickten die Studios ihre teuersten Filme an den Lido oder an die Croisette, jedenfalls die mit künstlerischem Ehrgeiz. Ungefähr seit der Pandemie behalten sie sie lieber für sich: Wer 200 Millionen Dollar investiert hat, riskiert ungern einen Verriss drei Monate vor dem Kinostart, zumal sich eine Kampagne in den sozialen Medien auch ohne roten Teppich steuern lässt. ... Wenn aber selbst Cannes die größten Filme nicht mehr bekommt, verliert die Weltpremiere als Währung an Wert - und ein Festival, das nie welche hatte, ist auf einmal kaum noch im Nachteil. Was es stattdessen bieten kann, ist Zeit".
Außerdem: Valerie Dirk spricht im Standard mit Fatih Akin über dessen neuen Film "Geister" (unsere Kritik). Außerdem Rüdiger Suchsland berichtet auf Artechock vom Dok.Leipzig, wo sich zeigt, dass neue deutsche Dokumentarfilme zunehmend "die ostdeutsche Wirklichkeit jenseits der großen Erzählungen von Mauerfall, Wiedervereinigung, Abwicklung und Anpassung" in den Blick nehmen. "Wir müssen die Filmkritik wieder ernst nehmen als Auseinandersetzung mit Kunst", ruft Suchsland außerdem in seiner Artechock-Kolumne, "nicht als Empfehlung, nicht als Ratgeber, nicht als Gastrokritik." Silvia Hallensleben (taz) und Wolfgang Lasinger (Artechock) resümieren die Viennale. Bert Rebhandl gratuliert in der FAZ der Schauspielerin Sally Fields zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden Takashi Yamazakis "Godzilla Minus Zero" (taz, unsere Kritik), Andrej Swjaginzews "Minotaurus" (Artechock, SZ, mehr zum Film bereits hier), Sandra Prechtels "Einar Schleef - Ich habe kein Deutschland gefunden" (Artechock), Stuart Ortiz' "Strange Harvest" (Artechock), Travis Knights "Wildwood" (Artechock) und die DVD-Ausgabe von John Sayles' "Matewan" (taz).
Musik
Merle Krefeld informiert in VAN über die finanzielle Lage der Musikhochschulen in Deutschland, die wegen kleinerer Budgets und einem immer größeren Sanierungsstau erheblich unter Druck stehen. Weitere Nachrufe auf den Dirigenten Herbert Blomstedt schreiben Judith von Sternburg (FR), Thomas Wochnick (Tsp), Michael Stallknecht (SZ) und Alexander Cammann (ZeitOnline) - hier unser Resümee der ersten Nachrufe. Besprochen werden das neue Album "Ideale" von Die Verlierer (taz) und das Tränen-Album "Leben in einer Katze" (taz).
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