Efeu - Die Kulturrundschau

Mit tausend Fragen vermintes Feld

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02.11.2026. Immerhin machen die Jugendproteste die trostlosen Innenstädte wieder zu politischen Orten, meint die SZ. Die NZZ lauscht mit Ryuichi Sakamoto im Hamburger Bahnhof den Erdbeben auf einem alten Klavier. Die SZ ist sich noch nicht so ganz sicher, was sie von den neuen Plänen für Goethes Wohnhaus in Weimar halten soll. Der Standard geht der Frage nach, weshalb die Neue Rechte so viel Tolkien liest. FAZ und FR erkennen in Frankfurt dank Luise Voigt die Aktualität von Hans Fallada. Und alle trauern um die Filmproduzentin Regina Ziegler.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2026 finden Sie hier

Architektur

Immerhin werden die Städte durch die Proteste am Wochenende wieder zu politischen Orten, befindet Gerhard Matzig in der SZ, ansonsten sind sie fast ausschließlich zu betonierter Tristesse geworden: "So trostlos und traurig wie gestern sahen deutsche Innenstädte trotz all ihrer Krisen noch nie aus. Treiber und Ausdruck der komplexen Krisen: zum Beispiel der Niedergang der Kaufhäuser, die dem Online-Shopping vom Sofa aus kaum etwas entgegensetzen; ewige Baustellen; das selbstverschuldete Einerlei der immer gleichen Kettenläden in den immer gleichen Fußgängerzonen als Mangelzonen stadträumlicher Schönheit und architektonischer Identität (…) Paradoxerweise erinnern die Bilder der Proteste, die ohne den Sinnzusammenhang von politischen und städtischen Räumen gar nicht wirksam wären, vor allem daran, dass der zur Konsumwelt degenerierte öffentliche Raum noch immer der natürliche Ort politischer Auseinandersetzungen ist. Vielleicht wäre die Lehre daraus diese: Die Stadt ist tot, es lebe die Stadt - nicht als Konsumtempel und nicht als Pressspanplatten-Dorado. Aber als Ort, an dem die Gesellschaft herausfindet, wer sie sein will."

Wojciech Czaja berichtet in der taz über die Pläne des deutschen Architekten Patrik Schumacher von ZHA Architects für Liberland, ein Gebiet zwischen Kroatien und Serbien, das von Techmilliardären zum Wirtschaftsparadies entwickelt werden soll. Das hört sich an wie ein illusorischer Bitcoin-Traum, der besser nicht wahr werden sollte: "Innerhalb des städtebaulichen Masterplans, der an bewegliche Metallpartikel in einem Magnetfeld erinnert, befinden sich Luxusvillen, Wohnhochhäuser, moderne Regierungsgebäude und diverse Entertainment-Hallen, mit einer hyperorganisch geformten, eigenen Angaben zufolge nachhaltig bewirtschafteten Parklandschaft rundherum. Die Visualisierung mit Schiffen und Yachten im Hafen verrät, dass man an einer Abgrenzung der Retorte stärker interessiert ist, als an einer sozial gerechten Vernetzung ins Umland."

Weiteres: Nikolaus Bernau schreibt im Tagesspiegel ein Plädoyer für den Berliner Bierpinsel.
Archiv: Architektur

Film

Regina Ziegler, 2019. (Bild: Martin Kraft, CC-BY SA 4.0)
Die Filmproduzentin Regina Ziegler ist tot. Sie war eine Art Grundpfeiler des deutschen Films - mit hunderten Film- und Fernsehproduktionen, einem eigenen Filmverleih und außerdem als Betreiberin der Westberliner Kino-Institution filmkunst66. Bereits ihre erste Produktion - Wolf Gremms "Ich dachte, ich wäre tot" von 1973 - erhielt den Bundesfilmpreis, "von da an ging es immer weiter bergauf für die Powerfrau, die sich bereits Anfang der Siebzigerjahre mit einer Produktionsfirma selbstständig machte und mit ihrem Privatvermögen unbegrenzt haftete", schreibt Elisabeth Binder im Tagesspiegel. "Ihr Auftreten war tough, wie man das von Filmproduzenten erwartet, aber gleichzeitig offen und nahbar. Von Anfang an lebte die verhinderte Juristin wild und gefährlich, gab alles für ihre Projekte. ... Sie konnte mit Artur Brauner, der lange als Repräsentant von 'Opas Kino' galt, ebenso wie mit Volker Schlöndorff, mit dem sie 'Rückkehr nach Montauk' und 'Heimsuchung - Eine Jahrhundertgeschichte' realisiert hat. Rainer Werner Fassbinder ging einst in ihrem Haus ein und aus."

Sie "war von einer nicht zu bremsenden Energie und auch nach Jahren von ihrem Metier noch derart mitreißend begeistert, als habe sie gerade erst ihre erste Arbeit abgeliefert", würdigt Michael Hanfeld Ziegler in der FAZ. "Als Unternehmerin hatte sie akzeptiert, dass die Summe ihrer Filme ein breites Publikum erreichen muss", schreibt Götz Hamann auf ZeitOnline. "Aber es gab da auch diese besonderen Stoffe, die das 20. Jahrhundert verhandeln, deutsche Zeitgeschichte. Für sie ließ Regina Ziegler ihre unternehmerische Vernunft mehr als einmal fahren." Und nicht zu unterschätzen: "Ziegler hat sich vor mehr als 50 Jahren in einer von Männern nicht nur dominierten, sondern komplett beherrschten Branche selbstständig gemacht." Im Dlf-Archiv findet sich ein ausführliches Gespräch mit ihr.

Außerdem: Jens Ulrich Eckhard spricht in der NZZ am Sonntag mit dem Architekten Peter Zumthor und Wim Wenders, der nach vierzehn Jahren seinen Dokumentarfilm "From Inside Out" über die Architektur Zumthors fertiggestellt hat. Die im Oktober im Berliner Kino Arsenal gelaufene Filmreihe "Just revolutionary - Die Filme des Ninjin Clubs" war laut tazler Fabian Tietke "nichts weniger als eine radikale Umschreibung der japanischen Kinogeschichte der ersten Jahrzehnte der Nachkriegszeit". Valerie Dirk spricht im Standard mit Isabelle Huppert über ihre Rolle in Ulrike Ottingers "Die Blutgräfin" (mehr zum Film hier). Außerdem spricht im Standard Jakob Thaller mit dem Wiener Original Al Cook über dessen Rolle im Viennale-Film "The Loneliest Man in Town". Jan Feddersen schreibt in der taz einen Nachruf auf die Schauspielerin Elke Sommer (mehr zu ihrem Tod bereits hier). Chris Schinke schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Patrick Stewart (weitere Nachrufe hier).

Besprochen werden Jens Meurers Porträtfilm "Biermann - Warte nicht auf beßre Zeiten" ("ein Werk der Liebe und der Erinnerung zu Lebzeiten", schwärmt Jens Balzer auf ZeitOnline) und Rob Savages Horrorfilm "Other Mommy" (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Sehr beeindruckt kommt NZZ-Kritiker Carlo Mariani aus der Ryuichi-Sakamoto-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin. Der 2023 verstorbene japanische Musiker und Komponist, dessen Werk von Klassik über Jazz und Elektropop bis zu Filmmusik und sphärisch-abstraktem Ambient reicht, zeigt sich in den hier gezeigten Arbeiten als ein Künstler, der loslassen kann von auktorial durchgestalteter Ästhetik. Unter anderem begegnet einem hier "ein verstaubter, verkratzter schwarzer Flügel", der im Wasser steht. "In langen, unregelmässigen Abständen drücken die Metallstifte eines Automaten die Tasten. Mal dröhnt es so tief, dass sich kaum sagen lässt, woher der Ton kommt. Mal schlagen die Hämmer auf beschädigte, verstimmte Saiten und erzeugen helle, metallische Klänge. Die unrhythmischen Anschläge erschüttern die frostige Ruhe immer wieder. Ryuichi Sakamoto barg den alten Flügel in einer Schule in Japan, die 2011 vom Tsunami verwüstet worden war. ... Für Sakamoto wurde das beschädigte Instrument 'von der Natur gestimmt'. In der Installation 'IS YOUR TIME' (2017/2024, mit Shiro Takatani) wird es von einem Interpreten gespielt, der seismologische Daten aus aller Welt empfängt. Wann immer irgendwo die Erde bebt, spielt das alte Klavier. Es ist ein Leitmotiv von Sakamotos später Kunst - der Komponist bestimmt hier nicht mehr jeden Ton, er wird zum Beobachter und Zuhörer."



Außerdem: Ljubiša Tošić berichtet im Standard vom Auftakt des Festivals Wien Modern. Christian Schachinger erinnert im Standard an den 2019 verstorbenen texanischen Musiker Roky Erickson. Besprochen werden Simon Lucacius Album "Torsion" (diese Musik "steckt voller lebendiger Ereignisse, Form- und Klangideen, Auslassungen und Konkretionen", schreibt Hans-Jürgen Linke in der FR) und und "Perfecth", das neue Album von Queens of the Stone Age (Standard-Kritiker Jannik Eder lobt die "Emphase des Anti-Perfektionismus").

Archiv: Musik
Stichwörter: Sakamoto, Ryuichi

Literatur

Mit sanfter Sorge blickt Kristina Maidt-Zinke in der SZ darauf, dass Goethes Wohnhaus in Weimar zwecks Renovierung für drei Jahre schließen soll. "Es wird voller, bunter und 'mehr Goethe' werden", versprechen die Ankündigungen. "Voller, weil Goethes Sammlungen, die einen so wesentlichen Teil seiner Existenz und Lebensführung ausmachten, in die Räume zurückkehren sollen. ... Bunter unter anderem deshalb, weil man unter dem heute einheitlichen Grau der Sammlungsschränke oft farbige Anstriche fand. Und 'mehr Goethe': Das ist ein weites, mit tausend Fragen vermintes Feld. Welche Phasen seiner vier Jahrzehnte als Hausbesitzer ... gilt es zu berücksichtigen? Sollte man nur gesicherte Befunde präsentieren oder auch spekulative, wenn es der 'Anschauung' im Sinne Goethes dient, der ja Gipsabgüsse und Kopien von Kunstwerken nicht verschmähte? Darf man bei Gebrauchsgegenständen auf Replica zurückgreifen, um Verlorenes zu ersetzen oder um das Original zu schützen? Wo ist die Grenze zwischen Reliquienverehrung und der Verdeutlichung von Lebensumständen? Und wie stellt man Räume dar, deren Einrichtung nicht überliefert ist?"

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In den Sechzigern waren es die Hippies, die sich wegen der friedliebend-verbummelten, naturnahen Hobbits für "Der Herr der Ringe" begeisterten, heute sind es zunehmend die radikale Rechte und die Techbro-Clique, die Tolkiens Fantasy-Urtext für sich beanspruchen, stutzt Luise Aymar im Standard. "Für die Neue Rechte Italiens ging es dabei nicht um eine Ablehnung der Industriemoderne, sondern um eine Ablehnung progressiven Fortschritts." (Fortschrittlichen Fortschritts also?) "In dieser Tolkien-Euphorie diente das Auenland der Hobbits als anti-moderne, traditionelle Wertegemeinschaft." Die Tech-Bros durchforsten den Tolkien-Fundus derweil gerne nach Begriffen, mit denen sie ihre Firmen und Produkte - oft drakonische Überwachungs- und Waffensysteme - betiteln. "Dient dabei also Zauberer Saruman als Techbro der Isengart-Industrie als Vorbild? Eher nicht." Es "wird sich lieber auf das stereotypische Heldentum von Charakteren wie Aragorn, dem König Gondors oder dem Heerführer Boromir gestützt. In diesen allesamt rechten Interpretationen sind sie als starke Männer mit maximaler Macht ausgestattet und schützen ihre Heimat wie auch das unschuldige Auenland vor dem Fremden."

Weiteres: Die Schriftstellerin Dine Petrik schreibt in einem Standard-Essay über Staub. Der Schriftsteller Tex Rubinowitz denkt im Standard darüber nach, wie sich der Tod eines Künstlers auf die Bewertung dessen Werks auswirkt. Marcus Hladek berichtet in der FR vom Textland Literaturfest in Frankfurt.

Besprochen werden unter anderem Michel Houellebecqs Gedichtband "Der stets verlorene Kampf" (Standard), Asiye Müjgan Güvenlis Gedichtband "vor gestern - nach heute" (taz), Juls und Achdés neuer Lucky-Luke-Comic "Heiliger Lucky!" (Tsp), Timothy Garton Ashs "Europa in 7½ Kapiteln" (NZZ), Eva Sichelschmidts "Schön, dass du da warst" (SZ) und neue Krimis, darunter Nauja Lynges "Die Akte Grönland" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Bühne

"Kleiner Mann - was nun?". Foto: Jessica Schäfer


Luise Voigt inszeniert Hans Falladas Roman "Kleiner Mann - Was nun?" am Schauspiel Frankfurt als temporeiche Revue - für FAZ-Kritikerin Sandra Kegel unterhaltsam, aber nicht so sozialkritisch wie die Buchvorlage: "Das Gesellschaftspanorama der Zwischenkriegszeit erinnert in vielem an die Gegenwart: eine explosive Mischung aus sozialem Elend, nihilistischer Dekadenz und politischer Gewalt - und mittendrin die Angestellten, die vom Strudel der Ereignisse mitgerissen werden. Luise Voigts Frankfurter Inszenierung verzichtet dennoch klug darauf, Weimar mit der Gegenwart kurzzuschließen. Dass die dreistündige Inszenierung wie im Flug vergeht, hat trotzdem einen eigentümlichen Effekt. Der Abend stolpert beinah über seinen eigenen Erfolg, denn eine Revue braucht Tempo, Tempo aber verlangt, dass nichts stillsteht. Armut hingegen besteht aus Stillstand und Warten, Tagen, die nichts bringen. Darin liegt Falladas Schärfe. Der Frankfurter Abend ist so geschmeidig und flott inszeniert, dass die Tragik des Geschehens dahinter zurückzufallen droht."
 
Judith von Sternburg sieht in der FR "eine Revue mit ohrwurmartigen, aber nonchalant und missmutig hingehauten Nummern (meistens toll), überraschenden Bildern und starken episodischen Spielszenen. Aber zutiefst finster. Und die Schwierigkeiten der Zukunftsgestaltung unter prekärsten Verhältnissen geraten ebenso wenig aus dem Blick wie der Schrecken der Arbeits- und Mittellosigkeit. (…) Aller mitgebrachter Unmut über noch eine Romanadaption löst sich übrigens in nichts auf. Hier ist etwas Neues. Es macht sich nicht wichtig, es verschafft sich Gehör."

Weiteres: Die FAZ druckt Annegret Hahns Text über den Schauspieler Ulrich Mühe, den Siegertext des FAZ-Feuilletonpreises 2026. Besprochen werden: Tobias Kratzers "Siegfried"-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper (Welt, NZZ), Florian Mahlbergs Musical-Inszenierung "A Chorus Line" am Staatstheater Darmstadt (FR), Maxim Kolomiiets' Oper "The Mothers of Kherson" an der Warschauer Nationaloper (Zeit), Claudia Bauers Inszenierung von Peter Handkes "Kaspar" am Schauspiel Köln (Nachtkritik, taz), Anna Stiepani inszeniert Suzie Millers "Inter Alia" am Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Kunst

Die Fondation Beyeler wartet nicht nur mit einem neuen Museumsbau von Peter Zumthor auf, sondern auch mit einem neu vom Künstlerduo Fischli/Weiss gestalteten Kunstgarten um die Bauten herum. Die Natur formt hier für Gabriele Detterer in der NZZ das Sehen der Kunstwerke: "Um Philippe Parrenos 'Happy Ending'-Objekt zu entdecken, muss man jedoch, wie oftmals im wirklichen Leben, einen Ausweg aus vorgegebenen Strukturen erspähen. Tatsächlich an einem Ausweg, konkret in einem Durchgang nach draußen, platzierte Parreno seine Kunstidee, die den tunnelartigen ehemaligen Parkausgang erleuchtet. (...) 'Happy Ending' besteht aus einer von der Tunneldecke hängenden Lampe mit transparentem Glasschirm, Glühbirne und Edelstahldeckplatte, an der das durch die gebogene Röhre verlaufende Kabel der Leuchte montiert ist. Entworfen hat Parreno das Objekt vor Jahren, doch die Leuchte erscheint wie eigens für diesen Standort kreiert. Gedimmtes Licht weckt den Eindruck, sich in einer schützenden Höhle zu befinden. Der Hohlraum setzt der extrovertierten Schaulust, die von der Kunst der Fondation Beyeler mächtig angeregt wird, einen introvertierten Blick entgegen."

Weiteres: Immer mehr Künstler müssen sich gegen den Vorwurf verteidigen, ihre Kunst sei mit KI entstanden, Tim Krüger berichtet in der FR.

Besprochen wird: Die Ausstellung "Palästina zwischen Augen" im Berliner ngbk (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst