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01.10.2026. Die Feuilletons diskutieren über die umstrittene Doku "NAZA" von Yuval Abraham und Rachel Szor: Der FAZ fehlt eine kritische Einordnung, die Welt findet ihn zynisch, die Zeit lässt Eva Menasse und Philipp Peyman Engel darüber streiten. FR und FAZ staunen in der Frankfurter Schirn über Anna Hulačovás ökofeministische Kunst, die in Kollaboration mit Bienen entstand. In der taz fragt der Schriftsteller Clemens Böckmann, warum keine Wenderomane aus westdeutscher Perspektive geschrieben werden.
Szene aus "Naza" Heute startet YuvalAbrahams und RachelSzors seit dem Filmfestival Venedig heftig diskutierter Dokumentarfilm "NAZA" in den Kinos, für den das Duo auf einem Gebäudedach in Tel Aviv frühere Mitarbeiter des IDF zur Kriegsführung Israels in Gaza interviewt hat - und zwar insbesondere, was die KalkulationvonKollateralopfern betrifft. Dass der Krieg in Gaza jedes Maß verloren hat, davon ist Tania Martini in der FAZ überzeugt - vom Film allerdings nicht so sehr: "Israel hat immer wieder bewiesen, wie hochpräzise es geheimdienstliche und militärische Operationen durchführen kann. ... Gleichzeitig hat man es bei der Hamas mit einem Gegner zu tun, der (...) seine militärische Infrastruktur bewusst in dicht besiedelten zivilen Umgebungen unterhält. ... Denn was ist der Hamas schon die eigene Bevölkerung wert, wenn man dafür die internationale Ächtung Israels ein Stück weiter vorantreiben kann. Dass Israel es mit einem solchen Gegner zu tun hat, ist allerdings nicht Teil der Reflexion des Films. Wie überhaupt an keiner Stelle eine Einordnung erfolgt."
In seiner Darlegung hochtechnologischer Details aus der Welt der Datenanalyse ist dies "ein Film, der überhaupt von der Kriegsführung unserer Gegenwart und Zukunft handelt", schreibt Rüdiger Suchsland in der Welt. Doch "genau nach 60 Minuten nimmt der Film dann eine scharfe Kehrtwende. Aus dem Nichts kommt die Frage: 'Ist das ein Genozid?' Antwort: 'Ja, absolut.' Kurz darauf dann sind Bilder des Shoah-Gedenkens zu sehen, israelische Bürger, die beim Autofahren oder auf dem Bürgersteig innehalten und für eine Gedenkminute still stehen. Das ist an dieser Stelle des Films nur ein Zynismus. Die verzerrte Gleichsetzung des Unvergleichbaren und der Opfer mit den Tätern."
Die Zeit stellt Positionen der Schriftstellerin Eva Menasse und des Journalistien Philipp Peyman Engel gegenüber. Menasse stockt beim Sehen des Films der Atem, sie will schier verzweifeln ob des "Grauens" in den Schilderungen der "kalten, automatisierten Kriegsführung". Der Film kontextualisiert nichts, hält dem Engel entgegen, doch ohne den 7. Oktober zeigt der Film allenfalls nur die halbe Wahrheit. Und dann rücke der Film "den Krieg gegen die Terrororganisation Hamas perfide in die Nähe des Holocausts. Vergleicht israelische Soldaten mit NS-Tätern, die den Mord an sechs Millionen Juden zu verantworten haben. Stellt die Frage, was israelische Soldaten von SS-Massenmördern unterscheide. Suggeriert, dass Israel die Schoah instrumentalisiere, um einen eigenen angeblichen Völkermord an den Palästinensern zu verschleiern. Um es klar zu sagen: Dieser Film ist ein Skandal."
Weitere Artikel: Im Standardporträtiert Luise Aymar die Grafikdesignerin AnnieAtkins, die die Requisiten für WesAndersons durchgestaltete Filme entwirft. Martin Wittmann hat für die SZ die Aardman-Studios in Bristol besucht, wo neben "Wallace & Gromit" auch die Reihe "Shaun das Schaf" animiert wird, dessen neuer Kinofilm in der Welt und in der SZ besprochen wird. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb der Schauspielerin SusanSarandon zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden MarvinMennés Dokumentarfilm "Wohin mit mir?" (Perlentaucher), Cynthia Beatts Essayfilm "Heart of Light - eleven songs for Fiji" (taz), AlejandroIñárritus "Digger" (Standard, FR, mehr dazu bereits hier) und die DVD-Ausgabe von ZinniniElkingtons "Nachbeben" (taz).
FAZ-Kritiker Stefan Trinks hat selten den "Sündenfall der industriellen Schändung der Kreatur in der Massentierhaltung" so eindrücklich (und auch ein bisschen gruselig) dargestellt gesehen: "Lebensgroße gesichtslose Betonfiguren, in deren Kopfhöhlen Bienen bizarr halbrunde Waben gebaut haben, als hätten sie eine Vorstellung der Form menschlicher Antlitze, stehen da etwa an einem Melkstand für Kühe namens 'After Bugonia' aus dem Jahr 2025. Die Figureninstallation wirkt auch deshalb so unheimlich, weil die meisten das Bild der gesichtslosen 'Bienenzüchter' von Bruegel aus dem Jahr 1568 im Kopf haben, die mit ihren von flachem Korbgeflecht abgeschlossenen Gesichtern nicht minder wie Aliens wirken."
Besprochen wird außerdem eine Ausstellung mit den Modefotografien Ute Mahlers in der Berliner Galerie Pankow (taz).
Christine Lemke-Matwey war für die Zeit bei der Eröffnung der neuen Oper in Köln. Die "Rosenkavalier"-Inszenierung von Marie-Ève Signeyrole kann sie leider nicht begeistern. Der sanierte Bau des Kölner Architekten Wilhelm Riphahn aus den fünfziger Jahren, die "klare Linienführung und luzide Leichtigkeit", aber schon: "In unserer erkaltenden, chaotischen Gegenwart erzeugen Orte wie der Kölner Offenbachplatz plötzlich eine ganz eigentümliche Wärme und Aufgeräumtheit." Diese Wärme hat allerdings ganz schön was gekostet, erinnert Lemke-Matwey: "Definitiv kalt ist das Reich der Zahlen, das den Diskurs über die Sanierung des Opernhauses zu Recht lange bestimmt hat. 1,465 Milliarden Euro kostete das Unterfangen schließlich, sechsmal so viel wie ursprünglich veranschlagt, und gedauert hat es nicht drei, sondern unfassbare 14 Jahre."
Weitere Artikel: Ebenfalls in der Zeit äußert sich der Choreograph und Opernregisseur Demis Volpi, der schon nach neuen Monaten seine Intendanz am Hamburg Ballett beenden musste, erstmals zu den Vorwürfen gegen ihn (unsere Resümees). Besprochen werden Karin Beiers Inszenierung von Robert Schimmelpfennigs Antiken-Zyklus "Fremde Sonne" am Schauspielhaus Hamburg (Zeit, SZ), Torsten Fischers Inszenierung von Aischylos' "Orestie" am Theater Greifswald (FAZ) und Christopher Rüpings Inszenierung seines Stücks "Deutscher Herbst" am Deutschen Theater Berlin (Zeit).
Ueli Bernays staunt in der NZZ über das Soul-Revival in diesem Jahr, für das britische Sängerinnen wie Raye, OliviaDean und Aiyana-Lee verantwortlich zeichnen. Im ZeitMagazin spricht Giovanni di Lorenzo mit WolfgangBiermann, für den die AfD ohne Zweifel eine faschistischePartei ist. Maurice Summen spricht für Kaput mit DangerDan. Und im Kaput-Talk mit Christina Mohr blickt das auf Fake-Italo-Soundtracks spezialisierte Stuttgarter DuoMondoSangue auf seine ersten zehn Jahre des Bestehens zurück.
Besprochen werden Protomartyrs Album "Hotel Usona" (Kaput), ein Konzert des GstaadFestivalOrchesters mit DanielHope in Frankfurt (FR), der gemeinsame Auftritt des Tenors ChristophPrégardien und der Rapperin Älice (ZeitOnline) und "Furthermore", das Comeback-Album der 90s-Queercore-Urgesteine TeamDresch ("Team Dresch haben einige der schönsten Songs über Adoleszenz, Verzweiflung und Weltentfremdung geschrieben", schwärmt Benjamin Moldenhauer im ND).
An Romanen über das Leben in DDR und deren Ende als biografische Zäsur herrschte zuletzt kein Mangel, aber wo bleiben eigentlich aktuelle Romane, die diesen historischen Einschnitt aus westdeutscherPerspektive erzählen, fragt der SchriftstellerClemensBöckmann in der taz. "Versteht man Literatur als Medium der Selbst- und Fremdvergewisserung, so deutet diese Lücke vor allem auf eines hin: Es gibt in Bezug auf die Wiedervereinigung aus westdeutscher Perspektive keinerlei Fragen. Dass dies, auch angesichts gegenwärtiger Diskurse über die ökonomischen Folgen der politischen Umbrüche und zunehmender Wahlerfolge rechtsradikaler Parteien, nicht zutreffend ist, ist selbstredend. ... Was ist mit dem Spediteur, der Anfang der 1990er Jahre tonnenweise Erotikprodukte für Beate Uhse in die Neuen Bundesländer brachte? Was mit den Familien, die versuchten, Grundstücke im Osten der Republik zurückzubekommen, die ihnen vierzig Jahre zuvor von der sowjetischen Verwaltung abgenommen worden waren? Was mit den Mitarbeiter:innen der Treuhandanstalt?"
Leon Lindenberger meldet in der Zeit Zweifel an, dass eine Software wie der KI-Detektor Pangram wirklich verlässlich erkennen kann, ob ein Roman von KI verfasst wurde - so wie das aktuell in der Kontroverse um Thélyson Oréliens Roman "C'était ça ou mourir" behauptet wird. Dabei gerieten "einige methodische Unzulänglichkeiten aus dem Blick: Die Treffsicherheit hängt maßgeblich davon ab, ob sich der untersuchte Text in Gattung, Stil, Wortschatz und regionaler Färbung im Trainingskorpus des Detektors wiederfindet. ... Es ist zudem bekannt, und auch der Hersteller räumt es ein, dass schon ein mittels KI restrukturierter, ansonsten aber handgemachter Text zum Ausschlag des Detektors führen kann. Mitunter muss, wer einen KI-Text intensiv überarbeitet, weniger mit Verdächtigungen rechnen, als wer seinen eigenen Text von der KI gliedern lässt. ... Es bleibt im Falle eines Ausschlags ein epistemischer Hohlraum, der von einer aufgekratzten Gesellschaft und einer in ihren Grundfesten erschütterten Zunft mit Kulturkampf gefüllt werden kann."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Jens Jessen fragt sich in der Zeit, ob der "vormoderne Fatalismus" das Erfolgsrezept der SchriftstellerinDörteHansen ist - immerhin bietet dieser "das ultimative Trostangebot für die Leser: zu entdecken, dass sich Ohnmachtserfahrungen in eine Art positive Resignation verwandeln lassen". KrimiautorinSimoneBuchholz mag sich derweil in der Zeit kaum ausmalen, "wie emotional verschlissen" das Publikum der metzelfreudigen Thriller von VeitEtzold wohl sein muss "und woher dieser innere Hohlraum rührt". In der SZ porträtiert Bernhard Heckler den SchriftstellerChristophKramer, der 2014 mit der Deutschen Nationalelf Fußballweltmeister wurde und jetzt mit "Wolkenberührpunkt" seinen zweiten Roman veröffentlicht.
Besprochen werden unter anderem KerstinPreiwuß' Lyrikband "Rodeo" (FR), HannahBrinkmanns Comicadaption von Marietta Slomkas Sachbuch "Nachts im Kanzleramt" (Tsp), SamuelBecketts "German Diaries" (NZZ, hier die Hörspieladaption online) und CarolineBlackwoods "Das Schicksal von Mary Rose" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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