Efeu - Die Kulturrundschau
Ein System besonnter Scheiben
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20.07.2026. Die Kontroverse um Danger Dan, Igor Levit und das ZDF geht weiter: Die taz sieht in dem Song "Keine Angst" keinen Aufruf zur Gewalt, die FAZ ist genervt vom Drama. Auf den Wormser Nibelungenfestspielen können die Kritiker lernen, was mit Kriemhild am Hof der Hunnen passiert ist, allerdings mit etwas zu viel Soap-Feeling. Die taz lernt die rätselumwobene Designerin Madame Grès kennen. Die Zeit ärgert sich darüber, wie unausgewogen über Dark Romance-Bücher diskutiert wird. Die FAZ lässt sich von Thomas Demands Fotos von Bühnenmodellen verzaubern.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
20.07.2026
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Musik
Weiterhin Aufregung um Danger Dans Song "Keine Angst" und dessen Ausladung aus dem ZDF durch die Geschäftsleitung des Senders (unser erstes Resümee): Andreas Fanizadeh (taz) deutet den Song vor den Erfahrungen der linken Szene in den Achtziger- und Neunzigerjahren als sich angesichts einer erstarkenden militanten Neonazi-Szene die Frage nach dem Selbstschutz und später auch die nach dem Schutz von Flüchtlingsheimen stellte. "Den in dem Song zum Ende hin formulierten Gruß an inhaftierte Antifas kann man als etwas koketten künstlerischen Appell an eine allgemeine Solidarität verstehen. Ein Aufruf zur unmittelbaren stumpfen Gewaltanwendung ist es nicht. Zumal er sich an Akteure richtet, die in den Augen vieler subkulturell und antifaschistisch orientierter Menschen eindeutig zu weit gingen." Aber "menschenrechtlich orientiertes Handeln mag manchmal die Brechung von Regeln erfordern. Außerhalb menschenrechtlicher Normen und Moral steht man deswegen jedoch nicht." Ebenfalls in der taz hält Leon Holly die Absage des ZDF zwar ebenfalls für falsch, aber offenbar vor allem darum, weil er deshalb nun mit zwei bekanntermaßen israelsolidarischen Künstlern solidarisch sein muss.
Derweil hat die ZDF-Sendung "Aspekte" den Fall in einer Sonderausgabe aufgegriffen und diskutiert, auch "Die Anstalt" selbst hat als von der Ausladung unmittelbar betroffene Sendung sich dazu geäußert - Joachim Huber fasst im Tagesspiegel beide Sendungen zusammen. Michael Hanfeld ärgert sich in der FAZ über die politische Endzeitstimmung, die die Moderatoren der "Anstalt" verbreiten: "Ihre Wir-sind-das- Volk und Nur-wir-retten-die-Welt-Attitüde ist eine einzige Anmaßung." Axel Brüggemann hat auf Backstage Classical keinerlei Verständnis dafür, dass Igor Levit sich auf diese "Provokation" von Danger Dan einlässt: "Lieber Igor Levit, Du greifst in Eurem Song einen Staat an, der Menschen wie Dich schützt. ... Ihr macht Platten-PR auf Kosten des sozialen Friedens." Dem antwortet daselbst Christian Kuhnt, Intendant des Schleswig-Holstein Musikfestivals, der das Lied auch nicht gut findet, plädiert aber für eine rigoros versachlichte Debatte.
Weiteres: Manuel Brug porträtiert in der Welt die Pianistin Beatrice Rana, die in Süditalien mit "Classiche Forme" ein eigenes Kammermusikfestival veranstaltet. Besprochen werden die von Teodor Currentzis dirigierte Eröffnung der Salzburger Festspiele (SZ), Bad Bunnys Abschlusskonzert seiner Welttournee in Mailand (SZ), "Outtanational", das neue Album der britischen Band Pigeon, das laut FR-Kritiker Stefan Michalzik "ein Gefühl von Freiheitsdrang und Aufbruchswillen versprüht", und das gemeinsame Album "A? of WHEN" von Panda Bear & Sonic Boom, dessen Gesänge tazlerin Sylvia Prahl "mit sakralem Glow und Call-and-Response-hafter Vielschichtigkeit sofort aufhorchen lassen".
Derweil hat die ZDF-Sendung "Aspekte" den Fall in einer Sonderausgabe aufgegriffen und diskutiert, auch "Die Anstalt" selbst hat als von der Ausladung unmittelbar betroffene Sendung sich dazu geäußert - Joachim Huber fasst im Tagesspiegel beide Sendungen zusammen. Michael Hanfeld ärgert sich in der FAZ über die politische Endzeitstimmung, die die Moderatoren der "Anstalt" verbreiten: "Ihre Wir-sind-das- Volk und Nur-wir-retten-die-Welt-Attitüde ist eine einzige Anmaßung." Axel Brüggemann hat auf Backstage Classical keinerlei Verständnis dafür, dass Igor Levit sich auf diese "Provokation" von Danger Dan einlässt: "Lieber Igor Levit, Du greifst in Eurem Song einen Staat an, der Menschen wie Dich schützt. ... Ihr macht Platten-PR auf Kosten des sozialen Friedens." Dem antwortet daselbst Christian Kuhnt, Intendant des Schleswig-Holstein Musikfestivals, der das Lied auch nicht gut findet, plädiert aber für eine rigoros versachlichte Debatte.
Weiteres: Manuel Brug porträtiert in der Welt die Pianistin Beatrice Rana, die in Süditalien mit "Classiche Forme" ein eigenes Kammermusikfestival veranstaltet. Besprochen werden die von Teodor Currentzis dirigierte Eröffnung der Salzburger Festspiele (SZ), Bad Bunnys Abschlusskonzert seiner Welttournee in Mailand (SZ), "Outtanational", das neue Album der britischen Band Pigeon, das laut FR-Kritiker Stefan Michalzik "ein Gefühl von Freiheitsdrang und Aufbruchswillen versprüht", und das gemeinsame Album "A? of WHEN" von Panda Bear & Sonic Boom, dessen Gesänge tazlerin Sylvia Prahl "mit sakralem Glow und Call-and-Response-hafter Vielschichtigkeit sofort aufhorchen lassen".
Film
Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit dem Regisseur Daniel Sánchez Arévalo über dessen Film "So klingt das Leben", der von Trauerarbeit in einem galizischen Dorf erzählt. Ziemlich schade findet es Denise Bucher in der NZZ, dass Christopher Nolan für seine "Odyssee"-Adaption (unsere Kritik) nicht nur auf den Sex, sondern im Großen und Ganzen auch auf die Götter verzichtet. Valerie Dirk blickt für den Standard auf ebenfalls im Film tätige Ehefrauen berühmter Regisseure. Paul Jandl verabschiedet sich in der NZZ von der ZDF-Dauerserie "Ein Fall für Zwei", die nach über 45 Jahren im Dienst in Rente gehen darf.
Bühne

Ganz nett und unterhaltsam ist das schon, findet auch Egbert Tholl in der SZ, aber Tiefsinn sucht er hier vergeblich, er bleibt "unbelästigt von hochintellektuellen Deutungskapriolen. Der britische Schauspieler und Autor Oliver Lansley schrieb das Stück, er hat viel Erfahrung mit Fernsehserien, und tatsächlich wirkt sein Text, als habe er auf Englisch eine Soap geschrieben, die unbeholfen ins Deutsche übersetzt wurde. Worte reihen sich aneinander, ohne zueinander zu finden." Das Ensemble "tanzt folkloristisch fragwürdig als wilde Hunnenschar, und die Schauspieler kämpfen ums Überleben mit dem Text - unter einer Regie, die sie ob des restlichen Treibens offenbar vergessen hat. Dem Publikum ist's egal, es feiert die Produktion." Weitere Besprechung im Standard.
"Wie geht es mit Bayreuth nach dem großen 150-Jahre-Jubiläum weiter", fragen sich Jan Brachmann und Thiemo Heeg in der FAZ. "Klar ist, dass die politische Förderungswürdigkeit der Festspiele auch von einer ernsthaften Aufarbeitung abhängt. Katharina Wagner versucht es dabei mit einem Spagat: Sie verschanzt sich nicht hinter der Kunst, auch wenn sie deren Freiheit verteidigt." Neben der Debatte um Michel Friedman (unsere Resümees) geht es auch um ihre Familie, zum Beispiel ihren Onkel Wieland Wagner: "Wieland war als genialer Regisseur und Begründer von "Neu-Bayreuth" seit 1951 jahrzehntelang gefeiert worden; gleichwohl gehörte er zu Hitlers Günstlingen. Seine Mutter Winifred wollte er 1944 mit Hitlers Hilfe als Leiterin der Bayreuther Festspiele absetzen lassen. Er selbst hatte als ziviler Leiter der Außenstelle Bayreuth des Konzentrationslagers Flossenbürg vorgestanden und Häftlinge für die Herstellung von Bühnenbildern beschäftigt."
Besprochen wird: "Maldoror" von Julien Gosselin auf dem Theaterfestival Avignon (FAZ).
Design

Foto: Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Madame Grès ist die "rätselhafteste, zurückhaltendste Modemacherin aus der Zeit der großen französischen Mode", schreibt Marina Razumovskaya in der taz. Aktuell sind 25 von Grès' Kleidern im Kunstgewerbemuseum Berlin zu sehen, die teilweise unter den Bedingungen der deutschen Besatzung im Paris der späten Weltkriegsjahre entstanden sind. Ihre "Outfits sind Hymnen an Stoffe. Oft sind sie leicht und transparent, verarbeitet in langen Bahnen, bis zu neun Meter in extra Überbreite, aus ihrem Lieblingsmaterial Seidenjersey. Ein einziges Stück Stoff umhüllt, verhüllt, enthüllt, bekleidet den weiblichen Körper. Diese eine Stoffbahn wird an der Puppe oder am Model in Falten gelegt, gedreht, umgeschlagen und geknotet, gerafft, in Schichten gelegt. Nähte per Hand befestigen nur an wenigen Stellen die Falten. ... Von den 1960er bis in die 1980er Jahre (sie lebt bis 1993) erprobt Grès auch andere Wege. Farben und farbige Bänder, Color-Blocks kommen ins Spiel, die Formen werden Cape-artig, mit flächigen, geometrischen, manchmal kreisförmigen Figuren, verkreuzt und vernäht." Ein Fundstück aus dem Archiv: Perlentaucherin Anja Seeliger schrieb bereits 1994 für die taz über Madame Grès.
Literatur
Die Bestsellerlisten anführenden, vor allem von Frauen gelesenen Dark-Romance-Romane sind im Grunde "die Groschenromane der Gegenwart", schreibt Berit Dießelkämper auf Zeit Online. Eher befremdlich findet sie aber, wie das Genre in den Feuilletons der letzten Jahre gehandhabt wurde: Mal als Heilsbringer, weil junge Leute dadurch ins Lesen geraten, mal als Gottseibeiuns, weil darin eben doch der Trivialität gefrönt wird - und einer nicht für alle Menschen behaglichen Darstellung von Sexualität. "Besonders hilfreich ist die Behauptung, sich um jemanden Sorgen zu machen, wenn von dem eigenen Unbehagen abgelenkt werden soll. In diesem Fall über die Art des Begehrens, das sich in Dark-Romance-Romanen materialisiert. Weil es nicht mit den Annahmen über das, was emanzipierte Frauen zu wollen haben, übereinstimmt, woran jedoch ausschließlich die Annahmen schuld sind. Eine befreite Sexualität kann auch den Wunsch nach Unterwerfung oder Grenzüberschreitungen beinhalten. Das bedeutet im Umkehrschluss jedoch keineswegs, dass die Leserinnen dieser Romane in der Realität übergriffiges Verhalten begrüßen würden. Das in diesem Zusammenhang gelegentlich verwendete Wort 'Vergewaltigungsfantasie' ist, nebenbei bemerkt, ein unzulässiges Oxymoron. Die Unfreiwilligkeit einer Vergewaltigung ist nicht mit der Selbstbestimmtheit einer Fantasie zu vereinbaren."
Weiteres: Tobias Döring schreibt in der FAZ-Reihe über die Geschichte der USA im Spiegel ihrer Literatur über Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden". Besprochen werden unter anderem Dana Rangas "Genesis 51-52" (FR), Szczepan Twardochs "Sehnsucht" (Standard), Christiane Hoffmanns "Die Träume, die wir hatten. Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich" (online nachgereicht von der Welt), Francis Dupuis-Déris "Althussers Femizid" (taz), Andrea Grills "Sonnenspiel" (Standard), John Horne Burns' "Galleria Umberto" (Welt), Alex Capus' "Querfeldein" (NZZ am Sonntag), Uwe Neumahrs "Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940: Zuflucht und Widerstand" (NZZ) und neue Hörbücher, darunter Stefan Kaminskis Einlesung von Michael Endes "Die unendliche Geschichte" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Weiteres: Tobias Döring schreibt in der FAZ-Reihe über die Geschichte der USA im Spiegel ihrer Literatur über Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden". Besprochen werden unter anderem Dana Rangas "Genesis 51-52" (FR), Szczepan Twardochs "Sehnsucht" (Standard), Christiane Hoffmanns "Die Träume, die wir hatten. Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich" (online nachgereicht von der Welt), Francis Dupuis-Déris "Althussers Femizid" (taz), Andrea Grills "Sonnenspiel" (Standard), John Horne Burns' "Galleria Umberto" (Welt), Alex Capus' "Querfeldein" (NZZ am Sonntag), Uwe Neumahrs "Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940: Zuflucht und Widerstand" (NZZ) und neue Hörbücher, darunter Stefan Kaminskis Einlesung von Michael Endes "Die unendliche Geschichte" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Architektur
Weiteres: In der FAZ bestaunt Klaus Englert das ZIN, ein Brüsseler Stadterneuerungsprojekt des Architekturbüros 51N4E.
Kunst
Recht beseelt geht Patrick Bahners für die FAZ aus der Ausstellung "Räume, die von gestern träumen" im Wiener Museum für angewandte Kunst heraus, die Fotografien Thomas Demands von Bühnenmodellen zeigt, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen und zum Beispiel aus einer Wilhelm-Tell-Produktion stammen: "Flachlandstücke aus bemaltem Karton. Ein einfachster Schnittmusterbogen genügt für die Tannenkleider. Sie sehen sogar wie aufgeklebt aus, weil das Licht ihre Kanten zusätzlich markiert, doch diese Anmutung der gepressten Welt des Herbariums zerstört den Eindruck nicht, dass die zackigen Wipfel nach allen Himmelsrichtungen in den freien Raum weit über dem See drängen. Auch die charakteristische Abrundung des Gerölls ist hier ein Werk der Schere. Die Erde tritt uns als ein System besonnter Scheiben entgegen, fein säuberlich aufgereiht wie die Toastauswahl im versilberten Ständer beim Herbergsfrühstück. Man freut sich daran, wie schön das alles gemacht ist. Es bleibt nur die Frage, was es bedeuten soll."
Weiteres: Im Tagesspiegel schaut sich Nicola Kuhn das neue Zentrum für Provenienzforschung an (unsere Resümees). Der Karikaturist Pat Oliphant ist gestorben, Patrick Bahners schreibt den Nachruf für die FAZ.
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen" im Gropius Bau (SZ) und "Galerie Nordenhake Stockholm, Berlin, Mexico City, 50 Years" in ebenjener Galerie in Berlin (taz).
Weiteres: Im Tagesspiegel schaut sich Nicola Kuhn das neue Zentrum für Provenienzforschung an (unsere Resümees). Der Karikaturist Pat Oliphant ist gestorben, Patrick Bahners schreibt den Nachruf für die FAZ.
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen" im Gropius Bau (SZ) und "Galerie Nordenhake Stockholm, Berlin, Mexico City, 50 Years" in ebenjener Galerie in Berlin (taz).
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