Im Kino
Wenig Geld und keine Anerkennung
Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
03.06.2026. Den Unsichtbaren dieser Gesellschaft widmet sich Kilian Armando Friedrich in seinem eindrücklichen Debütfilm "Ich verstehe Ihren Unmut". Im Zentrum steht Heike, die als Objektleiterin bei einer Reinigungsfirma angestellt und mit ihren Kräften am Ende ist.
Irgendwann hat Heike die Schnauze voll. Als Objektleiterin einer Reinigungsfirma bekommt sie den ganzen Frust der Kunden ab, immer wenn etwas schiefläuft, muss sie sich endlose Streitgespräche liefern, bei denen sich die Kontrahenten gegenseitig überschreien, wenn jemand seinen Job nicht richtig macht, muss sie im wahrsten Sinne des Wortes hinterherputzen, wenn es Probleme mit der Konkurrenz gibt, steht sie zwischen den Fronten.
Heike kann auch schon mal ziemlich ruppig werden, aber nur einmal im Film platzt ihr so richtig der Kragen. Fast allen in Kilian Armando Friedrichs sozialrealistischem Drama "Ich verstehe ihren Unmut", der in der Panorama-Sektion der Berlinale lief, steht das Wasser bis zum Hals: Nicht nur Heike ficht tagtäglich und manchmal nachtnächtlich Kämpfe aus, für einen Hungerlohn, der nach etlichen Arbeitsjahren gerade mal zur Grundrente reichen wird. Auch die Kindergärtner, die Heike zusammenbrüllen, sind am Ende ihrer Kräfte, genauso wie die Sozialarbeiterin, die Heike berät, als sie ihren Job endlich an den Nagel gehängt hat.
Viel Arbeit, viel Stress, wenig Geld und keine Anerkennung, so lautet die Formel des Niedriglohnsektors, den Friedrichs Debütfilm in den Blick nimmt. Im Mittelpunkt steht nun eben Heike Kamp, (Sabine Thalau), die ihr ganzes Leben hart gearbeitet hat. Ein paar Jahre fehlen ihr noch bis zur Rente, aber wie sie die durchhalten soll, kann man sich kaum vorstellen, bei diesem Arbeitsrhythmus. Atemlos hetzt sie von Gebäude zu Gebäude, ermahnt ihre Mitarbeiter, schimpft, putzt, übernimmt das, was andere verbocken oder springt ein, wenn es niemand sonst tut. Zu Hause kümmert sie sich auch noch um ihren Ex-Freund und Mitbewohner Detlev (Werner Posselt), der es, im Gegensatz zu Heike, vorzieht, Geld vom Staat zu bekommen, was den beiden immer mal wieder unangenehme Besuche vom Amt beschert, das prüfen will, ob die beiden nicht doch in einer "Bedarfsgemeinschaft" leben, was hieße, dass Heike Detlev mitfinanzieren müsste.

Sabine Thalau hat selbst viele Jahre in einer Reinigungsfirma gearbeitet, sie hat den ganzen Stress erlebt, und das merkt man auch, ihr Spiel ist von großer Intensität: die Erschöpfung, die Wut und Hilflosigkeit und das Weiche, das hinter dem robusten Äußeren steckt. Heike ist eine sehr sensible Person mit viel Empathie für ihre Mitmenschen, gleichzeitig zwingt sie das System in schwierige moralische Lagen, die sie nicht immer mit Bravour meistert. Wie sollte sie auch? Man ist als Zuschauerin immer ganz nah dran an Heike, sieht ihr über die Schulter, leidet mit, manchmal möchte man sie gern in den Arm nehmen. Weil sie versucht hat, den Mitarbeiter eines Subunternehmens, den jungen Selam, der keine Papiere hat, abzuwerben, gibt es noch mehr Stress: Sowas ist gegen die Vorschriften und gibt dem Subunternehmer eine Grundlage, um ihren Chef zu erpressen. Als sie einem ihrer Angestellten ein Putzmittel in die Tasche schmuggeln muss, um ihn wegen Diebstahls kündigen zu können, wird die Situation für sie untragbar.
In unaufgeregten, authentischen Dialogen öffnet der Film die Perspektive auf die Unsichtbaren dieser Gesellschaft: "Wissen Sie eigentlich, wer ihre WC-Anlagen sauber macht und mit wie viel Zeit?", fragt Heike die Sozialarbeiterin, die ihr rät, noch ein paar Jahre "weiter zu funktionieren". Mag das soziale Bewusstsein in den letzten Jahrzehnten gestiegen sein, in diesen Berufen kommt wenig davon an, dabei sind sie für uns alle unverzichtbar. Um Didaktik und schlechtes Gewissen geht es Friedrich nicht, man wird sich in Zukunft vielleicht aber doch ein paar Gedanken mehr darüber machen, wer da so hinter einem her wischt.
Auch einige der Nebendarsteller sind Laien, das gibt dem Film eine unaufgeregte Authentizität, ohne Voyeurismus oder Sozialkitsch. Zum Schluss geht doch noch alles gut aus, zumindest ein bisschen, da ist man Friedrich nach dem bedrückenden Vorlauf schon dankbar. Geradezu befreiend ist eine Szene, in der Heike nachts zum See fährt und in das dunkle Wasser abtaucht - eine ganz andere Art der Reinigung. Ihr gönnt man den Lichtblick am Ende mit Herzen.
Alice Fischer
Ich verstehe Ihren Unmut - Deutschland 2026 - Regie: Kilian Armando Friedrich - Darsteller: Sabine Thalau, Nada Kosturin, Werner Posselt, Thomas Sprekelsen u.a. - Laufzeit: 93 Minuten.
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