Efeu - Die Kulturrundschau

Am Kind vorbei ins Nichts

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05.05.2026. Die FAZ und Hollywood rufen durch den Ausschluss von digital generierten Schauspielern und Drehbüchern bei den Oscars zum Kampf gegen KI auf. Die taz bewundert in Aschaffenburg eine aus dem Khanenko-Museum in Kyjiw gerettete Madonna. BR Klassik deckt geheime Absprachen hinter der umstrittenen GEMA-Reform auf. Die Welt erfreut sich an Evgeny Titovs blutiger und französischer Adaption der Donizetti-Oper "Lucia di Lammermoor" in Paris. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2026 finden Sie hier

Film

"Die Abwehrschlacht des Menschen hat begonnen", schreibt Jürgen Kaube in der FAZ. Nicht um Kampfroboter wie einst bei "Terminator" geht es, sondern um KI in Hollywood: Per KI generierte Schauspieler und Drehbücher sind künftig von Oscarnominierungen ausgeschlossen. Die Academy reagiert damit unter anderem darauf, dass mit Tilly Norwood derzeit tatsächlich eine KI-Schauspielerin lanciert wird und dass für den Film "As Deep As the Grave" der letztes Jahr verstorbene Val Kilmer per KI wiederbelebt wurde. Die Academy entdeckt also ihre Liebe zum Menschen, doch was soll das "heißen? Bildbearbeitung ist im Film seit jeher üblich, es werden Unebenheiten wegretuschiert, Farben ergänzt, Szenen nachträglich neu ausgeleuchtet. Heute ist es für Regisseure ein Leichtes, Hochhäuser einstürzen zu lassen, Zigtausende von Orks aufzubieten oder eine faltenlose Nicole Kidman. ... Der Charme der KI liegt für die Produzenten in Einsparungen. Im Film müssten durchschnittlich die Stellen schrumpfen und die Gagen sinken. Die Aufschreie aus den Elendsquartieren von Beverly Hills und die humanistische Wende der 'Academy of Motion Pictures Arts and Sciences' entspringen vermutlich dieser Furcht." Peter Zellinger liefert im Standard Hintergründe zur Entscheidung der Academy.

Nach dem "Wahrheitsgehalt filmischer Bilder" fragten auch die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen in ihrem Themenprogramm "Based On True Events", berichtet Sven von Reden in der taz. "130 lang Jahre entstanden Filmbilder durch die Reflexion von Licht, das durch eine Linse auf analoges Filmmaterial oder einen digitalen Sensor traf. Mit den neuen Möglichkeiten der Videogeneration mithilfe von KI ist diese Verbindung gekappt, stattdessen können Bilder nun anhand von Textprompts nach statistischen Wahrscheinlichkeiten errechnet werden. Oder wie es die Medienwissenschaftlerin Ariana Dongus im Katalog des Festivals formuliert: 'Das KI-Bild hat keine Herkunft im klassischen Sinne. Keinen Moment, keine Aufnahme, keine Entscheidung eines Menschen an einem bestimmten Ort.' Mithilfe von Rückblicken auf die Filmgeschichte (...) wurde in Oberhausen aber klar gemacht, dass das Kino natürlich nie einfach nur eine Abbildung der Realität war, und zugleich wurde die Virtualität der KI-Bilder mit Blick auf die materiellen Bedingungen ihrer Entstehung relativiert - etwa auf die energiefressenden Datacenter, die überall auf der Welt aus dem Boden schießen." Mehr dazu im Magazinteil des Festivals.

Weitere Artikel: Mia Trautmann berichtet auf critic.de vom European Media Arts Festival in Osnabrück. Für den Filmdienst spricht Joachim Heinz mit dem Schauspieler Harald Krassnitzer, der in "Der verlorene Mann" einen Demenzkranken spielt.

Besprochen werden James Vanderbilts "Nuremberg" mit Russell Crowe als Hermann Göring (Welt, mehr dazu bereits hier), Lutz Pehnerts und Ferdinand Hübners Dokumentarfilm "Scherbenland" über die Geschichte von Berlin-Kreuzberg von den Siebzigern bis heute (taz), Baltasar Kormákurs auf Netflix gezeigter Abenteuerthriller "Apex" mit Charlize Theron (FAZ) und ein ZDF-Porträt über die Dragqueen Olivia Jones (FAZ).
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Literatur

In der SZ spricht David Steinitz mit dem Schriftsteller Jonathan Franzen, der abseits vom Bücherschauen gerne auf Vogelbeobachtung in die Natur geht, weshalb er beim Münchner DOK.fest auch in der Dokumentation "Watching People Watching Birds" auftritt: "Es ist eine Leidenschaft, durch die man Geduld lernen kann und auch ein bisschen Bescheidenheit." Besprochen werden unter anderem Yavuz Ekincis "Die, deren Träume zerbrochen sind" (taz), Dieter Henrichs "Dankbarkeit. Ein unterschätztes Lebensgefühl" (FAZ), Andris Kalnozols' "Kalender" (NZZ) und Gabriele von Arnims "Abschied leben - Tagebuch eines Zeitgefühls" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Stichwörter: Franzen, Jonathan

Kunst

Ruin und Rausch. Berlin 1910-1930, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026 © Neue Nationalgalerie - Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker 

Den Untergang der Weimarer Republik sieht FAZ-Kritiker Andreas Kilb in den Bildern der Ausstellung "Ruin und Rausch" in der Neuen Nationalgalerie Berlin heraufziehen. Es sind vor allem die Bezüge zwischen den Werken, die den Kritiker hier faszinieren: "Der 'Dialog' zwischen den Werken, ein Fetisch heutiger Museumsleute, führt hier zu überraschenden Anziehungs- und Abstoßungseffekten. Man hätte nicht erwartet, Ernst Ludwig Kirchners 'Potsdamer Platz' mit seinen durch Witwenschleier gekennzeichneten Kokotten im Zackenmuster einmal als halbe Idylle zu empfinden, aber hier, im Kontrast zu Dix' Kriegskrüppeln und dem nicht minder grausigen Nachttableau 'Die Stadt' von Jakob Steinhardt, geschieht es. Von Rudolf Bellings 'Skulptur 23' blickt man auf einen Ausschnitt aus Fritz Langs 'Metropolis', in dem die mechanische Maria zu unseligem Leben erwacht, und siehe da, der Messingkopf von 1923 passt auf den Film von 1925 wie angegossen."

Bis Januar herrschte strengste Geheimhaltung für das Projekt, Kunstwerke aus dem Khanenko-Museum in Kyjiw über die Grenze zu bringen, um sie vor der Zerstörung zu schützen, berichtet Regine Müller in der taz. Jetzt ist im Christian Schad Museum in Aschaffenburg zum ersten Mal eine Gesamt-Schau zu sehen, in der man auch schon zuvor nach Polen und in die Niederlande evakuierte Werke betrachten kann. Ein "Streifzug durch die europäische Kunstgeschichte", so Müller, "darunter ein verblüffendes Madonnenbild in Öl von Giovanni Battista Cima da Conegliano aus dem späten 15. Jahrhundert, das Maria in leuchtend blauem Gewand zeigt, das schlafende Kind mit über der Brust gekreuzten Armen auf ein weißes Kissen bettend. Das wirkt wie eine Grablegung, Marias halb geschlossene Augen blicken am Kind vorbei ins Nichts."

Besprochen werden die Ausstellung "Monalisen der Städte" in der Galerie Peter Sillem in Frankfurt (FR) und die Brancusi-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (NZZ).
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Musik

In den nächsten Tagen erfolgt die Abstimmung über eine in den letzten Wochen heftig umstrittene GEMA-Reform. BR Klassik deckt nun anhand von internen Dokumenten und der eidesstattlichen Versicherung einer Quelle auf, dass es eine Telefonaktion gab, die offenbar insbesondere Mitglieder aus dem U-Segment zur Abstimmung bewogen haben soll und nach Einschätzung von BR Klassik den Verdacht entstehen lassen könnte, dass eine gezielte Einflussnahme aufs Wahlergebnis bezweckt werden sollte. "Angerufen wurden vor allem solche Mitglieder, die zuletzt hohe Tantiemen-Vorauszahlungen erhalten hatten. 'Das wird nicht so direkt ausgesprochen, aber die Logik für die Telefonaktion war: Ihr habt von uns gutes Geld bekommen, also stimmt im Gegenzug für die Reform', so die Quelle. Und weiter: 'Ich sehe das als Quid pro Quo.' Eine weitere bei der GEMA angestellte Person bestätigt gegenüber BR Klassik, dass 'Vorauszahlungen in der Sparte U ein Kriterium für die Auswahl der Mitglieder waren, die angerufen wurden'. Von insgesamt rund 1000 kontaktierten Mitgliedern sollen weit über die Hälfte von solchen Vorauszahlungen profitiert haben, zum Teil mit hohen sechsstelligen Summen. Es seien die 'Großverdiener' der GEMA, darunter bekannte Popmusiker, die der GEMA wegen der sprudelnden Einnahmen schon immer sehr 'gewogen' seien. ... Zu Beginn der Telefonkampagne seien weniger als 500 U-Mitglieder für die Wahl angemeldet gewesen, nach der Aktion habe sich die Zahl verdoppelt."

Axel Brüggemann bringt auf BackstageClassical Stimmen dazu. Seitens der GEMA wird die Telefonaktion zwar bestätigt, die Vorwürfe der Beeinflussung seien aber "abwegig. ... Der Komponist Moritz Eggert, der bereits vehement gegen die Reform gekämpft hatte, fordert nach der Veröffentlichung gegenüber BackstageClassical 'den sofortigen Rücktritt der Verantwortlichen Vorstände sowie des CEOs der GEMA'. Außerdem will Eggert Neuwahlen des Aufsichtsrates und das Aussetzen der Reform."

Helmut Mauró nennt in der SZ grundlegende Zahlen zum GEMA-Streit. Es geht insbesondere um die Kulturförderung, da die GEMA sich nicht als "reine Inkassogesellschaft" versteht, sondern auch Förderprogramme finanziert. "Von den insgesamt 50 Millionen Euro Fördermitteln gehen 70 Prozent an die U-Musik, 30 Prozent werden an Künstler und Projekte der E-Musik verteilt, gerade ältere Komponisten leben davon. Das bedeutet aber, dass die U-Musik nur mit dem 0,2-Fachen der von ihr eingenommenen Tantiemen gefördert wird, während die E-Musik das 2,5-Fache ihrer eingespielten Tantiemen als zusätzliche Fördermittel erhält. Denn die U-Musik verdient 97 Prozent der Mittel, die E-Sparte nur drei Prozent. ... Künftig soll die E-Förderung von 30 auf 14 Prozent gesenkt, die U-Förderung entsprechend von 70 auf 86 Prozent erhöht werden. Dabei" gehe es insbesondere um "junge Musiker" und "außergewöhnliche Musikprojekte. Es geht also nicht so sehr darum, althergebrachte Strukturen der Alimentierung ein bisschen zu verschieben, sondern Kulturförderung im Geist der Gema-Gründer ernst zu nehmen. Es soll eine Neuausrichtung auf die Zukunft sein, nicht nur Verwalten der Vergangenheit."

Weitere Artikel: Jan Brachmann berichtet in der FAZ von der 50. Schubertiade in Hohenems. Michael Ernst hat für die NMZ die Messiaen-Tagen in Görlitz besucht. Stefan Michalzik resümiert in der FR einen Hamburger Abend mit Benjamin von Stuckrad-Barre und Jan Delay zu Ehren von Udo Lindenberg. Bertram Job stimmt in der taz auf die Tour des Punk-Urgesteins Undertones ein.

Besprochen werden ein von Zubin Mehta anlässlich dessen 90. Geburtstags dirigiertes Berliner Konzert der Staatskapelle Berlin (Tsp, hier das Programmbuch als Download), der Auftakt des Musikfests Hamburg mit Franz Schmidts Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln" (VAN), die im Ersten gezeigte Doku-Serie über den überraschend verstorbenen Rapper Xatar (Welt) und ein Konzert des Jazzmusikers Joshua Redman in Wien (Standard).
Archiv: Musik
Stichwörter: Gema

Bühne

Szene aus "Lucia die Lammermoor" an der Opéra Comique in Paris. Foto: Herwig Prammer/Herwig PRAMMER

Angetan ist Welt-Kritiker Manuel Brug von Evgeny Titovs Inszenierung der französischen Fassung von Gaetano Donizettis Oper "Lucia di Lammermoor" in der Opéra-Comique in Paris. Für die Aufführungen an Pariser Opern galten zu Donizettis Lebzeiten ganz eigene Regeln, lernt der Kritiker, weshalb sich diese Version in manch dramaturgischer Entscheidung von Original unterscheidet, es gibt zum Beispiel weniger Figuren. Außerdem geht es in dieser Fassung "deutlich blutiggrimmiger" zu, wie er staunt: "Die Regie stellt ihre Figuren aus, aber nimmt sie ernst: die wahnsinnige Lucia, die dem an die Wand gespießten Arturo das Herz entnommen hat und jetzt als Fetisch in höchster Vokalexzellenz koloraturbegräbt - bevor sie in Henris Schoß ihren letzten Ton haucht; den nur noch passiven Bruder; schließlich den im wunderfeiner Ariensingnot sich selbstmordenden Edgard. Ein Opfer auch er. So ist diese durchaus andere 'Lucie de Lammermoor' musterhaft gelungen."

Weitere Artikel: Jan Wiele resümiert für die FAZ die Highlights des "43. Heidelberger Stückemarkt". Hubert Spiegel berichtet ebenfalls für die FAZ vom Eröffnungsabend der Ruhrfestspiele am Wochenende. Christine Dössel porträtiert in der SZ den dreifach ausgezeichneten Schauspieler Thomas Schmauser. Besprochen wird Markus Bothes Inszenierung von Monteverdis "L'Orfeo" im Schlosstheater von Schwetzingen (FR).
Archiv: Bühne

Design

Mit irgendwas um zehn Millionen Dollar kauft sich Jeff Bezos bei der von Vogue geschmissenen MET-Gala in New York ein - und das sorgt durchaus für Turbulenzen. Der Unternehmer will sich zuletzt zum "Jetset-Gecken, der mit seiner als Gesamtkunstwerk erscheinenden Gattin auf Fashion Weeks in Paris oder Mailand aufläuft", umwandeln, so Ursula Scheer in der FAZ. "Stil kann man nicht kaufen, heißt es immer, aber das ist natürlich gelogen, weil die Stillosigkeit der Reichen stilbildend ist. Eine neue Eskalationsstufe beim Kontrollverlust der von Social Media gebeutelten Türwächter des gehobenen Geschmacks wäre, wenn sich Bezos, wie gemunkelt wird, den Vogue-Verlag Condé Nast als Spielzeug für seine Frau unter den Nagel reißen will. Entsprechend rumort es in Manhattan: Eine Aktivistengruppe hat Anzeigen mit Boykottaufrufen in den Straßen platziert, auf denen die Unterstützung der US-Einwanderungsbehörde ICE durch Amazon-Cloud-Dienste angeprangert wird. Sie will auch am Galaabend stören."
Archiv: Design
Stichwörter: Mode, Vogue, Met-Gala, Bezos, Jeff