Efeu - Die Kulturrundschau

Spezifisch teutonischer Unterschied

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16.04.2026. Die FAZ ärgert sich, dass die Feier der Sexarbeit in der Bonner Bundeskunsthalle alle Probleme der Prostitution ausblendet. Die SZ hat lange nicht so grandioses Musiktheater gesehen wie in Tobias Kratzers Hamburger Inszenierung "Frauenliebe und -sterben".  Aber darf ein männlich gelesener Regisseur überhaupt den Feminismus ins Musiktheater tragen, fragt die nachtkritik. Außerdem feiert die SZ Michel Houellebecq als Nachtwächter der europäischen Kultur. Die NZZ staunt in Anna Rollers gleichnamiger Verfilmung, wie schnell Leif Randts Roman "Allegro Pastell" aus der Zeit gefallen ist.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2026 finden Sie hier

Kunst

Sarah Ainslie, Morgendämmerung im Crown and Shuttle Pub, 1999 © Sarah Ainslie

Anders als sein SZ-Kollege Peter Littger, der sich recht unkritisch in der Ausstellung "Sex Work - eine Kulturgeschichte der Sexarbeit" in der Bundeskunsthalle Bonn amüsierte (unser Resümee), ärgert sich Jannis Koltermann in der FAZ, dass hier weniger auf Kulturgeschichte und Wissenschaftlichkeit und umso mehr auf Botschaft gesetzt wird: "'Sex work is honest work', prangt es in riesigen Lettern an der Wand. Gegenüber zwei zeitgenössische Wandteppiche: Auf dem einen eine Utopie, in der Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen in einem Haus mit Regenbogenfahne selbstbestimmt ihrer Arbeit nachgehen. Auf dem anderen eine Dystopie, in der sie von Polizisten mit Maschinenpistolen verfolgt und eingesperrt werden. Es ist die Kriminalisierung, die Sexarbeit zum Problem macht, so die unzweideutige Botschaft. (…) Die Strukturen der Prostitution werden nicht durchleuchtet, Sexarbeiter scheinen durchgehend selbständig zu arbeiten, Zuhälter oder Bordellbesitzer sucht man in der gesamten Schau vergeblich. ... Staatliche Gesundheitsfürsorge gilt den Kuratoren als Repression."

Weitere Artikel: In der FAZ spricht Philipp Krohn mit Beastie Boy Mike D, der im Jüdischen Museum Frankfurt aktuell die Ausstellung "Mishpocha" kuratiert über Subkulturen und Kunst unter Trump.

Besprochen werden außerdem die Marina Abramović'-Ausstellung "Balkan Erotic Epic. The Exhibition" im Berliner Gropius Bau (Zeit, taz, Tsp, mehr hier) und die Ausstellung "Käthe Kollwitz und das Theater" im Berliner Käthe-Kollwitz-Museum (taz).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Prostitution, Sexarbeit

Literatur

Auch ohne einen neuen Roman (aber immerhin mit einem Musikalbum und einem Gedichtband) "ist 2026 ein Michel-Houellebecq-Jahr", ist Nils Minkmar in der SZ überzeugt, denn der Schriftsteller "wirkt wie ein Symbol unserer Gegenwart", dessen Bücher unsere polykrisenhafte Gegenwart seit Jahren vorhersagen. Und im französischen Fernsehen "kommt der Houellebecq des Jahres 2026 nicht mehr als Mahner vor wissenschaftlichen Übertreibungen, er wirkt eher als Nachtwächter der europäischen Kultur", der dazu rät in den Archiven der europäischen Geisteskultur zu lesen. "Houellebecq bietet keine Lösungen und verbreitet auch keinen sprühenden Optimismus, er ist ja immer noch Michel Houellebecq - aber in seiner Überzeugung vom unausweichlichen üblen Ende liegt auch eine befreiende Botschaft. Die Zeit kann genutzt werden, nicht, um in einem aussichtslosen Kampf zu ermüden, sondern in der poetischen Reflexion, in der Beschäftigung mit Geschichte und Wissenschaft, Kunst und Kultur."

"Nicht alles ist sexistisch, rassistisch, faschistisch oder sonst irgendwie -istisch, was Anstoß erregt", meint Christine Lemke-Matwey in der Zeit mit Blick auf den langsam wieder abflauenden Aufreger um Denis Scheck und Ildikó von Kürthy, "manchmal fehlt es einfach an Gelassenheit". Schließlich habe es in den letzten Jahrzehnten doch einiges an Fortschritt gegeben: "Wer wissen will, was Sexismus ist, führe sich auf YouTube den Streit zwischen Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler im 'Literarischen Quartett' (ZDF) vom Sommer 2000 zu Gemüte. Wie Löfflers Mundwinkel zittern und das Publikum sich auf die Schenkel schlägt."

Besprochen werden Annett Gröschners "Schwebende Lasten" (Zeit) und neue Sachbücher, darunter Markus Messlings "Kulturtod und Reparation. Der Fall Champollion" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Film

Darf ich Ihnen das Du anbieten? "Das Glück der Tüchtigen" von Franz Müller

Kamil Moll zeigt im Perlentaucher viel Freude an Franz Müllers Komödie "Das Glück der Tüchtigen" über "Liebe und Zusammengehörigkeit" in Beziehungen und Familien unter den Bedingungen des Spätkapitalismus. "Im gegenwärtigen deutschsprachigen Komödienkino sind die Filme Franz Müllers schon seit Jahren solitär", sein "Humor speist sich aus dezent ineinandergreifender Beobachtungsakribie und sprachlicher Präzision: Wann drehte sich zuletzt schon ein deutscher Film um den spezifisch teutonischen Unterschied zwischen Siezen (das Ausdruck von neckischer Neugierigkeit und Flirt sein kann) und Duzen (das zum Druckmittel wird, wenn es top-down festgelegt wurde)? ... In einem beschwingten, unaufdringlichen Komödienton zeigt 'Das Glück der Tüchtigen', dass es für ein als gelungen empfundenes Leben mehr bedarf als nur Betriebsamkeit." Für die FR bespricht Daniel Kothenschulte den Film.

Das absolute Damals: "Allegro Pastell" von Anna Roller

Anna Rollers gleichnamige Verfilmung von Leif Randts Roman "Allegro Pastell" auf Grundlage eines Drehbuchs des Schriftstellers wirkt auf NZZ-Kritiker Jens Balkenborg "seltsam aus der Zeit gefallen", weil die Welt der sich nicht festlegend wollenden Millennials aus dem Jahr 2018 eine Pandemie und einen russischen Angriffskrieg später kaum mehr zugänglich und zeitgenössisch wirke. "Jenes Gefühl des 'absoluten Jetzt' des Romans gerinnt in Rollers Verfilmung zu waschechter Nostalgie. Der Film ist, was Jerome tunlichst vermeiden will: ein Blick in eine gar nicht allzu fern zurückliegende Vergangenheit, mehr: in eine andere Welt. ... Diese Millennial-Version des so klassischen wie universellen Verliebte-verpassen-sich-irgendwie-Topos lässt in ihrer Distanziertheit und gutbürgerlichen Leere lange kalt", liefert aber immerhin durch seine Optik "das schön gefilmte absolute Damals". Für den Filmdienst hat Kamil Moll mit Leif Randt gesprochen.

Katja Nicodemus spricht mit Isabelle Huppert in der Zeit über die aktuellen Filme der französischen Schauspielerin und über deren Urgroßmutter, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris eine angesehene Modemacherin war. Dass Huppert mit allen dreht, die im Rahmen des internationalen Autorenkinos Rang und Namen haben, hat mit ihrer persönlichen Neigung zu tun, sagt sie: "Was diese Autorinnen und Regisseure verbindet, ist Intelligenz, Radikalität in der Ästhetik. Wahrhaftigkeit in der Emotion. Wir sprechen hier von Künstlern, die keine Konzessionen machen. So wie auch der koreanische Regisseur Hong Sang-soo, der für mich einer der ganz Großen ist. ... Es war nicht besonders wahrscheinlich, dass ich in meinem Leben mit Hong Sang-soo Filme machen würde. Und das Schöne ist, dass sein Kino genau das feiert: die Macht der Begegnung und des Zufalls."

Weiteres: In der FR empfiehlt Daniel Kothenschulte die Frankfurter Filmreihe "Pink Moments" mit Beiträgen aus der queeren Filmgeschichte. Der Regisseur Dominik Graf erinnert sich in der Zeit an Kindheitsmomente mit Mario Adorf. Valerie Dirk empfiehlt im Standard das Wiener Festival Cine Latino.

Besprochen werden Ben Wheatleys Actionkomödie "Normal" ("beeindruckend unterhaltsam", schreibt Fabian Tietke in der taz), Christian Freis Dokumentarfilm "Blame" über Corona-Verschwörungsthesen (taz), Douglas Wolfspergers Dokumentarfilm "Denn dieses Leben lebst nur du" über queere Menschen auf dem bayerischen Land (Tsp), Adrian Goigingers "Vier minus drei" (SZ), die DVD-Ausgabe von Herbert Ross' Krimikomödie "The Last of Sheila" von 1973 (taz), Peter Farrellys auf Amazon gezeigte Komödie "Balls Up" mit Mark Wahlberg und Sacha Baron Cohen (SZ), die von den Duffer Brothers co-produzierte Netflix-Horrorserie "Something Very Bad Is Going to Happen" (SZ) und Alberto Meronis Tessiner Komödie "Frontaliers Sabotage" (NZZ).
Archiv: Film

Bühne

Szene aus "Frauenliebe und -sterben". Foto: Matthias Baus

"So geht Musiktheater, das gar nicht aufregender sein kann", jubelt Egbert Tholl (SZ), der kaum weiß, was ihn mehr umgehauen hat: Tobias Kratzers Inszenierung "Frauenliebe und -sterben" an der Hamburger Staatsoper, die Robert Schumanns Liedzyklus "Frauenliebe und -leben" mit Béla Bartóks Oper "Herzog Blaubarts Burg" und Alexander Zemlinskys einaktiger Oper "Eine florentinische Tragödie" zu einer Befragungen von Frauenbildern verknüpft? Kate Lindseys "betörend intime" Interpretation der Schumann-Lieder? Oder doch Karina Canellakis' Dirigat? "Tatsächlich ist ihr Dirigat an diesem Abend absolut berückend. Musikantisch, klanglich ist eh alles von perfekt emotional aufgeladener Klarheit, was da aus dem Graben tönt, doch Canellakis überwölbt das noch mit einem unglaublichen Theaterinstinkt. Im 'Blaubart' kennt sie jede Silbe, jede Nuance, jedes kleinste inhaltliche Detail, das da gesungen wird. Wie sie Judith, also Annika Schlicht, mit dem Riesenapparat begleitet, das hat alles von gemeinsamen Atmen, Verstehen im Moment, die Musik wird symbiotisch vereint mit dem Ausdruck der Sängerin."

Ähnlich urteilt Axel Weidemann in der FAZ: "Alles was passiert, sieht man in der Musik fast mehr, als das man es hörte - und auch das ist das Grandiose an diesem Abend, der sein Publikum mitten hinein in eine Horrorerzählung gelockt hat." Nur Nachtkritiker Falk Schreiber räumt ein: "Ein bisschen stößt einem angesichts dessen unangenehm auf, wie ein männlich gelesener Regisseur sich hier dazu aufschwingt, den Feminismus ins Musiktheater zu tragen (und dass ein männlich gelesener Kritiker das bemängelt, darf ebenfalls problematisiert werden)."

Weitere Artikel: Comics auf der Bühne? Passt ganz hervorragend, findet ein hingerissener Jakob Hayner (Welt), der mit Anna Marboes "Liv, Love, Laugh Strömquist" am Wiener Volkstheater und Katrin Plötners "Das Orakel spricht" über Selbstoptimierung und Sinnsuche am Schauspielhaus Graz gleich zwei herausragende Adaptionen nach Vorlagen der schwedischen Comiczeichnerin Liv Strömquist gesehen hat. Besprochen wird außerdem Carola Moritz' Inszenierung des "Faust 1" im Frankfurter Kulturhaus (FR).
Archiv: Bühne

Musik

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Udo Lindenberg wird bald 80 und sein größter Fan sowie bester Freund ist bekanntlich der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre, der dem Musiker nun mit "Udo Fröhliche" (besprochen im Standard) eine Hommage in Buchform gewidmet hat. Im Zeit-Gespräch mit Peter Kümmel gibt Stuckrad-Barre Einblicke in die Lebenswelt Lindenbergs. Wenn man ihn besucht, "dann ist man auf Udos Planeten, auf dem alles anders ist, mit eigener Sprache, eigener Währung und eigener Zeitzone". Mit Vorliebe fährt er nachts mit dem Porsche durch die Stadt, "nie schnell, sondern spektakulär langsam. Mitunter bleibt er einfach stehen, wenn das Gespräch das gerade erfordert. ... Diese soziale Skulptur eines von Udo zum Erliegen gebrachten Kreisverkehrs, die begeistert mich natürlich. Die durch Hupen, Geschrei und Vogel- oder Mittelfingerzeigen formulierte Fassungslosigkeit dieser Typen, warum fährt da einer im schnellsten Auto nur Schritttempo? Und Udo kriegt all das kaum mit, lacht und winkt freundlich."

Weiteres: In der FR plaudert Steffen Rüth mit Nina Hagen, die nach 17 Jahren ein neues Album veröffentlicht hat. Joachim Hentschel porträtiert in der SZ Joe Jackson, der ebenfalls ein neues Album veröffentlicht hat. In der FAZ gratuliert Jan Brachmann dem Komponisten Pēteris Vasks zum 80. Geburtstag. Gunda Bartels schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Klassikveranstalter Witiko Adler.
Archiv: Musik

Architektur

Ganz angetan kehrt der NZZ-Kritiker Paul Jandl von seinem Ausflug zur ehemaligen Raketenstation in Hombroich zurück. Hier, in der Düsseldorfer Peripherie, wo einst eine Militärbasis stationiert war, hatte der Immobilienentwickler Karl-Heinz Müller sein ganzes Geld ausgegeben, um eine "stille Pracht der Verschwendung" zu schaffen, freut sich Jandl mit Blick auf die "idyllische Szenerie aus aufregender Architektur und sanft gesteuertem Wildwuchs. Weithin zieht sich ein parkähnliches Areal mit Bauten, die von Künstlern für Künstler geschaffen wurden. Der österreichisch-amerikanische Architekt Raimund Abraham hat hier ein 'Haus für Musiker' gebaut, das aussieht wie ein gerade gelandetes UFO. Vom Portugiesen Álvaro Siza Vieira stammt ein eleganter Ausstellungspavillon für Fotografie, und der Japaner Tadao Ando hat sich mit einer fast schwebenden, gläsernen Hülle für Kunst verewigt, mit dem Gebäude der Langen Foundation. ... Einige bauliche Reste der militärischen Vergangenheit hat man nicht entfernt. ... Hangars und Baracken, früher bunkerhaft und mit Tarnanstrich, reflektieren heute mit ihrer Blechverkleidung die Sonne."

Besprochen wird Gabriele Schärers Dokumentarfilm "Pionierin der Nachhaltigkeit" über die Schweizer Architektin Barbara Buser (NZZ).
Archiv: Architektur