Im Kino
Das ist für die Schildkröte
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
15.04.2026. Im deutschsprachigen Komödienkino sind die Filme Franz Müllers schon seit Jahren solitär: "Das Glück der Tüchtigen" erzählt entspannt und beschwingt von Liebe und Zusammengehörigkeit im Spätkapitalismus.
"Unsere Mama ist eine 10 von 10", rappt der Hiphopper im Vorruhestand Tarik (Leonidas Emre Pakkan) vor seinen Freunden auf einem Balkon und lässt seine beiden Töchter in den Sprechgesang mit einstimmen. Seitdem der Plattenvertrag nicht verlängert wurde, schmeißt die Mama, seine Frau Mira (Katharina Derr), den Laden: In einer entlegenen Ecke von Köln-Merheim leitet sie seit Kurzem einen unscheinbaren Supermarkt, eingeklemmt in einer Einkaufszeile zwischen Sonnenstudio, Blumenladen und Sparkasse. Für eine Made im Speck hält Miras Mutter Maren (Marie-Lou Sellem) deswegen Tarik und moniert, in Verlegenheit gebracht vor einer Bekannten, dass ihre Tochter sich immer nur nach unten orientieren würde.
Glücksempfinden bemisst sich möglicherweise nicht nach einer reibungslos funktionierenden Beziehung und auch nicht nach finanzieller Ausgewogenheit, stellt sich nicht schon ein, wenn die Verständigung innerhalb einer Familie harmonisch verläuft oder die Mitarbeitenden einen für eine gute Chefin erachten. In "Das Glück der Tüchtigen" erzählt der Regisseur Franz Müller eine Geschichte fort, die er 16 Jahre vorher, 2009, mit "Die Liebe der Kinder" begonnen hatte. Maren war darin eine Thirtysomething, die beim Onlinedating Robert (Alex Brendemühl) kennenlernte und mit ihm zusammenzog. Auch die Teenagerkids der beiden, Mira und Daniel, verliebten sich ineinander und trennten sich wie ihre Eltern am Ende wieder, weil das flüchtige Empfinden von Liebe nicht ihren auf die Zukunft gerichteten Bedürfnissen standhalten konnte.
Jahre später begegnet Mira Robert auf dem Parkplatz vor ihrem Supermarkt wieder. Als Leiter einer Firma für Baumschneiderei ist er längst ein gemachter Mann, der im akkuraten Kurzarmhemd eine unverbindliche Virilität ausstrahlt und bereits über einen frühen Alterssitz im wärmeren Süden nachdenkt. "Reschpekt!", lobt er den Arbeitseifer der Frau, die einst fast seine Tochter geworden wäre und der er helfen möchte. Damit sie ihre womöglich lebenslang anlaufenden Kreditzinsen tilgen kann, leiht er ihr 80.000 Euro: eine Summe, die Tarik alsbald bei einer Investition in Crypto-Nonsens ("Du musst nicht immer dem Geld hinterherlaufen. Man kann ihm auch einfach entgegengehen") wieder verspielt. Mira setzt ihn daraufhin vor die Tür.

Wie lässt sich eine Beziehung erhalten, wenn sich lange eingeschliffene Routinen plötzlich auflösen? "Das Glück der Tüchtigen" ist ein Legacy-Sequel im allerschönsten, nämlich Motive weiterdenkenden Sinne: Liebe und Zusammengehörigkeit innerhalb einer Patchwork-Familie sind für Müller diesmal schutzbedürftige Variablen innerhalb des Spätkapitalismus. Dabei verengt er die entspannt entfaltete Geschichte allerdings nie zu so etwas Prosaischem wie einem Themenfilm. Resilienz bleibt eine Frage von munter behauptetem Witz, nicht von soziologischer Deduktion: Wird das Geld zum Essen knapp, lassen sich nach wie vor aus dem Supermarkt, der einem schließlich gehört, Fischstäbchen entwenden ("Das ist für die Schildkröte"). Fehlt es an Mitteln zum Verreisen, kann die neunjährige Tochter immer noch Volljährigkeit vortäuschen, um eine gewonnene Reise ans Meer anzutreten.
Im gegenwärtigen deutschsprachigen Komödienkino sind die Filme Franz Müllers schon seit Jahren solitär - erinnern in ihrem schlafwandlerisch pointierten Witz eher noch an das Werk der legendären Kölner Gruppe um Bernhard Marsch (R.I.P.) und Rainer Knepperges (der hier einen wunderbaren Cameoauftritt als vermeintlich lustbegehrlicher Restaurantgast hat). Auch in "Das Glück der Tüchtigen" speist sich der Humor aus dezent ineinandergreifender Beobachtungsakribie und sprachlicher Präzision: Wann drehte sich zuletzt schon ein deutscher Film um den spezifisch teutonischen Unterschied zwischen Siezen (das Ausdruck von neckischer Neugierigkeit und Flirt sein kann) und Duzen (das zum Druckmittel wird, wenn es top-down festgelegt wurde)?
Robert schenkt Miras Töchtern eine Wasserdampfmaschine in Miniaturform, ein Erbstück seines Vaters, für das sein Sohn Daniel keine Verwendung hatte und das später noch als Schuldtilgungsmittel die Besitzer wechseln wird, bevor es am Ende wieder seinen Weg zurück findet. Mit solchen Maschinen fing alles einst in Manchester an: die industrielle Revolution, der Industriekapitalismus und letztlich das heutige Wirtschaftssystem, sagt Robert zu Mira. "Eigentlich ganz schön bescheuert." Ist das beheizte Wasser erst mal in Dampf verwandelt, entsteht dauerhaft nutzbare Bewegungsenergie. In einem beschwingten, unaufdringlichen Komödienton zeigt "Das Glück der Tüchtigen", dass es für ein als gelungen empfundenes Leben mehr bedarf als nur Betriebsamkeit.
Kamil Moll
Das Glück der Tüchtigen - Deutschland 2025 - Regie: Franz Müller - Darsteller: Katharina Derr, Alex Brendemühl, Leonidas Emre Pakkan, Marie-Lou Dellem - Laufzeit: 104 Minuten.
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