Efeu - Die Kulturrundschau

Rot macht high

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.02.2026. Alles Farbe hier, staunt die FAZ in der Hagener Rupprecht-Geiger-Retrospektive. In Ulm erliegt sie Donizetti und zwei Stimmwundern. Die taz stellt den Schauspieler Thomas Schmauser vor, der auf der Bühne zwischen sieben Tiger springt. Die FAS fragt sich, warum Nelio Biedermann bei den Kritikern so beliebt ist: Weil er als Schriftsteller aus der Gen Z old school schreibt? Die NZZ wünscht sich eine Berlinale ohne Realpolitik, und in der FAZ warnt Roland Weißmann, Generaldirektor des ORF: Der Eurovision Song Contest ist kein politisches Tribunal.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2026 finden Sie hier

Bühne

Joshua Spinks und Klara Kolonits in "Roberto Devereux" am Theater Ulm. Foto: Jochen Quast


Liebe, Lust, Todesangst, tolle Klamotten und hinreißende Musik - alles da in Gaetano Donizettis Tudor-Oper "Roberto Devereux", die Annette Wolf am Theater Ulm inszeniert hat. In der FAZ ist Lotte Thaler hin und weg - von der Inszenierung, aber vor allem von der großartigen Klára Kolonits, "das Stimmereignis in Ulm, eine Koloratur-Sopranistin von Donizettis Gnaden, die ... darüber hinaus eine atemraubende Bühnenpräsenz besitzt", und dem nicht weniger "fabelhaften kernigen Tenor Joshua Spink", der statt der Königin die Kammerzofe Sara liebt: "Für den überwältigenden Schluss mit den beiden aufeinanderfolgenden Monologen des Roberto und der Elisabetta teilt die Regisseurin die hochgefahrene Bühne horizontal: Oben liegt Elisabetta abgewandt am Rand, unten wartet Roberto im Tower auf seine Rettung. Saras Unschuld zu beweisen, ist sein letzter verzweifelter Wunsch: eine der 'mörderischsten' tenoralen Bravourszenen, Ausdruck blanker Existenznot, mit grenzsprengenden Höhenlagen die männliche Wahnsinns-Arie dieser Oper."

Koloraturen von Delibes kann Kolonits auch, wie sich hier zeigt:



Der Schauspieler Thomas Schmauser wurde in diesem Jahr mit den wichtigsten deutschen Theaterpreisen ausgezeichnet. tazlerin Sabine Leucht ist beeindruckt: "Technische Virtuosität sei ihm suspekt. Schon als Student an der Otto-Falkenberg-Schule suchte er 'nach einem Guerillaplan, um mich in diesen Beruf reinzubohren'. Da engagierte ihn Franz Xaver Kroetz für sein 'Bauerntheater'. 'Ich habe 'Olé Olé, wir sind die Champions' gebrüllt - auf Fränkisch natürlich - und gemerkt, dass das geht: Fast animalisch in einen Moment reinspringen wie in eine Manege mit sieben Tigern um dich herum… Das kann ich mir nicht ausdenken. Das geht nur über den Körper bei mir.'"

Der Standard berichtet über einen recht sinnlosen Streit des Kuratoriums der Salzburger Festspiele mit dem sehr erfolgreichen Intendanten Markus Hinterhäuser: "Wie konnte das so entgleisen?", fragt ein entgeisterter Michael Wurmitzer in einem Kommentar, in der FAZ erinnert Jan Brachmann daran, dass es meist wenig hilft, "wenn alle, die recht haben, als Rechthaber auftreten", und in der Welt empfiehlt Manuel Brug, dessen Sympathien eindeutig bei Hinterhäuser liegen: Er "sollte lieber im Sommer als gebrochener, aber künstlerisch triumphierender Festspielkönig den Hut nehmen, statt sich bis 2027 von der Kulturpolitik gängeln zu lassen".

Weitere Artikel: Simon Strauß trifft sich für die FAZ mit dem amerikanischen Dramatiker Noah Haidle, dessen neues Stück "Spirit and the Dust" am Deutschen Theater in der Inszenierung von Anna Bergmann uraufgeführt wird: Die Hauptrolle, eine Immobilienmaklerin mit einem "sechsten Sinn für die innersten Gefühlsregungen ihrer Mitmenschen" spielt Corinna Harfouch: "Die New York Times verreißt seine Premieren regelmäßig, für das amerikanische Publikum seien seine Dramen zu absonderlich, zu wenig naturalistisch, argwöhnt Haidle, aber in Deutschland, da schätzt man ihn." Der Bariton Bo Skovhus spricht im Interview mit der FR über seinen Werdegang und über sein Frankfurter Debüt mit George Benjamins Oper "Written on Skin". Sylvia Staude berichtet in der FR über den Auftakt von Tanzmainz mit dem Duo von Paper Bridge.

Besprochen werden die Uraufführung von Moritz Rinkes neuem Stück "Sophia oder das Ende der Humanisten" durch Amélie Niermeyer in den Kammerspielen des Josefstadt-Theaters (Silvia Meisterle als KI Sophia ist toll, aber das Stück beschränkt sich leider auf "Schockmomente, billige Witze und theoretisches Gedankengut, das bis zum Brei wiedergekäut wird", kritisiert Helene Slancar im Standard, in der nachtkritik und der FAZ kommt es nicht viel besser weg) und Sofie Boitens und Lorenz Noltings Sophokles-Überschreibung "Elektra - 750 PS Vergangenheitsüberwältigung" am Münchner Volkstheater (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Literatur

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Seit einem halben Jahr steht Nelio Biedermanns zweiter Roman "Lázár" auf den Bestsellerlisten - das Buch ist in zahlreiche Länder verkauft, eben vermeldete Tom Tykwer, sich die Filmrechte gesichert zu haben. Und auch die meisten Literaturkritiker waren von dieser alteuropäischen Familiengeschichte des erst 22-jährigen Autors sehr begeistert. Die sind seinen zahlreichen literarischen Anleihen - insbesondere von Prousts "Recherche" - gehörig auf den Leim gegangen, meint allerdings Julia Encke in der FAS. "Bei genauerer Betrachtung verschwindet ... alles, was Prousts Text ausmacht: An die Stelle eines tastenden Schreibens, mit dem das erzählende Ich die Selbstkonstruktion eines Subjekts vorführt, tritt ein selbstgewiss berichtendes Erzählen, an die Stelle der immer neu angestrengten 'Suche' ein geradezu einfältiges Finden." Die Literaturgeschichte wird hier "mit großer Selbstgewissheit trivialisiert", kritisiert Encke und stellt fest, dass es für viele Kritikerkollegen "ungeheuer beruhigend zu sein scheint, wenn ein Schriftsteller aus der Gen Z old school schreibt - und Literatur nicht mehr ist als ein Vehikel für Nostalgie".

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Weitere Artikel: Im "Literarischen Leben" der FAZ freut sich Andreas Platthaus über den Erfolg der deutschen Sachcomics in den letzten Jahren, der sich nicht nur darin zeigt, dass Vertreter der Gattung immer häufiger für Literaturpreise nominiert werden, sondern auch, dass der erste Band von Ulli Lusts "Die Frau als Mensch"-Reihe seit letztem Sommer mehr als fünfzigtausend Exemplare abgesetzt hat. Mara Delius porträtiert in der WamS die Schriftstellerin Ildikó von Kürthy. In "Bilder und Zeiten" der FAZ denkt Melanie Möller über die Aktualität von Lucans Epos "De Bellum Civile" nach.

Besprochen werden unter anderem Son Lewandowskis "Die Routinen" (taz), Kristof Magnussons "Die Reise ans Ende der Geschichte" (FAZ) und Martin Suters "Können Sie mich sehen?" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Jan Röhnert über Michael Hamburgers "Gärtnern I":

"Meist genügt schon,
Wenn die grüne Spitze sich zeigt:
In ihr erkennst du die Freiheit ..."
Archiv: Literatur

Film

Kino der Zustände: "The Chronology of Water" von Kristen Stewart




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Thomas Abeltshauser ist sich in der taz uneins über "The Chronology of Water", die Adaption von Lidia Yuknavitchs Memoir "In Wasser geschrieben", mit der die Schauspielerin Kristen Stewart ihr Debüt als Regisseurin feiert. Die vielfältigen Traumatisierungen der Protagonistin vermittelt Stewart in einem assoziativen Bilderreigen, einem "Kino der Zustände. Lidia erscheint nicht als eine Figur mit klaren Zielen, sondern als Körper, der reagiert, sich betäubt, verletzt und erinnert. ... Szenen wirken wie Splitter, die keinen festen Zusammenhang bilden. Als Zuschauer bleibt man oft auf Distanz, weniger aus Gleichgültigkeit, denn aus Orientierungslosigkeit." Andererseits hat Stewart "ein außergewöhnliches Gespür für physische Präsenz", findet Abeltshauser. Insgesamt wirkt der Film auf ihn "unfertig, überladen und gelegentlich auch selbstverliebt. Doch er besitzt eine Dringlichkeit, die sich nicht ignorieren lässt".

Die Berlinale ist in den letzten Tagen "schwer beschädigt worden", diagnostiziert Tobias Sedlmaier in der NZZ, und zwar durch diverse "Interventionen von Gesinnungsterror. ... Es dominierte ein einziges Thema, wie so oft, wenn es gegen Israel geht. Über Film wurde kaum noch gesprochen." Aber "ein Filmfestival, da hat der Jurypräsident Wim Wenders vollkommen recht, ist kein Ort für Realpolitik, kein entscheidungsfähiges Parlament. Filme retten nicht die Welt, sondern fördern im besten Fall den Denkprozess. Der Gaza-Konflikt wird sich wegen der Berlinale nicht bessern, aber er könnte besser verstanden werden - durch die Kraft der Filme. Solange dem Filmfestival die Politik von außen übergestülpt wird, gewinnt niemand."

Weitere Artikel: Auf critic.de schreibt Lukas Foerster ausführlich über die Filme von Preston Sturges, die er für eine Reihe im Berliner Zeughauskino kuratiert hat. Paula Ruppert empfiehlt auf Artechock die neue Ausgabe des Festivals "Mittel Punkt Europa" in München. Philipp Bovermann spricht für die SZ mit Josh Safdie, dessen mehrfach oscarnominiertes Tischtennisdrama "Marty Supreme" (hier unsere Kritik, dort die von critic.de) aktuell im Kino zu sehen ist.

Besprochen werden Kevin Williamsons Horrorfilm "Scream 7" (Perlentaucher), Mamoru Hosodas Anime "Scarlet" (critic.de), Jim Jarmuschs "Father Mother Sister Brother" (critic.de, Artechock), Tumpal Tampubolons "Crocodile Tears" (Artechock), Isa Willingers Dokumentarfilm "No Mercy" über Filmemacherinnen, die kompromisslos ihrer Vision folgen (FAS) und die deutsche Netflix-Serie "Kacken an der Havel", für die man laut Elmar Krekeler in der WamS "eine gewisse humoristische Unerschrockenheit braucht".
Archiv: Film

Kunst

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Alles Farbe hier, staunt FAZ-Kritiker Georg Imdahl in der Rupprecht-Geiger-Retrospektive, die das Emil Schumacher Museum Hagen ausrichtet. Wer braucht da erklärende Texttafeln? "Für den Augenblick darf es auch mal gleichgültig sein, ob ein Bild nun 1976 oder 1992 gemalt wurde, zumal wenn man sich der viel zitierten Devise des Künstlers überlassen möchte: 'Rot macht high.' In der Hagener Geiger-Chapel kommt jedenfalls voll zur Geltung, was dieses Werk ausmacht: der Dauermodus einer unmittelbaren Gegenwärtigkeit von Farbe, ein euphorischer Geist, der in den fluoreszierenden Pigmenten aufleuchtet. ... Tatsächlich geht von den Bildern eine direkte, manchmal sogar schneidende Wirkung aus, ihnen eignet ein Tempo der Affektion, die sofort überkommt, aber auch dem andauernden Blick die nötige Differenz in den Oberflächen zu bieten hat."

Weitere Artikel: In der Welt blickt Boris Pofalla zurück auf 30 Jahre Hamburger Bahnhof, das Berliner Museum für Gegenwartskunst. Niklas Maak besucht für die FAS dort eine Ausstellung Giulia Andreanis, gegen die er nicht viel einzuwenden hat, fragt sich aber, warum man zum Dreißigsten nicht lieber eine große Ausstellung junger Berliner Künstlerinnen organisiert hat: Maaks Andeutungen, es könne an den Sammlern liegen, die die Ausstellung Andreani fördern, bleiben vage.

Besprochen werden die Ausstellungen "Tracey Emin. A Second Life" in der Tate Modern (Welt), Max Liebermann im Potsdamer Museum Barberini (Tsp) und Fotografien von Susanne Wehr in der Berliner Galerie Mönch (Tsp).
Archiv: Kunst

Architektur

Detail aus Walter Womackas Fries am "Haus des Lehrers", 1964. Foto: Andreas Steinhoff unter cc-Lizenz


Jens Malling begibt sich für "Bilder und Zeiten" (FAZ) auf die Suche nach Spuren des DDR-Künstler Walter Womacka, dessen riesige Wandmosaiken bei SED äußerst beliebt waren, der heute jedoch fast vergessen ist. Eine kleine Sammlung im Strandhotel "Seerose" gibt Malling einen Eindruck von Womackas Werk. Dort trifft er auch Gerd Schulz, den Vorsitzenden des Freundeskreises Walter Womacka, der sich um das Erbe kümmert. Er selbst war zwar nie ein so überzeugter und privilegierter SED-Anhänger wie Womacka, verteidigt diesen aber doch gegen den Vorwurf "Staatskünstler". "Schulz hält dagegen: 'In der Kunstgeschichte gibt es zahlreiche Beispiele für Werke, die im Auftrag der Herrschenden entstanden sind. Oder unter deren Einfluss. Viele Künstler hätten sonst gar nicht leben können. Für wen hat Rubens gemalt? Für wen Rembrandt?'" Mehr über Womacka hier und hier.

Weiteres: Wegen zu hoher Kosten will die Stiftung Exilmuseum Berlin erst mal auf den geplanten Neubau am Anhalter Bahnhof verzichten und das Museum in der Villa in Berlin Charlottenburg unterbringen, in der die Stiftung derzeit residiert, berichtet Cay Dobberke im Tagesspiegel. Besprochen wird eine Ausstellung mit den Zeichnungen des Jugendstil-Architekten Otto Wagner in der Tchoban Foundation in Berlin (FAZ).
Archiv: Architektur
Stichwörter: Womacka, Walter

Musik

Der Eurovision Song Contest "gehört zu den wenigen Formaten, in denen Europa sich Jahr für Jahr als kulturelle Gemeinschaft erfahrbar macht - jenseits institutioneller Politik, nationaler Interessen und tagesaktueller Konflikte", schreibt Roland Weißmann, Generaldirektor des ORF, der in diesem Jahr den Wettbewerb ausrichtet, in der FAZ. Angesichts akuter politischer Überfrachtungen der Veranstaltung (auch hier gehts vor allem um Israel, auch wenn Weißmann das mit keinem Wort erwähnt) und auch im Vorfeld des österreichischen ESC warnt er: "Der ESC ist kein Tribunal und kein Ersatz für Diplomatie. Wer von ihm erwartet, politische Konflikte zu lösen oder moralische Abrechnungen vorzunehmen, überfordert die Kultur. ... Der ESC 2026 wird die Vielfalt und die Unterschiede Europas sichtbar machen - nicht verdecken. Gerade darin liegt seine Kraft: zu zeigen, dass kulturelle Begegnung möglich bleibt und bleiben muss, auch wenn Meinungen, Haltungen und politische Bewertungen auseinandergehen. Dass Europa unter solchen Bedingungen einen gemeinsamen kulturellen Raum offenhalten kann, ist kein Automatismus, sondern Ausdruck demokratischer Reife."

Weitere Artikel: Tobias Bachmann spricht in der taz mit dem Rap-Duo Hinterlandgang, das sich in Mecklenburg-Vorpommern der subkulturellen rechtsextremen Hegemonie in den Dörfern und Städten entgegen stellt. Joachim Hentschel und Sara Peschke schreiben in der SZ zum angekündigten Comeback von Rush.

Besprochen werden das neue Album der Gorillaz (Tsp) und das neue Album von Bruno Mars, auf dem laut SZ-Kritiker Jakob Biazza "feinste Begattungs-Grooves" zu hören sind, ja mithin "Musik für Softpornos mit Instagram-Beleuchtung".

Archiv: Musik
Stichwörter: Esc, Eurovision Song Contest, Orf