Im Kino
Überdeutlich und seltsam ungreifbar
Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
10.02.2026. Die palästinensischen Regisseure Tarzan und Arab Nasser erzählen in "Once Upon a Time in Gaza" eine Kleingangstergeschichte, die sich fast zwangsläufig auch vor den diskursiven Verwerfungen rund um den Nahostkonflikt entfaltet. Ihr Film lässt mehrere Lücken, zeigt manche Bilder, lässt andere weg.
Kein Konflikt zwingt momentan zu einer so eindeutigen Positionierung wie der zwischen Israel und Palästina. Das gilt nach den Massakern der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der Zerbombung Gazas noch mehr als eh schon. Freundeskreise wurden durchsortiert, weite Teile der Kulturszene und insbesondere des britischen Pop gerieten unter massiven Positionierungsdruck, für Komplexitäten und Ambivalenzen, also Unentscheidbarkeiten, und auch schlichte Ratlosigkeit war im mehr und mehr aufdrehenden Geschrei kein Platz mehr. Der Hinweis darauf, wer diesen Krieg, im Wissen um die Konsequenzen und im erklärten Willen, die eigene Bevölkerung zu opfern, angefangen hatte, wurde gerne als Relativierung der Kriegsverbrechen der israelischen Armee verstanden. Der Hinweis auf eben diese Verbrechen von der anderen Seite wiederum als Relativierung eines eliminatorischen Antisemitismus, dem man anders als mit massiver militärischer Gewalt nicht mehr beikommen könnte.
Die Bilder eines Films mit dem Titel "Once Upon a Time in Gaza" laufen auf einer Leinwand beziehungsweise einem Bildschirm und vor diesem Hintergrund gleichermaßen. Als Genrestück erzählt der dritte Film des palästinensischen Regie- und Bruderduos Tarzan und Arab Nasser eine Kleingangsterballade. Osama (Majd Eid) betreibt einen Imbiss und verdient sich nebenbei Geld mit dem Verkauf illegal beschaffter, verschreibungspflichtiger Schmerzmittel, die er in Falafel-Sandwiches transportiert und verkauft. Widerwillig wird er dabei von Yahya (Nader Abd Alhay) unterstützt, einem eher ungelenken, jungen Ladenmitarbeiter. Als der korrupte Polizist Abou Sami (Ramzi Maqdisi) Osama unter Druck setzt, für ihn als Informant zu arbeiten, und Osama sich weigert, eskaliert die Lage.
In seinem ersten Akt entfaltet "Once Upon a Time in Gaza", sehr überzeugend, genau inszenierte Bilder des Alltagslebens in Gaza. In dieser Hinsicht schließt er an die ersten beiden Filme von Tarzan und Arab Nasser an, an "Dégradé" und an ihren bislang schönsten, "Gaza Mon Amour": mikrosoziologische Erzählungen, gefiltert durch eine Genrelogik, die im Kino, das von Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten meist im Rahmen eines Politthrillers erzählt, selten sind.

Direkte politische Verweise hingegen funktionieren in "Once Upon a Time in Gaza" nicht sonderlich gut und stehen zum sonstigen Geschehen fast zwangsläufig quer. Der Film, der 2007 spielt, beginnt mit einem Zitat Donald Trumps, der im Februar 2025 eine Vertreibungsfantasie mit dem Bild einer "Riviera des Nahen Ostens" verband.
Dieser Rahmen markiert eine Lücke. Man sieht eine Welt - Häuser, Straßen, Menschen -, die es heute, nach einem Krieg mit zehntausenden Toten, nicht mehr gibt. "Jede Geschichte, die heute über Gaza erzählt wird, beginnt wie ein Märchen mit 'Es war einmal', weil Gaza praktisch nicht mehr existiert", haben Tarzan und Arab Nasser im Interview mit der Variety erklärt. Das ist die erste Lücke, die der Film zeigt, indem er eine Welt inszeniert (gedreht wurde "Once Upon a Time in Gaza" in Jordanien), die es so nicht mehr gibt.
Freilich tut sich auch eine andere, komplementäre Lücke auf. Sie entspricht der Logik der Diskurse auf beiden Seiten: Ein emphatischer, analytischer, vielleicht sogar dialektischer Blick auf die Gegenseite ist beiderseits selten. Durch die Einspielung der Trump-Rede und immer wieder eingeschnittene Einschläge israelischer Bomben ist "Once Upon a Time in Gaza" dezidiert als post-10/7 inszeniert (und politisiert). Gleichzeitig kommt der Überfall der Hamas am 7. Oktober, der einen verheerenden Krieg auslöste, nicht vor.
Stattdessen setzt der Film noch eine weitere Lücke, diesmal in der eigenen Struktur, und lässt die erste und die zweite Hälfte seltsam unverbunden nebeneinander stehen. "Once Upon a Time in Gaza" zerfällt gewissermaßen in zwei Teile. Yahya wird nach dem Tod von Osama als Hauptdarsteller des, so will es der Film-im-Film, ersten palästinensischen Actionepos gecastet. Er soll einen von der israelischen Armee getöteten Märtyrer der Hamas spielen.
Als Meta-Kino, das zum Beispiel von den Einflüssen Hollywoods auch auf die politische Propaganda der Hamas erzählen könnte, bleibt "Once Upon a Time in Gaza" seltsam lauwarm. Man weiß nicht genau, wo der Film nach dem erzählerischen Bruch und dem Austausch seiner Hauptfiguren hinmöchte. Der Tonfall ist fatalistisch-humorvoll, am stärksten ist der Film, wenn er nicht daran arbeitet, seinen Plot drei zentralen Volten schlagen zu lassen, sondern von den Interaktionen der Figuren und von der Produktion des Films-im-Film erzählt.
Am stärksten ist er, wie gesagt, als Porträt des Alltags in Gaza, im Blick auf eine Welt, die zerbombt ist. In seinen politischen Subtexten bleibt er zugleich überdeutlich und seltsam ungreifbar, weil er das eine unverbunden neben dem anderen laufen lässt. Vielleicht ist diese Ungreifbarkeit auch das Resultat der Unmöglichkeit des ursprünglichen Projekts der Filmemacher. Am Anfang hatten sie einfach einen Western drehen wollen, ein Stück "pures Kino". Das kann unter den gegebenen Bedingungen offensichtlich nicht mehr funktionieren. "Wir versuchen immer, einfach Kino zu machen. Aber in Gaza, und in Palästina generell, ist es sehr schwer, der Politik zu entkommen, weil die Politik dort alles bestimmt", sagen Tarzan und Arab Nasser.
Die Bilder vom 7. Oktober sind in "Once Upon a Time in Gaza" nicht integrierbar, das grauenhafte Gesabbel Donald Trumps und die Bilder israelischer Bomben schon. Und so erscheinen der Krieg und auch der israelische Grenzzaun, nach dessen Errichtung die Zahl der Terroranschläge in Israel sich deutlich vermindert hat, ausschließlich als Instrumente kolonialer Unterdrückung.
Vielleicht erzählt "Once Upon a Time in Gaza" - implizit - auch von der Unmöglichkeit, wirklich alle Bilder zu zeigen, von der Schwierigkeit, unter dem Horror der gegebenen Bedingungen der eigenen Einseitigkeit zu entkommen, hin zu einer Dialektik (analytisch) und zu einer wirklichen Wahrnehmung des Leids auf der jeweils anderen Seite (empathisch). Die Schwierigkeit ist allseitig zu beobachten, immer wieder, und auch an einem selbst; vielleicht auch, denke ich, in diesem Text.
Benjamin Moldenhauer
Once Upon a Time in Gaza - Palästina, Vereinigte Arabische Emirate, Frankreich 2025 - Regie: Tarzan Nasser, Arab Nasser - Darsteller: Issay Elias, Nader Abd Alhay, Ramzi Maqdisi, Majd Eid - Laufzeit: 87 Minuten.
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