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04.02.2026. Bis zur Besessenheit aufgekratzt wird in Barrie Koskys Berliner Inszenierung der "Lady Macbeth von Mzensk" musiziert, freut sich die nmz. Die Künstlerin Parastou Forouhar erzählt in der FAZ, wie Frauen im Iran ihr Recht auf Präsenz zurückerobert haben. Die NZZ hat kein Problem damit, wenn an Schulen Literaturklassiker in vereinfachten Fassungen gelesen werden. Die SZ begeistert sich für das introspektive Chaos des experimentellen Hip-Hop-Duos By Storm.
Komische Oper: Lady Macbeth von Mzensk, Foto: Monika Rittershaus Schlichtweg überwältigt ist Bojan Budisavljević in der nmz von Barrie Koskys Inszenierung der "Lady Macbeth von Mzensk" an der Komischen Oper Berlin. Dimitri Schostakowitschs Oper knallt diesmal aber so richtig: "Wie Kosky hier das chorische Breitwandformat stets aus Einzelgesten zusammenfügt, damit es in der Masse umso kraftvoller wirkt, das ist schon phänomenal. Wie auch musikalisch der Chor der Komischen Oper, mit Ambur Braid das Zentrum des Abends. (…) Die Kostüme übrigens, denen man, bis auf die schmucken Polizeiuniformen, den Geruch von Schweiß, Exkrementen, Alkohol, Zigaretten und billiger Knoblauchwurst schier ansehen konnte, stammten von Victoria Behr." Dirigent James Gaffigan wiederum hat das brillante Orchester fest im Griff: "Bis zur Besessenheit aufgekratzt folgen ihm die Musiker der Komischen Oper und geben alles, ohne auch bei den höchsten Phonstärken je vom rechten Weg abzukommen. Ein abwechslungsreiches Dirigat zwischen feiner Gerte und grobem Knüppel."
Kein reines Vergnügen ist hingegen Thaddeus Strassbergers Berlioz-Inszenierung "Benvenuto Cellini" am Brüsseler Théâtre de la Monnaie, findet Holger Noltze, dem die opulente Produktion, wie wir in der FAZ lesen, schlicht zu klamaukig geraten ist. Musikalisch jedoch kann die Aufführung überzeugen: "Der Brüsseler Musikdirektor Alain Altinoglu, zugleich Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters in Frankfurt am Main, wirft das Orchestre Symphonique mit gutem Schwung in Berlioz' über alle Maßen ehrgeizige Partitur; wie er dann im Vorspiel für das Pizzicato der Bässe das Tempo sofort bremst, gibt schon eine Ahnung für die kommende, extreme Kontrastdramaturgie der Musik. Altinoglu bleibt Herr des Geschehens noch in den intrikatesten Ensembles, zumal die Holzbläser brillieren mit flinker Eloquenz; der Chor darf glänzen, ebenso Berlioz' Instrumentations-Raffinement."
Weiteres: Janis El-Bira schreibt auf nachtkritik über die in der Theaterwelt und andernorts grassierende Lust, sich mit der eigenen Ignoranz zu brüsten. Besprochen werden Noam Brusilovskys "Fake Jews" am Deutschen Theater Berlin (Welt), Olga Neuwirth und Elfriede Jelineks "Monster's Paradise" (Welt, Presse), Guillaume Poix' "Und dann Romy Schneider", inszeniert von Manon Krüttli, am Theater Neumarkt, Zürich (NZZ) und Christoph Marthalers Mahler-Abend "Die Unruhenden" (FR- "ein leichter und assoziativer Abend").
Düster und doch voller Licht: "Ein Kuchen für den Präsidenten" "Ein Kuchen für den Präsidenten" ist der in Cannes preisgekrönte Debütfilm des irakischen Regisseurs HasanHadi und erzählt von einem jungen Mädchen in der irakischen Provinz der frühen Neunziger, das inmitten der Kriegs- und Sanktionswirren dazu verdonnert wird, eben einen Kuchen für Saddam Hussein backen zu müssen. Der Stoff taugt zu Arthaus-Schmalz, doch der Film ist "gleichzeitig düster und voller Licht, unheimlich wie ein Märchen und hochaktuell, eine bildgewaltige Erzählung über die Flüchtigkeit des Lebens in der Diktatur und über den totalen Zugriff einer Herrschaft, die nicht rechtzeitig aufgehalten wurde", schwärmt Sonja Zekri in der SZ. "Die bizarre Grausamkeit des Films geht auf" die Kindheit des Regisseurs zurück: "Ein Junge in Hadis Schule hatte keinen Kuchen zustande gebracht, daraufhin sei er nicht nur von der Schule geworfen, sondern in Saddams 'Kinder-Armee' gesteckt worden, erinnert sich der Regisseur. 'Ich wollte keinen Film über meine Erinnerungen machen, sondern über meine Fragen an diese Zeit: Was bedeutet Schweigen im Angesicht einer solchen Ungerechtigkeit? Darf man in einer so aussichtslosen Situation lügen?Gibt es überhaupt noch moralische Grenzen?'"
Von einer spektakulären Premiere im MoMA berichtet Frauke Steffens in der FAZ. Gezeigt wurden Filme von Andy Warhol, die der Künstler selbst nie in Augenschein nehmen konnte, da die betreffenden "45Rollen16-Millimeter-Film" erst jetzt gefunden und entwickelt wurden. "Zu sehen ist Rohmaterial aus Filmen wie 'Sleep', 'Kiss' und 'Couch', außerdem gibt es Szenen von Partys in Warhols 'Factory' und verwackelte Aufnahmen einer Fahrt mit den Bandmitgliedern von Velvet Underground nach Ann Arbor zu sehen." Manche Filme setzen zwar sehr auf Warhols künstlerisches Konzept der zerdehnenden Langeweile. "Hellwach sind die meisten Zuschauer im MoMA dagegen, als die Outtakes aus den diversen expliziten Filmen, die Warhol machte, dran sind. Da onaniert ein muskulöser junger Mann, während er ab und an in einen Apfel beißt, einmal herausfordernd in die Kamera schaut. Hier wird nichts der Vorstellung überlassen. Das vermeintlich Obszöne, das Geschlechtsteil in der einen Hand, der Apfel in der anderen, die freundliche Ruhe des Mannes gegenüber sich selbst, alles wird gewöhnlich."
Weitere Artikel: Arno Widmann erinnert in der FR an CharlieChaplins Klassiker "Moderne Zeiten", der morgen vor neunzig Jahren Premiere feierte. Besprochen wird ParkChan-wooks "No Other Choice" (taz, FAZ).
"Klassikerzuvereinfachen, ist kein Frevel an der Literatur", wenngleich es auch nicht schaden könne, wenn Texte auch mal zu "Knobelaufgaben" werden. So lautet der versöhnliche Befund, den Thomas Ribi aus der neutralen Schweiz in der NZZ zur deutschen Kontroverse um Literaturklassiker in einfacher Sprache im Deutschunterricht beisteuert. Diese sagt vor allem etwas aus "über das Verhältnis der Deutschen zu ihren Klassikern: Man liest sie zwar kaum und macht sich über bildungsbürgerliches Gebaren lustig. Aber man hält sie in Ehren. Und wenn sich jemand erdreistet, sie zum Leben zu erwecken, reagiert man empört, sobald man den Eindruck hat, der nötige Respekt werde nicht gewahrt. Nur: Respekt hält Goethe, Lessing, Kleist und Co. nicht am Leben. In England ist WilliamShakespeare an allen Schulen Pflichtlektüre. Manche seiner Stücke werden schon in der zweiten oder dritten Klasse gelesen - selbstverständlich in vereinfachten Ausgaben. Mit dem Erfolg, dass 'Hamlet', 'König Lear', 'Viel Lärm um nichts', 'Romeo und Julia' oder 'Der Sturm' auch vierhundertfünfzig Jahre nachdem sie geschrieben worden sind, noch lebendigesKulturgut sind."
Weitere Artikel: Marie Schmidt porträtiert in der SZ die Verlegerinnen ConstanzeNeumann, die bislang bei Aufbau tätig war und nun den Publikumsverlag BasteiLübbe literarisch neu aufstellen will, und HeideKloth, die Neumann bei Aufbau nachfolgt. Besprochen werden unter anderem KatharinaPragers Biografie über KarlKraus (Standard), Frauke Buchholz' Krimi "Endzeit" (FR), KjellWestös "Dämmerung" (FAZ) und JulyaRabinowichs Jugendroman "Mo & Moritz" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau.
Im Interview mit der FAZ erzählt die iranisch-deutsche Künstlerin Parastou Forouhar, dass sie jedes Jahr nach Teheran reist, um ihrer Eltern zu gedenken, Oppositionelle, die 1998 vom iranischen Geheimdienst ermordet worden waren: "Das hat auch etwas Performatives - diesen Moment des Widerstands zu kreieren" erklärt sie. "Zum Beispiel steht der Stuhl, auf dem mein Vater saß, als er erstochen wurde, immer noch an derselben Stelle. An dem Ort, wo meine Mutter auf dem Boden gefunden wurde, liegt ein gerahmtes Porträt von ihr." Kraft gibt ihr auch die Bewegung "Frauen, Leben, Freiheit" und das Ablegen des Kopftuchs: "Das Kopftuch ist nicht nur ein Stück Stoff, auch von der Islamischen Republik wurde es lange als Symbol dieses Systems dargestellt. Als ich 1983 anfing, in Teheran zu studieren, waren die Abbildungen von Frauen in den Katalogen der riesigen Bibliothek geschwärzt, mit schwarzem Edding überstrichen, wir waren alle verschleiert und ebenfalls wegradiert, hatten kein Anrecht auf Präsenz. Im Lauf der Jahre haben die Frauen dieses Recht auf Präsenz zurückerobert. Aus solchen existenziellen Momenten einer Gesellschaft entstehen meine Werke."
Weitere Artikel: Olga Kronsteiner beschäftigt sich im Standard mit dem Kunstsammler Leon Black, der zu den wichtigsten Financiers Jeffrey Epsteins gehörte. Larissa Kikol porträtiert auf monopol die Hidden Masters, eine Gruppe von Street Artists, die klandestin Hochhäuser kapern und fotografieren.
Besprochen werden mehrere der Soundkunst gewidmete Ausstellungen, unter anderem von Saâdane Afif und Annika Kahrs, im Hamburger Bahnhof, Berlin (Tagesspiegel) und die Cézanne-Ausstellung in der Fondation Beyeler, Riehen, Schweiz (taz).
"Es ist, als würde hier das ganze Genre des Hip-Hops auseinandergeschraubt - und in seinen absurdesten Ausformungen wieder zusammengesetzt", staunt Luca Viglahn (SZ) glücklich überfordert über das neue Album "My Ghosts Go Ghost" des experimentellen Hip-Hop-Duos ByStorm, das darauf den frühen Tod eines dritten Mitglieds betrauert und verarbeitet. Es "klingt wütender, brutaler und chaotischer als ihre bisherigen Projekte. Ritchie rappt oft hektisch, mantraartig, getrieben, wiederholt sich immer wieder, als sei er in unendlichen Gedankenspiralen gefangen. Ein introspektives Chaos. Und eine Art Ausweg: schreien, abdrehen und in Emotionalität und Schmerz völlig zerfließen. Insgesamt bekommt das so viel von der modernen Internetästhetik anderer Experimental-Rapper wie JPEG Mafia oder Death Grips, behält aber auch immer wieder seine ganz eigene, herausragendemusikalischeVorstellungskraft."
Dass BadBunny - in Deutschland wohl erst seit seiner Grammy-Rede vom vergangenen Samstag einem größeren Publikum bekannt, international aber seit Jahren der absolute King im Streaming - kommendes Wochenende die Halbzeit-Show beim SuperBowl bestreiten wird, "bringt Konservative in den USA auf die Palme", schreibt Elena Panagiotidis in der NZZ. Was nicht wundert, denn "der Super Bowl ist in den USA der Fernseh-Event mit der höchstenEinschaltquote. In der Halftime-Show treten bekannte Künstler auf. ... Der Auftritt ist ein Ritual, bei dem die USA sich und dem Rest der Welt erzählen, wer sie sind. ... Bad Bunnys Super-Bowl-Auftritt verspricht in dem aufgeheizten Klima zusätzliche Reibung. Das zeigt sich auch darin, dass nun die Organisation Turning Point USA - die vom im vergangenen Jahr ermordeten rechten Aktivisten CharlieKirk gegründet wurde - eine parallele 'All-AmericanHalftimeShow' angekündigt hat."
Weiteres: Julian Zwingel berichtet in der taz von der Pleite des Berliner Musiksoftware-Herstellers NativeInstruments. Josef Engels spricht für die Welt mit dem Jazzmusiker NilsWülker. Besprochen wird Max Jaffes Album "You Want That Too!" (FR).
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