Efeu - Die Kulturrundschau
Ideen von Weggehen
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24.01.2026. Die FAZ plädiert für eine Revolution im Regie-Theater. Der Standard bewundert die subversive politische Seite in Elsa Kremsers und Levin Peters dokumentarischem Film "White Snails" über einen belarussischen Bestatter. Der Tagesspiegel ist fasziniert von den geheimnisvollen Jünglingen des Malers Otto Meyer-Amden, dessen Werke in Berlin zu sehen sind. Die nachtkritik erlebt in Hamburg in Yana Ross' Inszenierung "Die Möwe" eine gelungene Symbiose von Tschechow und Wolfgang Herrndorf.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
24.01.2026
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Bühne

"Tolles Ensembletheater" mit gelungenen Aktualisierungen sieht Nachtkritiker Andreas Schnell in Yana Ross' Tschechow-Inszenierung "Die Möwe" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Vor allem die zweite Hälfte findet Schnell eindrücklich, wenn Ross Wolfgang Herrndorf-Texte mit einbaut. Hier "kommt der Tod ins Spiel, die Endlichkeit dieses Lebens ohne Erfüllung, dessen relative Hoffnungslosigkeit schon im Kern dieser Gesellschaft angelegt sein mag: Ein Traum aus 'Arbeit und Struktur' leitet den zweiten Teil des Abends ein: Hunde, die nur auf die Mutter hören, deren Lächeln dem Träumenden Angst macht. Immer wieder hört man sie im Theater bellen. Scheint am Ende noch so etwas wie die Möglichkeit von Glück auch für Kostja und Nina aufzuscheinen, die in der verzweifelten Gesellschaft ihren Tanz vom Anfang wieder aufnehmen, ist das Ende wie es Tschechow ersann (...) Während die anderen einfach weitermachen, stürzt sich Kostja, der sein Leben doch tanzen will (...) am Ende in den Abgrund.
Wir brauchen jemanden, "der uns wieder aus dem ideologischen Bevormundungstheater herausführt und uns mit seiner 'Gesinnungskunst' verschont", fordert Lotte Thaler in der FAZ mit Blick auf deutsche Opernbühnen. Das gegenwärtige Regietheater habe mit seiner programmatischen Verachtung für das ursprüngliche Werk und seinem zwanghaften Drang nach Aktualisierung ausgedient. Als Vorbild für eine neue Form des Theaters könnten die Überlegungen des Theatertheoretikers Adolphe Appia dienen, der zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts Wagner aktualisieren wollte, schlägt Thaler vor. Er forderte zum Beispiel "ein minimales Bühnenbild, das nicht illustriert, sondern symbolisiert. Selbst Wagners eigene Regieanweisungen haben nichts mehr zu melden: 'alles, was Wagner hinzufügt, ist irrelevant'. Ausschlaggebend für den Regisseur ist allein die Partitur, sie enthalte 'per definitionem die theatralische Form'."
Weiteres: Wo sind "die Brünnhilden und Siegfriede, denen man wirklich gern und angstfrei zuhört?" fragt Manuel Brug in der Welt und beklagt einen Mangel an der Herausforderung gewachsenen Wagner-SängerInnen. In der taz berichtet Dorothea Marcus vom Festival Modaperf in Kamerun, organisiert von Performer Zora Snake. Besprochen werden Ivo van Hoves Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" an der Comédie Francaises (FAZ), Joana Tischkaus Choreografie "Runnin" im Frankfurter Mousonturm (FR) und Jorinde Dröses Stück "Iconic" mit Mareike Fallwickl, lynn t musiol und Jacinta Nandi (nachtkritik).
Architektur
Wie man sich "auf sehr grundsätzliche Weise" mit der Geschichte eines Ortes auseinandersetzt, kann Ulf Meyer (FAZ) im Louisiana Museum im dänischen Humlebæk sehen. In der Ausstellung "Memoryscapes" zeigt das Museum Arbeiten des japanischen Architekten Tsuyoshi Tane und der chinesischen Architektin Xu Tiantian. Beiden sei gemeinsam, dass sie sich bei ihren Entwürfen "archäologische, anthropologische und geologische Fragen stellen". "Tanes Entwurf für das neue Imperial Hotel in Tokio ist in der Schau in allen Details zu studieren: Es werden sogar einige Original-Bauteile, die aus dem Vorgängerbau von Wright gerettet werden konnten, in Humlebæk ausgestellt. Die Backsteine und Oya-Tuffsteine mögen nur eine kleine Trophäe sein, die sich vom einstigen Grand Hotel erhalten hat, aber selbst in einem einzelnen Stein zeigt sich Wrights Meisterschaft, mit den Mitteln der Ornamentik eine protomoderne Architektur zu erzeugen, die fast jedermann einnimmt."
In der SZ berichtet Alexander Menden über das Dortmunder Büro Gerber Architekten, das für die Stadt Riad den größten innerstädtischen Park der Welt, den King Salman Park, entworfen hat.
In der SZ berichtet Alexander Menden über das Dortmunder Büro Gerber Architekten, das für die Stadt Riad den größten innerstädtischen Park der Welt, den King Salman Park, entworfen hat.
Literatur

Besprochen werden unter anderem neue Bücher von Artur Becker (FR), Viktor Martinowitschs "Das Gute siegt" (taz), Fran Locks "Manifest für eine Arbeiter:innen-klassenpoetik" (taz), Andrej Platonows Erzählband "Der Staatsbewohner" (Standard), Henning Köhlers "Das Haus Koerfer. Eine Familiengeschichte im 20. Jahrhundert" (NZZ), Stefanie Sargnagels "Opernball - Zu Besuch bei der Hautevolee" (FAS), Marie-Janine Calics "Balkan-Odyssee 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa" (FAZ) und David Hugendicks Essay "Jetzt sag doch endlich was. Über das Stottern" (WamS). Mehr in unserer Bücherschau.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Peter-André Alt über Hans Magnus Enzensbergers "das herz von grönland":
"ich wollte das nordlicht loben,
denn es ist schön
und wird nicht zuschanden ..."
Kunst
Eine "geheimnisvolle Aura" umgibt die "zarten Papierarbeiten" des Schweizer Malers und Grafikers Otto Meyer-Amden, die die Berliner Galerie Buchholz ausstellt, schwärmt Tagesspiegel-Kritikerin Dorothea Zwirner. In seiner Heimat bekannt und gefeiert, ist sein Werk hier noch eher unbekannt. Ideen der frühen Moderne, die den Künstler umtrieben, prägen seine Bilder, erklärt Zwirner : "Jugend- und Männlichkeitskult, die Psychologie der Adoleszenz, Reformbewegungen in Erziehung, Kunst und Gesellschaft sowie Homosexualität." Seine "Aktfiguren erscheinen mal wie antike Epheben, mal wie archaische Kouroi, mal tänzerisch mit gekreuzten Beinen, mal porträthaft oder als abstrahierte Gliederpuppen - irgendwo zwischen Leonardo und Schlemmer. Meist sind es Bleistiftzeichnungen, verdichtet zu feinen Schraffuren oder Wischungen mit weichen Übergängen oder aufgelöst in hauchzarten Linien von fast jugendstilhaftem Schweben wie bei Beuys. Farbe bleibt die Ausnahme: ein Hauch von Tinte, Silberstift oder Aquarell."
Weiteres: Die Art Basel expandiert nach Katar, berichtet Nicolas Freund in der SZ (unser Resümee). Dlf Kultur bringt zum 40. Todestag von Joseph Beuys eine "Lange Nacht" von Berit Hempel. Besprochen werden die Ausstellung "Das Weite suchen" im Brandenburg Museum in Potsdam mit Fotografien von Tina Bara, Christiane Eisler, Christian Fenger, Anselm Graubner u.a. (FAZ, Bilder und Zeiten) und Pierre Huyghes' Installation "Liminals" in der Halle am Berliner Berghain (FAS).
Weiteres: Die Art Basel expandiert nach Katar, berichtet Nicolas Freund in der SZ (unser Resümee). Dlf Kultur bringt zum 40. Todestag von Joseph Beuys eine "Lange Nacht" von Berit Hempel. Besprochen werden die Ausstellung "Das Weite suchen" im Brandenburg Museum in Potsdam mit Fotografien von Tina Bara, Christiane Eisler, Christian Fenger, Anselm Graubner u.a. (FAZ, Bilder und Zeiten) und Pierre Huyghes' Installation "Liminals" in der Halle am Berliner Berghain (FAS).
Film

Das deutsch-österreichische Regieduo Elsa Kremser und Levin Peter war bislang vor allem für dokumentarische Arbeiten bekannt. Diese sind "Kunstwerke einer marginalen Sensibilität, eines dezidierten Gegenblicks zu panoptischer Überwachung und Panoramen der Macht", schreibt Bert Rebhandl im Standard. Ihr neuer Film "White Snails" ist zwar fiktiv, aber dokumentarisch grundiert und erzählt von einem Model und einem Bestattungsarbeiter in Belarus. Was auf den ersten Blick nicht sonderlich politisch wirkt, offenbart sich bei genauerem Hinsehen dann aber doch als genau das: Es "ist eine Geschichte, die alles Offizielle, Institutionelle meidet, und die nach einem Bereich sucht, der eben nicht einfach das Private ist, sondern etwas Größeres: etwas Persönliches, das auch latent subversiv ist." Es geht "um einen entscheidenden, auch politischen Aspekt des heutigen Belarus - um die Frage, ob man in diesem Land (noch) leben kann. Masha ist dabei die gefährdetere der beiden, bei ihr haben Ideen von Weggehen eine beklemmende Ambivalenz."
"Hollywood belohnt wieder ernsthaftes, politisches Kino", jubelt Tobias Sedlmaier in der NZZ angesichts der sechzehn, respektive dreizehn Oscarnominierungen für Ryan Cooglers "Blood & Sinners" (unser Resümee) und Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" (unsere Kritik). Denn: Beide Filme "sind vielschichtige Spiegel des Zeitgeschehens". Doch Vorsicht, sagt der Perlentaucher: Man hat auch schon zweistellig nominierte Filme gesehen, die am Ende leer ausgegangen sind. Mladen Gladic von der Welt sieht in den beiden Filmen nur die prominentesten Beispiele eines sich formierenden Gegenwartskinos, das "als Allegorie dessen, was alles falsch läuft in den USA ... verstanden werden" kann. Zu einem ähnlichen Schluss kommt die darüber hocherfreute FAZ-Kritikerin Sandra Kegel, die im übrigen auch Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" (unsere Kritik), der es nun doch nicht in die Nominierungen geschafft hat, keine Träne nachweint: "Die Kunstanstrengung steht in den drei Filmstunden herum wie ein Grabstein, der nicht verwittert."
Weiteres: Tobias Sedlmaier porträtiert in der NZZ die Schweizer Schauspielerin Luna Wedler, die aktuell in Ildikó Enyedis "Silent Friend" (unser Resümee) zu sehen ist. Agententhriller aus Hollywood zeichnen ein völlig falsches Bild beruflichen Alltag eines Spions, erklärt Clara Nack in der taz.
Besprochen werden Chloé Zhaos "Hamnet" (dieser Film "gibt dem wabernd überwältigend Menschlichen eine ästhetische Form", schreibt Kathleen Hildebrand in der SZ, mehr zum Film hier), Simon Verhoevens Verfilmung von Joachim Meyerhoffs autobiografischem Roman "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (WamS, FAS), Timur Bekmambetows Science-Fiction-Film "Mery" mit Chris Pratt (Standard) und Nicole Schergs vorerst nur in Österreich startender Dokumentarfilm "Wise Women" (Standard).
Musik
Thilo Komma-Pöllath porträtiert in der FAS den Bariton und Musikprofessor Holger Falk, der mit seiner Kunst und seinen Forschungsarbeiten "die klassischen Klavierlieder 'lebendig, berührend und relevant' ins 21. Jahrhundert führen" möchte. "Tatsächlich ist es auffällig, wie vergangenheitsbesessen die Welt der klassischen Musik oft tickt im Vergleich zu den anderen Künsten. ... Falks Forschungsprojekt will alte Gewohnheiten infrage stellen und die Interpreten erreichen. Vor allem geht es ihm um die akademische Ausbildung. Es dürfe nicht mehr nur um eine möglichst perfekte Darbietung eines Werkes gehen, sondern der Interpret müsse sich mit seinen eigenen Sehnsüchten, Fragen, Zweifeln, Brüchen, Lebensläufen in das Werk einschreiben. Falk nennt diese interpretatorische Technik 'personalisieren', und ebendieses Personalisieren führe dazu, dass der Sänger oder die Sängerin nicht mehr nur 'nachschaffend' agierten, sondern selbst zum 'Medium' für die Themen, Konflikte, Emotionen der jeweiligen Lieder würden."
Außerdem: Für die SZ tummelt sich Juliane Liebert fünf Nächte lang in der Berliner Clubszene, die sich noch nicht entschieden hat, ob sie dem Clubsterben nun endgültig nachgeben oder wegen zweier Neugründungen im Westen der Stadt Aufbruchstimmung verbreiten soll. Dorothea Walchshäusl porträtiert in der NZZ das Schweizer Klassik-Trio Concept. Besprochen werden ein von Lahav Shani dirigiertes Konzert der Berliner Philharmoniker (Tsp), ein Wiener Konzert der Oslo Philharmonic unter Klaus Mäkelä (Standard), ein von Kent Nagano dirigiertes Konzert des HR-Sinfonieorchesters in Frankfurt (FR) und DJ Hells Album "Neoclash" (FAS).
Außerdem: Für die SZ tummelt sich Juliane Liebert fünf Nächte lang in der Berliner Clubszene, die sich noch nicht entschieden hat, ob sie dem Clubsterben nun endgültig nachgeben oder wegen zweier Neugründungen im Westen der Stadt Aufbruchstimmung verbreiten soll. Dorothea Walchshäusl porträtiert in der NZZ das Schweizer Klassik-Trio Concept. Besprochen werden ein von Lahav Shani dirigiertes Konzert der Berliner Philharmoniker (Tsp), ein Wiener Konzert der Oslo Philharmonic unter Klaus Mäkelä (Standard), ein von Kent Nagano dirigiertes Konzert des HR-Sinfonieorchesters in Frankfurt (FR) und DJ Hells Album "Neoclash" (FAS).
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