Efeu - Die Kulturrundschau
Theater ist eine Identifikationsmaschine
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.01.2026. Die Berlinale gibt die diesjährigen Wettbewerbsfilme bekannt. Unglamourös, aber dafür mit Anspruch wird es auf dem Festival zugehen, prophezeit der Filmdienst. Die taz fragt, ob das russische Staatsballett derzeit in Form einer Tarnorganisation durch Deutschland tourt. Alexander Schimmelbusch verteidigt in der Welt seine scharfe Kritik am Populismus Peter Handkes. In Herford erfreut sich die FAZ an Ingrid Wieners dem Alltäglichen verpflichteter Webekunst. Ein Tschaikowsky-Album von Daniil Trifonov bringt der NZZ die kindliche Seite des Komponisten näher.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
21.01.2026
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Bühne

© Barbara Braun / TIPI AM KANZLERAMT
Beschwingt verlässt Tagesspiegel-Autorin Gunda Bartels Bernd Mottls Inszenierung der Paul-Lincke-Operette "Frau Luna" im Berliner Tipi am Kanzleramt. Das 1899 verfasste Libretto imaginiert eine Mondfahrt, das Bühnenbild "persifliert den Trashhorror piefiger Fernseh-Operettenshows der Siebziger". Eine Wiederaufführung zur rechten Zeit: "Gesungene Raumfahrer-Fantasien, wie sie das Lied 'Schlösser, die im Monde liegen' beschreibt, klingen im noch jungen Jahr 2026, das von imperialistischen Ideen viel handgreiflicherer Art geprägt ist, rührend naiv. Umso wertvoller ist es, die mit überkandideltem Witz aufgepulverte Kraft einer Unterhaltung zu spüren, die jedes martialische Marschieren zersetzt."
Katja Kollmann fragt in der taz: Ist das Royal Classical Ballet, das derzeit durch Deutschland tourt, eine Tarnorganisation, hinter der sich das russische Staatsballet verbirgt? Letzteres tritt seit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 hierzulande nicht mehr auf. Rimma Wachsmann Beniashvili, Produzentin der Show, bestreitet, im Dienste Putins zu stehen. Aber Zweifel bleiben: "Als 'Administration' aufgeführt sind dort Wachsmann Beniashvili als Producerin - und neben ihr als General Director niemand geringeres als Ljudmila Titova. Titova ist eine sehr bekannte Primaballerina - und eben auch Generaldirektorin des russischen Staatsballetts Moskau. Eine ganze Reihe SolistInnen scheint auf beiden Seiten der Grenze aktiv zu sein. Dazu passt, dass beim Veranstaltungskalender des Staatlichen Russischen Balletts Moskau in den ersten Monaten des Jahres gähnende Leere herrscht. Die Kalender des Royal Classical Ballet sind zur selben Zeit pickepackevoll."
Tom Mustroph interviewt für die taz Nurkan Erpulat, dessen letzte Inszenierung - Katerina Poladjans "Zukunftsmusik" - am Gorki Theater diesen Samstag Premiere feiert. Als zentrale Figur der postmigrantischen Theaterszene zieht er eine positive Bilanz seiner Zeit am Haus: "Theater ist eine Identifikationsmaschine. Und die war, obwohl sie sich selbst als fortschrittlich begriffen hat, auf diesem Auge, also dem für die Wahrnehmung einer postmigrantischen Wirklichkeit, blind. Es braucht andere Protagonisten, um diese bis dahin nicht erzählten Geschichten zu erzählen, Protagonisten auf der Bühne und hinter der Bühne. Die gab es damals nicht. Vor 400 Jahren hat Shakespeare schon gesagt, dass wir die Gesellschaft widerspiegeln müssen auf der Bühne. Dieser Spiegel war in Deutschland ziemlich krumm. Das hat sich geändert. Da war das Gorki ein Vorreiter."
Außerdem: Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staatsoper München, denkt in der FAZ über die Zukunft der Oper nach, die es seiner Meinung nach nur geben wird, "wenn Erbe nicht als Besitz verstanden wird, sondern als Aufgabe". Viel konkreter wird er nicht. Judith von Sternburg unterhält sich in der FR mit Claudia Bayer, der Regisseurin der Neuinszenierung von Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" am Schauspielhaus Frankfurt. Unter anderem geht es um die Frage: Ist das Publikum in Zeiten von Trump nicht eh schon Härteres gewöhnt? Wolfgang Behrens schreibt auf nachtkritik über die Kämpfe von Dramaturgen mit ihresgleichen.
Besprochen werden Brigitte Jacques-Wajemans Inszenierung von Wassili Grossmans "Vie et Destin" im Pariser Théâtre de la Ville (FAZ: "flüssig verwirklicht... mitunter eine Spur zu formalistisch") und "Die Unruhenden", inszeniert von Christoph Marthaler nach Kompositionen Gustav Mahlers an der Staatsoper Hamburg (nmz: "Witzig, heiter und komisch ist das alles").
Film
Die Berlinale hat ihr Programm bekannt gegeben. Es ist der zweite Jahrgang unter der neuen Leiterin Tricia Tuttle. "Die ganz großen Spitzentitel des anstehenden Kinojahres, um die sich die drei großen europäischen Festivals traditionell reißen", sind nach mittlerweile alter Sitte auch in diesem Jahr mal wieder nicht dabei, seufzt David Steinitz in der SZ. "Regieprominenz" vom Kaliber eines Richard Linklaters, den Tuttle 2025 nach Berlin locken konnte, fehlt tatsächlich, stellt tazler Tim Caspar Boehme fest, aber immerhin sind ein paar Namen dabei, die engagierte Beobachter des internationalen Autorenkinos auf dem Zettel haben können. Aus Deutschland sind Ilker Çatak, Angela Schanelec und Eva Trobisch im Wettbewerb. Doch wächst der Zweifel, ob jene, "die einen stetigen Bedeutungsverlust der Berlinale im Vergleich mit ... Cannes und Venedig beklagen, nicht doch recht haben könnten".
Im Tagesspiegel beschleicht Andreas Busche zunehmend der Eindruck, dass auch Tuttle "gegen die Markt-Konzentration im internationalen Festivalzirkus machtlos ist. Das relativiert ein wenig die Kritik an ihrem Vorgänger, dem gelegentlich eine 'Verzwergung' der Berlinale vorgeworfen worden war." Carlo Chatrian wurde ja recht unschön von der Kulturpolitik und unter Applaus von Teilen der Presse abgesägt, unter anderem, weil er angeblich zu wenig Stars auf den Roten Teppich gebracht habe. Stimmt also wenigstens die Star-Power? Mit einer kleinen Handvoll Stars - die meisten im Herbst ihrer Karrieren - ist zwar zu rechnen, meldet Jörg Gerle im Filmdienst, aber nur abseits des Wettbewerbs. "Das Kino, das Tuttle und ihr Team für ihren Wettbewerb präferieren, ist dagegen eher unglamourös: An der Spree glüht man für das Kino mit Anspruch."
Außerdem: Bert Rebhandl ist im Standard überzeugt, dass Jessie Buckley mit ihrer Rolle in Chloé Zhaos (in taz, Standard und FAZ besprochenem) Shakespeare-Drama "Hamnet" den Oscar schon gewonnen hat. Der Filmdienst meldet die Nominierten für den Preis der deutschen Filmkritik. In der FAZ gratuliert Maria Wiesner Geena Davis zum 70. Geburtstag. Besprochen wird Joe Carnahans Netflix-Thriller "The Rip" mit Ben Affleck und Matt Damon (Standard),
Im Tagesspiegel beschleicht Andreas Busche zunehmend der Eindruck, dass auch Tuttle "gegen die Markt-Konzentration im internationalen Festivalzirkus machtlos ist. Das relativiert ein wenig die Kritik an ihrem Vorgänger, dem gelegentlich eine 'Verzwergung' der Berlinale vorgeworfen worden war." Carlo Chatrian wurde ja recht unschön von der Kulturpolitik und unter Applaus von Teilen der Presse abgesägt, unter anderem, weil er angeblich zu wenig Stars auf den Roten Teppich gebracht habe. Stimmt also wenigstens die Star-Power? Mit einer kleinen Handvoll Stars - die meisten im Herbst ihrer Karrieren - ist zwar zu rechnen, meldet Jörg Gerle im Filmdienst, aber nur abseits des Wettbewerbs. "Das Kino, das Tuttle und ihr Team für ihren Wettbewerb präferieren, ist dagegen eher unglamourös: An der Spree glüht man für das Kino mit Anspruch."
Außerdem: Bert Rebhandl ist im Standard überzeugt, dass Jessie Buckley mit ihrer Rolle in Chloé Zhaos (in taz, Standard und FAZ besprochenem) Shakespeare-Drama "Hamnet" den Oscar schon gewonnen hat. Der Filmdienst meldet die Nominierten für den Preis der deutschen Filmkritik. In der FAZ gratuliert Maria Wiesner Geena Davis zum 70. Geburtstag. Besprochen wird Joe Carnahans Netflix-Thriller "The Rip" mit Ben Affleck und Matt Damon (Standard),
Architektur

© RON RAFFETY, Lizenz: CC BY-SA 2.0
Markus Woeller blickt in der Welt auf eine ganze Reihe spektakuläre neue Museumbauten, die 2026 eröffnen sollen. Die Reise führt von Abu Dhabi über Rotterdam und London bis nach Los Angeles, wo die beiden beeindruckendsten Museen des Jahres eröffnet werden könnten. Das eine ist die sauteure David Geffen Galleries des LACMA. Das andere: "Wie die Schaumstoffsohle eines gigantischen Sneakers liegt das Lucas Museum of Narrative Art am Rand des Exposition Park. Das futuristische, 'parametrische' Design stammt vom chinesischen Architekten Ma Yansong (MAD Architects). Gründer, Finanzier und Bauherr ist der Filmproduzent und 'Star Wars'-Schöpfer George Lucas, der hier vor allem seine Sammlung von mehr als 40.000 Objekten - Comics, Filmrequisiten, Fotografien und Werke erzählerischer Kunst - zeigen möchte. Die Bau- und Betriebskosten sollen über eine Milliarde Dollar" betragen. Ob solche Luxusbauten etwas gegen den Bedeutungsverlust von Kultur ausrichten können? Woeller bleibt skeptisch.
Design
Ilka Piepgras schreibt im Zeit Magazin zum Tod des Modedesigners Valentino (weitere Nachrufe bereits hier).
Kunst

Kunst, die "'leben' und 'weben' in Einklang bringt", betrachtet der ziemlich angetane FAZ-Kritiker Thomas Combrink im Marta Herford. Zu sehen ist dort die Schau "Einfach machen und tun", die Webkunstwerke Ingrid Wieners ausstellt. Wieners Gobelins präsentieren mit Vorliebe Gegenstände, die ihr aus ihrem Alltagsleben vertraut sind. "Wenn sie von ihrem Vorhaben spricht, aus der 'altmodischen Kunstform etwas Neues zu machen', dann meint sie den Gegensatz zwischen der langwierigen Arbeit am Webstuhl und der Hinwendung zu Themen der Arte povera, also zu Dingen, die häufig vorkommen und keinen hohen Materialwert besitzen. Auf dem Gobelin 'Rezept meines chinesischen Kochs von mir notiert' finden sich handschriftliche Notizen, kleine Zeichnungen, aber auch die Fettflecken und Verunreinigungen des Originals."
Gleich zwei Wiener Kunstmessen machen dicht, lernen wir von Almuth Spiegler in der Presse und von Stefan Kobel in monopol. Besprochen werden Annie Leibovitz' Fotobuch "Women" (monopol) und die Ausstellung "Leiko Ikemura. Motherscape" in der Wiener Albertina (Standard).
Literatur
Alexander Schimmelbusch antwortet in der Welt auf Mladen Gladic, der ihn dort mit teils eher raunenden Argumenten für einen in der FAZ veröffentlichten Text über Peter Handke kritisiert hat. Schimmelbusch hatte Handke als eine Art Vorreiter heutiger Diskursstrategien von Populisten gezeichnet (unser Resümee). Zum Vorwurf macht Gladic Schimmelbusch unter anderem, dass dieser auf ein Interview zurückgegriffen hat, von dem Handke sich Jahre später distanziert habe. Handke aber, entgegnet Schimmelbusch, distanziert sich immer mal wieder von Aussagen, nur um sie später doch wieder durch die Hintertür zu bekräftigen und sei es durch angebliche Verhaspelungen. Schimmelbuschs Beleg: Dass Handke über Jahre hinweg mit geschmacklosen Gleichsetzungen immer wieder den Holocaust relativiert hat - etwa als er 1999 meinte, dass kein Volk im 20. Jahrhundert so gelitten habe, wie die Serben und dass deren Leid, anders als der Holocaust, eine "Tragödie ohne Grund" sei. "Moment mal, soll das heißen, bei den Juden gab es einen Grund? Was will Handke hier genau sagen? Okay, er hat sich auch davon distanziert, aber: So etwas kommt einem Menschen doch nicht über die Lippen, wenn es ihm nicht im Kopf herumgeistert? Mal ganz konkret: Wem ist das noch passiert, dass er das angebliche Leid irgendeiner Gruppe wie der Serben ohne Absicht sowie entgegen der eigenen Überzeugung im Zuge eines Interviews im Fernsehen über jenes der europäischen Juden gestellt hat? Das wird man ja wohl noch fragen dürfen! "
Außerdem: In der FR denkt Aleida Assmann über das Verschwinden der Handschrift als Kulturtechnik nach. Besprochen werden unter anderem Hans Wollschlägers Romanfragment Der Fall Adams" (Jungle World), der fünfte Band des Briefwechsels zwischen Sigmund Freud und Martha Bernays (NZZ), Mick Herrons Krimi "Down Cemetery Road" (FR) und Scholastique Mukasongas "Sister Deborah" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau.
Außerdem ist die neue Folge unseres Podcasts "Bücherbrief Live" online: Benita Berthmann und Lukas Pazzini haben in unserem aktuellen Bücherbrief gestöbert und sprechen über den neuen Roman "Zsömle ist weg" des frischen Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai und über Aya Jaffs Sachbuch "Broligarchie. Die Machtspiele der Tech-Elite und wie sie Fortschritt verhindern". Letztere ist auch zu Gast im Gespräch. Und Sie wissen ja: In unserem Bücherbrief stellen wir für Sie jeden Monat die wichtigsten Bücher des Monats zusammen. Am komfortabelsten kommt er als Newsletter per E-Mail zu Ihnen nach Hause.
Außerdem: In der FR denkt Aleida Assmann über das Verschwinden der Handschrift als Kulturtechnik nach. Besprochen werden unter anderem Hans Wollschlägers Romanfragment Der Fall Adams" (Jungle World), der fünfte Band des Briefwechsels zwischen Sigmund Freud und Martha Bernays (NZZ), Mick Herrons Krimi "Down Cemetery Road" (FR) und Scholastique Mukasongas "Sister Deborah" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau.
Außerdem ist die neue Folge unseres Podcasts "Bücherbrief Live" online: Benita Berthmann und Lukas Pazzini haben in unserem aktuellen Bücherbrief gestöbert und sprechen über den neuen Roman "Zsömle ist weg" des frischen Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai und über Aya Jaffs Sachbuch "Broligarchie. Die Machtspiele der Tech-Elite und wie sie Fortschritt verhindern". Letztere ist auch zu Gast im Gespräch. Und Sie wissen ja: In unserem Bücherbrief stellen wir für Sie jeden Monat die wichtigsten Bücher des Monats zusammen. Am komfortabelsten kommt er als Newsletter per E-Mail zu Ihnen nach Hause.Musik
Auf dem neuen Tschaikowsky-Album von Daniil Trifonov lassen sich bei beiden "neue, ungeahnte Facetten" ausmachen, freut sich Dorothea Walchshäusl in der NZZ. Der Pianist hat dafür Soloklavier-Stücke ausgewählt, die eher als "Geheimtipps" gelten. "Der Kontrast zum weithin bekannten Meister der großen dramatischen Geste und des hochkochenden Pathos könnte kaum größer sein. Vielmehr zeigt Tschaikowsky hier eine verletzliche, fast kindliche Seite, nahbar und maximal konzentriert." Aber "auch Trifonov ist als Interpret so persönlich wie selten zu erleben. 'Sein Anschlag vereint Zärtlichkeit mit einem dämonischen Element', sagte einst Martha Argerich über ihren Kollegen. Ein hellhöriges Urteil. Doch die dämonische Seite tritt bei seiner Ausdeutung dieser intimen Miniaturen fast gänzlich in den Hintergrund."
Weitere Artikel: Backstage Classical meldet, dass die Mannheimer Philharmoniker Konzerte mit dem Geiger Vadim Repin wegen dessen angeblicher Russlandnähe abgesagt haben. Jakob Biazza findet in der SZ einigen Gefallen an der Website MTV Rewind, in der man über einen Fundus von über 40.000 Musikvideos das Neunzigerjahre-Feeling des Musiksender-Pioniers wieder aufleben lassen kann (mehr dazu auch bei Open Culture). Besprochen werden das neue Album von A$AP Rocky (FR) und ein Konzert in Frankfurt des Museumsorchesters unter Marek Janowski mit Arabella Steinbacher (FR).
Weitere Artikel: Backstage Classical meldet, dass die Mannheimer Philharmoniker Konzerte mit dem Geiger Vadim Repin wegen dessen angeblicher Russlandnähe abgesagt haben. Jakob Biazza findet in der SZ einigen Gefallen an der Website MTV Rewind, in der man über einen Fundus von über 40.000 Musikvideos das Neunzigerjahre-Feeling des Musiksender-Pioniers wieder aufleben lassen kann (mehr dazu auch bei Open Culture). Besprochen werden das neue Album von A$AP Rocky (FR) und ein Konzert in Frankfurt des Museumsorchesters unter Marek Janowski mit Arabella Steinbacher (FR).
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