Bücherbrief

Funken von Wärme

12.01.2026. Heiße Lektüre für kalte Tage: Der frisch gekürte Literaturnobelpreisträger László Krasznahorkai hat mit einem Mythenspinner Spaß in der Hölle. Nava Ebrahimi lässt einen blinden afghanischen Dichter in einem norddeutschen Geflügelhof stranden. Aya Jaff erklärt die Machtspiele der Broligarchie. Und Christopher Clark macht aus einem Skandal um Sexorgien in Preußen eine filmreife Erzählung. Dies alles und mehr in unseren besten Büchern des Monats Januar.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Büchern der Saison vom Herbst 2025, Marie Luise Knotts Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders Literaturkolumne "Vorworte", der Kolumne "Wo wir nicht sind" und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Laszlo Krasznahorkai
Zsömle ist weg
Roman
S. Fischer Verlag. 304 Seiten. 25 Euro

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Nachdem der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai dieses Jahr den Literaturnobelpreis erhalten hatte, wurde sein neuer Roman natürlich mit Spannung erwartet. Und die Kritiker sind einstimmig begeistert von dieser skurril-witzigen, aber auch düsteren Geschichte um den alten Onkel Jószi, der vom schrulligen Eremiten zum König von Ungarn aufsteigen soll. Hymnisch bespricht etwa Adam Soboczynski in der Zeit den Roman, der zum einen mit den typisch "melodischen Endlossätzen" aufwartet, zum anderen aber mitten in "unsere nervöse politische Gegenwart" führt. Krasznahorkai lässt kunstvoll Apokalypse und Witz aufeinanderprallen, freut sich der Kritiker, frei nach dem Motto "Schönheit in der Sprache. Spaß in der Hölle." Die "spöttische Aufmerksamkeit", die der Autor dem Größenwahn von ungarischen Autoritären und Rechten widmet, ist auch für Dlf-Kritiker Jörg Plath neu und spannend - gleichzeitig amüsiert er sich köstlich mit dem fröhlichen Plauderton von Krasznahorkais Figuren. Und in der NZZ ist Paul Jandl begeistert von diesem "Mittelding aus Schild- und Reichsbürgerei", das nicht nur die nationalistischen Mythen aufs Korn nehme, die in Ungarn wieder Erfolge feiern, sondern vor allem mit psychologischem Feingefühl die Grenzbereiche zwischen Wahnsinn und Realität auslote. FR-Kritikerin Judith von Sternburg stimmt in den Jubel ein: Bis zur genialen letzten Wendung ist dieses Buch ein Genuss.

Jon Fosse
Vaim
Roman
Rowohlt Verlag. 160 Seiten. 24 Euro

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Die Nobelpreisjury scheint ein Faible für endlose Sätze zu haben, zeichnete sie doch im Jahr 2023 auch den Norweger Jon Fosse aus. Und der bleibt sich auch seinem neuen, schmalen Roman treu. Im Zentrum stehen drei einsame Männer und eine Frau namens Eline. Es geht um Liebe aber auch um eine Männerfreundschaft, die an einer neuen Liebesbeziehung zu zerbrechen droht. All das erzählt Fosse aus drei Ich-Perspektiven und die Kritiker verfallen nicht nur den stillen Figuren, die durch die kargen nordischen Fjordlandschaften ziehen. Es ist vor allem die zurückgenommene Sprache, die sich in "hypnotisch kreisenden" Bewegungen windet, wie Oliver Jungen es im Dlf beschreibt: Er hat während der Lektüre das Gefühl, Fosse mache einen Gedankenstrudel sichtbar. Als "Parabel auf die Unberechenbarkeit des Lebens" liest Christiane Lutz in der SZ den Roman, der ihr zudem überraschend humorvoll erscheint. Intensiv, anrührend und lang nachwirkend fand Stephanie von Oppen im Dlf Kultur die Lektüre.

Natascha Wodin
Die späten Tage
Über das Altwerden und eine späte große Liebe
Rowohlt Verlag. 288 Seiten. 24 Euro

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Bekannt wurde die inzwischen 80-jährige Schriftstellerin Natascha Wodin durch ihren Roman "Sie kam aus Mariupol", in dem sie die Geschichte ihrer ukrainischen Mutter erzählte, die als Zwangsarbeiterin 1943 nach Deutschland kam und sich später das Leben nahm. Nicht weniger schonungslos blickt sie nun auf das eigene Altern, wie uns die einstimmig angetanen Kritiker versichern. "Radikal" nennt Jörg Magenau im Dlf das Buch, das von Schmerzen, Scham, Schwerfälligkeit und anderen Altersleiden erzähle, aber eben nicht nur: Wodin erlebt eine wunderschöne späte Liebesgeschichte mit dem sieben Jahre älteren Friedrich. So stellt dieser Text eben auch eine feinfühlige Auseinandersetzung mit dem Alter dar, lobt Magenau. In der FAZ bewundert Lerke von Saalfeld die Mischung aus rauen und zärtlichen Tonlagen, in der Zeit hebt Katharina Teutsch vor allem die "intellektuelle Frische" hervor. Und SZ-Rezensentin Meike Fessmann staunt über die Wärme, mit der Wodin ihre "Erinnerungstableaus" entwirft.

Nava Ebrahimi
Und Federn überall
Roman
Luchterhand Literaturverlag. 352 Seiten. 24 Euro

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An einen unkonventionellen Schauplatz führt uns Nava Ebrahimi in ihrem neuen Roman: In einem riesigen Geflügelschlachthof am Rande einer norddeutschen Kleinstadt begegnen uns sechs Menschen, die alle die Hoffnung auf ein neues Leben eint: Etwa der halbblinde afghanische Flüchtling und Lyriker Nassim, der die deutschen Behörden mit seinen Gedichten überzeugen möchte, oder die alleinerziehende Mutter und Hühnchen-Zerlegerin Sonia, die sich sehnlichst an einen Büro-Schreibtisch wünscht. Hubert Winkels findet diesen Roman in der SZ hintergründig und unterhaltsam: Was die Personen (und die Hühner) im Roman umtreibt, davon erzählt die Autorin laut Winkels mit viel Sinn für die Illusionen und Schicksale ihres Personals. Dabei wechseln sich Komik und Tragik ab, Slapstick und Gesellschaftskritik gehen Hand in Hand. Beeindruckend und perspektivenreich verhandelt Ebrahami laut Dlf-Kritikerin Marie Schoeß den gesellschaftliche Zwang, sich abzuhärten. Deshalb sind für Schoeß vor allem die "Kippmomente" so wichtig, in denen jemand nachgibt, weich wird, wo sich die Vielschichtigkeit der Emotionen zeigt. Ein "brillant konstruierter Schachtelroman", lobt FR-Kritikerin Judith von Sternburg, witzig und düster zugleich, der dann auch mit einem skurrilen Ende aufwartet, wie Sternburg verrät, das es in sich hat.

David Wojnarowicz
Waterfront Journals
Suhrkamp Verlag. 186 Seiten. 23 Euro

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Der Amerikaner David Wojnarowicz lernte beide Seiten New Yorks in den siebziger und achtziger Jahren kennen: Als Künstler und Musiker arbeitete er mit Nan Goldin, Kiki Smith, Richard Kern und vielen anderen der Avantgarde jener Jahre zusammen. Zuvor lebte er allerdings als Stricher und Kleinkrimineller auf der Straße. Von diesen Erfahrungen handeln die "Waterfront Journals", die 1997, fünf Jahre nach Wojnarowicz' frühem Tod, erstmals erschienen und nun von Marcus Gärtner übersetzt wurden. Und zwar in ein "hart-romantisches" Deutsch, wie der NZZ-Kritiker Paul Jandl schreibt. Jandl empfiehlt die hier versammelten, oft sehr kurzen Texte mit Nachdruck. In den "radikalen" Monologen liest er von nächtlichem Cruisen in New York, Begegnungen mit falschen Polizisten und echten Sadisten oder von Sex im Knast. Es sind die Ausgestoßenenen, die Jandl in diesem "Amerika der verlorenen Unschuld" trifft, die dem Tod oft näher als dem Leben sind. Und dennoch findet der Kritiker in den Texten Hoffnung, Sinnlichkeit und einen ganz besonderen Farbton. Nico Bleutge beeindrucken im Dlf Kultur vor allem die "Funken von Wärme und Euphorie", die in den vielen Gewalt- und Sexszenen aufblitzen.


Sachbuch

Aya Jaff
Broligarchie
Die Machtspiele der Tech-Elite und wie sie Fortschritt verhindern
Econ Verlag. 240 Seiten. 23 Euro

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Aya Jaff ist jung, deutsch (kurdisch-irakischen Ursprungs), glamourös - und sie kennt sich mit den neuen Medien aus, denn sie hat mal ein Start up gegründet und die Szene der "Broligarchen" aus erster Hand kennengelernt. Darüber schreibt sie in "Broligarchie - Die Machtspiele der Tech-Elite und wie sie Fortschritt verhindern" und wurde dafür von den Medien mit Hingabe interviewt. Das Gute ist: Sie kann aus ihrer Erfahrung das düstere ideologische Programm, das die großen Techgurus hinter ihren Versprechen auf "Freedom of Speech" verstecken, recht gut entschlüsseln, meint etwa die Dlf-Rezensentin Rezensentin Vera Linß. Jaff erklärt Begriffe wie "Cyberlibertarismus" oder "Solutionismus" (die Idee, dass es für jedes menschliche Problem eine technische Lösung gibt). Sie zeigt aber auch, und das findet Linß besonders gut, wie viele Initiativen es jetzt bereits gibt, die sich gegen die Tech-Giganten wenden. Open Source wäre hier das Stichwort. Vielleicht sollte man bei der Gelegenheit auch auf eine wirkliche Techpionierin hinweisen, Meredith Whittaker, die Chefin des Open-Source-Messengers Signal (der alles kann, was Whatsapp kann), und die sowohl den Überwachungskapitalismus der Broligarchen als auch Chat-Kontroll-Programme der EU kritisiert. "Die AI ist aus der Idee der Überwachung geboren", sagt sie im Interview mit der Financial Times.

Sebastian Smee
Paris im Aufruhr
Liebe, Krieg und die Geburt des Impressionismus
Insel Verlag. 495 Seiten. 30 Euro

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Als dieses Buch des australischen Kunstkritikers Sebastian Smee im vergangenen Jahr in den USA erschien, jährte sich die erste Pariser Secessions-Ausstellung, die als Geburtsstunde des Impressionismus gilt, zum 150. Mal. Edouard Manet nahm nicht daran teil, und doch stellt ihn Smee neben Berthe Morisot in den Mittelpunkt seines Buches. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Doppelbiografie, wie uns Rose-Maria Gropp in der FAZ verrät, vielmehr entwirft der Pulitzerpreisträger ein großangelegtes, geradezu "filmisches" Panorama der Epoche, in dem er die Biografien von Manet und Morisot mit dem Untergang des Second Empire, dem Aufstand der Pariser Kommune und der Durchsetzung der Republik verbindet. Dass Smee "angenehm kühl" schreibt und hier vor allem auch Berthe Morisot zu ihrem Recht verhilft, lässt die Kritikerin eine klare Leseempfehlung aussprechen. Ein exzellent recherchiertes und anekdotenreiches Buch, lobt Christopher Benfey in der New York Times.

Christopher Clark
Skandal in Königsberg
Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA). 224 Seiten. 25 Euro

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Der auf preußische Geschichte spezialisierte Historiker Christopher Clark kann sogar "scheinbar abseitige" Kapitel der Geschichte im großen Rampenlicht erstrahlen lassen, staunt Hans von Trotha im Dlf Kultur. Clark erinnert an einen Skandal, der sich im Jahr 1835 in Preußen ereignete: Im Zuge des Vormärz gab es einige Strömungen, die sich vom staatstreuen, konservativen preußischen Protestantismus abspalteten, es bildeten sich kleine Sekten. Am Beispiel zweier lutherischer Prediger, die Mystik und Erweckungsstudien in ihren Messen zuließen, erzählt Clark, wie die falsche Anschuldigung, bei ihren Messen komme es zu sexuellen Orgien, beide Prediger ins Zuchthaus brachte. Trotha lobt die historische Expertise und den Sinn für Dramatik des Buches: Wie Clark diesen Stoff geradezu netflixreif aufarbeitet, aber nicht auf Kosten einer scharfen Analyse des Zusammenhangs von Theologie, Zeitgeschichte, Verwaltungsfragen und Öffentlichkeit, imponiert ihm. In der Welt staunt auch Dirk Schümer, wie Clark in seiner "Mikrohistorie" einen präzisen Blick auf die "brodelnde Frömmigkeit" im Umkreis von Aufklärern wie Kant oder Herder wirft. Im FR-Gespräch erklärt Clark, was sein Buch aktuell macht: Ähnlich wie während des Übergangs von der Aufklärung zur Romantik befänden wir uns heute in einer Polykrise, weil das Fortschrittsdenken der Moderne keine Orientierung mehr biete.

Raphaela Gromes, Susanne Wosnitzka
Fortissima!
Verdrängte Komponistinnen und wie sie meinen Blick auf die Welt verändern
Goldmann Verlag. 320 Seiten. 24 Euro

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Die Cellistin Raphaela Gromes hat nicht nur das hochgelobte Album "Fortissima" aufgenommen, auf dem ausschließlich die Werke von überwiegend nicht-kanonisierten Komponistinnen zu hören sind, sie hat gemeinsam mit der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka auch ein gleichnamiges Buch veröffentlicht. SZ-Kritiker Egbert Tholl geht vor beiden Werken geradezu auf die Knie: das Buch erscheint ihm wie ein "fabelhaft lebendiges Tableau" der vergangenen zwei Jahrhunderte: Mehr als fünfzig bemerkenswerte Frauenleben werden vorgestellt. Sara Benedict etwa durfte zwar für ein Stipendium aus den Niederlanden an die Musikschule in Köln reisen, aber nicht als Konzertpianistin auftreten, ihre Tochter Henriette Bosman hatte es schon ein wenig leichter, zumindest bis sie gemeinsam mit ihrer Partnerin, der Dirigentin Frieda Belinfante, vor den Nazis in die Schweiz fliehen musste. Freudiger ist da schon das Leben Marie Jaells, die wohl als erste Frau ein Cellokonzert komponiert hat, das der Kritiker gleich in Gromes' Interpretation auf ihrer CD hören kann. Für ihn ergänzen sich Buch und CD perfekt.

Brigitte Kraemer
Wie man lebt - wo man lebt
Dokumentarfotografien von Brigitte Kraemer
Klartext Verlag. 256 Seiten. 29,95 Euro

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Viel zu selten werden Bildbände und Kataloge besprochen (mit Ausnahme unseres Perlentaucher-Fotolots natürlich!). Die erste Woche im neuen Jahr bringt uns aber gleich zwei unbedingte Empfehlungen: In der FAZ preist Andreas Rossmann den Band "Wie man lebt - wo man lebt", der nicht nur einen Querschnitt durch das Lebenswerk der Fotografien Brigitte Kraemer eröffnet, sondern auch einen ganz neuen Blick auf das Ruhrgebiet wirft. Denn die Herne lebende Fotografin hält nichts von Currywurst- und Fußball-Klischees. Sie zeigt den Pott und seine Menschen wie sind, freut sich Rossmann. Er betrachtet Bilder von Religionsgemeinschaften, Migranten oder Langzeitstudien aus Frauenhäusern, aber auch Bilder von Kirmes, Kleingärten, Kaffeefahrten und natürlich Trinkhallen. Diese Bilder sind "visuelle Soziologie", staunt er. Nicht weniger hingerissen bespricht Thorsten Jantschek im Dlf Kultur den von Brenda Danilowitz herausgegebenen Band "Anni Albers. Constructing Textiles" (bestellen). Denn hier geht es keineswegs nur um Biografie und Werk der Webkünstlerin Anni Albers, sondern der Kritiker lernt die Bauhaus-Künstlerin auch als Theoretikerin kennen, die ihm Parallelen zwischen Webkunst und Architektur vor Augen führt. Neben zahlreichen Beiträgen von Architekten, Designern und Kunstwissenschaftlern sind dem Band drei Originaltexte von Albers beigegeben, die unter anderem zeigen, wie früh sie sich bereits Gedanken um Nachhaltigkeit gemacht hatte. Und die wunderbaren Detailaufnahmen von Textilien, die unter anderem zeigen, wie Albers alte Webtechniken mit neuen Materialien ausprobierte, hauen den Rezensenten schließlich vollends um.

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