Laszlo Krasznahorkai
Zsömle ist weg
Roman

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN 9783103976670
Gebunden, 304 Seiten, 25,00 EUR
ISBN 9783103976670
Gebunden, 304 Seiten, 25,00 EUR
Klappentext
Aus dem Ungarischen von Heike Flemming. László Krasznahorkai erzählt die Geschichte eines geheimen Thronfolgers, der im politischen Wirrwarr der ungarischen Gegenwart für stabile Verhältnisse sorgen soll. Doch er will sich nicht in die Politik einmischen und lieber, wie seine Vorfahren, im Verborgenen leben. Bis eine merkwürdige Schar vermeintlicher Anhänger ihn aufspürt - das Gespinst zerreißt, die Gedanken jagen sich im Kreis: Allein die Flucht bleibt.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Rezensionsnotiz zu Die Welt, 03.01.2026
Spätestens mit diesem Roman hat László Krasznahorkai seine Nobelpreiswürdigkeit bewiesen, erkennt Rezensent Matthias Heine: Die Handlung ist ziemlich verrückt, ein Haufen Interessenverbände hat sich zusammengeschlossen, um den letzten Nachfahren der eigentlich 1301 ausgestorbenen Dynastie der Arpaden wieder zur Königswürde zur verhelfen, resümiert er. Jener József Kada zeigt sich den Delegationen als "Mythenspinner", hat allerhand verrückte Ideen und landet letztlich in der Psychiatrie - und trotz seiner nationalistischen Überzeugen findet Heine ihn absolut liebenswürdig. Der Stil erinnert ihn an viele große Autoren: Becketts Absurditäten mischen sich im Stile Joyces mit jenen von Kafka, auch Thomas Bernhard kommt dem Kritiker in den Sinn. Seinem "pessimistischen Blick" auf das postsozialistische Ostmitteleuropa bleibt Krasznahorkai zwar treu, aber der milde Humor, der dieses Buch auszeichnet, ist neu, freut sich Heine.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 16.12.2025
Köstlich amüsiert sich Rezensent Jörg Plath bei diesem fröhlich plappernden Roman des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers, in dem der 91-jährige Onkel Jószi plötzlich als König von Ungarn verehrt wird. Typisch findet er dabei die überlangen Sätze und kaum vorhandenen Punkte, die zum endlosen Palaver aller Figuren passen. Auf die plötzliche Lobpreisung des Onkel-Königs folgt nämlich eine Armada aus unterschiedlichen Anhängern, die in schier endlosen Diskussionen ihre politischen Vorstellungen ausdiskutieren, schmunzelt der Rezensent. Als einige rechtsextreme Anhänger von Jószi plötzlich mit einem Plan für einen bewaffneten Putsch zu ihm kommen, wird er zum Mittelpunkt der nationalen Aufmerksamkeit, erfahren wir. Jòszi selbst wird von seiner neuen, königlichen Stellung mitgerissen und inszeniert sich als Nachkomme von Dschingis Khan und in der Vergangenheit bereits gekrönter, in Vergessenheit geratener Herrscher. In diesem Verlangen nach einer Führungsfigur sieht der Kritiker das in die falsche Richtung gelenkte, menschliche Streben nach Transzendenz, das sich in vielen Texten des Autors wiederfindet, der mit diesem Roman ein "gemütlich-brutales Alterswerk" liefert.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.12.2025
Rezensent Lothar Müller bedient sich zweier ungewöhnlicher Bilder, um das ungewöhnliche Schreiben des ungarischen Autors und Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai zu charakterisieren: Das erste stammt vom Autor selbst, der von sich sagte, er gehe stets mit einem Stethoskop durch die Welt, um zu hören, was in ihrem Inneren vor sich gehe. In "Zsömle ist weg" legt er dieses Stethoskop einem "Onkel Jószi" auf die Brust, lesen wir, der vieles ist und sich für noch mehr hält: den rechtmäßigen Thronerben der ungarischen Monarchie zum Beispiel. Das andere Bild ist das zweier seltsamer Vögel, die dem ungarischen Autor beim Erzählen zur Seite stehen: Auf der einen Schulter die "Spottdrossel", die satirisch nachsingt, was sie aufschnappt, und daraus im vorliegenden Roman mit nur ein wenig Übertreibung das Lied von der Wiedererstehung Großungarns macht, so Müller. Auf der anderen Schulter sitzt ausgleichend ein Rabe, der mürrisch und düster von den Banalitäten des Alltags krächzt, und so etwa dafür sorgt, dass Onkel Jószi bei all seinen hochtrabenden Träumen und Plänen, doch auch das bleibt, was er tatsächlich ist: Ein alter Mann mit Marotten, Zipperlein und fragwürdigen Anekdoten und: mit einer Geschichte, die sich nicht als simple Parabel auflösen lässt. Zwischen ihnen vermittelnd spinnt Krasznahorkai seine langen Sätze, die dank Heike Flemmings gekonnter Übersetzung gar nicht anstrengen oder ermüden, lobt der Rezensent, sondern wunderbar Wesentliches daher "murmeln".
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.12.2025
Rezensent Adam Soboczynski singt eine Hymne auf den neuen Roman von László Krasznahorkai. Erzählt wird die Geschichte des 91-jährigen Jozsi, der sich als ungarischer Thronfolger ausgibt und damit eine Gruppe von Sonderlingen anzieht, die man mit den Reichsbürgern in Deutschland vergleichen kann, meint der Kritiker. Dass Kraznahorkai in diesem Roman direkt in "unsere nervöse politische Gegenwart" und ihre weltanschauliche Leere führt, steht für den Rezensenten außer Frage. Aber Kraznahorkai wäre nicht Kraznahorkai würde er lediglich die Gegenwart abbilden, fährt der Rezensent fort. Vielmehr lässt er sich, getragen von "melodischen Endlossätzen" von dem ungarischen Autor einmal mehr in eine gleichermaßen "unheimliche", rätselhafte und doch heitere Welt nehmen, wie sie auch Kafka schuf. Apokalyptisch und doch komisch - aber im Gegensatz zu Kafkas Literatur stets mit der Aussicht auf ein wenig Glück, zumindest im "ästhetischen Staunen", meint der Kritiker, der Krasznahorkais ästhetische Programmatik am besten von diesem selbst zusammenfassen lässt: "Schönheit in der Sprache. Spaß in der Hölle."
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 11.12.2025
Die "Sehnsucht nach König und Größe" treibt László Krasznahorkai in seinem neuen Roman um, der auf den ersten Blick ganz typisch wirkt, wie Rezensent Jörg Plath verrät. Lange, "bewegliche Sätze", die Heike Fleming elegant ins Deutsche übersetzt hat, schrullige Charaktere und eine Fülle an Anspielungen auf frühere Romane, wie zum Beispiel die Rückkehr des Baron Wenckheim. Womit dieser Roman sich allerdings von den Vorgänger-Bänden abhebt, ist seine "spöttische Aufmerksamkeit" für den Größenwahn von ungarischen Autoritären und Rechten. Der Plot ist so humorvoll wie seltsam: Onkel Józsi ist ehemaliger Elektriker und eigentlich ganz zufrieden mit seinem Leben - bis ihm eine Gruppe von Verehrern einen Besuch in seiner Hütte abstattet. Die kommen aus den unterschiedlichsten Organisationen (von denen es viele wirklich gibt, wie Plath weiß): "Ungarische Garde, Ungarische Kirche, Weltnationale Volksherrschaftspartei, Blut und Ehre" und so weiter. Die Besucher wissen, dass Onkel Joszi der Spross einer vergessenen Königsfamilie, und so eigentlich der legitime König von Ungarn, ist. Die Ehrfurcht seiner neuen Anhänger gefällt Onkel Jozsi gut, vor allem, weil man fasziniert seinen Geschichten zuhört und für ihn den Garten aufräumt, lesen wir. Mit den Putsch-Plänen seiner Fans will Joszi aber nichts zu tun haben - als Gewaltanwendung zur Sprache kommt, trennt er sich lieber von ihnen. Für Plath wirkt dieser Roman eher "traditionell", das überraschendste Werk Krasznahorkais ist es nicht, durchaus aber ein amüsantes und kluges Buch, dem man die Freude am Fabulieren anmerkt, wie Plath versichert.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.12.2025
"Große Literatur" liefert László Krasznahorkai auch mit seinem neuen Buch ab, meint die äußerst angetane Rezensentin Judith von Sternburg. Der Nobelpreisträger Krasznahorkai schreibt in wieder mal ellenlangen Sätzen - ganze 12 sind es auf gut 300 Seiten - über einen Eigenbrötler namens Jószef Kada, der, fasst Sternburg zusammen, sich selbst für den legitimen ungarischen Thronfolger hält. Eine Reihe von Leuten nehmen es ihm ab und versammeln sich um Kada, der sich selbst Onkel Joszi nennt. Diese Jünger bewegen sich allesamt im Umfeld rechter Verschwörungstheorien, lesen wir. Mit ihnen will Onkel Joszi allerdings letztlich doch nichts zu tun haben, er erzählt lieber Geschichten über seine ruhmreiche Vergangenheit und hat halt allgemein gern Publikum. Die Erzählperspektive Krasznahorkais bleibt auf Distanz zur Hauptfigur, so die Kritikerin, die sich ansonsten vor allem an der von Heike Flemming hervorragend ins Deutsche übertragenen Sprache des Buches erfreut - sogar Lieder und Onkel Joszis eigenwillige Intonation werden auf inspirierende Weise eingedeutscht. Bis zur genialen letzten Wendung ist dieses Buch ein Genuss, schließt die Kritik.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.12.2025
Als ein "Mittelding aus Schild- und Reichsbürgerei" beschreibt der ziemlich begeisterte Rezensent Paul Jandl László Krasznahorkais neues Buch. Dessen Hauptfigur trägt den Namen József Kada und ist ein uralter Elektriker, der eines Tages Besuch erhält von einer bunten Truppe. Die ist der Ansicht, dass es sich bei Kada um den legitimen ungarischen Thronfolger und die letzte Hoffnung für ihr Heimatland handelt. Kada ist selbst der Ansicht, dass er von edlem Blut ist, lesen wir. Die fiktive Herkunftserzählung nimmt einigen Raum ein im Buch und schließt ironisch an die rechtsnationalen Geschichtsmythen an, die in Viktor Orbáns Ungarn grassieren. Das neue Buch fügt sich gut ein in Krasznahorkais Gesamtwerk, findet Jandl, es geht wieder um die Grenzbereiche zwischen Wahnsinn und Realität, ein Gebiet, das der Autor mit viel psychologischem Feingefühl und in leichtfüßigen, ellenlangen Sätzen kartiert. Auch für die Arbeit der Übersetzerin Heike Flemming findet der Rezensent lobende Worte. Eine rundum runde Sache, so das Fazit.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.2025
Angeregt bespricht Rezensent Tilman Spreckelsen den neuen Roman des frischgebackenen Nobelpreisträgers László Krasznahorkai. Das Buch dreht sich um Onkel Joszi, einen alten Mann, der behauptet, Nachfahre des einstigen ungarischen Königs Bela IV. und außerdem Dschingis Khans zu sein. Das glaubt nicht nur er selbst, erklärt Spreckelsen, er hat auch eine Reihe von Unterstützern um sich geschart, die ihn, ohne selbst handfeste Beweise zu haben, ebenfalls für den Erben Belas und deshalb für den legitimen Herrscher Ungarns halten. Es geht also um reale Umsturzpläne, wobei Krasznahorkai den Problemen, die eine solche Erzählung mit sich bringt - wie sehr darf sich ein Roman mit dem reaktionären Denken seiner Figuren gemein machen? - dadurch begegne, dass er sich ganz auf Onkel Joszis Perspektive konzentriere. Joszi nun will zwar als legitimer Erbe des Königs betrachtet werden, Gewalt lehnt er jedoch, anders als einige seiner Unterstützer, ab, lieber schwelgt er in seiner eigenen wilden Vergangenheit, die ihn unter anderem mit Hollwoodschauspielern und schönen Frauen zusammen brachte. Spreckelsen gefällt der ironische, an diversen Verrücktheiten interessierte Stil Krasznahorkais. Spreckelsen hält sich am Ende zwar mit Wertungen zurück, mindestens mit Gewinn scheint er das Buch jedoch durchaus gelesen zu haben.
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