Im Kino
Ich hatte nur einen Knopf
Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
17.12.2025. Kein Monster, bloß ein Normalo. Ruhig erzählt Eva Victors starker Film "Sorry, Baby" von einer Vergewaltigung, einer ratlosen Gesellschaft und von der Möglichkeit eines Neuanfangs.
Das Schlimme passiert in einem weißen Haus mit blauer Eingangstür, irgendwo in Massachusetts. In dem kleinen Ort lebt Agnes (Eva Victor, die auch Regie führt), Doktorandin der Literatur und angehende Juniorprofessorin. Der Täter ist ihr gut aussehender Doktorvater, ein intellektueller und sensibler Geistesmensch, der allseits beliebte und begehrte Professor Decker. Gehen wir gleich an die Essenz von "Sorry, Baby", obwohl der Film uns ganz im Gegenteil sanft auf das Schlüsselerlebnis zuführt: Victor erzählt in ihrem Film von den Verwirrungen junger Erwachsener, den Fragen junger Frauen, vom Zweifel, von missgünstigen Mitmenschen und vom Patriarchat. Vor allem erzählt sie die Geschichte einer Vergewaltigung. Und sie erzählt den Aspekt, der immer noch in der breiten Öffentlichkeit nicht angekommen ist.
Das Strafgesetzbuch führt unter Paragraph 177 auf: "Wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt oder von ihr vornehmen lässt oder diese Person zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen an oder von einem Dritten bestimmt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft." Die rechtlichen Fragen, die die Verurteilung von Tätern (oder auch Täterinnen) bis heute so schwer machen, reißt "Sorry Baby" nur an: Wie etwas beweisen, wenn es keine Zeugen gab? Wie etwas beweisen, wenn es vielleicht nicht einmal Verletzungen gegeben hat, aber trotzdem nichts freiwillig geschah?
Agnes, die große, schmale Heldin dieser Geschichte, will den Täter gar nicht anzeigen, zur Polizei ist sie auch nicht gegangen: "Ich hatte nur einen Knopf als Beweis. Ich will, dass diese Person aufhört, diese Dinge zu tun. Aber wenn er ins Gefängnis gehen würde, wäre er nur jemand, der so etwas tut und jetzt eben im Gefängnis sitzt." Der Film will auf etwas ganz Bestimmtes hinaus: Dem, was Agnes hier passiert, wohnt in gewissem Sinne eine Alltäglichkeit inne, etwas quasi Unspektakuläres: Es gibt keine Schreie, keine Faust ins Gesicht, keine gebrochenen Knochen, keine rohe Gewalt. Es gibt nur eine geschockte und verwirrte Literaturstudentin, die nicht fassen kann, was ihr da von ihrem Dozenten, der sie für ihre Arbeit ehrlich bewundert, widerfährt.

Nicht einmal ein "Nein" kommt Agnes über die Lippen, als sie zum zigsten Mal die Hand ihres Professors wegschiebt (was natürlich schon "Nein" genug ist). Kein brutaler Macho überwältigt Agnes, sondern der Typ von nebenan mit Doktortitel (letzendlich dann eben doch ein brutaler Macho, aber so ganz anders als man ihn sich gemeinhin vorstellt). Dass der Film Decker nicht als gewalttätiges Monster, sondern als ziemlich bemitleidenswerten Normalo darstellt, ist eine große Stärke. Den Übergriff selbst sehen wir nicht, wir erfahren nur aus Agnes' Erzählungen was passiert ist und sehen die Reaktionen ihrer Umwelt, die von mitfühlend und sensibel (die Freundin) über unbeholfen (die Universität) zu völlig empathielos (der Gynäkologe) variieren. Es ist die Normalität, die Banalität dieses Ereignisses, die ganz besonders schockierend ist.
Dementsprechend bettet Victor den Übergriff ein in eine unaufgeregte, ruhig dahinfließende, oft witzig-melancholische Erzählung eines Lebensabschnitts ein. An den sarkastischen, typisch amerikanischen Gesprächston von Agnes und ihrer Freundin Lydie (Naomi Ackie) muss man sich ein bisschen gewöhnen, bis hinter dem zu Beginn etwas aufgesetzt wirkenden Dialog die Sensibilität und Tiefe aufscheint, die den Film ausmacht. "Sorry Baby" lebt von kleinen Emotionen und Gefühlsregungen, dem subtilen Ausrutschen von Agnes' Lächeln, als ihr Lydie verkündet, dass sie endlich ein Baby mit ihrer Freundin bekommen wird, worüber Agnes sich freut, was ihr aber auch Angst macht, weil Lydie damit vielleicht noch weiter wegrückt als ins ferne New York, wo sie hingezogen ist.
Auch die gut besetzten Nebencharaktere haben Teil am Charme des Films, Agnes' intensiv starrende Kollegin (Kelly McCormack) etwa, die absolut keinen Hehl aus ihrem Neid und ihrer Abneigung gegenüber Agnes macht. Oder der Sandwich-Shop-Besitzer, der die Heldin mit Atemübungen aus ihrer Panik-Attacke holt, nachdem er sie vorher angepfiffen hatte, weil sie auf dem falschen Parkplatz parkt. Kleine Weisheiten kommen unaufdringlich und dunkelhumorig um die Ecke, lassen Raum für Reflexion, ohne irgendwelche Wahrheiten aufdrücken zu wollen.
In jedem Moment macht der Film klar: Was Agnes passiert ist, ist schlimm, vor allem deswegen, weil ein Großteil der Gesellschaft immer noch keinen guten Umgang damit gefunden hat. Es ist aber nicht das Ende vom Lied, ihr Leben gerät aus den Fugen, aber es kann auch wieder heilen. Die Angst und die Dunkelheit werden langsam verschwinden und Neues wird kommen. So wie zum Beispiel Lydies Baby, das Agnes entschuldigend auf das Leben vorbereitet: "Wenn du dich umbringen willst, mit einem Stift oder einem Messer oder sowas, dann kannst du zu mir kommen und es mir sagen. Das ist immerhin etwas." Und das ist gar nicht mal so wenig, wie uns "Sorry, Baby" auf nonchalante Weise vor Augen führt.
Alice Fischer
Sorry, Baby - USA 2025 - Regie: Eva Victor - Darsteller: Eva Victor, Naomi Ackie, Louis Cancelmi, Kelly McCormack, Lucas Hedges u.a. - Laufzeit: 204 Minuten.
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