Efeu - Die Kulturrundschau

Seminar in Sachen 'besser kommunizieren'

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.10.2025. In der Zeit erklärt Kamel Daoud der französischen Linken, wie wichtig westliche Werte sind, wenn sie sich "frei bewegen, frei fühlen, frei ausdrücken" will. Luc Bessons Dracula-Adaption fällt bei den Kritikerin durch: Zu viel Spektakel, zu wenig Feinsinn, seufzen FAZ und FR. Nachtkritik und FAZ staunen, wie eindringlich die Kriege in der Ukraine und in Gaza beim Festival "Politik im Freien Theater" auf die Bühne gebracht werden. Und die Welt erkennt das Subversive im Impressionismus dank der Scharf-Collection.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2025 finden Sie hier

Literatur

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Katharina Teutsch porträtiert für die Zeit Kamel Daoud, der vom französischen Exil aus nicht müde wird, das algerische Regime und dessen Beschweigen der Gräueltaten im Algerien der Neunziger anzuprangern. Entsprechenden Attacken ist er ausgesetzt, insbesondere nach seinem aktuellen Roman "Huris", der ausspricht, was Islamisten und deren Verbündete in den westlichen Metropolen lieber unter den Teppich kehren. "Seine Kritik an Algeriens erinnerungspolitischem Kurs, dem Festhalten an der Opferrolle im Kampf gegen eine übermächtige Kolonialmacht, sind wiederum der französischen Linken ein Dorn im Auge. 'Die Dekolonialen', wie Daoud die linken Islamismus-Versteher in Frankreich nennt, verurteilen den Schriftsteller dafür, dass er darüber schreibt, was Araber anderen Arabern angetan haben. ... Daoud ist Universalist", doch "der Universalismus hat es heute schwer - auch unter westlichen Intellektuellen, die unter dem Eindruck postkolonialer Theoriebildung jeden Ideenexport in die ehemalige Kolonie für paternalistisch halten. Für ein Land allerdings, in dem man sich frei bewegen, frei fühlen, frei ausdrücken könne, seien die sogenannten westlichen Werte die wichtigste Geschäftsgrundlage, findet Daoud."

Weitere Artikel: August Modersohn berichtet in der Zeit von seiner Reise nach Klütz, wo er das Gespräch mit den Beteiligten an der Kontroverse rund um die Ausladung Michel Friedmans am dortigen Literaturhaus gesucht hat, aber auch nur von anhaltenden gegenseitigen Vorwürfen berichten kann. Seit dem Nobelpreis für Jon Fosse erfreut sich Oslo geradezu eines Fosse-Tourismus, berichtet Aldo Keel in der NZZ: Insbesondere Übersetzer reisen in Heerscharen an. Jan Küveler porträtiert in der Welt den Schriftsteller Michael Maar. Leon Lindenberger blickt im Zeit-Gespräch mit Volker Kutscher auf dessen mittlerweile abgeschlossenes Krimi-Epos um den Ermittler Gereon Rath zurück.

Besprochen werden unter anderem Thomas Pynchons "Schattennummer" (Jungle World), Nora Osagiobares "Daily Soap" (online nachgereicht von der FAZ), Jens Harders Comic-Epos "Gamma ...visions" (FAZ.net), das neue Asterix-Abenteuer (taz), Lavie Tidhars Thriller "Adama" (FR), Sibylle Bergs "PNR: La Belle Vita" (NZZ), der Briefwechsel zwischen Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Alexander Schröder (FAZ), neue Krimis, darunter Susanne Tägders "Die Farbe des Schattens" (Zeit), und Percival Everetts "Dr. No" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Film

Andauernd erregt: "Dracula" von Luc Besson

Dracula bleibt im Kino ein Dauerbrenner. Nun hat der auf effektreichen Bombast spezialisierte Franzose Luc Besson seine (allerdings von London nach Paris verlegte) Vision des Mythos auf die Leinwand gebracht. Den Kritiken nach zu urteilen stand für den Film aber offenbar nicht so sehr Bram Stokers Roman von 1897 Pate, sondern dessen Interpretation durch Francis Ford Coppola von 1992. Es ist "ein Film, der sich dezidiert als Spektakel ausweist", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "Überall findet Besson exaltierte Bilder", seine "Kamera kopuliert mit seinen Erfindungen, er kennt nur eine andauernde Erregung. ... Besson arbeitet nicht auf der Ebene der Psychologie, sondern auf der von Klischees. Er trägt den Mythos Dracula ein in Vorstellungen von Europa und Moderne, die er aber nur als Zwischenstadium sieht für seine Wiederverzauberung der Welt. Sein Bezugspunkt ist nicht 'Die Traumdeutung', die 1900 erschien, er schürft vielmehr in den Träumen und extrahiert sie."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sieht in dieser Opulenz nicht viel mehr als Tand: "Fokussiert allein auf sein tragisch-unerfüllbares Liebesglück, fehlt dem Vampir die Komplexität früherer Verkörperungen. Und so gern man ihn in seinem dandyhaften Auftreten im Umfeld eines Oscar Wilde verorten würde, fehlen ihm wiederum die entsprechend feinsinnigen Dialoge. So folgt man seiner von ihm selbst einmal als gewundenem Leidensweg beklagten Existenz zwar durchaus mit ästhetischem Vergnügen, aber nicht unbedingt gefangen." Tazlerin Jenni Zylka zerfällt "aus Langeweile fast zu Staub". Robert Wagner hat auf critic.de Spaß an dem Film, auch wenn Dracula gelegentlich "gecockblockt" wird.

Immer mehr Neustarts prügeln sich zu immer teureren Ticketpreisen um immer weniger Leinwände und ein immer häufiger lieber zuhause bleibendes Publikum, stellt Rüdiger Suchsland auf Artechock nach einem Blick auf die aktuellen Startlisten fest: Alleine diese Woche gibt es annähernd 30 Kinostarts, im November drücken fast 90 hinterher. Eine Verschlankung des Angebots "wäre trotzdem falsch", findet er. "Umgekehrt wäre es nötig, im Prinzip viel mehr Kinos und neue Spielflächen zu schaffen", auch brauche es "dringend niedrigere Preise und eine bundesweite Kino-Flatrate. ... Das Kino sollte weg von der Tendenz, eine zweite Oper zu werden. Es muss ein Jahrmarkts- und Alltags-Vergnügen sein, das, was man schnell noch mal am Abend für zwei Stunden tut."

Außerdem verweist Suchsland auf einen Bericht in Variety, demzufolge das Internationale Dokumentarfilmfestival Amsterdam israelischen Branchenvertretern samt und sonders die Akkreditierung verweigert hat - und zwar mit fadenscheinigen Begründung, sei seien "am Völkermord mitschuldig", was nicht nur, aber insbesondere im Fall des linken, traditionell regierungskritischen DocAviv-Festivals komplett an den Haaren herbeigezogener Blödsinn ist. "Dies alles entspricht leider der unglücklichen Tendenz, dass sich Filmfestivals als Polit-Zensoren und Aktivisten aufspielen, anstatt einfach offene Bühnen für künstlerische und kulturpolitische Auseinandersetzungen zu sein", kommentiert Suchsland. "Damit maßen sich Festivals eine Expertise und Kompetenz an, die sie schlicht und einfach nicht haben. Sie werden zu Treibern einer Zensur durch die Hintertür, die demokratische Gesellschaften und Öffentlichkeiten nachhaltig beschädigt."

Weiteres: Silvia Hallensleben (taz) und Fabian Lutz (critic.de) resümieren die Viennale. Thomas Ribi schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Schauspieler Björn Andrésen. Besprochen werden Yorgos Lanthimos' "Bugonia" (Perlentaucher, ArtechockStandard, FR, Zeit Online, mehr dazu bereits hier), Kathryn Bigelows auf Netflix gezeigter Atomkriegs-Thriller "A House of Dynamite" (Standard, unsere Kritik), Kirill Serebrennikovs "Das Verschwinden des Josef Mengele" (Standard), Florian Dietrichs "No Hit Wonder" (Perlentaucher), Stefan Haupts Frisch-Verfilmung "Stiller" mit Paula Beer (Welt, Artechock), Claire Simons bei DOK-Leipzig gezeigter Dokumentarfilm "Writing Life: Annie Ernaux Through the Eyes of High School Students" (Artechock), die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Down Cemetery Road" mit Emma Thompson (FAZ),  Marcus H. Rosenmüllers neuer Pumuckl-Film (Artechock), Reem Khericis "Miau und Wau" (Artechock), Ben Leonbergs "Good Boy" (Artechock) und Andy Muschiettis Stephen-King-Serie "Es: Willkommen in Derry" (Welt).
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Kunst

Pierre Bonnard, Stillleben mit Katze, 1924, Öl auf Leinwand © The Scharf Collection, Foto: Klaus Ruland Photography

Schon wieder eine Impressionismus-Ausstellung, denkt sich Tilman Krause zunächst in der Welt, stellt aber schnell fest: Das, was die Alte Nationalgalerie derzeit aus dem reichen Bestand der Scharf-Collection präsentiert, ist einzigartig. Denn die Sammlung, die seit vier Generationen im Besitz der Familie ist, bleibt dem Konzept ihres Begründers Otto Gerstenberg treu, so Krause: Man setzt darauf, den Kernbestand zu kontextualisieren, wozu auch die Gesellschaftskritik der Impressionisten gehört. Und das eröffnet "subtile und subversive" Einblicke, staunt der Kritiker, der beispielsweise vor Pierre Bonnards Bild "Die große Badewanne" feststellt: Bonnard war keineswegs, wie häufig behauptet, ein Maler des Glücks. "Eine Frau liegt in der Badewanne, und natürlich handelt es sich um Marthe. Oder sollte man besser sagen: Es handelte sich einst um sie? Ist dies vielleicht eher ihre Leiche? Wie eingelegt in eine trübe Lake wirkt jedenfalls der gesichtslose, feingliedrige Körper, gefangen in sich selbst und seiner sinistren Aura. Selten ist die depressive Störung eines Menschen so beklemmend dargestellt worden wie in diesem merkwürdigen Porträt, das Bonnard von seinem Lebensmenschen malte, der sich in der Badewanne die Pulsadern öffnete."

Ausstellungsansicht: "Minimal". Bourse de Commerce - Pinault Collection, Paris. Foto: Florent Michel / 11h45 / Pinault Collection

Ein wenig verloren und zusammenhanglos wirken die minimalistischen Werke von Künstlern aus Amerika, Europa und Asien aus den 1950er- bis 2010er-Jahren in der riesigen Pariser Bource de Commerce, die seit einigen Jahren die Sammlung Pinault beherbergt, schon, findet Adrian Searle im Guardian. Die einzelnen Positionen faszinieren ihn dennoch - etwa die Gemälde des Amerikaners Robert Ryman, "deren weiße Pigmentfelder aneinanderstoßen, sich aneinander schmiegen und an den Rändern ihrer farbigen Leinwandträger entlanggleiten. Weiß singt gegen Rostrot, ein schmutziges Khaki, ein gedämpftes Grün. Ryman hat mit so wenig so viel erreicht. In seiner Kunst dreht sich alles um Oberfläche und Volumen, Nuancen und Berührung und das Wissen, wann man aufhören muss."

Weitere Artikel: Nun also doch: Lucas Cranachs Marienaltar, der von dem Künstler Michael Triegel neu geschaffen wurde (unser Resümee), musste den Naumburger Dom nach heftigen Protesten deutscher Denkmalschützer verlassen, berichtet Evelyn Finger auf den Glauben-und-Zweifeln-Seiten der Zeit.: Asyl findet er zwei Jahre lang in Rom, in der Kirche des Campo Santo Teutonico, einer deutschsprachigen Enklave an der Südseite des Petersdoms. In der taz gratuliert Tom Mustroph der staatlich finanzierten "Anti-Institution" Savvy Contemporary, einem Berliner Kunstort, der sich vor allem dem Thema "Dekolonialisierung" widmet, zum fünfzehnjährigen Bestehen. Für die NZZ trifft sich Mark von Huisseling mit dem Lichtkünstler Christian Herdeg, dessen 1995 im Verwaltungsbau des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ) errichtetes Kunstwerk "Lichtsegel" und seine 1986 für den Zürcher Flughafen gestaltete Lichtröhren-Installation "So near - so far" spurlos verschwunden sind.  Das EWZ teilte immerhin auf Nachfrage mit, man habe das Werk "entsorgen" müssen.

Besprochen werden außerdem die große Gerhard-Richter-Retrospektive in der Fondation Louis Vuitton in Paris ("So schön, so umfassend wurde sein Werk noch nie gezeigt", findet Zeit-Kritiker Hanno Rauterberg, mehr hier), die Ausstellung "Italien in Linien. Meisterzeichnungen von Christoph Heinrich Kniep" im Museum Casa di Goethe in Rom (FAZ) und die Ausstellung "David Weiss. Der Traum von Casa Aprile" im MASI Lugano (taz).
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Architektur

Bilder: © Vitra, Fotos: Daisuke Hirabayashi, Dejan Jovanovic, Marek Iwicki

Ganz verzaubert ist Helene Röhnsch in der FAZ nach ihrem Besuch im Doshi Retreat auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein, wo Khushnu Panthaki Hoof gemeinsam mit ihrem Ehemann Sönke Hoof, beide Chefarchitekten des in Ahmedabad ansässigen Studios Sangath, das Projekt ihres 2023 verstorbenen Großvaters, des indischen Pritzker-Preisträgers Balkrishna Doshi, vollendeten: "Von der Ferne kaum sichtbar, taucht allmählich hinter dem Design Museum von Frank Gehry ein von messingfarbenen Stahlwänden umsäumter Weg auf. In der Form zweier, ineinander verflochtener Schlangen - eine Vision Doshis - führt er in eine Art Labyrinth, erst oberirdisch, dann tiefer in die Erde hinab. Entlang des Pfades begleiten Flötentöne die Besucher, von Note zu Note führen sie am Ende des Weges durch einen Tunnel, der in eine Gongkammer mündet. Ein Team von Sounddesignern aus Indien, den Niederlanden und Österreich entwickelte das aufwendige Klangsystem, das in konkave Vertiefungen im Boden eingelassen ist."

Wenn Verena Hubertz, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, angesichts der immer größer werdenden Wohnungsnot verspricht, nun aber wirklich den "Bau-Turbo" anzuwerfen, rät ihr Gerhard Matzig in der SZ einen Blick auf die ganz im Bauhaus-Geist errichtete Stuttgarter Weißenhofsiedlung zu werfen: "Alles, was heute gefordert wird von einem zeitgemäßen Wohnungsbau, flexible Innenräume für unterschiedliche Bedürfnisse und differenzierte Lebenswelten, effiziente Raumgrößen, seriell denkbare Systeme, rationale Bauorganisation, modernste Materialien und Konstruktionsmethoden, all das wurde damals in experimenteller Weise ausprobiert."
Archiv: Architektur

Bühne

Szene aus "The Director's Guide for Theater During Wartime". Foto: Julia Kampichler

Zum zwölften Mal fand das Festival "Politik im Freien Theater", diesmal in Leipzig, statt. Nachtkritiker Vincent Koch haben die sechzehn Gastspiele durch Mut und einen differenzierten Blick auf aktuelle Konflikte überzeugt. Beispiel: Die israelischen Regisseure Hannan Ishay und Ido Shaked vom Théâtre Majâz zerbrechen sich im Stück "The Director's Guide for Theater During Wartime" angesichts einer fiktiven Festivaleinladung in Frankreich den Kopf darüber, "wie sie überhaupt Theater machen könnten, ohne direkt von Diskurswächter*innen denunziert zu werden. In einem minimalistischen Setting mit nur ein paar Kisten, Stühlen und einer Graffiti-Sprühdose, mit der sie immer wieder einschneidende Daten wie den 7. Oktober auf Pappschilder sprühen, reflektieren sie die Genese eines Projekts, das sie immer wieder abbrechen müssen... Mit zynischem Humor ('Sind sie antisemitisch oder nur rassistisch?') und Buzzword-Slapstick wagen Ishay und Shaked den derzeit so schwierigen Diskurs in theatraler Form - als Versuch, die Kunst wieder als Mittel des Austauschs zu verstehen."

Genauso "eindringlich" wie Ishays und Shakeds Inszenierung findet Thorben Ibs in der FAZ das Stück "Kharkiv Calling" der Costa Compagnie: "Anna Mrachkowska tritt auf, eine junge Frau, die von ihrem Lebensweg berichtet als Adoptivkind und Schauspielschülerin in Kiew. Sie erzählt und erzählt. Als der Krieg ausbricht, flüchtet sie erst zur Familie, geht nach Berlin. Sie steht allein auf der Bühne, keine Requisiten, nur Videobilder aus dem Kriegsgebiet, die sich auf dem glatten Tanzboden wie auf einer Wasserfläche spiegeln. Dazwischen gibt es Videointerviews mit vier anderen Frauen aus Charkiw. Sie sind geblieben, Soldatinnen geworden und erzählen von ihrem Weg an die Front. Eine war zuvor Anwältin, eine andere drehte Dokumentarfilme. Für die Vorstellungen in Leipzig haben sie aktuelle Videobotschaften geschickt. Die Erschöpfung des Krieges hat auf ihren Gesichtern deutliche Zeichen hinterlassen."

Weiteres: In der Zeit porträtiert Christine Lemke-Matwey die beiden ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, die nächsten Sommer in Bayreuth inszenieren werden und als "neue Shootingstars" gelten. Inga Barthels trifft für den Tagesspiegel die Regisseurin Carolina Bianchi, die derzeit ihre Performance "The Brotherhood" im Berliner HAU zeigt. Besprochen wird außerdem Vincent Huguets Inszenierung der "Walküre" unter dem Dirigat von Daniel Harding in der Accademia di Santa Cecilia in Rom (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

Im VAN-Gespräch mit Merle Krafeld gibt der Komponist Luc Döbereiner Einblick in seine Arbeit an dem Seniorenchor-Stück "Rekonstruktion für Chor", für das er auch auf Künstliche Intelligenz zurückgreift. Ihn interessiert die Frage, "wie Technologie unser Hören strukturiert, unser Miteinander-Spielen, das Musikmachen, das Notieren und so weiter, alles, was zum Musizieren dazugehört. Technologie kann da auch ein Sinusoszillator sein, also ganz einfache Technologie. Bei KI sind zwei Sachen anders als sonst in elektroakustischer Musik oder elektronischer Musik: Man kann mit sehr vielen Daten arbeiten, sie durchsuchen und so Dinge entdecken, die man als Mensch sonst nicht entdecken oder wahrnehmen könnte. Und: Die Modelle können sich anpassen, das ist ja der Grundmechanismus des maschinellen Lernens, das hat man zum Beispiel bei einem Sinusoszillator nicht, der erzeugt einen bestimmten Ton, passt sich aber nicht an."

Merle Krafeld berichtet im VAN-Magazin vom Stand der vom Kulturstaatsministerium beauftragten Provienzprüfungen der sieben im Staatsbesitz befindlichen Streichinstrumente, die einst von den Nationalsozialisten angeschafft wurden, um sie unter anderem an "gottbegnadete" Musiker zu verleihen: Die Nazis kauften "die fünf Geigen, eine Bratsche und ein Cello zwar von Instrumentenhändlern, ihre Vorgeschichte stuft die aktuelle Studie allerdings in zwei Fällen als 'bedenklich' und in den fünf weiteren als zumindest 'klärungsbedürftig' ein. ... Wie mit den sieben 'Meistergeigen' des aktuellen Forschungsprojekts umzugehen ist, bleibt - zumindest, solange weder bewiesen noch widerlegt ist, dass sie im Kontext nationalsozialistischer Verfolgung entwendet oder erworben wurden - vorerst ungeklärt."

Weitere Artikel: Bei einer Veranstaltung in Berlin trafen ukrainische und deutsche Poeten und Musiker aufeinander, berichtet Katja Kollmann in der taz. Für die Welt spricht Manuel Brug mit der Cellistin Julia Hagen, die schon mit 30 Jahren "zu den herausragenden Musikerinnen auf ihrem Instrument gehört". Dorothea Walchshäusl erinnert in der NZZ an den "Tango Jalousie", den Jacob Gade vor hundert Jahren geschrieben hat. Das VAN-Magazin bringt eine Chronik der Ereignisse nach der Absage der Essener Philharmoniker, eine neue Auftragsarbeit von Clara Iannotta aufzuführen (unser Resümee), was im Nachhinein alles als eine große Kaskade des Aneinander-Vorbeiredens erscheint. Christian Schachinger erinnert im Standard an den vor 60 Jahren erschienenen The-Who-Song "My Generation".

Besprochen werden Konzerte von Uriah Heep (FR) und Slavka Zámečníková (FR) sowie das Album "Plays the Breadminster Songbook" von The Alien Dub Orchestra (FR).

Archiv: Musik