Im Kino
So weit, so Küchenpsychologie
Die Filmkolumne. Von Jochen Werner
29.10.2025. Vor Kalenderspruchweisheiten ist man als Kinobesucher nicht sicher in "No Hit Wonder". Immerhin jedoch ist Florian Dietrichs Dramedy auf erstaunlich unverlogene Art und Weise ihren Figuren zugetan.
Zuerst Auftritte vor Zigtausenden im Münchner Olympiastadion, Goldene Schallplatten und kreischend übergriffige Teenie-Fans, dann ZDF Fernsehgarten, betrunken in irgendeiner Talkshow vom Stuhl fallen, schließlich Dschungelcamp und als absolute Endstation gegen Cash zum Schlussverkauf im Möbelhaus auftreten. Eine klassisch deutsche Popkarriere, und das alles mit nur einem Song im Gepäck. "Time Time Time" heißt der einzige Hit in der Karriere des blondierten Popsängers Daniel Nowak (Florian David Fitz), und nach dem Möbelhaus sieht der nur noch einen Ausweg aus der Sackgasse, in die er sein Leben und seine Karriere manövriert hat. Ordentlich Schnaps und dann ein Kopfschuss.
Selbst der Suizidversuch missglückt ihm jedoch kläglich, und so landet Daniel mit einer winzigen Narbe auf der Wange und einem Bänderriss in der geschlossenen Psychiatrie. Wenig kooperativ, starrt er dort erst einmal einige Tage lang stumm aus dem Fenster, bis ihn zwei Ereignisse aus der selbstgewählten inneren Emigration aufstören. Zunächst einmal involviert ihn die an einer Studie zur Glücksforschung arbeitende Pflegerin Lissi Waldstett (Nora Tschirner), unter Anwendung erpresserischer Maßnahmen, in ihr Forschungsprojekt. Und dann, viel wichtiger, sagt ihm eine aus früheren, erfolgreicheren Tagen bekannte Klatschjournalistin ein großes Interview zu. Was machen sie heute, Doppelseite, ganz großes Ding. Die vielleicht letzte Chance, nochmal die Kurve zu kriegen, glaubt Daniel, um rechtzeitig aus der Klinik herauszukommen, lässt er sich auf Lissis Studie ein.
Dahinter verbirgt sich ein Chor der Depressiven, denn, so weit, so Küchenpsychologie: Singen lindert psychisches Leiden. Das Ganze kommt als Multigenerationenprojekt daher, die Besetzung reicht vom dementen Ex-Topmanager Helmut (Udo Samel) über den jovialen Taxifahrer Uwe (Bernd Hölscher) bis zum jugendlichen Online-Mobbingopfer Elaha (Jerusha Wahlen). Rasch formt sich aus den so Verschiedenen eine verschworene Gruppe, die gemeinsam und erstaunlich gut Miley Cyrus' "Wrecking Ball" singt und mit einem Insta-Video davon viral geht. Dieser Teil des Gruppentherapieplans geht ziemlich (und nicht unbedingt glaubwürdig) konfliktfrei über die Bühne, innerhalb der Gruppe selbst gibt es schlicht keinen einzigen Reibungspunkt. Alle sind einander sofort innigst verbunden und helfen einander solidarischst in sämtlichen Notlagen, anstatt weiterhin mit sich selbst beschäftigt zu sein. Wenn es denn so einfach wäre.

Konflikte gibt es natürlich trotzdem, schließlich bringt man eine Dramödie wie "No Hit Wonder" sonst nicht auf knapp zwei Kinostunden. Allerdings sind es die beiden LeiterInnen des Chorprojekts, deren Brüche und Beschädigungen zunehmend in den Mittelpunkt rücken. Daniel muss sich natürlich auf die Suche nach einem sinnvolleren Lebensinhalt machen, anstatt weiter dem verblassten Ruhm von einst nachzujagen. Und Lissi hat sich nicht nur Kindheitstraumata und Bindungsängsten zu stellen, sondern muss auch lernen, dass sie mit echten Menschen arbeitet statt mit Forschungsobjekten, die sie nach Studienabschluss mit sich allein zurücklassen kann.
"No Hit Wonder" ist - soviel soll den weiteren Ausführungen vorangestellt werden - keineswegs so lustig und poppig, wie es das knallige Filmplakat und die Anfangsmontage versprechen. Gerade in der zweiten Hälfte wird kaum noch etwas auf pointierte Wirkung ausgespielt, und das Geschehen wird immer dramatischer - eine inhaltliche Entscheidung, die den Film vermutlich gleichermaßen beschädigt wie sie ihm zugute kommt. Denn einerseits löst sich "No Hit Wonder" nie so ganz vom Klischee, Kalendersprüche von der Sonne, die in einem drin scheinen muss, wie auch die erschütternde Erkenntnis, dass das größte Glück letztlich darin besteht, anderen zu helfen - all das muss man zum Ende hin vermehrt über sich ergehen lassen.
Auf der anderen Seite hat der von Florian Dietrich inszenierte und vom tatsächlich sehr guten Hauptdarsteller und Drehbuchautor Florian David Fitz sich selbst auf den Leib geschriebene Film etwas überraschend Zärtliches darin, wie er seine mit sich selbst und ihren psychischen Erkrankungen ringenden Protagonisten porträtiert. Die sind zwar allesamt nicht unbedingt mit viel Tiefe oder psychologischer Komplexität ausgestattet, kommen aber auch nie als bloße Karikaturen daher - was ja eher eine Ausnahme ist in der deutschen Mainstreamkomödie, in der die Psychiatrie meist bloß als Fundgrube skurriler Nebenfiguren mit lustigen Tics herhalten muss.
Mit derlei Herablassung hat "No Hit Wonder" nichts am Hut, und auch wenn eine gewisse Leichtigkeit - die ja auch ohne klamaukige Exotisierung zu haben wäre - dem etwas schwerfällig dramatisierten Geschehen gut getan hätte, geht man am Ende der etwas überlangen zwei Kinostunden versöhnt nach Hause. Im Vergleich etwa zu Markus Gollers letztjährigem "One for the Road" - auch so ein Versuch, einen Kippmoment der deutschen Nora-Tschirner-Mainstream-RomKom ins Klinische zu inszenieren, dort in Form eines Anonyme-Alkoholiker-Suchtdramas - wirkt "No Hit Wonder" weit weniger verlogen, und wenn schon nicht psychologisch komplex, so doch zumindest seinen Figuren glaubhafter zugetan. Das mag nicht wie sehr viel erscheinen, aber es ist auch nicht nichts.
Jochen Werner
No Hit Wonder - Deutschland 2025 - Regie: Florian Dietrich - Darsteller: Florian David Fitz, Nora Tschirner, Jerusha Wahlen, Corinna Kirchhoff, Bernd Hölscher, Jasmin Shakeri - Laufzeit: 118 Minuten.
Kommentieren



