Im Kino
Team Biene
Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
29.10.2025. Giorgos Lanthimos sperrt in seinem neuen Film "Bugonia" die Figuren ein weiteres Mal in deren eigenen totalitären Glaubenskonstrukten ein. Und saugt dabei leider immer wieder regelrecht das Leben aus seinen Bildern. Immerhin Jesse Plemmons und Emma Stone sind nicht totzukriegen.
Bevor die Kontrahenten aufeinandertreffen, sehen wir sie in einer Parallelmontage beim Sport. Es ist der einzige Moment in Giorgos Lanthimos' neuem Film "Bugonia", der nicht das Unvereinbare, sondern das Verbindende seiner beiden Hauptfiguren betont. Wobei die scheinbare Gemeinsamkeit die Unterschiede letztlich nur extremer hervortreten lässt. Während nämlich Teddy (Jesse Plemons) mit seinem ihm hoffnungslos ergebenen Cousin Don (Aidan Delbis) eher ungelenk durchs ordentlich runtergerockte Familienhaus im Nirgendwo hopst, kämpft Michelle (Emma Stone) in ihrer minimalistisch modernistischen Villa mit zielgenauen Karateschlägen gegen ihren Personal Trainer. Das ungleiche Machtverhältnis ist etabliert, jedoch nur, um es gleich wieder auf den Kopf zu stellen.
Michelle leitet den mächtigen Pharmakonzern Auxolith. Sie verleiht dem Kapitalismus ein freundliches Gesicht, ohne sein erbittertes Leistungsprinzip anzutasten. Freudig teilt sie ihren Angestellten mit, dass die Pflicht für Überstunden entfalle, nur um ihnen höchst suggestiv zu vermitteln, dass sich tatsächlich nur eines geändert hat: Statt auf Zwang setzt die Firma von nun an auf das schlechte Gewissen der Angestellten.
Teddy arbeitet in der Lagerhalle von Auxolith und hasst den Konzern aus vollstem Herzen. Seit seine opiatabhängige Mutter (Alicia Silverstone) ein neues Medikament der Firma testete, liegt sie im Koma. Außerdem meint der Hobby-Imker, Auxolith wäre wegen seiner Pestizid-Produktion für das Bienensterben verantwortlich. Lanthimos' Protagonist ist ein Abgehängter und Erniedrigter, der all dem, was in seinem Leben schief gelaufen ist, so ohnmächtig und wütend gegenübersteht, dass er zwanghaft versucht, einen großen Sinnzusammenhang zu konstruieren. Jesse Plemons verkörpert diesen aus Schmerz geborenen Wahn im hipsterkompatiblen Redneck-Look und mit wohlartikulierter Entschiedenheit: Jedes Detail seiner abstrusen Verschwörungserzählung vermag er ausführlich zu begründen. Seine Theorie besagt, dass außerirdische Andromedaner die Welt kolonialisiert haben, um die Menschen zu zerstören. Michelle ist seiner Meinung nach das ruchlose Ober-Alien.

Schließlich entführen die zwei irgendwie bemitleidenswerten, aber auch gefährlichen Cousins die Konzernchefin, rasieren ihr den Schädel, schmieren sie mit fettiger Hautcreme ein und ketten sie im Keller an. Michelle, oder wie auch immer sie in ihrer Alien-Sprache heißen mag, soll die beiden ihrem Imperator vorstellen. Mit ihren manipulativen Business-Tricks kann sich die CEO ebenso wenig aus der Situation befreien wie mit einem halbherzigen Geständnis.
Das zwischen Grausamkeit und Komik gratwandernde Drehbuch Will Tracys ("The Menu") basiert auf der südkoreanischen Science-Fiction-Komödie "Save the Green Planet". Die Erzählstruktur von "Bugonia" ähnelt zwar einem Thriller, der sich um die Reibungen zwischen Entführern und Opfer dreht sowie um die Versuche von Letzterem, sich zu befreien, Lanthimos lenkt den Blick jedoch stärker auf gesellschaftliche Ungleichheit und kollidierende Weltbilder.
Der allegorische Subtext verleiht "Bugonia" teilweise eine gewisse Spannunng. Was sich Teddy mit seinen Aliens zusammengesponnen hat, ist letztlich nur die Mythologisierung eines kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisses. Bei einem Abendessen entzündet sich anhand von Bienen ein symbolischer Streit zwischen Teddy und Michelle: Für ihn sind sie eine ausgenutzte Art, die langsam ausstirbt, für sie dagegen eine klar hierarchisierte Gemeinschaft vorbildlich emsiger Arbeiterinnen. Seit seinem Regiedebüt "Dogtooth" interessiert sich der griechische Regisseur für totalitäre Glaubenskonstrukte, die Menschen einengen und gängeln. Auch diesmal hängt das Wohlwollen des Zuschauers davon ab, ob er die strenge Äshtetik von "Bugonia" für ein probates Mittel hält, um diese Unterdrückung sichtbar zu machen, oder ob sie für ihn nicht vielmehr selbst Zwangsherrschaft verkörpert.
Lanthimos' kontrollierte Inszenierung nimmt dem Film durch ihren Fatalismus den Drive. Der Fall scheint von Anfang an hoffnungslos zu sein. Seinen Figuren kommt "Bugonia" lediglich durch Robbie Ryans etwas manierierte Kamera nahe. In klaustrophobischen Einstellungen wirken Teddy und Michelle so verloren und isoliert, wie sie es in ihren gegensätzlichen Weltbildern auch sind. Oft werden sie in leicht verzerrender Untersicht aufgenommen, was sie wie skurrile Wesen wirken lässt. Diese gewollte Distanz saugt einigen Szenen regelrecht das Leben aus. Als Teddy etwa von seinem ehemaligen Babysitter besucht wird, entsteht daraus eine peinliche Szene, die Lanthimos so uninspiriert und steif in Szene setzt, dass ihre Existenz im Film völlig rätselhaft bleibt.
Immerhin lassen sich die beiden Hauptdarsteller nicht totinszenieren. Plemmons ist toll mit seiner sehr eigenen weichen Weirdness, die schnell ins Bedrohliche kippen kann. Auch Stone ist gut, darf ihre berechnende Bösartigkeit aber nur sparsam einsetzen. Als formalistische Horrorkomödie oder auch als Gesellschaftssatire hat "Bugonia" Potenzial und auch seine Momente. Lanthimos' kunstsinnige Eitelkeiten und sein überheblicher Zynismus setzen sich am Ende aber doch durch. Statt sich mit den lästigen Menschen und ihren Eigenheiten aufzuhalten, sollten sie vielleicht besser komplett ausgerottet werden. Die titelgebende Bugonie beschreibt den antiken Glauben, dass Bienen aus Tierkadavern wachsen und damit im Tod ein Neuanfang steckt. Lanthimos, soviel wissen wir jetzt, ist auf jeden Fall Team Biene.
Michael Kienzl
Bugonia - USA 2025 - Regie: Giorgos Lanthimos - Darsteller: Emma Stone, Jesse Plemons, Aidan Delbis, Alicia Silverstone, Stavros Halkias - Laufzeit: 120 Minuten.
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