Efeu - Die Kulturrundschau

Das Gefühl, nicht in Sansibar zu sein

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.09.2025. Die Filmkritiker verabschieden sich mit Christian Petzolds Film "Miroirs No. 3" vom Sommer. Die taz porträtiert die ugandische Schriftstellerin Stella Nyanzi, die sich mit den Obrigkeiten ihres Heimatlandes angelegt hat und im Exil in Berlin lebt. Die Zeit berichtet, wie Ai Wei Wei mit weißgestrichenen Uniformen für Irritation in Kiew sorgt. Die FAZ tanzt bei der Ruhrtriennale Pas de deux mit der israelischen Choreografin Sharon Eyal.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2025 finden Sie hier

Literatur

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Josefine Rein porträtiert in der taz die ugandische Schriftstellerin und Anthropologin Stella Nyanzi, die sich in den Zehnerjahren mit der Politik und der Justiz in ihrem Heimatland angelegt hat und seit wenigen Jahren im Exil in Berlin lebt. Ihre Strategie im Kampf gegen die Obrigkeiten in Uganda: radikale Unhöflichkeit. "'Wenn ich den Präsidenten nicht mehr mit 'seine Exzellenz', sondern mit 'ein paar Arschbacken' anspreche, durchbreche ich den Bann seiner Autorität', sagt die ehemalige Professorin für Anthropologie. (...) Anstatt ihre Wut über Korruption, Müttersterblichkeit und politische Repressionen zu teilen, ist die Öffentlichkeit vor allem entsetzt über eins: dass eine Frau aus der Kultur der Baganda es wagt, solch schmutzige Wörter in den Mund zu nehmen. Ihre sexualisierte Sprache wird oft als westlich, als unafrikanisch verstanden. Die Autorin widerspricht dieser Annahme: 'Ich verbinde meine Poesie bewusst mit indigenen Traditionen. (...) Auch unsere Großmütter sangen offen über ihre Vaginas.'"

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"Diebstahl" ist der erste Roman von Abdulrazak Gurnah seit seiner Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis 2021. Erneut geht es um Sansibar, wo der spätere britische Literaturprofessor und Schriftsteller seine Kindheit noch unter Kolonialherrschaft verbracht hat. "Ich schreibe vor allem über das Gefühl, nicht in Sansibar zu sein", sagt Gurnah im SZ-Gespräch mit Felix Stephan, "wie es sich anfühlt, woanders zu sein und an Sansibar zu denken. Ich glaube, das ist ein sehr zeitgenössisches Phänomen." Dabei "begebe ich mich gedanklich sehr tief hinein. Ich möchte nicht als Außenseiter darüber schreiben (...) und um von innen zu erzählen, muss man von den gemeinsamen Werten dieser Leute sprechen, ihrer Kultur, die den Kolonialismus überlebt hat und die bis heute lebendig ist." Was er schreibt, "kommt aus dem Gedächtnis, aber es verdankt sich auch wirklich dem Prozess, sich während des Schreibens in diese Welt zu versenken. (...) Erinnern also in der Form von: es zu re-imaginieren."

Besprochen werden unter anderem Lorenz Hemickers "Mein Großvater, der Täter. Eine Spurensuche" (NZZ), der neue Band der jährlichen Comicanthologie "Spring" (FAZ.net), T. C. Boyles "No Way Home" (TA), neue Bücher zur Geschichte der frühen Fotografie (FAZ), Lea Ypis "Aufrecht" (Zeit) und Heinrich August Winklers Memoiren (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Film

Symptom eines Stillstands: Paula Beer in "Miroirs No.3"

Die Filmkritiker verabschieden sich in Christian Petzolds lichtdurchfluteten Spätsommer-Film "Miroirs No. 3" von den letzten warmen Tagen dieses Jahres. Nach einem Unfall auf dem Land kommt eine junge Frau (Paula Beer) bei einer etwas älteren Frau (Barbara Auer) und ihrem Mann (Matthias Brandt) samt Sohn (Enno Trebs) unter. Zu erleben ist "ein Film des Hier und Jetzt, angesiedelt in der weiten spätsommerlichen Landschaft der Uckermark, luftig genug, dass man nach den Leitmotiven Wasser und Feuer in Petzolds 'Undine' und 'Roter Himmel' tatsächlich vom Abschluss einer Elemente-Trilogie sprechen könnte", schreibt Sabine Horst in der Zeit. Petzolds großartiger "Roter Himmel" steht derzeit übrigens in der Arte-Mediathek.

Es ist "ein selbstbewusst kleinformatiger Film", schreibt Lukas Foerster auf critic.de, "geformt aus natürlichem Licht, sanften, leicht gewellten Landschaften, ebenfalls nur leicht gewellten Emotionen und ein paar wenigen, handverlesenen Musikstücken, die, wie meist bei Petzold, keinen untermalenden Charakter haben, sondern sich mitsamt ihren Klangfarben in den textuellen Vordergrund schieben." Erneut "vernäht Petzold Profanes und Erhabenes und führt zugleich in einen deutschen Osten, der nicht weiß wohin mit seinem romantischen Überschuss", hält Daniel Kothenschulte in der FR fest. Tazler Tobias Obermeier bemerkt "eine leise Fröhlichkeit". Perlentaucherin Alice Fischer ist fasziniert vom "eigentümlichen Sog dieses Erzählens", bleibt am Ende aber auch "ein bisschen ratlos" zurück. "Alles teilt sich potenziell mit, nichts drängt sich auf", schreibt Amelie Hochhäusler auf Artechock, die sich daselbst auch gemeinsam mit Dunja Bialas mit Petzold unterhalten hat.

Kameradschaft im Osten: "Der Tiger" von Dennis Gansel

Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche fällt aus allen Wolken: Dennis Gansel will mit "Der Tiger" einen Antikriegsfilm über Wehrmachtsoldaten an der Ostfront gedreht haben. "Das ist - selbst wenn Gansel auf das Raunen der Geschichte verzichten würde - eine Verdrängungsleistung, die das deutsche Kino seit dem Führerkammerspiel 'Der Untergang' nicht mehr aufgebracht hat." Auch Lennart Sämann fragt sich in der taz: "Braucht es wirklich nochmal zwei Stunden Film, die illustrieren, wie sich Befehlsträger der Wehrmacht eine Opfer-Haltung schaffen?" Weitere Besprechungen in der Welt und auf Artechock.

Rüdiger Suchsland ärgert sich auf Artechock darüber, wie sehr sich hiesige Filminstitutionen, unter anderem die Deutsche Filmakademie, zieren, sich einem Aufruf "gegen Hass und jeden Antisemitismus" anzuschließen. "Mehrere mir bekannte Filmemacher hatten die Akademie um Beteiligung gebeten. Sie erhielten eine Absage. In einer mir vorliegenden Absage ... verweist die Akademie auf ihre 'mehr als 2.400 Mitglieder' und deren 'sehr unterschiedliche Perspektiven, Haltungen und politische Standpunkte unter einem gemeinsamen Dach.' ... Eine erstaunlíche Wortmeldung: 'unterschiedliche Perspektiven, Haltungen und politische Standpunkte' in der Frage des Antisemitismus?"

Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland (Artechock), Hanns-Georg Rodek (Filmdienst) und Jenni Zylka (taz) schreiben zum Tod von Robert Redford (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden Edgar Reitz' "Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes" (critic.de, Artechock Tsp, Zeit, FAZ), Luis Ortegas "Kill the Jockey" (Artechock), Chana Gazits und Jeff Biebers Dokumentarfilm "Hannah Arendt - Denken ist gefährlich" (Artechock, FR), die DVD-Ausgabe von Lang Yis "Escape from the 21st Century" ("Es ist wirklich erstaunlich, dass die chinesische Zensur diese hoffnungslose Düsternis durchgehen lässt", schreibt Ekkehard Knörer in der taz), der dritte "Downton Abbey"-Film (Standard), die Netflix-Serie "Long Story Short" (Zeit Online) und die abschließende Staffel des "Sex and the City"-Ablegers "And Just Like That" (FAZ).
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Design

Der Anfang des Monats verstorbene Giorgio Armani (unsere Resümees hier und dort) brachte den Models und der Modewelt das Lächeln, hält Alexander Krex im Zeit Magazin fest.
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Stichwörter: Armani, Giorgio, Mode

Bühne

Delay The Sadness, S-E-D Dance Company © Vitali Akimov, Ruhrtriennale 2025 

Eine "Ausnahmeerscheinung der Ballettwelt" ist die israelische Choreographin Sharon Eyal, wovon sich FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster beim Besuch der Ruhrtriennale überzeugen kann, die Eyals Choreographie "Delay the Sadness" erstmals auf die Bühne bringt: "Viel von der atemberaubenden Schönheit (...) entsteht in Pas de deux an diesem Abend. Der wichtigste nimmt schier kein Ende und hat große Momente im Stillstand, in denen das Paar einfach zusammenbleibt. Ganz mühelos gelingt es Eyal an vielen Stellen, das Publikum fühlen zu lassen, dass es sich hineinwünschen kann in diese Welt. Ihre feine, sich ständig vom Platz bewegende Choreographie hat dieses Mal absichtsvoll leere Augenblicke, in denen sich etwas neu finden, neu arrangieren muss. Das alles erschließt sich identifikatorisch ganz leicht und verliert doch nie das Geheimnis."

Weiteres: In der FAZ fragt Jürgen Kesting, ob die Intendanz von Tobias Kratzer der Hamburger Oper zu neuem Erfolg verhelfen kann. Andrea Pollmeier war für die FR auf der Wiesbaden Biennale, wo sie unter anderem Manuela Infantes Inszenierung von "Vampyr" gesehen hat.  Besprochen wird Philipp Rosendahls Inszenierung von Ayed Akhtars Stück "Der Fall McNeal" im Düsseldorfer Schauspielhaus (FAZ).
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Kunst

Ai Weiwei, Three Perfectly Proportioned Spheres and Camouflage Uniforms Painted White, commissioned by RIBBON International, 2025. Credit: Dmytro Prutkin and RIBBON International

Der chinesische Künstler Ai Weiwei sorgte mal wieder für Unmut, berichtet Olivia Kortas in der Zeit, und zwar mit einer großen Installation mit dem Titel "Three Perfectly Proportioned Spheres and Camouflage Uniforms Painted White". Diese ist nun in Kiew zu sehen, sie "besteht aus drei miteinander verbundenen Kugeln, getragen von einem Metallgerüst. Diese 'perfekt proportionierten Sphären', erklärt der Künstler, seien eine Weiterentwicklung seiner Werkreihe Divina Proportione, die von Leonardo da Vincis Zeichnungen inspiriert wurde und für Ordnung und Schönheit stehen soll. Zugleich hat er sie eher unordentlich und unschön mit Uniformen bedecken lassen, hier und da gibt es ein paar Lücken, und wer hindurchspäht, sieht die unbemalten Rückseiten der Hosen und Jacken." Die Uniformen hat Ai Weiwei, der Deutschland mehrfach wegen seiner Waffenlieferungen an die Ukraine kritisiert hatte, mit weißer Farbe bestrichen - was in der Ukraine für Kritik sorgt, weil weiße Uniformen viel leichter von Drohnen entdeckt werden. "Im ganzen Land reagieren Künstler und Kuratorinnen irritiert: Ist das schon wieder diese westliche Idee von Pazifismus, ein Aufruf, die Waffen niederzulegen?"

Weiteres: In der SZ resümiert Aurelie von Blazekovic ihren Besuch der Kunstbiennale von São Paulo. In der NZZ porträtiert Marion Löhndorf den britischen Travestie-Künstler Grayson Perry. Bei critic.de berichtet Ute Thon von der "Momentum"- Biennale am Oslofjord auf der Insel Jeløy. Besprochen wird die Ausstellung "Georges de La Tour. Entre ombre et lumiere" im Musée Jaquemart-André in Paris (FAZ).
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Musik

Merle Zils porträtiert in der taz den Techno-Rapper Haxan030. Besprochen werden Jonathan Richmans Album "Only Frozen Sky Anyway" (FR) und das neue Album von Lola Young (NZZ, Standard).

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