Efeu - Die Kulturrundschau
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15.09.2025. Die FAZ findet die Aussagen von Jan Briers, dem Leiter des Flanders Festival in Gent, zur Causa Lahav Shani "desaströs". Nachtkritik und FR tauchen am Schauspiel Frankfurt in die originellen Bilder der Regisseurin Luise Voigt ein. Der Tagesspiegel konstatiert, dass in Hollywood kaum noch jemand zu Israel hält. Ein Grund zu Freude und Hoffnung ist für die SZ die Wiedereröffnung der Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
15.09.2025
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Musik
"Desaströs" findet Paul Ingendaay (FAZ) das Interview, das Jan Briers als Leiter des Flanders Festival in Gent zur Ausladung von Lahav Shani der belgischen Tageszeitung De Standaard gegeben hat. Mehr oder weniger unverblümt setzt dieser dort ein Ultimatum: Man habe den 18. September noch frei im Terminkalender, Shani habe bis heute Zeit für eine Erklärung, in der er "den Völkermord durch Israel unmissverständlich verurteilt", dann könne das Konzert "unserer Meinung nach" doch noch stattfinden. "'Unserer Meinung nach', das ist eine erstaunliche Formulierung, so weltfremd wie die gesamte Aussage. Offenbar hat das Festival immer noch nicht begriffen, dass es mit der kulturpolizeilichen Gesinnungsprüfung des künftigen Chefdirigenten der Münchener Philharmoniker einen Affront begangen hat. Offenbar nimmt es an, es habe nur an der Säumigkeit oder Begriffsstutzigkeit des Orchesterleiters gelegen, dass die geforderte Erklärung noch nicht vorliegt. Offenbar glaubt es außerdem, mit einer zweiten Aufforderung sei die Sache aus der Welt geschafft. Wörtlich: 'Er (Shani) ist einer der weltweit führenden Dirigenten. Er ist so stark, dass er sich meiner Meinung nach durchaus äußern kann.'" Fernerhin berichtet Ingendaay, dass mittlerweile bekannt wurde, dass Briers eingeräumt habe, nicht nur dem Druck der flämischen Kulturministerin, sondern auch propalästinensischen Gruppierungen nachgegeben zu haben.
Heute Abend spielen die Münchner Philharmoniker mit Lahav Shani ein spontan eingerichtetes Ausweichkonzert beim Musikfest Berlin. Dlf Kultur überträgt live.
Sara Klatt erinnert auf Zeit Online an die Geschichte des Israel Philharmonic Orchestra, das Shani aktuell leitet, was ihm seitens des Flanders Festival zum Vorwurf gemacht wird. 1936, weit vor der Gründung Israels, wurde es ins Leben gerufen, um von den Nazis verfolgten Juden eine Zuflucht zu bieten. "Ich denke an einen kulturellen Schutzraum für jüdische Musiker aus aller Welt. Und an die hoffnungsvollen Bilder des israelischen Fotojournalisten und Dokumentars Rudi Weissenstein, der das Israel Philharmonic Orchestra in den Dreißiger- und Vierzigerjahren fotografierte, mit seinen vollen Konzertsälen und seinem begeisterten Publikum. Es gibt wenig, das dem Schrecken dieser Jahre im Schatten des Holocausts in Europa etwas Vergleichbares entgegensetzen kann, wie diese Bilder. Das Orchester steht für den Willen zum Weitermachen."
Alice von Lenthe porträtiert für die taz die iranische Sängerin Faravaz, die an dem feministischen Protest gegen das Mullah-Regime in ihrer Heimat weiterhin festhält. "Sie singt davon, einen Mullah dominieren zu wollen, kritisiert Femizide, bezeichnet sich als Feindin Gottes. In ihren Musikvideos trägt sie viel Make-up und wenig Kleidung. ... 'Es hat sich einiges geändert, seit ich Iran verlassen habe', sagt Faravaz. 'Viele Frauen tragen kein Kopftuch mehr, obwohl sie immer noch dafür verhaftet werden können.' Zwar sei das Regime nicht liberaler geworden, aber die Frauen dafür mutiger. Dennoch hat die Musikerin Faravaz am dauerhaften Erfolg der Bewegung ihre Zweifel: Es habe auch an Unterstützung aus dem Ausland gefehlt. 'Die Medien berichteten, Politikerinnen schnitten sich die Haare ab. Aber was haben sie wirklich erreicht?'"
Außerdem: Klaus Walter spricht für die FR mit der Kulturjournalistin Rebecca Spilker, die mit "Mega" gerade eine Sammlung ihrer Popkulturtexte der letzten Jahre veröffentlicht hat. Ziemlich überraschend findet es Dirk Peitz auf Zeit Online, dass auf dem Petersplatz in Rom ein Popkonzert stattgefunden hat: "Hat sich der Vatikan damit der amerikanischen Unterhaltungslogik unterworfen, und wenn ja, mit welchem Ziel?" Eleonore Büning berichtet in der NZZ vom Musikfestival im kleinen polnischen Dörfchen Krzyżowa. Jan Brachmann resümiert in der FAZ die letzten Tage des Lucerne Festivals. Michael Pilz hat für die Welt das neue David-Bowie-Archiv im V&A Storehouse in London besucht. Backstage Classical dokumentiert die Rede, die Jagoda Marinic zur Eröffnung des Brucknerfests 2025 gehalten hat. Besprochen wird außerdem ein Heimspiel der Düsseldorfer Toten Hosen (SZ).
Heute Abend spielen die Münchner Philharmoniker mit Lahav Shani ein spontan eingerichtetes Ausweichkonzert beim Musikfest Berlin. Dlf Kultur überträgt live.
Sara Klatt erinnert auf Zeit Online an die Geschichte des Israel Philharmonic Orchestra, das Shani aktuell leitet, was ihm seitens des Flanders Festival zum Vorwurf gemacht wird. 1936, weit vor der Gründung Israels, wurde es ins Leben gerufen, um von den Nazis verfolgten Juden eine Zuflucht zu bieten. "Ich denke an einen kulturellen Schutzraum für jüdische Musiker aus aller Welt. Und an die hoffnungsvollen Bilder des israelischen Fotojournalisten und Dokumentars Rudi Weissenstein, der das Israel Philharmonic Orchestra in den Dreißiger- und Vierzigerjahren fotografierte, mit seinen vollen Konzertsälen und seinem begeisterten Publikum. Es gibt wenig, das dem Schrecken dieser Jahre im Schatten des Holocausts in Europa etwas Vergleichbares entgegensetzen kann, wie diese Bilder. Das Orchester steht für den Willen zum Weitermachen."
Alice von Lenthe porträtiert für die taz die iranische Sängerin Faravaz, die an dem feministischen Protest gegen das Mullah-Regime in ihrer Heimat weiterhin festhält. "Sie singt davon, einen Mullah dominieren zu wollen, kritisiert Femizide, bezeichnet sich als Feindin Gottes. In ihren Musikvideos trägt sie viel Make-up und wenig Kleidung. ... 'Es hat sich einiges geändert, seit ich Iran verlassen habe', sagt Faravaz. 'Viele Frauen tragen kein Kopftuch mehr, obwohl sie immer noch dafür verhaftet werden können.' Zwar sei das Regime nicht liberaler geworden, aber die Frauen dafür mutiger. Dennoch hat die Musikerin Faravaz am dauerhaften Erfolg der Bewegung ihre Zweifel: Es habe auch an Unterstützung aus dem Ausland gefehlt. 'Die Medien berichteten, Politikerinnen schnitten sich die Haare ab. Aber was haben sie wirklich erreicht?'"
Außerdem: Klaus Walter spricht für die FR mit der Kulturjournalistin Rebecca Spilker, die mit "Mega" gerade eine Sammlung ihrer Popkulturtexte der letzten Jahre veröffentlicht hat. Ziemlich überraschend findet es Dirk Peitz auf Zeit Online, dass auf dem Petersplatz in Rom ein Popkonzert stattgefunden hat: "Hat sich der Vatikan damit der amerikanischen Unterhaltungslogik unterworfen, und wenn ja, mit welchem Ziel?" Eleonore Büning berichtet in der NZZ vom Musikfestival im kleinen polnischen Dörfchen Krzyżowa. Jan Brachmann resümiert in der FAZ die letzten Tage des Lucerne Festivals. Michael Pilz hat für die Welt das neue David-Bowie-Archiv im V&A Storehouse in London besucht. Backstage Classical dokumentiert die Rede, die Jagoda Marinic zur Eröffnung des Brucknerfests 2025 gehalten hat. Besprochen wird außerdem ein Heimspiel der Düsseldorfer Toten Hosen (SZ).
Bühne

Ein dementer Vater, seine prekär beschäftigte Tochter und eine verschwundene Kultur: Davon erzählt Luise Voigt in ihrer Inszenierung von Björn SC Deigners "So langsam, so leise" am Schauspiel Frankfurt in originellen Bildern, wie FR-Kritikerin Judith von Sternburg festhält. Dabei knirscht es "bedrohlich in Gebälk und Fundament, die Menschen im Gebäude hören und spüren es, und das Publikum hört und spürt es auch. Erstaunlich, wie stimmungsvoll, nämlich wie plastisch das in der Inszenierung von Luise Voigt vermittelt wird. Es reicht ein Lichtflackern, ein Innehalten, ein Haltsuchen."
Besprochen werden: "Crowd Control" von Oliver Zahn in den Sophiensaelen Berlin (taz), "Sanatorium zur Gänsehaut. Eine Entfaltung" von Ferdinand Schmalz, Regie führt Jan Bosse am Schauspiel Frankfurt (FR, FAZ), die Uraufführung von Marius Felix Langes Oper "Krabat" nach dem Roman von Otfried Preußler am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz (NMZ), das Doppelstück "Gier/Sonne" nach Sarah Kane und Elfriede Jelinek, inszeniert von Philipp Preuss am Staatstheater Saarbrücken (Nachtkritik), Schillers "Don Karlos", inszeniert von Henriette Hörnigk am Schillertheater Rudolstadt (Nachtkritik) und "Pseudorama", das das Duo Darum am Volkstheater Wien auf die Bühne bringt (Nachtkritik).
Film
Mittlerweile über 4.000 Filmschaffende ("Filmworkers for Palestine") haben einen in Hollywood kursierenden Aufruf unterschrieben, jegliche Zusammenarbeit mit israelischen Filminstitutionen abzulehnen, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Nach dem 7. Oktober waren es in der Branche gerade einmal 700, die sich solidarisch mit Israel zeigten. Dies markiert unmissverständlich einen maßgeblichen Richtungswechsel in Hollywood, wo man jahrzehntelang fest an der Seite Israels stand, hält Busche fest. Dabei waren schon "in den vergangenen zwei Jahren vor allem israelische Filme auf internationalen Festivals weitgehend unsichtbar." Und "wer sich heute in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie für Israel ausspricht, riskiert inzwischen die berufliche Ächtung. Das haben die Branchenmagazine zuletzt immer wieder - meist unter Verweis auf anonyme Quellen - berichtet." Unter anderem Dlfkultur meldet unterdessen, dass der Hollywood-Major Paramount den Aufruf deutlich kritisiert hat. Alle Links und Namen des Aufrufs der "Filmworkers for Palestine" hier.
Außerdem: Das Team von critic.de - darunter auch einige Perlentaucher-Filmkritiker - resümiert in Notizen die Entdeckungen, die sich beim auf den italienischen Genrefilm der Sechziger bis Achtziger spezialisierten Festival Terza Visione in Frankfurt machen ließen. Robert Pfaller denkt im Standard über das aktuelle Slapstick-Revival in Filmen wie "Die nackte Kanone" und "Das Kanu des Manitu" nach. Dierk Saathoff schreibt in der Jungle World zu 40 Jahren "Golden Girls". Andreas Kilb gratuliert in der FAZ der Schauspielerin Carmen Maura zum 80. Geburtstag. Besprochen werden Francis Lawrences Stephen-King-Verfilmung "Todesmarsch" (Welt) und Kai Wessels Arte-Film "An einem Tag im September" über die Begegnung zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle (taz).
Außerdem: Das Team von critic.de - darunter auch einige Perlentaucher-Filmkritiker - resümiert in Notizen die Entdeckungen, die sich beim auf den italienischen Genrefilm der Sechziger bis Achtziger spezialisierten Festival Terza Visione in Frankfurt machen ließen. Robert Pfaller denkt im Standard über das aktuelle Slapstick-Revival in Filmen wie "Die nackte Kanone" und "Das Kanu des Manitu" nach. Dierk Saathoff schreibt in der Jungle World zu 40 Jahren "Golden Girls". Andreas Kilb gratuliert in der FAZ der Schauspielerin Carmen Maura zum 80. Geburtstag. Besprochen werden Francis Lawrences Stephen-King-Verfilmung "Todesmarsch" (Welt) und Kai Wessels Arte-Film "An einem Tag im September" über die Begegnung zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle (taz).
Architektur
Mit der Wiedereröffnung der Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße feiert Nils Minkmar in der SZ eine hoffnungsvolle Nachricht. Der Architekt Gustav Meyerstein hatte das Gebäude in den letzten Jahren der Weimarer Republik im Bauhaus-Stil entworfen, Rachel Salamander hat sich mit dem von ihr gegründeten Verein "Synagoge Reichenbachstraße e. V." für die Wiederherstellung eingesetzt: "es ist ein Bau, in dem man auf Zeitreise geht, aber nicht in eine idealisierte Vergangenheit, denn von hier aus, das flüstert der Bau in vielen Details, wird es aufwärts und vorwärts gehen. Es ist auch für Menschen, denen jede religiöse Musikalität fehlt, ein Weltraumbahnhof für das Denken neuer Zustände, eine Reise zur Utopie. Das Licht und die Leichtigkeit der Synagoge in der Reichenbachstraße, die in ihrer rekonstruierten Form zum ersten Mal seit 1945 wieder zu spüren sind, wecken augenblicklich, wenn man dort zu Besuch ist, eine lange eingeschlafene Vorstellungskraft."
Weiteres: Christian Schröder spaziert für den Tagesspiegel auf der Suche nach Bauhaus-Gebäuden durch Berlin.
Weiteres: Christian Schröder spaziert für den Tagesspiegel auf der Suche nach Bauhaus-Gebäuden durch Berlin.
Literatur

Außerdem: Ronald Pohl liest für den Standard die aktuelle Ausgabe des Schreibheft, das sich in einem Dossier dem Schriftsteller Gregor von Rezzori widmet. Petra Ahne resümiert in der FAZ das Internationale Literaturfestival Berlin. Pippo Pollina erinnert in der SZ an den italienischen Schriftsteller Giuseppe Fava, der sich in Romanen und Theaterstücken gegen die Mafia richtete und von ihr 1984 ermordet wurde.
Besprochen werden unter anderem Kamel Daouds "Huris" (Standard), Annie Ernauxs "Die Besessenheit" (Standard), Lea Ypis "Aufrecht" (Standard), Percival Everetts "Dr. No" (NZZ), Maya Rosas "Moscow Mule" (Freitag), die ersten Bände einer neuen Wilhelm-Raabe-Ausgabe (Welt), Susan Bernofskys "Hellseher im Kleinen" über Robert Walser (Welt), Christian Barons "Drei Schwestern" (Welt) und neue Hörbücher, darunter "Die Geschichte des Klangs" von Ben Shattuck (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst
In der Ausstellung "Brigitte Meier-Denninghoff. Skulpturen und Zeichnungen 1946-1970" in der Berlinischen Galerie entdeckt Tagesspiegel-Kritikerin Elke Buchholz die Bildhauerin als eigenständige Künstlerin, der nicht nur als Teil des Künstlerduos Matschinsky-Denninghoff mit ihrem Ehemann Aufmerksamkeit gebührt: "Das Hochgebirge hatte es ihr angetan, das sie als begeisterte Bergsteigerin von München aus entdeckte. Landschaftsartige Plastiken aus Holz verwandeln die himmelstrebenden Berggipfel in abstrakte Formen, auch der Wald wird im Reliefbild reine Struktur. So bleibt es bei Meier-Denninghoff immer: Ihre gegenstandslose Formenwelt speist sich aus dem Erlebten, oft Organischen. Dadurch bleiben sie zugänglich und anschlussfähig für die Assoziationen der Betrachtenden."
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Kirchner x Kirchner" im Kunstmuseum Bern (Monopol) und "Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau" im Potsdamer Minsk (taz).
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Kirchner x Kirchner" im Kunstmuseum Bern (Monopol) und "Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau" im Potsdamer Minsk (taz).
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