Efeu - Die Kulturrundschau

Er ist ja auch berühmt, der Goetz

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10.09.2025. Was ist los mit Ethan Coen, fragen die Filmkritiker nach seinem Film  "Drive-In Dolls". Kamel Daoud erklärt im Welt-Gespräch, warum er sowohl die Intellektuellen des Postkolonialismus als auch Islamisten gegen sich aufbringt. Die FAZ staunt im Städel über die skulpturalen Videos der Bildhauerin Asta Gröting. Ebenfalls die SZ erinnert an den italienischen Komponisten Luciano Berio, der in brillanter Manier die gesamte Moderne remixte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2025 finden Sie hier

Film

Auf zum nächsten plumpen Sex-Gag: Margaret Qualley in "Honey Don't"

Was zur Hölle ist eigentlich mit Ethan Coen los, fragen sich die Filmkritiker. In den Achtzigern und Neunzigern galten er und sein Bruder Joel als unter Genieverdacht stehende Wunderkinder des US-Indiekinos, aber seit die beiden seit ein paar Jahren zeitweise getrennte Wege gehen, scheint zumindest bei Ethan gehörig die Luft raus. Mit "Honey Don't" legt er nun nach "Drive-Away Dolls" (unsere Kritik) den zweiten Film einer Trilogie mit lesbischen Exploitationfilmen vor, die er während der Corona-Langeweile mit seiner Frau Tricia Cooke geschrieben hat. Aber anders als bei klassischen Exploitationfilmen bleibt der deftige Spaß bloß Behauptung, stöhnt Philipp Bovermann in der SZ: "Im richtigen B-Genrefilm kann der stereotype Aufbau des Films dazu dienen, Energie freizugeben, (...) wodurch am Wegesrand hundert kleine, hübsche Ideen aufleuchten können." Coen und Cooke hingegen "behandeln die Erzählung nicht einmal mehr als Vehikel, sondern nur als Attrappe, als Witz - bis zum Ende, das in 'Drive-Away Dolls' lustlos und hier nun geradezu ärgerlich schludrig wirkt. Geschichten zu verfilmen, die nichts erzählen, erzählen noch lange nicht vom Nichts."

Auch Inga Barthels vom Tagesspiegel macht ein langes Gesicht: "Als Hommage an Film Noirs funktioniert 'Honey Don't' höchstens ästhetisch. ... Keiner der Witze will richtig zünden, der Humor schwankt zwischen plumpen Sex-Gags und heftiger Gewalt à la Quentin Tarantino. Irgendwie geht es auch um Amerika - Honey überklebt in einer Szene einen MAGA-Aufkleber mit einem 'I have a vagina and I vote'-Sticker - doch auch das bleibt im Vagen. So ist 'Honey Don't' vor allem eine Verschwendung des Talents von Schauspielerinnen und Schauspielern wie Margaret Qualley, Chris Evans und Aubrey Plaza."

Weiteres: Patrick Heidmann spricht für die FR mit Mascha Schilinski über deren in der NZZ besprochenen Film "In die Sonne schauen" (unsere Kritik). Johannes Dudziak spricht fürs ZeitMagazin mit Spike Lee. Auf den Geldsegen der deutlich erhöhten Filmförderung muss die hiesige Filmbranche noch bis nächstes Jahr warten, meldet Helmut Hartung in der FAZ. Besprochen werden Gabriele Mainettis italienischer Martial-Arts-Film "Kung Fu in Rome" (taz, FAZ) und die Amazon-Serie "Das Gift der Seele" (taz).
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Literatur

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Im Welt-Gespräch mit Martina Meister erzählt der Schriftsteller Kamel Daoud vom zermürbenden Druck, der nicht nur von Algerien aus immer wieder auf ihn ausgeübt wird und der sich seit der Auszeichnung mit dem Prix Goncourt für seinen Roman "Huris" auch noch einmal verstärkt hat. Und zwar "weil ich eine Ausnahme bin. Weil ich mich nicht auf das Spiel des Postkolonialismus einlasse. Weil ich den Islamismus anprangere. Weil ich auf die Lage in der arabischen Welt hinweise. Weil ich die Unterdrückung der Frauen nicht ertrage. Bei 'Huris' ... hatte ich drei Gruppen gegen mich: Die Islamisten, die für die Massenverbrechen verantwortlich sind. Das Regime, weil es nur überleben kann, wenn es den Hass gegen Frankreich schürt und die ehemalige Kolonialmacht für alles verantwortlich macht. Und die Intellektuellen des Postkolonialismus, die finden, dass ich vom falschen Krieg erzähle, vom Bürgerkrieg, nicht vom Befreiungskrieg. ... Mir wird gern vorgeworfen, dass mich der Westen fasziniert. Ich antworte dann: Ja. An dem Tag, wo Menschen in Schlauchbooten in Marseille aufbrechen, um nach Algerien zu gelangen, ändere ich meine Meinung." Bereits im März hat Perlentaucher Thierry Chervel mit Daoud gesprochen.

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Giorgia Grimaldi ärgert sich in der taz über die Häme, die insbesondere auf Social Media (auch aufs Feuilleton zielt Grimaldi eher diffus, allerdings herrscht dort nach unserem Eindruck eher Zurückhaltung, siehe auch hier, aber auch in unseren Buchnotizen) über der Schriftstellerin Caroline Wahl und ihr aktuelles Buch "Die Assistentin" ausgegossen wird. "Eine Frau, die schon mit dreißig ungeniert Ferrari oder andere Flitzer fährt und damit nicht hinterm Berg hält, die protzt und in Zukunft noch mehr will, da schlottern vielen die Knie. Ja, mächtige Frauen machen Männern Angst. Aber, noch schlimmer: Auch Frauen machen ferrarifahrende Frauen Angst. Der überwiegend weiblich angeführte Lynchmob auf Social Media ist das beste Beispiel dafür, dass Frauen noch immer an der vom Patriarchat auferlegten Scham und Zurückhaltung festhalten, wenn es um Geld geht, während jeder mittelmäßig erfolgreiche Mann einen Sportwagen fährt."

Esther Slevogt und Janis El-Bira bringen im Blog der Nachtkritik Notizen vom Sommerfest im Literarischen Colloquium Berlin, wo Suhrkamp seinen 75. Geburtstag feierte und auch Rainald Goetz eine Lesung aus seinem neuen Stück "Lapidarium" hielt. Gewidmet ist es Franz-Xaver Kroetz. "Goetz, der sich so plötzlich wie überraschend auf seine bayerischen Schreibahnen besann, mitten am Wannsee. Als er dann kurz noch eine Erstausgabe von Herbert Achternbuschs 'Hülle' von 1969 in Lamettarot aus der Tasche zog, da konnte man sich auch am Starnberger See wähnen, irgendwann in den 1980er Jahren. Aber dann promotete Goetz seinen sehr schönen Instagram-Account mit einem langen Text-Zitat und man kam wieder in der Gegenwart an. Er habe sich nicht getraut, schreibt er dort heute, die auf der abschüssigen Wiese 'lagernden' Zuhörer zu fotografieren. Wir waren bei ihm mutiger - aber er ist ja auch berühmt, der Goetz."



Weiteres: "Perfide" findet es Annekathrin Kohout im taz-Kommentar, dass "Selbstschreibende zunehmend beweisen müssen, dass ihre Texte menschengemacht sind". Dirk Schümer erinnert in der Welt an Jaroslav Hašeks "Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg".

Besprochen werden unter anderem Abdulrazak Gurnahs "Diebstahl" (FR), Sonja M. Schultz' DDR-Punk-Roman "Mauerpogo" (Tsp), Leif Randts "Let's Talk About Feelings" (NZZ), Kaśka Brylas "Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich" (Standard), Leon Englers "Botanik des Wahnsinns" (FR), Usama Al Shahmanis "In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied" (taz), Dan Browns "The Secret of Secrets" (Zeit Online) und Livia de Stefanis "Trauben schwarz wie Blut" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Exhibition view "Asta Gröting. A Wolf, Primates and a Breathing Curve", Photo: Städel Museum - Norbert Miguletz

Eine Ausstellung, die einer Bildhauerin gewidmet ist - und ausschließlich Videoarbeiten zeigt? Nur auf den ersten Blick ist das ein sonderbares Konzept, lernt FAZler Stefan Trinks im Frankfurter Städel. Dort stellt Asta Gröting aus, eine Künstlerin, die sich darauf versteht, das skulpturale Potenzial von Bewegtbildern zu aktivieren. Zum Beispiel die Arbeit "Cherry Blossom - Dawn and Dusk": "Die sich im Wind bewegenden und sanft zu Boden fallenden Kirschblüten wie auch flirrende Insekten sind mit einer Spezialkamera gefilmt, die gerade einmal ein Bild pro Sekunde statt der üblichen 24 festhält. Der impressionistisch flüchtige Moment des Sonnenaufgangs im Morgengrauen, bei dem beim ersten Blick auf dem Fenster noch bläuliche Reste der Nacht zu erhaschen sind und sich beim zweiten bereits die Helle des anbrechenden Tags breitmacht, ist etwas, das in klassischer Bildhauerei nicht zu fixieren ist, eine Bildhauerin wie Gröting dennoch fasziniert."

Die Tate Modern in London widmet der indigenen australischen Künstlerin Emily Kame Kngwarreye (um 1910-1996) eine Einzelausstellung (siehe auch hier). Höchste Zeit, findet Barbara Barkhausen in der NZZ, denn diese Kunst boomt schon seit geraumer Zeit. Kngwarreye selbst, deren großflächige Acrylgemälde Natursymbolik in komplexe Farbschichtungen übersetzen, hat ihr Hauptwerk erst mit über 70 geschaffen. "Ihr später Einstieg in die Kunst ist kein Einzelfall. 'Viele Künstlerinnen und Künstler sind erst im späteren Leben zur Malerei gekommen, weil sie zuvor andere Aufgaben hatten - insbesondere Arbeit', erklärt Kuratorin Cara Pinchbeck. Kngwarreye selbst war über Jahrzehnte 'stockwoman' auf einer Rinderfarm, bevor sie in Workshops erstmals Zugang zur Malerei erhielt."

Weitere Artikel: Die Londoner National Gallery kommt in den Genuss eines 375 Millionen Pfund schweren Geldsegens, weiß Gina Thomas in der FAZ - die Gelder stammen von privaten Spendern. Birgit Rieger besucht für den Tagesspiegel das Künstlerduo kennedy+swan und unterhält sich mit den beiden unter anderem über KI und Gesundheitsdiagnostik. Darius Kühner staunt auf monopol über die Karlsruher Schlosslichtspiele - "Kunst mit Public-Viewing-Atmosphäre". Katharina Rustler blickt im Standard auf die diesjährige Ausgabe der Wiener Kunstmesse Parallel Vienna.

Besprochen werden in einer Doppelrezension Janice Mascarenhas' Schau "Ancestral Frequencies: Shrines of Resistance" in der Galerie Küsse Berlin und Okka-Esther Hungerbühlers Ausstellung "Creature" im Berliner Haverkamp Leistenschneider (taz), "Günter Fruhtrunk. Zentrale Bilder 1952-1983" in der neueröffneten Galerie Walter Storms (Tagesspiegel), "Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau" im Kunsthaus Minsk, Potsdam (Tagesspiegel) und "Mark Leckey: Enter Thru Medieval Wounds" in der Julia Stoschek Foundation in Berlin (monopol).
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Architektur

Die ehemalige Wassersperre zwischen Berlin-Kreuzberg und Alt-Treptow soll zu einem Museum werden, berichtet Julia Schmitz im Tagesspiegel. Jetzt sind in einem Architekturwettbewerb erste Entscheidungen gefallen. Mehr Informationen hier.
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Stichwörter: Wassersperre

Musik

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"Das sensationelle Ding da auf der Lidowiese in Luzern ... könnte aus einer Liaison einer Aubergine mit einem Donut hervorgegangen sein", schreibt Egbert Tholl in der SZ und meint damit keine düsteren Experimente aus der Welt der Genforschung, sondern die Ark Nova, eine von Arata Isozaki und Anish Kapoor gestaltete, aufblasbare Konzerthalle, mit der das Lucerne Festival gerade für einen Hingucker sorgt. Drinnen "ist alles offen und frei, eine prächtige Kuppel, rhythmisiert durch die Nähte der Außenhaut und spektakulär aufgeladen durch den Rhombus." Und der Klang? "Tutet der Dampfer am Anlegesteg vor der Wiese, tutet es auch im Inneren der Arche", was jedoch "überhaupt nicht stört." Allerdings hat die Konzertblase "einen leichten Tinnitus", da ständig Luft nachgeblasen werden muss. Doch "wie oft bei einem Tinnitus vergisst man ihn bald. Denkt nicht mehr ans Rauschen, das ohnehin schwer zu orten ist. Und bekommt das Geschenk einer subtilen, intimen Akustik, in der etwa ein Stück für Harfe solo (Henriette Renié mit 'Pièce symphonique en trois épisodes') zum raumfüllenden Erlebnis wird." Weitere Hintergründe liefert Christian Wildhagen in der NZZ.

Wolfgang Schreiber erinnert in der SZ an den italienischen Komponisten Luciano Berio, dem das Musikfest Berlin aktuell einen Schwerpunkt gewidmet hat. "1968 schuf er seine mehrsätzige, formal und emotional bizarre 'Sinfonia', die den Schritt von der experimentellen Moderne in die Postmoderne wagt. ... Dieses Konglomerat von Avantgarde und Klängen der Vergangenheit erscheint bis heute so attraktiv wie umstritten." Doch dem Komponisten ging es um mehr als bloß um einen "postmodernen Knalleffekt: Im dritten Satz verarbeitete er das Zitat des fast kompletten Scherzos aus Gustav Mahlers zweiter Symphonie, schuf damit eine Klangperformance als Collage, in der je vier Frauen- und Männerstimmen scheinbar wild in die Orchesterpassagen hineinflüstern, literarische Texte kunstvoll zerreden oder politische Einwürfe plärren - furios und ironisch als eine Beschwörung in Panik. Hörer damals reagierten teils befremdet, heute herrscht Staunen, Bewunderung."

Hier ist die Komposition in einer Aufname des NDR-Sinfonieorchesters von 2000 zu hören:



Außerdem: Nadine Lange liest für den Tagesspiegel eine umfassende Studie über die deutsche Musikfestival-Landschaft. Christoph Irrgeher stimmt im Standard auf das Festival Herbstgold in Eisenstadt ein. Peter Blaha erinnert in der FAZ an Hans Swarowsky, bei dem zahlreiche namhafte Dirigenten wie Claudio Abbado, Ádám und Iván Fischer, Mariss Jansons und Zubin Mehta studiert haben. Karl Fluch porträtiert für den Standard den japanischen Musiker Fujii Kaze, dessen "Pop so prächtig und perfekt klingt, als entdeckte man gerade einen Star aus den 1980ern oder 1990ern, bei dem man sich wundert, wie man ihn bisher hat übersehen können".



Besprochen werden Helge Schneiders aktuell in der ARD-Mediathek abrufbares Selbstporträt "The Klimperclown" (Presse, mehr dazu bereits hier) und Flurs Jazz-Album "Plunge" ("Man kann sich völlig verlieren, wegdriften und meditativ entspannen", schreibt tazlerin Anna Gruber, "oder aufmerksam zuhören und den feinen Detailreichtum dieser feingliedrigen Musik entdecken").

Archiv: Musik

Bühne

Marco Goecke ist wieder da - als Ballettdirektor in Basel und Feuilleton-Aufmacher in der SZ. Die Hundekotattacke gegen die Kritikerin Wiebke Hüster ist zwar schon auch Thema im Gespräch, das Dorion Weickmann mit dem "Ausnahmetalent" führt; Hüsters Name freilich wird im Text nicht einmal erwähnt (siehe auch hier). Stattdessen darf Goecke darlegen, wie ihm die Angelegenheit beim Selbstmarketing geholfen hat: "Die Presse hat Schlagzeile nach Schlagzeile rausgehauen und Klicks ohnegleichen kassiert - gutes Geschäft. Ich bin bekannter als je zuvor. Meine Mutter rief neulich an und erzählte von einem Vorabend-Quiz, wo die Frage lautete: 'Wie hat der Choreograf Marco Goecke eine Kritikerin attackiert - mit einer Ohrfeige, Rotwein oder …' Alle Kandidaten wussten Bescheid. Das hat sich eingebrannt."

Außerdem: Judith von Sternburg unterhält sich in der FR mit dem Autor Ferdinand Schmalz, dessen Stück "Sanatorium zur Gänsehaut" am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt wird. Janis El-Bira macht sich auf nachtkritik Gedanken zur derzeit in der Theaterszene allgegenwärtigen Spardebatte. Tom Mustroph telefoniert im Tagesspiegel mit dem Regisseur Thomas Ostermeier, es geht um dessen Inszenierung der Ibsen'schen "Wildente" an der Schaubühne Berlin.

Besprochen werden Max Emanuel Cenčićs Inszenierung der Francesco-Cavalli-Oper "Pompeo Magno" beim Festival Bayreuth Baroque (van, "Man taucht ein in ein zeitloses Welttheater und wird Teil davon.", siehe auch hier), Keir McAllisters von Jochen Nötzelmann-Stahl inszeniertes Zwei-Personen-Stück "Das ist keine Bank" im Kulturhaus Frankfurt (FR, "arg hüftsteif") und Antú Romero Nunes' "Hamlet" am Theater Basel (FAZ, "ein kluger Abend, dessen Bedächtigkeit aus jeder Szene spricht und sich damit doch selbst oft im Weg steht", siehe auch hier).
Archiv: Bühne