Interview
Dieser Krieg, der seinen Namen nicht sagen will
Von Thierry Chervel
10.03.2025. "Wir sind beide Überlebende des Bürgerkriegs": Kamel Daoud spricht mit Thierry Chervel über Boualem Sansal, seine aktuelle Lage, das algerische Regime und seinen Schulterschluss mit den Islamisten. Das "Schwarze Jahrzehnt", das für beide Autoren ein zentrales Thema ist, traumatisiert Algerien bis heute, auch weil es verboten ist, darüber zu sprechen. Natürlich darf auch Daouds letzter Roman, der dieses Verbot bricht, in Algerien nicht erscheinen - und er selbst wurde verurteilt.
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Kamel Daoud, danke dass Sie den langen Weg von Paris angetreten haben, um hier mit uns zu sprechen. Zuerst die Frage: Haben Sie aktuelle Informationen zur Lage Boualem Sansals, die wir hier vielleicht noch nicht kennen, etwa zur Frage, ob Boualem Sansal tatsächlich in den Hungerstreik getreten ist?
Er hatte tatsächlich einen Hungerstreik angefangen, aber laut Quellen, mit denen ich in Kontakt bin, hat er ihn auf Anraten seiner Ärzte abgebrochen. Er hat drei Anwälte, einen französischen Anwalt, François Zimeray, und zwei algerische Anwälte. Das Regime hat Zimeray die Einreise verweigert, mit einer Begründung, die man inzwischen kennt, nämlich dass er Jude ist. Offiziell sagen sie, es liege daran, dass Zimeray zu viel in den Medien geredet habe. Eine Zeitlang war von einem zweiten französischen Anwalt die Rede, den man hinzuschalten könnte. Aber das ist wegen der immer stärkeren Spannungen zwischen Frankreich und Algerien ins Wasser gefallen. Hinzu kommt ein Spielchen, das die Behörden spielen. Mal lassen sie seine Frau ihn besuchen, mal darf er ins Krankenhaus, dann muss er wieder ins Gefängnis. Damit wollen sie zeigen, wer den Hammer in der Hand hält. Und im Moment ist die Situation blockiert, es gibt keine Hoffnung.
Warum sind Sie so pessimistisch?
Schon seit einiger Zeit gibt es eine Kampagne gegen Schriftsteller, Verlage und Buchhandlungen in Algerien.
Zwei oder drei Verlage haben geschlossen…
Und Buchhandlungen. Ich weiß, dass Bücher von mir in mehreren Buchhandlungen beschlagnahmt wurden. Und ich bin nicht der einzige. Es gibt eine Kategorie von Autoren, über die man seltener spricht, nämlich die arabophonen. Um es ganz kurz zu fassen: Die Islamisten versuchen immer mehr den Kulturbereich zu kontrollieren. Sie kontrollieren schon die Justiz, die Schulen, die Medien. Das ist einer der Gründe, warum algerische Schriftsteller verfolgt werden.
Aber erklärt sich dadurch auch die Verhärtung des Regimes, das ist ja nicht dasselbe?
Es gibt ein Bündnis zwischen den Konservativen und den Islamisten. Das Regime aber möchte vor allem nach Frankreich die Botschaft aussenden, dass es franko-algerische Autoren einsperren kann und dass Frankreich nichts dagegen tun kann. Das ist eine politische Botschaft. Und diese Botschaft richtet sich außerdem an die künftigen Schriftsteller, die neue Generation. Die Botschaft ist klar: Wenn ihr Schriftsteller werden wollt, geht es euch wie ihnen. Das Regime will nicht als schwach erscheinen, und eine Freilassung Sansals ließe es als schwach erscheinen. Genau darum ist die Solidarität außerhalb Frankreichs so wichtig für Boualem Sansal.
Erzählen Sie uns, wie Sie Sansal kennengelernt haben. Es gibt ja eine Gemeinsamkeit zwischen Ihnen beiden - Sie haben beide Algerien erst sehr spät verlassen.
Boualem kenne ich seit ewig. Unter Schriftstellern kannte man sich, wir sind ja nicht viele in Algerien. Außerdem sind wir beide Überlebende des Bürgerkriegs. Algerien habe ich gezwungenermaßen verlassen. Ich bin geflohen - vor anderthalb Jahren. Und auch Boualem habe ich immer wieder gesagt: du musst Algerien verlassen, und zwar sofort. Viele haben ihm geholfen, dass er die französische Staatsbürgerschaft bekommt und sich in Frankreich niederlassen kann. Und als ich ihn zum letzten mal gesehen habe, war er mit seiner neuen Situation sehr glücklich. Er wollte ein Haus in der Banlieue von Paris kaufen. Und er war es, der mir den Rat gegeben hat: "Kamel, schreib nicht mehr über Algerien, das gibt nur Probleme." Aber leider glaube ich, dass er die politischen Manöver in Algerien nicht verstanden hatte. Er glaubte, das Regime bleibt immer gleich, aber es hat sich in den letzten Jahren verschlimmert, es ist viel gewalttätiger geworden. Und dann gab es den Prix Goncourt für meinen Roman "Houris", der das Regime noch weiter aufgebracht hat.
Sprechen Sie zu uns über Ihren Roman. Er bricht ja sozusagen ein Verbot. Es gibt ein Gesetz, das es untersagt, das "Schwarze Jahrzehnt", diesen Bürgerkrieg zwischen Islamisten und Regime mit seinen 200.000 Toten zu thematisieren.
Nach zehn Jahren Krieg gab es um 2000 einen Deal zwischen dem Regime und den Islamisten. Dieser Deal schloss etwas später dieses Gesetz ein. Wer das Schweigen bricht, dem drohen Strafen von drei bis fünf Jahren. Zu dieser Strafe bin ich verurteilt. So machen sie das jetzt, sie verurteilen einen zu einer Strafe, und so kann man nie mehr nach Algerien zurückkehren. Als der Roman in Frankreich erschien, haben sie nicht nur ihn in Algerien verboten, sondern den Verlag, Gallimard, gleich mit. Und sie haben mit Pressekampagnen angefangen und Druck auf die Jury des Preises ausgeübt. Bis heute, denn sie wollen nicht, dass man über diesen Krieg spricht. Das macht es selbst in Europa schwierig, darüber zu sprechen. Denn sobald man anfängt, über den Islamismus zu sprechen, werfen sie dir vor, islamophob zu sein. Auf der anderen Seite des Mittelmeers gibt es ein juristisches Verbot, und auf dieser sozusagen ein publizistisches.
Welche Botschaft können Sie dem deutschen Publikum geben, um Sansal zu nutzen?
Das Regime möchte das Thema gewissermaßen auf Frankreich und Algerien beschränken. Darum ist es wichtig, wenn Sie das Thema internationalisieren und skandalisieren: ein Mann von achtzig Jahren, der krank ist, wird für seine Meinungen und seine Bücher ins Gefängnis gesteckt. Ich weiß, dass er manchmal Zugang zu Medien hat. Es hilft, wenn er weiß, dass er nicht allein ist. In der ganzen Welt muss darüber gesprochen werden, wir brauchen Hilfe. Wenn Sie akzeptieren, dass Boualem Sansal im Gefängnis ist, dann wird es irgendwann dazu kommen, dass auch Ihre Schriftsteller hier im Gefängnis landen.
Als ich zum ersten Mal gehört habe, dass Sie einen Roman über das "Schwarze Jahrzehnt" geschrieben haben, fiel ich aus allen Wolken. Ja, da war doch mal was. Ich war damals Journalist in einer linken Zeitung, der taz, und wir haben auch berichtet. Aber das "Schwarze Jahrzehnt" ist längst nicht so sehr in Erinnerung wie die Fatwa gegen Rushdie, der 11. September oder die Attentate in Paris. Teilen Sie meinen Eindruck, dass da ein großes Vergessen ist?
Ich weiß nicht, wie die Ereignisse in Deutschland interpretiert wurden. Ich weiß aber, dass die internationale Öffentlichkeit sich zu Anfang der Ereignisse durchaus dafür interessiert hatte, aber dass sie dann im Lauf der Zeit immer schlechter lesbar wurden. Ich glaube, es lag im Interesse vieler Akteure, diesen Krieg undurchschaubar zu machen, um die internationale Aufmerksamkeit zu erschöpfen. Diese Strategie gibt es häufiger. In Algerien selbst gab es eher das Phänomen, dass man den Krieg vergessen wollte, weil man wieder leben wollte, wieder glücklich sein wollte. Als Schriftsteller aber sieht man überall die Spuren dieses Krieges, der seinen Namen nicht sagen will. Es sind Spuren aller Art, politische Spuren, kulturelle Spuren, körperliche Spuren, Spuren im Verhalten der Menschen, und sogar im Selbstbild der neuen Generationen. Der Krieg ist also abwesend und anwesend zugleich.
Ihr Roman handelt von einem Opfer dieses Krieges. Sie hat eine Verletzung, die man als Symbol lesen kann. Ihr wurde die Kehle durchgeschnitten, sie atmet durch eine Kanüle, es ist schwierig für sie zu sprechen.
Es ist eine keine symbolische Verletzung, es ist eine reale Verletzung. Die Islamisten haben diese Art von Mord, das Kehle durchschneiden, sehr häufg praktiziert. Das ist kein Einzelfall.
Diese Art der Gewalt muss die algerische Gesellschaft stark geprägt haben.
Vor allem wurde dadurch die Idee geprägt, dass Gewalt das einzige Mittel ist, politisch etwas zu bewirken. Und das setzen wir im Verhältnis der Menschen untereinander bis heute fort, im Alltag, in den Debatten in den sozialen Medien, die extrem aggressiv sind. Man hat die Gewalt als Mittel des politischen Bruchs instituiert, und das ist sehr gefährlich. Das Schlimmste aber ist, dass man diesen Krieg verdrängt hat und die Islamisten sich aufführen können, als hätten sie gar nichts gemacht, als hätten sie saubere Hände. Es gibt ja sozusagen keine Spur, es ist nicht verzeichnet. Einerseits bedeutet das einen ideologischen Sieg. Aber wichtiger ist die intimere Ebene, diese Entwertung des Lebens, die Unfähigkeit, Vertrauen aufzubauen, auch nicht in die Geschichte. An welche Geschichte sollen wir glauben? Unsere jüngste Geschichte ist nicht aufgearbeitet, nicht erzählt worden. Das Verhältnis zum Leben, zur Idee des Glücks, ist dadurch zutiefst verunsichert worden. Wie soll es anders sein, wenn die Taten und die Konsequenzen daraus in keinem Verhältnis stehen? Wenn man drei Jahre Gefängnis kriegt, weil man ein Handy gestohlen hat, aber straflos ausgeht, nachdem man einen Bürgerkrieg angezettelt hat. Diese Frage nach den Prägungen müsste man auch all jenen stellen, die nicht darüber arbeiten können, den Psychologen, den Historikern.
Das liegt auch daran, dass Archive unzugänglich sind, und diese Arbeit gar nicht ermöglicht wird. Erklären Sie uns das Gesetz der "Concorde civile".
Dieses Gesetz hat es erlaubt, militärisch mit dem Islamismus Schluss zu machen. Es hat es möglich gemacht, dass die Islamisten die Waffen niederlegen. Aber es war keine Versöhnung im eigentlichen Sinn. Sie haben nicht um Vergebung gebeten, es gab keine Wahrheitskommissionen wie in Ruanda oder Südafrika. Statt einer Versöhnung gab es ein Auslöschen. Ich glaube, es gibt nicht viele andere Länder, die wie in Algerien ein Gesetz erlassen haben, das es verbietet, sich zu erinnern.
Die Funktion von Literatur wäre es dann, dieses verordnete Vergessen zu durchbrechen.
Ja, das gab es in Deutschland ja auch. Die Literatur muss die Vergangenheit wachrufen, genau da, wo es Leerstellen gibt, wo sie verschwiegen, manipuliert wird. Die Geschichte durch die Literatur zu erzählen, heißt nicht einfach sie wiederzugeben, sondern die menschliche Tragödie zu erfassen, es geht um die Emotionen, die Kosten der Geschichte. Literaten sind nicht Historiker, sie sind es nur, weil sie einspringen müssen. Dort wo Geschichte nicht erzählt werden darf, darf Literatur nicht lügen.
Ich musste an Rushdie denken. In den "Satanischen Versen" ist Fiktion auch ein Mittel, die Wahrheit zu sagen. Das ist ja ein Paradox, denn Fiktion ist ja gerade nicht die Wahrheit. Die Wahrheit, die Rushdie aber sagte, war, dass auch der Koran nur ein von Menschen geschriebener Text ist. Ist das ein bisschen ein vergleichbarer Fall?
Nein, ich glaube nicht, dass das vergleichbar ist. Der Zusammenhang in Algerien ist politisch. Das Buch ist auch ein präziser Eingriff in ein Land, das dekolonisiert ist, wo es über die Geschichte nur eine einzige Version gibt, die keine Konkurrenz duldet. Wenn sie in einem solchen Land über einen Bürgerkrieg erzählen wollen, wird das nicht erlaubt. Und es ist auch nicht leicht. Denn der Bürgerkrieg ist kein nobler Krieg wie die Dekolonisierung, sondern ein schändlicher Krieg. Niemand will darüber sprechen, nicht einmal die Opfer. Wir befinden uns hier in einer nationalen Erzählung, die sich nicht ins Gesicht blicken will. Es geht natürlich auch um die Frage, ob man die Geschichte überhaupt erzählen soll, oder nicht einfach das Leben wählt. Nein, das ist nicht vergleichbar.
Ich habe den Eindruck, dass dieses Schweigen nicht nur in Algerien funktioniert, sondern auch in den westlichen Ländern. Woran liegt das?
Ich weiß nicht, ich kann es nicht erklären.
Liegt es einfach daran, dass es keinen Zugang zu Archiven gibt, dass nicht geforscht werden kann?
Möglich. Algerien ist nicht leicht zugänglich. Da die Tatsachen nicht abgesichert sind, haben die Leute auch Angst zu viel zu interpretieren, das ist legitim.
Gibt es in Frankreich Historiker, die sich mit dem Thema befassen?
Nicht wirklich, scheint mir. Frankreich ist ja ein Land, das zugleich Akteur und Beobachter ist in der algerischen Geschichte. Wenn sie in Frankreich, im Land des ehemaligen Kolonisators ein Buch publizieren, das sagt, es gab noch einen anderen Krieg in Algerien, einen Krieg, der nicht von Frankreich verschuldet wurde, einen Krieg, der nicht nobel war, einen schmutzigen Krieg, dann nimmt das Buch einen Sinn an, den Sie selber nicht mehr beherrschen können. Das ist das, was mir jetzt passiert ist. Das Buch hat eine Botschaft, die mir sozusagen entglitten ist, die in beiden Ländern überinterpretiert wird. Nein, in Frankreich ist der algerische Bürgerkrieg kein besonders intensiv verfolgtes Studienobjekt. Natürlich auch, weil die Schuldkonstellation nicht die gleiche ist. Er lässt sich nicht in das einbeziehen, was man in Algerien die "rente mémorielle" nennt.
Die "rente mémorielle", eine Parallelbildung zur "rente pétrolière" - der Haupteinnahmequelle Algeriens. Können Sie dem deutschen Publikum diesen Begriff erklären?
So nennt man die Position mancher Leute, die darin besteht, nur über ihre Geschichte - das heißt, über einen ganz bestimmten Ausschnitt der Geschichte - und über ihr Trauma zu reden. Ab einem bestimmten Moment wird damit auch eine politische, aber auch mediale und universitäre Legitimität begründet. Man reduziert die Geschichte auf eine Sequenz, stellt sie immer nach ganz vorne, denn sie bringt Publikum und Finanzierung und politischen Profit.
Und darauf basiert auch die Legitimität des Regimes.
Möglich, aber das interessiert mich nicht mehr. Was mich interessiert ist eine viel direktere Frage: Gibt es eine Möglichkeit zu leben, glücklich zu sein, ohne sich schuldig zu fühlen, weil man überlebt hat. Gibt es ein Leben nach dem Tod - dem Tod der anderen. Fehlt uns in Algerien, in der arabischen Welt nicht vor allem eine Definition von Glück? Und warum bündeln sich alle Fragen, alle Widersprüche immer in der Lage der Frau? Das ist das, was mich am meisten interessiert. Die Frage nach der politischen Legitimität ist dagegen trügerisch, sie verengt die Literatur und die Reflexion.
Zugleich legt das Regime eine Riesendecke über diese Fragen. Die Repression ist härter als je zuvor, wie ihr Fall und der Sansals zeigen. War die algerische Öffentlichkeit im "Schwarzen Jahrzehnt" nicht paradoxerweise viel freier?
Ja, der Bürgerkrieg koinzidiert tatsächlich mit dem Aufblühen einer sehr freien Presse. Sie ist komplett verschwunden. Nichts ist davon übrig. Es gab da auch eine höhere Intensität. Solche Phasen hat es in der deutschen Geschichte sicher ebenfalls gegeben. Wenn man jederzeit sterben kann, ist das Leben intensiver. Die politische Zensur war schwach damals. Die Kritik, die Karikaturen waren sehr scharf. Heute überhaupt nicht mehr. Das Regime agiert dabei gar nicht so sehr mit Gewalt, eher mit der Suggestion von Sicherheit und Stabilität.
Die Aufzeichnung der Veranstaltung mit Kamel Daoud können Sie hier bei radio3 vom rbb RBB hören.
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