Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.07.2025. Die Schreihälse, die die Eröffnung der Salzburger Festspiele störten, sind keine Friedensaktivisten, sondern Hamas-Fans, stellt der Spiegel klar. Theater gespielt wird in Salzburg aber auch: An Julien Gosselins in Salzburg aufgeführtem Bühnenspektakel "La Passe" scheiden sich die Geister. Vor allem das irre Lachen der Hauptdarstellerin Victoria Quesnel findet großen Anklang bei der Nachtkritik, der SZ ist das alles ein bisschen zu hysterisch. Die Reform der Filmförderung kommt dank geschickter Lobbyarbeit womöglich doch noch in Schwung, hofft die FAZ. Kaum noch Gegenwart, nur noch aufgewärmte Vergangenheit bietet die Popmusik dieser Tage, stöhnt die Welt.
Im Spiegelberichtet Oliver Das Gupta von der Eröffnung der Salzburger Festspiele, bei der "propalästinensische" Aktivisten die Bühne enterten und ihre Parolen brüllten, was bei Das Gupta einige Fragen aufwirft: "Hätten die Aktivisten auch Waffen statt der Transparente hineinschaffen können? Und darf eigentlich jeder mit jedem Anliegen stören? Den Demonstranten von Salzburg jedenfalls ging es nicht nur um die humanitäre Katastrophe in Gaza. Hinter der Aktion steckten auch linksradikale Sympathisanten der Terrormiliz Hamas, die Israel das Existenzrecht absprechen. Sie sind organisiert in der Gruppe 'Palästina Solidarität', die eine Pressemitteilung zum Eklat von Salzburg veröffentlichte. Einer der Mitgründer rechtfertigte den grausamen Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023. Befreiungskampf sei nun mal 'kein Mädchenpensionat', sagte er dem profil. Das Massaker an mehr als 1200 Menschen verglich er mit dem Aufstand des Warschauer Judenghettos gegen die Nazis 1943. Solche Sprüche und abstrusen Analogien sind keine Israelkritik, sondern Antisemitismus."
Nachtkritikerin Gabi Hift ist insbesondere von der Hauptdarstellerin angetan: "Was Victoria Quesnel als Jekaterina spielt, ist sensationell - und so ungehörig, dass man beim Zuschauen gar nicht weiß wohin mit sich. Sie verwandelt sich nach und nach in eine Hysterikerin avant la lettre, eine Geisteskranke mit allen Schikanen: entsetzliche Grimassen verzerren ihr Gesicht, ihr Augen verdrehen sich, bis man nur noch das Weiße sieht, sie wringt die Finger, der Hals starr, ein irres Lachen. Hechelnd stürzt sie sich auf die Männer, aus dem weit aufgerissenen Mund kommt ein Fauchen und die fremde tiefe Stimme eines Dämons."
Zwei Gegenstimmen gibt es freilich auch. Zum einen Margarete Affenzeller im Standard: "Insofern bleibt von Gosselins Unternehmung vor allem der eitle Standpunkt übrig: Früher war es so schrecklich, und ich zeige euch das jetzt noch einmal." Zum anderen Egbert Tholl in der SZ: "Alles ist aufgedreht, laut, hysterisch (...). Hilft nicht viel, es bleibt ein aufgedrehter Totentanz, abgestorbenes, wie mit Starkstrom zum Leben wiedererwecktes Theater."
Mehr von den Salzburger Festspielen: Ljubiša Tošić interviewt für den StandardAntonello Manacorda, der am Freitag "Maria Stuarda" dirigieren wird. Florian Zinnecke arbeitet sich in der Zeit ungnädig an Matthias Davids humoristischer "Die Meistersinger von Nürnberg"-Interpretation ab.
Außerdem: Droht dem Berliner Ensemble tatsächlich das Ende, wie derzeit hier und da zu lesen ist (zum Beispiel in der BlZ), weil die Spielstätte möglicherweise nicht mehr finanzierbar ist? Jakob Hayner winkt in der Welt ab: Klappern gehört zum Handwerk, der Vermieter will mehr Geld, am Ende wird eine Einigung stehen: "Was bleibt? Etwas Aufregung im Sommerloch." Gunda Bartele berichtet im Tagesspiegel vom Berlin Circus Festival. Jakob Hayner besucht für die Welt das Wiener "Impulstanz"-Festival.
Besprochen werden Anne Teresa De Keersmaekers "Brel" und Damien Jalets "Thrice", beides Tanzperfomances, erstere im Wiener Akdemie-, zweitere im dortigen Volkstheater (Doppelkritik im Standard) und Valentin Schwarz' Bayreuther "Ring"-Inszenierung (FAZ).
Bernhard Schulz erinnert auf monopol an den verstorbenen Maler Herbert Brandl. Der spezialisierte sich auf Bergmotive, was schnell in belanglosen Ökokitsch hätte kippen können, aber der Maler verstand es, die Klippen der Klischees zugunsten einer reinen Malerei zu umschiffen, versichert Schulz: "Brandl konnte sehr wohl auch naturalistisch malen, und angesichts stiller Bergseen oder schneeglänzender Gipfel musste das Adjektiv 'romantisch' zwangsläufig fallen. Nur, dass Brandl nichts verklärte. Den Kampf gegen Naturzerstörung, den er politisch betrieb, trug er nicht auf die Leinwand. Und ein Riesenformat wie das Triptychon 'Apokalypse zur Schönen Aussicht' von 2020, knapp vier Meter hoch und drei mal jeweils sechs Meter breit, ist einfach nur die schiere Lust an roten, gelben und grünen Pinselstrichen und -hieben." In Österreich wird Brandl nun posthum honoriert.
Weitere Artikel: In Calbe sorgte die örtliche Denkmalschutzbehörde dafür, dass eine antisemitische Skulptur wieder an einer Kirche installiert wird, berichtet Ingeborg Ruthe in der BlZ. Die römischen Fresken von Sijena müssen das Nationalmuseum von Barcelona verlassen und finden, lesen wir bei Hans-Christian Rößler in der FAZ, nach einem Gerichtsurteil eine neue Heimat in einem Nonnenkloster. Ebenfalls in der FAZ bespricht Peter Kropmanns Robert Jüttes Buch über die Malerin Olga Meerson-Pringsheim. Im Tagesspiegel wiederum rezensiert Birgit Rieger "Die An- und Abwesenheit der Berliner Mauer", einen Fotoband der Fotografin Gesche Würfel. Ein Gemälde des Renaissancemalers Antonio Solario hängt bald wieder im Museum von Belluno, nachdem es eine veritable Raubkunstkarriere hingelegt hat, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ. Ebenfalls in der NZZ schreibt Matthias Frehner zum Tod des Schweizer Künstlers James Licini.
Besprochen werden eine der Künstlerin Simin Jalilian gewidmete Ausstellung in der Berliner Galerie 68projects (taz), die Lovis-Corinth-Schau "Im Visier" in der Alten Nationalgalerie (Tagesspiegel, mehr hier), "From the Cosmos to the Commons" im Hamburger Planetarium und Stadtpark (Tagesspiegel), die Ausstellung "Kandinsky, Picasso, Miró et al. zurück in Luzern" im Kunstmuseum Luzern (NZZ) und Francis Offmans Schau "Weaving Stories" im Wiener secession (monopol).
Ronald Pohl ist im Standard beeindruckt von der Figur, die SerhijZhadan bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises machte: "Seine ernste, gesammelteErscheinung erstickt jeden Anflug von Pathos zuverlässig im Keim. Serhij Zhadan verändert schon jetzt das Bild, das sich unsereiner von der Kunst des Dichtens macht. Bekam man es in der Reformära Bruno Kreiskys mit Dichtern zu tun, bestimmten schrilleKostüme ihr Erscheinungsbild."
Außerdem: In der FAZgratuliert Andreas Platthaus dem LiteraturnobelpreisträgerPatrickModiano zum 80. Geburtstag. Besprochen werden unter anderem SimonMasons Krimi "Ein Mord im November" (FR), KavehAkbars "Märtyrer!" (online nachgereicht von der Zeit), DetlevSchöttkers "Die Archive des Chronisten. Ernst Jüngers Werke und Korrespondenzen" (FAZ) und EvaH. D.s Lyrikband "Wenn alle deine Freunde vom Felsen springen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Heute will die Bundesregierung beschließen, dass sich die Filmförderung im nächsten Jahr von 133 Millionen auf 250 Millionen erhöht. Dieser Geldsegen hängt auch damit zusammen, dass sich das noch unter Claudia Roth in Aussicht gestellte Steueranreizmodell bislang aufgrund der Diskussion mit den Bundesländern schmerzlich verschleppt. "Zwar können seit Februar dieses Jahres Produktionsfirmen statt 20 Prozent 30 Prozent ihrer Kosten erstattet bekommen, doch da die Gesamtsumme des Deutschen Filmförderfonds und des German Motion Picture Funds gleich geblieben ist, hält sich der positive Effekt in Grenzen", informiert Helmut Hartung in der FAZ. Zudem "könnte ein steuerbasiertes Anreizmodell frühstens ab 2027 in Kraft treten. Die Filmwirtschaft klagte beim Staatsminister, dass bis dahin eine Insolvenzwelle über technische Dienstleister und Produktionsfirmen hinwegrollen würde. Also einigte man sich kurzfristig ... auf die pragmatischeFüllhorn-Lösung, die die Bundesländer verschont und eine schnelle Hilfe verspricht."
Dieser rasche Erfolg hat maßgeblich mit der Lobby-Arbeit von BjörnBöhning von der SPD zu tun, erklärt Michael Hanfeld im FAZ-Kommentar. Der frühere Hauptgeschäftsführer der Produktionsallianz hat (mal wieder) die Seiten gewechselt: "Er ist seit Anfang Mai Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. ... Als Verbandsboss der Filmproduzenten trieb er die damalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth von den Grünen von deren ersten Tag im Amt bis zum Bruch der Ampelkoalition in Sachen Filmförderung vor sich her. Was Roth an Plänen ventilierte, erschien stets so, als hätte der Produzentenverband die Tischvorlage geschrieben." Jetzt "sitzt der Strippenzieher Björn Böhning im Finanzministerium, das sich zu Ampelzeiten unter Christian Lindner (FDP) nicht engagierte, und - schwups - gibt es für die Filmförderung 120 Millionen Euro pro Jahr drauf. Das allerdings nur, wenn es dem von der Union ins Amt gebrachten Kulturstaatsminister Wolfram Weimer gelingt, den StreamernZwangsinvestitionen in deutsche oder europäische Filme aufzuerlegen."
Außerdem: Thomas Abeltshauser spricht in der taz mit DeaKulumbegaschwili über deren neuen, beim Filmfestival in Venedig mit dem Preis der Jury ausgezeichneten Film "April". Besprochen werden MauraDelperos Historiendrama "Vermiglio" (Jungle World, unsere Kritik) und ÁlvaroLongorias Dokumentarfilm "The Sleeper" über ein Bild, das unbeachtet in einer Wohnung hing und sich am Ende als echter Caravaggio entpuppte (SZ).
Über ein theoretisch interessantes, in den Details aber möglicherweise nicht ganz durchdachtes Bauprojekt schreibt Falk Jaeger im Tagesspiegel. In Kaulsdorf hat der Immobilienentwickler Stefan Höglmaier mit den Architekten FAR frohn&rojas eine Anlage mit über 100 Wohneinheiten aus dem Boden gestampft, die sich als modernes Update der Plattenbauten versteht. Die Baukosten konnten niedrig gehalten werden, es dominiert ein funktionalistischer Stil: "Die Großform und jedes Detail sind so geworden, wie sich ihre Gestalt nach technischen und ökonomischen Kriterien ergeben hat. Das geht bis zu den billigen Aufputz-Dreifachsteckdosen an den Betonwänden, wie man sie früher in Altbau-Studentenbuden hatte (und geht in diesem Fall doch einen Schritt zu weit). 'Freundliche' Farbtupfer sind nur die hellgrünen Kunststoffgeländer sowie die rot gestrichenen Handläufe der Treppe. Ansonsten herrscht Grau vor, bei allen Sichtbetonteilen und allen Estrichböden sowieso, aber auch bei den Brüstungstafeln, den Rippenrohrheizkörpern (Industriestandard) und - unnötigerweise - bei den Einbauküchen." Dafür betragen die Nettobaukosten 1.500 Euro pro Quadratmeter statt durchschnittlicher 3.200 Euro. Ob die Mieten dann auch entsprechend günstig sind, sagt Jaeger nicht.
Ebenfalls im Tagesspiegel bespricht Bernhard Schulz den Sammelband "Städtebau im Nationalsozialismus".
Die Retromania, die der britische Pophistoriker SimonReynolds schon 2011 kulturkritisch diagnostizierte, hat sich in den 2020er-Jahren überhaupt erst so richtig Bahn geschlagen, stellt Jens Ulrich Eckhard entgeistert in der Welt (und nach Lektüre eines Pieces von Spencer Kornhaber im Atlantic) fest. Zumindest kulturell gesehen habe dieses Jahrzehnt kaum mehr eine Gegenwart, aber dafür jede Menge aufgewärmte Vergangenheit zu bieten, wie man in allen Sparten beobachten könne, aber "in der Musikbranche ist die Entwicklung am deutlichsten, wie eine Auswahl an Kultur-Meldungen aus den vergangenen drei Wochen zeigt: Madonna bringt ein Remix-Album ihrer Hits aus den 90ern raus. Iggy Pop kehrt mit 78 Jahren auf die Bühne zurück. Bruce Springsteen veröffentlicht mit 'Tracks II' ein sieben Alben umfassendes Monumental-Werk. Oasis auf Reunion Tour. Und auch Coldplay klimpert sich wieder durch die Weltgeschichte. ... Und Instagram ist seit einigen Monaten geflutet mit alten Aufnahmen, etwa einem Auftritt Paul van Dyks auf der Berliner Loveparade oder von Technopartys aus den frühen Tagen des Berliner Clubs 'Tresor'. Die Message: früherwarallesfreier, exzessiver, ungefährlicher, schlicht besser." Zu einem ähnlichen Befund gelangt der Kulturhistoriker Peter Pichler im Standard.
Weitere Artikel: Dierk Saathoff erzählt in der Jungle World, wie die deutschen Punkpioniere S.Y.P.H. bereits auf ihrem zweiten und dritten Album, die beide vor kurzem wiederveröffentlicht wurden, gemeinsam mit HolgerCzukay von Can an der Schnittstelle zwischenPunk- undKrautrock operierten. Sehr befremdlich findet es Monika Rathmann in der SZ, dass einige lautstark verärgerte Fans von Fletcher "offenbar eine Art Mitspracherecht einfordern, wie ihr Idol sein Privatleben auch in Zukunft gestaltet", da die sich stets zu ihrer Bisexualität bekennende Popsängerin, die bis dahin über lesbischeLiebesbeziehungen gesungen hatte, nun mit einem Mann zusammen ist. Stefan Fromman spricht für die Welt mit der Pastorin Alisa Mühlfried, die im Auftrag des Herrn auf dem Gelände des Metal-FestivalsvonWacken unterwegs ist. In der Metal-Szene selbst, die in der Regel als unpolitisch gilt und darauf auch Wert legt, regt sich indessen spürbar Missmut darüber, dass die unpolitische Toleranz zunehmend auch rechtsextreme Musiker miteinschließt, berichtet Nicolas Freund in der SZ. Patrick Viol schreibt in der Jungle World einen Nachruf auf OzzyOsbourne. Fernerhin setzt uns tazlerin Ann-Kathrin Leclère darüber in Kenntnis, dass sie ihren Spotify-Account gekündigt hat.
Besprochen werden neue Alben von CarwynEllis (taz), BenLaMarGay (FR) und Tropical Fuck Storm ("Zehn Songperlen sind auf diesem psychedelischen wie närrischen und melodiös gut aufgestellten Album zu finden", freut sich Christian Schachinger im Standard).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Robert Menasse: Die Lebensentscheidung Frustriert von den Mühlen der Bürokratie, trifft Franz Fiala eine "Lebensentscheidung" und wirft seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. Als er seine Mutter zum 89.…
Hartmut Berghoff: Trügerischer Wohlstand Vom Musterknaben zum Patienten? Die deutsche Wirtschaft seit der Wiedervereinigung Die Bundesrepublik befindet sich mitten in einer "Zeitenwende" und steht vor tiefgreifenden…
Katharina Zweig: Weiß die KI, dass sie nichts weiß? Schon bald sollen wir alle lästigen Aufgaben von intelligenten Chatbots wie ChatGPT und Co. in Form von KI-Agentensystemen erledigen lassen können. Doch wie genau funktionieren…
Frode Grytten: Der letzte Tag des Fährmanns Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Mit sanftem Ton und warmem Humor erzählt Frode Grytten von einer großen Liebe und dem Glück eines einfachen Lebens. An einem ruhigen…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier