Efeu - Die Kulturrundschau
Der Triumph der Hoffnung über die Erfahrung
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04.07.2025. Die FAZ reist nach Cherbourg, wo es der Comiczeichner Brecht Evens farbige Papierfetzen regnen lässt. In Wien begleitet sie mit Hito Steyerl Microworker bei der Drohnen-Optimierung in nordirakischen Flüchtlingslagern. Die NZZ kann sich der zeitlosen Schönheit der Handwerkskunst der Shaker im Vitra Design Museum nicht entziehen. Der Standard denkt über einen Boykott von Spotify nach. Und die SZ trauert um Michael Madsen, den Tarantino-Star der zweiten Reihe.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
04.07.2025
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Kunst

Andreas Platthaus (FAZ) ist ohnehin Fan des belgischen Comiczeichners Brecht Evens, und zwar nicht erst, seit der für die "Travel Books" von Louis Vuitton gemeinsam mit dem amerikanischen Künstler Michael Woolworth mit Lithografien experimentierte. Der Technik ist er für sein neuestes, bislang größtes Comicvorhaben "Le roi Méduse" treu geblieben, und die "Biennale du 9e art" in der französischen Hafenstadt Cherbourg widmet ihm nun eine große Einzelretrospektive im stadteigenen Musée Thomas Henry, freut sich Platthaus. Zu sehen sind nicht nur Evens' Lithografien, der Künstler fertigte auch ein Gemälde vor Ort an: "Neben einer dem Farbreichtum seines Comic-Stils entsprechend bunten Acryl-Palette hat Evens auch farbige Papierbögen mitgebracht, die er scheinbar wahllos zerreißt und die Fragmente auf die Leinwand klebt, um sie wieder teilweise zu übermalen. Innerhalb von kaum zwei Stunden entsteht so das Motiv, das Evens im Kopf hatte: eine vielbevölkerte regnerische Straßenszene, deren Schirmphalanx dem Genius Loci Tribut zollt: Seit Jacques Demys genauso farbenberauschtem Spielfilm 'Die Regenschirme von Cherbourg' aus dem Jahr 1964 hat die meist sonnige Stadt ihren Ruf weg, daraus jedoch ein positives Markenzeichen gemacht."

Tatsächlich ist es die erste Einzelausstellung, die das Wiener MAK der Multimedia-Künstlerin und Filmemacherin Hito Steyerl nun unter dem Titel "Der Menschheit ist die Kugel bei einem Ohr hinein und beim anderen herausgeflogen" widmet, staunt Hannes Hintermeier ebenfalls in der FAZ. Zu sehen ist etwa Steyerls Film "Mechanical Kurds", für den sie unterbezahlte sogenannte Microworker begleitete, die in nordirakischen Flüchtlingslagern mittels Datenanalyse Drohnen-Herstellern halfen, ihre Produkte zu optimieren: "Über die Hintergründe des Auftrags - der die Bilderkennungssysteme der KI verbessern sollte - wurden sie im Unklaren gelassen. Als die KI die Aufgabe erledigen konnte, waren die Microworker Geschichte. Um diesen Prozess geht es in den rund ein Dutzend Gesprächen, die Steyerl mit solchen Datenarbeitern geführt hat, nachdem sie es geschafft hatte, 2023 eine Einreisegenehmigung für den Irak zu ergattern. (…) Steyerl findet mit rhythmisierter Musik und Hall unterlegte Bilder, die das Elend des Lagers mit einer von Drohnen kontrollierten Phantasiewelt samt den Feuerbällen explodierender Tuk-Tuks und jungen Männern kontrastiert, die um brennende Autos herumtanzen."

Weitere Artikel: Anlässlich seines neuen Buches "Kunst in Sicht", für das Otto Waalkes Meisterwerke der Kunstgeschichte mit Ottifanten neu interpretiert hat, spricht David Steinitz in der SZ mit dem Comedian über Kiffen, Kunst, Kino und das Studium an der Hamburger Kunsthochschule. Besprochen werden die Ausstellung "Sehend denken - 100 Jahre Lucius und Annemarie Burckhardt" in der Universitätsbibliothek Basel (taz) und eine Henri-Cartier-Bresson-Ausstellung im Wiener Fotoarsenal (Standard).
Film
Der Schauspieler Michael Madsen ist im Alter von 67 Jahren gestorben. Tarantino, damals selbst noch ein No-Name, machte ihn mit seinem epochemachenden Debütfilm "Reservoir Dogs" zum Namen, als er den sadistischen Mr. Blonde spielte. "Er war ein Star, und trotzdem ein Mann der zweiten Reihe, damit hatte er sich irgendwann abgefunden und machte sich selbst darüber lustig", schreibt David Steinitz in der SZ. "Madsen spielte in diversen Filmen mit, auch großen kommerziellen Hits wie der Wal-Schnulze 'Free Willy' (und hoffte inständig, dass dies nicht der Film wäre, für den er in Erinnerung bleiben würde). Aber am besten lief es eben doch immer, wenn Tarantino sich meldete. Dieses Warten auf einen Anruf des Meisters hat Madsen wieder und wieder als quälend beschrieben. Auch, dass er zwischen seinen Tarantino-Jobs nicht nur ein bisschen, sondern sehr viel Müll gedreht hat, hat er unumwunden zugegeben. 'Piranhaconda' zum Beispiel. Oder 'Scary Movie 4'. 'Aber wenn du eine Hypothek abbezahlen musst, dann musst du eben auch Geld verdienen', sagte er dann gern."
Mit diesem makabren Tanz in "Reservoir Dogs" ging Madsen in die Filmgeschichte ein:
Außerdem: Im Tages-Anzeiger bringen Oliver Schneider und Claudia Schmid Hintergründe dazu, dass sich die NZZ vom Zurich Film Fest trennt. Wie das Festival künftig auf eigenen Beinen stehen soll, erklärt Direktor Christian Jungen im NZZ-Gespräch. Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod von Anita Kupsch. Und das Artechock-Team liefert fleißig Kurzkritiken vom Filmfest München.
Besprochen werden Rebecca Lenkiewiczs "Hot Milk" mit Vicky Krieps nach dem Roman von Deborah Levy (Welt, Tsp), Martina Pluras gleichnamiges Remake der 2001er-Teeniekomödie "Mädchen, Mädchen" (Standard, FD), Durga Chew-Boses beim Filmfest München gezeigtes Remake von Otto Premingers "Bonjour Tristesse" (Artechock), Pedro Pinhos beim Filmfest München gezeigter Film "I Only Rest in the Storm" (Artechock), Gareth Edwards' "Jurassic World: Rebirth" (Artechock, Welt, unsere Kritik) und Torsten Körners ARD-Dokumentarfilm "Mädchen können kein Fußball spielen" (FAZ),
Mit diesem makabren Tanz in "Reservoir Dogs" ging Madsen in die Filmgeschichte ein:
Außerdem: Im Tages-Anzeiger bringen Oliver Schneider und Claudia Schmid Hintergründe dazu, dass sich die NZZ vom Zurich Film Fest trennt. Wie das Festival künftig auf eigenen Beinen stehen soll, erklärt Direktor Christian Jungen im NZZ-Gespräch. Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod von Anita Kupsch. Und das Artechock-Team liefert fleißig Kurzkritiken vom Filmfest München.
Besprochen werden Rebecca Lenkiewiczs "Hot Milk" mit Vicky Krieps nach dem Roman von Deborah Levy (Welt, Tsp), Martina Pluras gleichnamiges Remake der 2001er-Teeniekomödie "Mädchen, Mädchen" (Standard, FD), Durga Chew-Boses beim Filmfest München gezeigtes Remake von Otto Premingers "Bonjour Tristesse" (Artechock), Pedro Pinhos beim Filmfest München gezeigter Film "I Only Rest in the Storm" (Artechock), Gareth Edwards' "Jurassic World: Rebirth" (Artechock, Welt, unsere Kritik) und Torsten Körners ARD-Dokumentarfilm "Mädchen können kein Fußball spielen" (FAZ),
Architektur

In der FAZ ist Gina Thomas hingerissen: Das Victoria and Albert Museum etabliert nicht nur eine neue Ausstellungsform, in dem es die im Depot gelagerten Reservesammlungen öffentlich zugänglich macht - auch die Architektur des V&A East Storehouse, einer Mischung aus "Logistikzentrum, Wunderkammer, Flohmarkt und Archiv für die kunsthandwerklichen Schöpfungen der Nation", haut Thomas um: "Von außen sieht der hangarartige Kasten, in dem das V&A auf hundert Jahre 16.000 von rund 111.500 Quadratmetern gepachtet hat, nach nichts aus…. Erst wenn der Besucher tiefer in das Innere eintaucht, entfaltet sich die Dramaturgie des amerikanischen Architekturbüros Diller Scofidio + Renfro (…) Vom mit Sperrholz verkleideten Foyer führt eine Treppe in den klimatisierten Kern des Gebäudes. Ein schmales, von einem Sammelsurium von Büsten gesäumtes Mezzanin steigert den Aha-Effekt des kolossalen vierstöckigen Innenhofes mit umlaufenden Gängen und künstlichem Oberlicht. Um den Hof herum ist das in 175 Jahren akkumulierte 'Delirium von Objekten' wie in einer Ikea-Lagerhalle auf offenen Regalen mehr oder weniger kunterbunt nach Format arrangiert."
Bühne

"Theater schafft Räume für Träume" lautet das diesjährige Motto der Reichenauer Festspiele, die mit Alexandra Liedtkes Dramatisierung des Romans "Hiob" von Joseph Roth eröffneten. Zum Träumen angeregt wird Nachtkritikerin Gabi Hift allerdings nicht, denn: "Liedtke hat sich gegen eine naturalistische Umsetzung der Geschichte entschieden, eine für Reichenau ungewöhnliche Entscheidung. Roth schrieb, das Wesentliche des Romans seien weder die Handlung noch die Gefühlsmomente, sondern Rhythmus und Melodie der Sprache, die 'biblische Musik'. Um die Magie dieser Sprache zu erhalten, bewahrt Liedtke die Erzählstimme Joseph Roths und wandelt sie nicht in Dialoge um. Das ist ein interessanter und kluger Ansatz - leider ist die Umsetzung unentschieden. Alle Darstellerinnen sind mal Erzähler mal Figur. Sie gleiten aus der Erzählerposition in die Figuren hinüber, als würden die Figuren sich gegenseitig ihre Geschichten erzählen. Das zerstört aber das Faszinosum der Erzählung, die von weit außerhalb in rauschhaften Bildern das einfache, schlichte Leben einer Familie besingt."
Weitere Artikel: Für die FR spricht Judith von Sternburg mit dem Schauspieler Peter Schröder, der das Schauspiel Frankfurt nach knapp 15 Jahren verlässt, über seine Karriere. Besprochen wird außerdem Kuluk Helms' Inszenierung des Tucholsky-Stücks "Kolumbus oder Die 'Entdeckung' Amerikas" am Theater Lübeck (taz).
Design

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein widmet sich in einer Ausstellung der für die Designgeschichte durchaus einflussreichen Handwerkskunst der Shaker, einer kleinen protestantischen Sekte, die ihren Höhepunkt im 18. Jahrhundert erlebte, dann von England in die USA migrierte und heute so gut wie nicht mehr existent ist. "Für die Kuratorin der Schau, Mea Hoffmann, deren Sympathie für den Design-Ansatz der Shaker offensichtlich ist, 'bietet die Handwerkskunst der Freikirche eine Alternative zur heutigen Konsumkultur'", schreibt Ulf Meyer in der NZZ. "Ihrer Meinung nach wurden sämtliche Entwürfe der Shaker dem Mantra 'Ordnung ist Schönheit' untergeordnet. ... Liebhaber vergleichen die zeitlos schöne, klösterliche Shaker-Ästhetik bisweilen mit der Zen-Ästhetik in Japan. ... . Zweckmässigkeit galt den Shakern als gottgefällig und Ausdruck innerer Reinheit. Prunk und Luxus hingegen waren als Ablenkung vom Glauben verpönt. Die von ihnen geschaffenen Gegenstände sollten dienen, aber nicht beeindrucken."
Aus der Berliner Fashion Week ist die Luft auch irgendwie raus, findet Grit Thönnissen im Tagesspiegel: "Wahr ist, dass die Stadt sicher kein Modefieber mehr packt." Und bei der Veranstaltung selbst herrscht eher aufgekratzte Stimmung, hinzu kommen Parolen, die die Modewelt dazu aufrufen, sich den ökologisch zweifelhaften Verlockungen von Fast Fashion nicht zu ergeben. "Damit schlagen sich die Designenden also heute herum. Um überhaupt noch neue Kleidung entwerfen zu können, muss man schon das Gefühl haben, damit ein bisschen die Welt zu retten."
Literatur
Besprochen werden unter anderem Leon de Winters "Stadt der Hunde" (FR), Siân Hughes' "Perlen" (online nachgereicht von der FAZ), Tarjei Vesaas' "Frühlingsnacht" (online nachgereicht von der FAZ) und Mischa Meiers "Die Hunnen. Geschichte der geheimnisvollen Reiterkrieger" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
Dass es bei der sechsmonatigen Oasis-Reunion, die heute Abend in Cardiff mit dem ersten Konzert ihren offiziellen Auftakt nimmt, alleine um die Kohle geht, kann sich der Schriftsteller John Niven in der SZ ehrlich gesagt nicht vorstellen: Die legendär zerstrittenen Gallagher-Brüder dürften auf ihren Konten noch immer viel mehr Geld haben als sie in diesem Leben auszugeben imstande wären. Er hat "das Gefühl, wenn man sich der 60 annähert, schleicht sich zwangsläufig eine gewisse Nostalgie ins Denken." Noel Gallagher dürfte sich wohl daran erinnern, "wie er sich damals fühlte." Und "oh ja, Oasis auf ihrem Höhepunkt - das fühlte sich wirklich supersonic an." Die Band verschmolz in den Neunzigern Gitarrenmusik "mit der hedonistischen Wut der Clubszene. So wurden sie schnell die einzige Gitarrenband, die die Kids aus der Dance-Musik-Szene hörten. ... Und jetzt, wo diese Leute fünfzig sind, wollen sie, dass er sie noch einmal fühlen lässt, wie sie sich mit fünfzehn fühlten. Wider besseres Wissen wollen sie ihr Leben noch einmal in die Hände einer Rock'n'Roll-Band legen. Was wirklich der Triumph der Hoffnung über die Erfahrung ist."
Christian Schachinger findet es im Standard zweifellos respektabel, dass die noch alten Szene-Idealen der Integrität verpflichtete Indieband Deerhoof ihre Musik von Spotify zurückzieht, nachdem bekannt wurde, dass Spotify-Chef Daniel Ek rund 600 Millionen Euro in einen Rüstungskonzern investiert hat, der KI-Waffen produziert. "Ob sich ein Boykott von Spotify derart durchsetzen wird, dass es das Unternehmen auch finanziell spürt, ist allerdings fraglich. Erstens erweisen sich andere Streamingdienste auch nicht gerade als Hort der gerechten Einkommensverteilung. Selbst in der Vergangenheit halbwegs integre und faire Streamer und Plattformen wie Bandcamp gelten nach ihrem Verkauf an einen Global Player wie Songtradr als zumindest umstritten. Zweitens siegt beim Konsumenten, siehe Amazon oder Meta und X sowie Youtube und Google, im Zweifel jene Bequemlichkeit, die uns lieber Spotify benutzen lässt als uns selbst außerhalb der zur Faulheit einladenden Algorithmen umzusehen."
Außerdem: Karl Fluch plaudert im Standard mit Annette Humpe, von deren Band Ideal gerade das Debütalbum wiederveröffentlicht wurde. Im Standard ist Karl Fluch gespannt, in welcher Gemütslage Morrissey wohl sein für Samstag angekündigtes Konzert in Wien absolvieren wird. Besprochen werden Emma-Jean Thackrays Album "Weirdo" (FR), Kae Tempests Album "Self Titled" (taz) und Ozan Ata Cananis Album "Die Demokratie" ("selten klang staatsbürgerschaftlicher Agitpop so sexy wie hier", meint Luca Glenzer in der taz).
Christian Schachinger findet es im Standard zweifellos respektabel, dass die noch alten Szene-Idealen der Integrität verpflichtete Indieband Deerhoof ihre Musik von Spotify zurückzieht, nachdem bekannt wurde, dass Spotify-Chef Daniel Ek rund 600 Millionen Euro in einen Rüstungskonzern investiert hat, der KI-Waffen produziert. "Ob sich ein Boykott von Spotify derart durchsetzen wird, dass es das Unternehmen auch finanziell spürt, ist allerdings fraglich. Erstens erweisen sich andere Streamingdienste auch nicht gerade als Hort der gerechten Einkommensverteilung. Selbst in der Vergangenheit halbwegs integre und faire Streamer und Plattformen wie Bandcamp gelten nach ihrem Verkauf an einen Global Player wie Songtradr als zumindest umstritten. Zweitens siegt beim Konsumenten, siehe Amazon oder Meta und X sowie Youtube und Google, im Zweifel jene Bequemlichkeit, die uns lieber Spotify benutzen lässt als uns selbst außerhalb der zur Faulheit einladenden Algorithmen umzusehen."
Außerdem: Karl Fluch plaudert im Standard mit Annette Humpe, von deren Band Ideal gerade das Debütalbum wiederveröffentlicht wurde. Im Standard ist Karl Fluch gespannt, in welcher Gemütslage Morrissey wohl sein für Samstag angekündigtes Konzert in Wien absolvieren wird. Besprochen werden Emma-Jean Thackrays Album "Weirdo" (FR), Kae Tempests Album "Self Titled" (taz) und Ozan Ata Cananis Album "Die Demokratie" ("selten klang staatsbürgerschaftlicher Agitpop so sexy wie hier", meint Luca Glenzer in der taz).
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