Efeu - Die Kulturrundschau
Getrocknet, entstaubt, gewendet
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23.05.2025. Artechock wünscht sich nach erzkonservativen Filmen in Cannes dringend eine Revolution des Gegenwartskinos. Die SZ hofft, dass die Ansprachen des Rock-Veteranen Bruce Springsteen gegen Trump einen Urknall auslösen. Die Kritiker lassen sich von Florentina Holzinger auch nicht mehr provozieren, wenn sie die Volksbühne mit Kot flutet. Im Perlentaucher führt Peter Truschner in die ätherischen Blumenbilder von Kathrin Linkersdorff ein, die in Berlin zu sehen sind.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
23.05.2025
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Kunst

Einen spannenden Einblick in die Arbeit von Provenienzforschern verdankt Wolfgang Krischke (FAZ) der Bremer Kunsthalle, die in der Ausstellung "Corot bis Watteau?" nicht nur der Herkunft, sondern auch der Zuschreibung der Grafiken französischer Künstler des 16. bis 19. Jahrhunderts aus der Sammlung nachspürt und in informativen Objektbiografien darstellt. "Zu den Höhepunkten gehört die in vielstufigen Braun- und Beigetönen gehaltene Federzeichnung eines gigantischen Wasserfalls, dessen Erhabenheit durch den Kontrast zu zwei winzigen Beobachtern im Zentrum des Bildes noch erhöht wird. Das Blatt, dessen Duktus und Stimmung eine Seelenverwandtschaft zur deutschen Romantik aufweist, wird nicht mehr wie früher dem Klassizisten Jacques-Louis David, sondern dem Architekten und Zeichner Eugène Viollet-le-Duc zugeschrieben und zeitlich zur Mitte des 19. Jahrhunderts hin verlegt."

Peter Truschner besucht für sein Perlentaucher-Fotolot einige gerade laufende Ausstellungen. Mit am wichtigsten sind ihm die wunderbar ätherischen Blumenbilder Kathrin Linkersdorffs, die gerade im Berliner Haus am Kleispark zu sehen sind: "Der Arbeitsprozess ist zeitintensiv und aufwändig: Die Blumen werden aufgehängt, getrocknet, entstaubt, gewendet, besprüht, in Wasser getaucht, mit selbst hergestellter Pflanzentinte bearbeitet. 'Während des Trocknungsprozesses extrahiere ich die wasserlöslichen Pigmente der Pflanzen. Anschließend tauche ich sie in ein flüssiges Medium, in dem sie sich entfalten können. Manchmal füge ich die extrahierte Blütenfarbe hinzu, die sich in wirbelnden Ranken verteilt. Das Zusammenspiel von Farbe und Form wird zu einem Tanz, der zugleich die verborgene Alchemie aller lebenden Materie offenbart.'"

Film
Der Wettbewerb in Cannes neigt sich dem Ende zu. Rüdiger Suchsland bringt auf Artechock eine kleine Vorab-Bilanz kurz vor der Zielgeraden. Im Wettbewerb zeigt sich ihm, "dass das Gegenwartskino in einer massiven Krise steckt. Ihm fehlen in seiner Gesamtheit - einzelne Ausnahmen lassen wir jetzt einfach mal weg - Einfallsreichtum und Kunstwille, Intellektualität und Mut. Das Kino der Gegenwart ist normiert, weil es sich normieren lässt, weil es Normierung insgeheim für nötig hält, weil es die Identifikation mit dem Aggressor vollzieht. Weil es in seinem Denken, in seinen Erwartungen, in seinem Geschmack, in seinen Blicken auf die Welt selbst normiert ist. Weil es im Kern selbst erzkonservativ ist und die Welt erhalten will, wie sie ist: Demokratisch, liberal, in Wohlstandsverhältnissen, Ibiza-Kurztrips und Toskana-Urlauben, Airbnb-Wohnungen, die auf Apple Computern gebucht werden. ... Erst wenn das Kino seinen Konservatismus abwirft, und ihm Veränderung und Revolte nicht mehr nur eine Stil-Geste oder ein Instagram-Post sind, wird die Revolution, und sei es nur eine ästhetische, stattfinden."
Moderatere Signale von der Croisette: In der Welt befasst sich Jan Küveler mit Kirill Serebrennikovs "Das Verschwinden des Josef Mengele" (unser Resümee). tazler Tim Caspar Boehme findet Scarlett Johanssons Regiedebüt "Eleanor The Great" trotz "wackeligem Drehbuch" durchaus berührend. Valerie Dirk identifiziert im Standard, "sieben Themen, die das diesjährige Festival von Cannes bestimmten".
Abseits von Cannes: Daniel Moersener denkt in einem ZeitOnline-Essay über Werner Herzogs häufig zum Besten gegebenes Diktum nach, dass, wer Filme drehen möchte, als Türsteher arbeiten sollte. Der Ratschlag ist für ihn nicht ohne Reiz - und dieser Lebensweg allemal der abgeschottenen Professionalisierung durch Filmhochschulen vorzuziehen: "Das heißt nicht, dass man durch die Hölle gehen und sich aufreiben muss, um irgendwann einmal gutes Kino zu fabrizieren, wenn man es so nennen will. Aber die Erfahrung ist der springende Punkt. Kino verspricht nichts anderes, als die Erfahrungsarmut unserer kargen Leben zu sprengen und uns zu retten. Vollendete Fertigkeiten sind bei dieser Unternehmung gar nicht so wichtig."
Weiteres: Esther Buss führt im Filmdienst durch die Arbeiten der griechischen Autorenfilmerin Athina Rachael Tsangari, deren aktueller Film "Harvest" (unsere Kritik) gerade im Kino zu sehen ist und deren Filme "Experimentieranordnungen für menschliche Reifungs- und Lernprozesse gleichen". Besprochen werden Volker Heises ARD-Doku "Masterplan" über das Potsdamer Treffen rechter und rechtsextremer Kräfte sowie dessen Enthüllung durch Correctiv (FD) sowie Mehdi Idirs und Grand Corps Malades Biopic "Monsieur Aznavour" (FAZ).
Moderatere Signale von der Croisette: In der Welt befasst sich Jan Küveler mit Kirill Serebrennikovs "Das Verschwinden des Josef Mengele" (unser Resümee). tazler Tim Caspar Boehme findet Scarlett Johanssons Regiedebüt "Eleanor The Great" trotz "wackeligem Drehbuch" durchaus berührend. Valerie Dirk identifiziert im Standard, "sieben Themen, die das diesjährige Festival von Cannes bestimmten".
Abseits von Cannes: Daniel Moersener denkt in einem ZeitOnline-Essay über Werner Herzogs häufig zum Besten gegebenes Diktum nach, dass, wer Filme drehen möchte, als Türsteher arbeiten sollte. Der Ratschlag ist für ihn nicht ohne Reiz - und dieser Lebensweg allemal der abgeschottenen Professionalisierung durch Filmhochschulen vorzuziehen: "Das heißt nicht, dass man durch die Hölle gehen und sich aufreiben muss, um irgendwann einmal gutes Kino zu fabrizieren, wenn man es so nennen will. Aber die Erfahrung ist der springende Punkt. Kino verspricht nichts anderes, als die Erfahrungsarmut unserer kargen Leben zu sprengen und uns zu retten. Vollendete Fertigkeiten sind bei dieser Unternehmung gar nicht so wichtig."
Weiteres: Esther Buss führt im Filmdienst durch die Arbeiten der griechischen Autorenfilmerin Athina Rachael Tsangari, deren aktueller Film "Harvest" (unsere Kritik) gerade im Kino zu sehen ist und deren Filme "Experimentieranordnungen für menschliche Reifungs- und Lernprozesse gleichen". Besprochen werden Volker Heises ARD-Doku "Masterplan" über das Potsdamer Treffen rechter und rechtsextremer Kräfte sowie dessen Enthüllung durch Correctiv (FD) sowie Mehdi Idirs und Grand Corps Malades Biopic "Monsieur Aznavour" (FAZ).
Musik
Schon sehr respektabel findet es Joachim Hentschel (SZ), wie sich Bruce Springsteen auf seiner aktuellen Europatour mit ganzen Themeninseln und Ansprachen innerhalb eines Konzerts gegen Trump positioniert. Zu vernehmen "sind große Worte, ein herrliches No-Bullshit-Narrativ über eine Zeitgeschichtsphase, die seit Monaten von vielen als Untergang der westlichen Werte kommentiert wird", während Trump gemäß seiner Kleinkind-Mentalität auf Social Media dazu Gift und Galle spuckt. "Springsteen hat durch seine Bekenntnisse zuletzt wohl republikanische und rechtsalternative Fans verloren. Dafür stärkt der Zwist zugleich sein Profil als Stimme Amerikas, Menschenrechtler und Anwalt der Verdammten immens. Erbost zurückgeschickte Konzertkarten dürften auf dem Zweitmarkt schnell wieder veräußert sein. Und auch wenn es vor allem ein frommer Wunsch ist: Eventuell war ja der Fall Springsteen-gegen-Trump der lange erwartete Urknall für den großen, öffentlichen Kulturaufstand."
Meret Baumann blickt in der NZZ auf die ziemlich idiotischen Darlegungen des ESC-Gewinners JJ, der sich in einem Gespräch für El Pais gewünscht hat, der ESC möge in Österreich im nächsten Jahr doch bitte ohne einen Beitrag aus Israel stattfinden, und Israel darüber hinaus bezichtigt hat, wie Russland einen Angriffskrieg zu führen, als hätte es den 7. Oktober nie gegeben: "Eine verstörende Schuldumkehr, die als antisemitisch gewertet werden kann. Zudem zog er das Publikumsvoting, bei dem die israelische Künstlerin Yuval Raphael gewonnen hatte, in Zweifel. Das sei seltsam gewesen und er wünsche sich mehr Transparenz, so der Sänger." Dass JJ, als Countenor an der Wiener Staatsoper tätig, "der alten Tante Hochkultur auf der Nase herumtanzt", findet Ronald Pohl vom Standard künstlerisch erstmal top, auch wenn sich der Preisträger "politisch töricht unbedarft" in der Öffentlichkeit präsentiert. Klar ist für Pohl jedenfalls: In Österreich zum ESC "sind alle, wirklich alle herzlich eingeladen". Lena Karger von der Welt hält die Verbalattacken gegen Yuval Raphael und Israel beim ESC in diesem Jahr für besonders abstoßend, da die israelische Sängerin das Hamas-Massaker vom 7. Oktober nur äußerst knapp überlebt hat. "Dass sich so viele Künstler eines Festivals, das sich Liebe auf die Fahnen schreibt, in diesem Fall so wenig empathisch zeigen, ist, gelinde gesagt, irritierend." JJ selbst gibt derweil bekannt, dass er wohl missverstanden werde, er wolle doch lediglich die israelische Regierung kritisieren, meldet Tobias Schwaiger im Standard.
Weitere Artikel: Christina Rietz unterhält sich für die Zeit mit dem 97-jährigen Dirigenten Herbert Blomstedt. Thomas Lindemann stellt in der Frankfurter Allgemeine Quarterly den Chor Bodies vor, der sein Publikum regelmäßig zu Tränen rührt. Sara Peschke porträtiert in der SZ Skin, die Sängerin der Band Sunk Anansie. Im Tages-Anzeiger fragt sich Martin Fischer, warum die einerseits so populäre US-Band Imagine Dragons andererseits so gehasst wird. Besprochen werden Sophia Kennedys Album "Squeeze Me" (taz), neue Popveröffentlichungen, darunter das Comeback-Album "Instant Holograms on Metal Film" von Stereolab (Tsp), und das Debütalbum der Band Kin'Gongolo Kiniata aus Kinshasa, die mit selbstgebauten Instrumenten eine Art Afrobeat-Punk spielen (taz).
Literatur
Besprochen werden unter anderem Kaveh Akbars "Märtyrer!" (NZZ), Georg Kreislers "Zufällig in San Francisco" mit "unbeabsichtigen Gedichten" (FR), Mercedes Lauensteins "Zuschauen und Winken" (Freitag), eine Ausgabe des Briefwechsels von Paul Klee und Wassily Kandinsky (FAZ) sowie Taffy Brodesser-Akners "Die Fletchers von Long Island" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bühne

An der Volksbühne hat Florentina Holzinger das "Jahr ohne Sommer" 1816, als ein Vulkanausbruch in Indonesien die Sonne verschwinden ließ und Mary Shelley zu Frankensteins Monster inspirierte, zum Anlass genommen, um einmal mehr viel Sex und Action auf die Bühne zu bringen: Um eine überdimensionale, Courbets "Ursprung der Welt" nachempfundene Vulva tanzen nackte PerformerInnen, ein masturbierender Freud tritt auf, auch KZ-Arzt Mengele fehlt nicht, während sich Holzinger einen 3D-Embryo aus dem Oberschenkel operieren lässt. Allein: Die Provokationen der Holzinger wollen bei den TheaterkritikerInnen nicht mehr recht zünden. Nachtkritiker Vincent Koch findet das aktuelle Stück zwar angenehm entschleunigt, die Schlussszene irritiert ihn dann aber doch: "Erstmals hat Holzinger für ihren Abend teilweise über 80-jährige Performer*innen gecastet, die in Würde alt werden - und das vor allem akzeptieren. In einer anrührenden Szene pflegen die jüngeren Performer*innen sinnbildlich ihre älteren Mitspieler*innen, füttern sie und wechseln ihre Windeln - die allerdings schnell vollgesaut sind. In einer sehr langen Sequenz verspritzen dann alle literweise Kunst-Kacke auf der Bühne, es endet ebenfalls in einer Orgie."
Deutlich weniger angetan ist Manuel Brug in der Welt nach der Premiere dieses "pornografischen Krankenschwester-Musicals": "Das Holzinger-Theater, es ist eine behäbig kreiselnde Zitaten-Zentrifuge, die alles klein und matschig kriegt. Die aber immer stärker vor allem selbstreferenziell um das eigene Ego kreiselt." In der FAZ vermisst Wiebke Hüster nicht nur eine Dramaturgie dieses Stückes, das irgendwie um Empowerment, Schönheits-OPs und Unsterblichkeitswünsche kreist - sie wundert sich auch: Sich von einem "'Macht kaputt, was euch kaputt macht'-Splatter-Feminismus zu einer Art Harald Welzer oder Richard David Precht des deutschen Tanztheaters zu entwickeln, darin hatten wir Holzingers Zukunft nun nicht unbedingt gesehen." Dorion Weickmann rät Holzinger in der SZ indes dringend zu einer Pause. Weitere Besprechungen in Standard und Tagesspiegel.
Besprochen werden außerdem Silvia Costas "Otello"-Inszenierung an der Oper Stuttgart (FR) und die von Unsuk Chin komponierte und von dem Regiekollektiv Dead Centre inszenierte Oper "Die dunkle Seite des Mondes" an der Hamburger Staatsoper (NZZ).
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