Efeu - Die Kulturrundschau
Knatternde Konsonanten
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14.05.2025. Das gab es noch nie: Cannes eröffnet mit einem Debütfilm und zwar mit Amélie Bonnins "Partir un jour". Viel Gespür für die Irrungen und Wirrungen des Lebens macht die SZ in dem Film aus. Das Urteil gegen Gérard Depardieu markiert eine Zeitenwende in der französischen Filmbranche, sind sich die Kritiker einig. Die FAZ erklärt, warum die Münchner Alte Pinakothek zu Recht fünf Millionen Euro für ein Mariengemälde von Hans Baldung Grien bezahlt hat. Die GEMA muss ihre Verteilungsschlüssel ändern, und zwar zugunsten von Jazz und Chanson, meint Georg Oeller aus dem GEMA-Vorstand im SZ-Gespräch.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
14.05.2025
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Film

Die Filmfestspiele in Cannes haben begonnen - und sowas hat man noch nicht gesehen: dass ein Debütfilm das Festival eröffnet. Amélie Bonnins "Partir un jour" handelt von einer Chefköchin, die gerade in Paris ein Restaurant eröffnen will - als ihr ein positiver Schwangerschaftstest und die Nachricht des Herzinfarkts ihres Vaters ins Haus schneit. Erzählt wird das Ganze jedoch als Musical, mit der in Frankreich populären Sängerin Juliette Armanet in der Hauptrolle. "Diese Geschichte einer Lebenskrise erzählt die Regisseurin mit einem ausgezeichneten Gespür für die kleinen und großen Irrungen und Wirrungen des Lebens", freut sich David Steinitz in der SZ. "Solche kleinen, feinen Filme würde man als von Superhelden erschöpfter Kinogänger eigentlich gerne wieder öfter sehen."
Auch Maria Wiesner in der FAZ ist angetan: "Die Konflikte der Familie - was passiert, wenn das Kind aus der Arbeiterklasse sich seiner Herkunft schämt und sie fürs Nachobenkommen verleugnet - geben dem Musikdrama Tiefgang, ebenso der Handlungsstrang, der sich mit Céciles Schwangerschaft beschäftigt." Hanns-Georg Rodek in der Welt winkt angesichts dieser "unspektakulären Geschichte" hingegen ab: Das ist "einer jener Eröffnungsfilme, die bald vergessen sein werden, aber er ist wenigstens ehrlich und sympathisch".
Außerdem: Tim Caspar Boehme berichtet in der taz von der Pressekonferenz des künstlerischen Leiters Thierry Frémaux. Andreas Kilb hat sich derweil für die FAZ schon mal den Trailer zu Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" angesehen, der als deutscher Wettbewerbsfilm in Cannes absoluten Seltenheitswert besitzt: Ihm zeigten sich "Bilder, die mal altmeisterlich, mal spontan wirken und deshalb viel Raum für Spekulationen lassen". Zu sehen ist in dem Film übrigens auch Laeni Geiseler, die auch schon auf der letzten Berlinale im einzigen deutschen Wettbewerbsfilms auftrat.
Themenwechsel, aber wir bleiben in Frankreich: Das Urteil gegen Gérard Depardieu - der Schauspieler wurde wegen sexueller Übergriffe zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt - dürfte für Frankreich eine Zeitenwende markieren, sind sich die Feuilletons einig. "Depardieu war ein Nationalheld", schreibt Annika Joeres auf Zeit Online. "Das ganze Land lag ihm einst zu Füßen. Selbst als ihn erste Frauen öffentlich beschuldigten, sie betatscht, belästigt und mit vulgären Sprüchen überzogen zu haben, nahmen ihn mehr als 50 Künstlerinnen und Schauspieler in Schutz." Man habe bislang stets nur "die schillernde Vorderseite der Filmbranche" wahrhaben wollen, kommentiert Martina Meister in der Welt. "Man versteckte sich hinter höfischen Traditionen und einer libertären Kultur, um inakzeptables Verhalten kleinzureden." Auch "in Cannes, wo man sich mit der #MeToo-Bewegung lange schwertat, dürfte das nicht ohne Nachhall bleiben", meint Daniel Steinvorth in der NZZ.
Weiteres: Bert Rebhandl arbeitet sich für den Filmdienst durch die Arbeiten der Kamerafrau Caroline Champetier, die eben mit dem Marburger Kamerapreis ausgezeichnet wurde. Clara Engelien resümiert im Filmdienst das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg, das vom 6. bis 11. Mai stattgefunden hat. Die Agenturen melden, dass der Regisseur Robert Benton ("Kramer gegen Kramer") gestorben ist. Besprochen werden Jia Zhang-kes "Caught by the Tides" (taz, Tagesspiegel) und die auf Amazon gezeigte Comedy-Serie "Drunter und drüber" (taz).
Bühne

Elena Philipp berichtet auf nachtkritik vom Theaterfestival "Augenblick mal!", das Produktionen für Kinder und Jugendliche produziert. Toll ist die Vielfalt, in der sich das junge Theater hier in Berlin zeigt. Besonders gelungen findet Philipp unter anderem eine "Peer Gynt"-Inszenierung der Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden: "Ibsens Peer Gynt, der sich selbst sucht und doch nicht finden kann, wird bei Joanna Praml und ihrem jugendlichen Ensemble als Figur aktualisiert: zu einer jungen Person, die gerne in den Sozialen Medien ankommen möchte, zugleich aber die hohlen Personae der Influencer durchschaut und die Einsamkeit zwischen den Dopamin-Höhenflügen fürchtet. Wobei: Alle zehn Mitwirkenden sind Peer Gynt, alle wollen sie die Hauptrolle spielen und fighten auf offener Bühne erst einmal um ihren Platz im Ensemble. Form und Inhalt sind aufs engste verschränkt: Peer Samuelsson wedelt mit einem Pass - er ist der richtige Peer, trägt er doch den selben Vornamen; und Norwegisch spricht er auch."
Michael Stallknecht ist in der NZZ ziemlich überzeugt davon, wie Romeo Castellucci am Grand Théâtre de Genève Pergolesis "Stabat Mater" auf die Bühne bringt. Besonders gut machen ihre Sache die beiden Solisten, Sopranistin Barbara Hannigan, die außerdem als Dirigentin fungiert, und der Counter-Tenor Józef Orliński. Die beiden "gehen durchaus unterschiedlich an Pergolesis Musik heran: Hannigan vertieft sich fast veristisch in die Schmerzen Marias, lässt Konsonanten knattern, bohrt sich in Spitzentöne hinein, führt die Stimme auch in extreme Piano-Regionen, in verhauchte Klänge. Orliński wählt feinere Mittel, arbeitet mit abschattierten Vokalfarben und subtil geschärften Intonationstrübungen, verlässt sich daneben aber vor allem auf den Klang seiner Stimme, einer der schönsten Counterstimmen der Gegenwart."
Weitere Artikel: Ester Slevogt denkt auf nachtkritik darüber nach, welchen Tonfall Kulturschaffende bei ihren Protesten gegen Budgetkürzungen anschlagen sollten. Intendanten sollten dem Opernpublikum auch ideologisch fragwürdige Stoffe zumuten, findet Holger Noltze auf van.
Besprochen werden Schuberts "Winterreise" in der Choreographie Christian Spucks am Staatsballett Berlin (taz, "schön anzusehen ..., aber dann doch auch etwas einseitig und konventionell") und eine Bühnenfassung von Heinz Strunks Roman "Sommer in Niendorf" am Hamburger Schauspielhaus (taz, "Das Monströse der Hauptfigur und die Substanz des Buches bleiben ... auf der Strecke") und eine Inszenierung von Antonio Vivaldis "Griselda" am Königlichen Theater Kopenhagen (die FAZ hebt in einer ansonsten ambivalenten Besprechung die hervorragende Arbeit des Dirigenten Lars Ulrik Mortensen hervor).
Architektur
Der ukrainische Pavillon auf der Architekturbiennale widmet sich dieses Jahr traditionellen Bautechniken, die dabei helfen sollen, Kriegsschäden zu beheben. Jeva Griskjane unterhält sich auf monopol mit den am Projekt beteiligten Bogdana Kosmina, Michał Murawski und Kateryna Rusetska. Rusetska erläutert die Relevanz des Themas: "Der Wiederaufbauprozess in der Ukraine ist einzigartig - es geht nicht darum, Felder mit Containern zu füllen oder hoch aufragende Gebäude zu errichten. Stattdessen konzentrieren sich die Bemühungen auf tief verwurzelte, oft unsichtbare ländliche Gemeinschaften, selbst an Orten, wo der Wiederaufbau Monate oder sogar Jahre dauern kann. Dieser Ansatz spiegelt eine Verlagerung hin zu einer weniger ehrgeizigen, aber aussagekräftigeren Architektur wider, die mit dem arbeitet, was bereits vorhanden ist. Deshalb betonen wir das Erbe - nicht nur das in der Ausstellung gezeigte Erbe, sondern auch das aus der Sowjet-Ära. Es ist wichtig, diese Überreste nicht auszulöschen oder abzureißen, sondern sie mit Bedacht zu integrieren."
Ebenfalls auf monopol bespricht Katharina Cichosch ein Buch über Ökohäuser.
Ebenfalls auf monopol bespricht Katharina Cichosch ein Buch über Ökohäuser.
Kunst

Fünf Millionen Euro hat die Münchner Alte Pinakothek für Hans Baldung Griens Gemälde "Maria als Regina coeli" bezahlt. Ist das Werk sein Geld wert? Durchaus, meint Stefan Trinks in der FAZ. Denn Maria wird auf ihm nicht einfach nur als Himmelskönigin dargestellt. Sondern: "Christus ist in einem Zeitsprung als Säugling zugegen, noch als Regina coeli stillt Maria ihr Kind, das gierig mit abgewandtem Köpfchen und geballten Fäusten an der Brust saugt. Die einzigartige ikonographische Mixtur zweier Mariensujets wirkt ein wenig, als würde eine Oscar-Gewinnerin bei der Verleihung auf offener Bühne die Brust entblößen und ihr Baby nähren. Der alte Zwiespalt zwischen menschlicher und göttlicher Natur wird somit in ein und demselben Bild ausgetragen."
Direkt neben dem in Warschau äußerst unbeliebten stalinistischen Kulturpalast steht jetzt das neue Museum für Moderne Kunst, berichtet Ronald Pohl im Standard. Dass es als ideologischer Gegenentwurf zum Nachbargebäude verstanden werden will, lernt Pohl in der von Pierre Bal-Blanc kuratierten, der performativen Kunst gewidmeten Ausstellung "The Cynics Republic - Plac Defilad". Pohl freut sich darüber, dass die Schau "jeder Vorstellung von Repräsentation ein Schnippchen" schlägt: "Über drei Stockwerke erstreckt sich die temporär errichtete 'Republik'. Einerseits ist sie vertikal und wird von emsigem Gesumme erfüllt. Man kann sich auch vom grandiosen Gesang einer polnischen Meredith Monk euphorisieren lassen, oder man sucht die Begegnung mit Zeugnissen feministischer Kunst 'avant la lettre', etwa von der Land-Artistin Teresa Murak. Fast wichtiger noch: Dementiert wird jede falsche Vorstellung von Repräsentation, exemplifiziert von Protzbauten à la Kulturpalast."
Weitere Artikel: Elke Buhr berichtet für monopol vom Kunstfestival "Various Others" im Münchner Bayerischen Hof. Michael Pilz bespricht in der Welt einen Fotoband, in dem Daniel Biskup die Loveparade 1995 wieder erlebbar macht. Das Kunsthaus Zürich soll in Zukunft unter anderem mithilfe einer neu gegründeten Stiftung finanziert werden, so Philipp Meier in der NZZ.
Besprochen wird Teil eins der dreiteiligen Ausstellungsreihe "Lesbian Legacies" in der Berliner Galerie Scherben (taz), eine Ólafur-Elíasson-Schau in der Berliner Galerie Neugerriemschneider (FR) und "Thirsty Machines: AI on Tap", eine Kooperation von Prater Digital und SOMA Art Berlin (Berliner Zeitung).
Literatur
In der FAZ gratuliert Nils Kahlefendt dem Schriftsteller Jens Sparschuh zum 70. Geburtstag. Werner van Bebber und Christian Schröder geben im Tagesspiegel Krimi-Tipps für den Frühling.
Besprochen werden unter anderem Barbi Markovićs "Stehlen Schimpfen Spielen" (FR), der Sammelband "Zur Verteidigung der Demokratie" mit politischen Essays von Thomas Mann (Presse), das von Georg Wiesing-Brandes aufbereitete und erforschte Pariser Adressbuch von Walter Benjamin (online nachgereicht von der Welt), Len Howards "Alle Vögel meines Gartens" (FR), Fred Duvals und Ingo Römlings Science-Fiction-Comic "Metropolia" (Tsp), Raquel Erdtmanns "Joseph Süßkind Oppenheimer: Ein Justizmord" (Intellectures) und Friedhelm Marx', Julian Volojs und Magdalena Adomeits Comic "Thomas Mann 1949" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem Barbi Markovićs "Stehlen Schimpfen Spielen" (FR), der Sammelband "Zur Verteidigung der Demokratie" mit politischen Essays von Thomas Mann (Presse), das von Georg Wiesing-Brandes aufbereitete und erforschte Pariser Adressbuch von Walter Benjamin (online nachgereicht von der Welt), Len Howards "Alle Vögel meines Gartens" (FR), Fred Duvals und Ingo Römlings Science-Fiction-Comic "Metropolia" (Tsp), Raquel Erdtmanns "Joseph Süßkind Oppenheimer: Ein Justizmord" (Intellectures) und Friedhelm Marx', Julian Volojs und Magdalena Adomeits Comic "Thomas Mann 1949" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Musik
Die Förderung avancierter Musik soll mit der aktuell vieldiskutierten GEMA-Reform nicht abgeschafft werden, sondern "der Kreis der Berechtigten soll erweitert und die Art der Projekte vielfältiger werden", erklärt Georg Oeller aus dem GEMA-Vorstand im SZ-Gespräch mit Helmut Mauró. "Entspricht die bisherige Verteilung noch einer echten Chancengerechtigkeit? Im Gegensatz zu anderen Institutionen wollen wir bei den Förderprogrammen nicht sparen. Die Bedingungen verschlechtern sich, gerade im Pop-Bereich sind viele Spielstätten weggefallen. ... Dieser veränderten Kulturlandschaft wollen wir Rechnung tragen. ... Wir werden also den Jazz dort mit hereinholen, das Chanson und andere Genres, die bisher in der Wertung keine besondere Förderung wie die zeitgenössische Kunstmusik erhalten haben."
Weitere Artikel: Quirin Hacker (FR) spendiert Ethio-Jazzer Mulatu Astatke anlässlich dessen Abschiedstournee einen Nachruf zu Lebzeiten. "Was macht der ESC mit Basel, und was macht Basel aus dem ESC", fragt sich Renato Schatz in der NZZ. Klaudia Lagozinski plaudert für die taz mit der Band KAJ, die Schweden beim ESC vertritt. Linus Schöpfer porträtiert in der NZZ die Schweizer ESC-Moderatorin Sandra Studer. Thomas Wochnik gibt im Tagesspiegel Tipps zum XJazz-Festival in Berlin. Billie Eilish hat in Berlin auch einen Auftritt vor ausgewählten American-Express-Kunden absolviert, berichtet Hannah Mara Schmitt in der NZZ.
Besprochen werden Sabine Herpichs Kinodokumentarfilm über die Musikerin Barbara Morgenstern (Tsp) und eine Bonner Ausstellung von Daniel Biskups Love-Parade-Fotos aus den Neunzigern (Welt).
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