Efeu - Die Kulturrundschau

Sanft entchristlicht

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19.04.2025. Die FAZ beäugt beim Photo Brussels Festival skeptisch die "alternative Vergangenheit", die durch Künstliche Intelligenz geschaffen wird. Die SZ sieht in der aufgedeckten NSDAP-Mitgliedschaft von Siegfried Unseld eine "Fallstudie des deutschen Kleinbürgertums". Die Filmkritiker werden umgehauen von Ryan Cooglers "Blood & Sinners", der gleichzeitig Vampirfilm, Drama über Rassismus und Horrorfilm aus schwarzer Perspektive ist. Die Welt würde sich wünschen, dass Christian Thielemann als  Generalmusikdirektor der Staatsoper klare Kante in kulturpolitischen Fragen zeigt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2025 finden Sie hier

Literatur

Nils Minkmar (SZ) sieht in der nunmehr aufgedeckten NSDAP-Mitgliedschaft von Siegfried Unseld eine "Fallstudie des deutschen Kleinbürgertums": Dass Unseld in seinem Entnazifizierungsverfahren seine Parteimitgliedschaft zwar eingeräumt, kurze Zeit später bei der Bewerbung um einen Studienplatz aber verschwiegen hat, deutet Minkmar auch als Lehre aus dem Verfahren, das gegen Unselds Vater Ludwig nach dem Zweiten Weltkrieg geführt und diesem eine mehrmonatige Haftstrafe sowie eine ruinierte Existenz eingebracht hatte - Ludwig Unseld war in der SA gewesen. Aner "angesichts der sehr großen Menge von NS-Tätern, die straffrei ausgingen oder bei weit gravierenderen Verbrechen mild bestraft worden sind, wäre in dem harten Urteil gegen Ludwig Unseld jede Menge Stoff für Ressentiment und neonazistische Nostalgie zu finden gewesen. Stattdessen schauen wir hier auf das Fundament für Siegfried Unselds weiteres Leben und Werk. Er hat seine Parteimitgliedschaft verschwiegen, er hat aber nicht vergessen und wahrhaftig nie verschwiegen, woher er kam: aus dem falschen Leben. Seine riskanten Tricks bei der Bewerbung zum Studium lassen sich so mit der beträchtlichen Energie erklären, mit der er aus diesem falschen ins richtige Leben wollte. Und in den Kulturstaat, den die Nazis, seine Familie und auch er einst abgeschafft hatten."

Für einen "gewagten Kurzschluss" hält es Gerrit Bartels im Tagesspiegel, dass Adam Soboczynski in der Zeit "eine neue Epoche deutscher Selbstvergewisserung und Selbstgewissheit" heraufdämmern sieht (unser Resümee), weil die Reaktionen auf die von der Zeit aufgedeckte NSDAP-Mitgliedschaft Siegfried Unselds nicht so "alarmierend" ausfielen, "wie die Zeit das nach ihrer großen Aufmachung gern gehabt hätte". Auch einen ähnlichen Kommentar im Dlf Kultur des Historikers Malte Herwig hält Bartels für "ziemlich irrlichternd".

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Die Feuilletons erinnern an den Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann, der am 23. April vor fünfzig Jahren ums Leben kam, weil er im Cambridger Verkehr zuerst nach links geguckt hatte. Zuvor hatte er mit dem Roman "Keiner weiß mehr" einen zentralen Gründungstext der deutschen Popliteratur veröffentlicht (gerade ist auch eine Biografie über Brinkmann sowie "ein Zettelkasten" erschienen). Deren Hauptmerkmal bei Brinkmann: "Dichtung als herausforderndes Verhalten", schreibt Richard Kämmerlings in der WamS in einem Best-bis-Worst-Of der waghalsigsten Entgleisungen und zynischsten Brüskierungen, für die Brinkmann berühmt-berüchtigt war. "In 'Westwärts 1&2', dem praktisch zeitgleich mit seinem Tod 1975 erschienenen lyrischen Hauptwerk, hat diese blendend übergrelle Wahrnehmung ihren literarisch bedeutsamsten Niederschlag gefunden. Wie seit dem Expressionismus nicht mehr wird darin die moderne Conditio humana beschrieben, das deformierte Menschsein, die Perversion von geistiger Freiheit, Gefühl und Glück in den sozialen Zwangssystemen und verödeten Stadtwüsten - und zugleich im Gedicht in prekäre Schönheit verwandelt. Doch gibt es bei Brinkmann eine riskante Dauerspannung zwischen der Ablehnung von Klischees und Gedankenlosigkeit und der programmatischen Lust am undifferenzierten In-den-Boden-Stampfen. Stumpf und unsensibel, das sind immer die anderen."

Weiteres zu Brinkmann von Paul Jandl (NZZ) und dem Philologen Eckhard Schumacher (FAZ). In der Frankfurter Anthologie schreibt Jan Röhnert über Rolf Dieter Brinkmanns "Eine Geschichte". Dlf Kultur bringt eine "Lange Nacht" von Gisa Funck über Brinckmann.

Weitere Artikel:  Immo von Fallois porträtiert in der Berliner Zeitung die Schriftstellerin Charlotte Gneuß. Der Schriftsteller Elias Hirschl spaziert für den Standard in Wien die Gumpendorfer hinunter. Jan Wiele ist fürs "Literarische Leben" der FAZ auf ein Treffen mit Burkhard Spinnen und Charles Wolkenstein an den Comer See gefahren, wo deren Climate-Fiction-Roman "Erdrutsch" angesiedelt ist. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Dankesrede von Olga Martynova zur Auszeichnung mit dem Peter-Huchel-Preis.

Besprochen werden unter anderem Esther Kinskys Lyrikband "Heim.Statt" (FR), Victoria Amelinas "Blick auf Frauen - den Krieg im Blick" (taz), Joseph Vogls Essay "Meteor. Versuch über das Schwebende" (taz), die Wiederveröffentlichung von Ross Thomas' Politthriller "Stimmenfang" aus dem Jahr 1967 (Freitag), Lisa-Viktoria Niederbergers "Dunkelheit. Ein Plädoyer" (online nachgereicht von der FAZ), Sara Mesas "Die Familie" (taz), Jérôme Leroys "Die Letzte Französin" (Freitag), eine Wiederveröffentlichung von Marta Karlweis' ursprünglich 1919 veröffentlichtem Roman "Die Insel der Diana" (Standard), Marcello Simonis Krimi "Das Grab der Seelen" (taz), Wolfgang Maria Bauers "Kaltblut" (Presse), Günther Wessels Biografie des Polarforschers Alfred Wegener (online nachgereicht von der FAZ), diverse neue Kriminalromane (Freitag), Dahlia de la Cerdas "Reservoir Bitches" (FAZ), die deutschsprachige Erstausgabe von Menno ter Braaks im Original bereits 1937 verfasste Abrechnung "Nationalsozialismus als Rankünelehre" (Bilder und Zeiten der FAZ) und Patricia Holland Moritz' "Drei Sommer lang Paris" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Bild: Aus Pascal Sgros Serie "Cherry Airlines" (2024) Pascal Sgro

Ästhetisch überzeugen die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erzeugten Fotografien, die im Rahmen des Photo Brussels Festival im dortigen Hangar gezeigt werden, den in der FAS rezensierenden Kunsthistoriker Peter Geimer zwar nicht. Als "Momentaufnahme des noch tastenden Umgangs" der bildenden Kunst mit KI findet er die Ausstellung aber durchaus spannend: "Im Recycling der historisch überlieferten Bilder entstehen solche, die es auch gegeben haben könnte - eine 'alternative Vergangenheit', so die Ausstellungsmacher, nicht unwahrscheinlich, aber fiktiv. Welcher veränderte Umgang mit dem Bestand existierender Bildarchive zeichnet sich etwa ab, wenn Alexey Yurenev mithilfe der KI Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg in surrealistisch anmutende Collagen umwandelt?" Dass der Katalog KI ein Instrument nennt, "das die Lücken der Archive überbrückt", sieht Geimer skeptisch.

Andreas Gursky, "Eisläufer" (2021) © Andreas Gursky / ARS, 2025 Courtesy: Sprüth Magers

Zum Nachdenken über die "Möglichkeit der Zeit- und Ortsverschiebung in der Kunst" lässt sich auch Dirk Peitz (Zeit Online) anregen, und zwar dank Andreas Gursky, der in der New Yorker Galerie Sprüth Magers seine monumentalen Fotografien Reproduktion von Gemälden großer Meister gegenüberstellt. Etwa seine Arbeit "Eisläufer" von 2021, die er mit "Winterlandschaft mit Eisläufern" (1565) von Pieter Bruegel dem Älteren konfrontiert. Beide Bilder scheinen "einander zu erkennen …, eben über weite zeitliche und geografische Distanz hinweg; und Gurskys Methode ließ sich schon immer als Malerei mit den Mitteln der Fotografie und der Bildnachbearbeitung verstehen. Außerdem ist es eh viel interessanter, sich entlang dieser Beispiele von Bilderpaaren Gedanken darüber zu machen, wie das individuelle und das kollektive Bildergedächtnis beschaffen ist; was da alles eingesickert ist an Motiven, die sich auch doppeln."

Weitere Artikel: Im Aufmacher des SZ-Feuilletons denkt Peter Richter über das Hofporträt von Tizian über Trump bis hin zum Passbild nach. In der FR begibt sich Stephan Klemm auf die Spuren des Hasen in der Kunstgeschichte. Besprochen wird die Ausstellung "Doppelkäseplatte. 100 Jahre Sammlung" zum 20-jährigen Jubiläum des Kunstmuseums Stuttgart (Welt).
Archiv: Kunst

Film

Viele Filme auf einmal: "Blood & Sinners" von Ryan Coogler

Rassisten als Vampire und dann dieser fast schon psychedlisch entgrenzte, ekstatische Delta-Blues: Nach Ryan Cooglers in den US-Südstaaten der 1930er-Jahre angesiedeltem Horrorfilm "Sinners" (der in Deutschland idiotischerweise "Blood & Sinners" heißen muss) fragt sich Sofia Glasl in der SZ völlig umgehauen "was zur Hölle" sie "da gerade gesehen hat. Ein Drama über Rassismus? Eine Fabel über die Kraft der Musik? Oder doch einen Vampirfilm? 'Blood & Sinners' ist all das gleichzeitig und könnte glatt als Liebeskind von Spike Lee, Jordan Peele, Robert Rodriguez und Walter Hill durchgehen." Dieser Film ist wirklich "viele Filme auf einmal", pflichtet auch Mathis Raabe auf Zeit Online bei, wenn auch nicht stets zum eigenen Vorteil: "Coogler liefert viele Denkanstöße, als eine Idee konzentriert bis zum Ende zu verfolgen. Aber das schadet nicht: Gerade einer noch wachsenden Bewegung wie dem Horrorfilm aus schwarzer Perspektive tut Überambition gut, dem Blockbusterkino sowieso." Vor allem geht es Coogler darum, "den Reichtum des afroamerikanischen Erbes herauszustellen", schreibt Barbara Schweizerhof in der Presse: "Die tollste Sequenz des Films ist deshalb eine Musik- und Tanznummer auf dem Höhepunkt des Abends, in der die Kamera gleichsam zu fantasieren beginnt und von afrikanischen Stammestänzern über Blues und Funk bis zum Hip-Hop-DJ die verschiedensten Einflüsse in persona auftreten lässt."

Rüdiger Suchsland führt sich für Artechock die diversen Verlautbarungen von Filmbranchenverbänden rund um die Koalitionsverhandlungen und den nunmehr vorliegenden Koalitionsvertrag zu Gemüte - und verzweifelt schier: "Da wird in vielen allzufreundlichen Worten die Krise beschworen - die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seien nicht 'auf Weltniveau', die deutsche Filmproduktionslandschaft 'in einer strukturellen Krise' - um 'Investitionen in den Standort Deutschland' zu fordern. Aber die Argumente sind falsch. Man will auf 'Wirtschaftlichkeit' setzen, redet von 'Wachstumsschub' und 'Arbeitsplätzen', aber nicht von der Kunst. Es ist richtig, dass auch in Deutschland dringend eine Investitionsverpflichtung eingeführt werden sollte; es ist auch richtig dass die Streamer weit mehr einzahlen müssten, als sie bisher tun. Aber wer immer nur vom Geld redet, darf sich nicht wundern, wenn ihm dann plötzlich auch ökonomische Argumente entgegengehalten werden. Der Kinofilm ist ein Zuschussbetrieb ... Das Problem ist nicht, dass es sich um Zuschüsse handelt, sondern für was für einen Quatsch manchmal das Geld ausgegeben wird."

Weitere Artikel: Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit Raoul Peck über den lange Zeit in Vergessenheit geratenen südafrikanischen Fotografen Ernest Cole, mit dem er sich in seinem neuen Dokumentarfilm beschäftigt, nachdem "60.000 seiner Negative in einem Bankschließfach in Schweden gefunden" wurden. Für die FAS porträtiert Bert Rebhandl Doris Dörrie, die gerade ein Buch über das Wohnen geschrieben hat. Valerie Dirk wirft für den Standard einen Blick auf die Umtriebe der christlich-fundamentalistischen Filmszene in den USA.

Besprochen werden Frédéric Hambaleks "Was Marielle weiß" (SZ, unsere Kritik), Alex Garlands und Ray Mendozas "Warfare" (Standard, unsere Kritik), die siebte Staffel der Science-Fiction-Serie "Black Mirror" (Freitag, SZ), die Apple-Serie "Government Cheese" (FAZ) die Netflix-Westernserie "Ransom Canyon" (FAZ).
Archiv: Film

Bühne

Baldwin and Buckley, Foto: Christophe Raynaud de Lage  

"Bitte geben Sie uns nicht auf", ruft John Collins, künstlerischer Leiter der US-amerikanischen Theatergruppe Elevator Repair Service, dem Schaubühnen-Publikum entgegen, nachdem dort im Rahmen des FIND-Festivals sein Stück "Baldwin and Buckley at Cambridge" über die Debatte zwischen James Baldwin und dem Vordenker der Neuen Rechten in den USA, William F. Buckley, über die Bürgerrechtsbewegung aufgeführt wurde. In der taz erkennt Verena Harzer die Parallelen zwischen Buckley und Trump: "Dem Stück gelingt es, einige der Strategien zu entlarven, mit denen Trump die US-amerikanische Demokratie aushöhlt: die Ignoranz gegenüber Rassismus, Sexismus und allen anderen Formen der Diskriminierung von Benachteiligten, Ausgegrenzten oder Minderheiten. Die Produktion ist damit genau die Art von Kunst, gegen die Trump in den USA einen radikalen Kulturkampf begonnen hat."

In der nachtkritik findet der Kultur- und Nonprofit Governance lehrende Organisationsentwickler Thomas Heskia die Idee, die Volksbühne, das Gorki-Theater, das Deutsche Theater und das Theater an der Parkaue in gemeinnützige GmbHs zu verwandeln (unser Resümee), gar nicht verkehrt: "Solche Konstruktionen sind seit den 1990er-Jahren in Deutschland und Österreich weit verbreitet: Dutzende öffentliche Theater wurden seither erfolgreich in GmbHs überführt, ohne dass ihr Charakter als öffentlich getragener Betrieb fundamental in Frage gestellt worden wäre. (…) Die bereits damals vielfach geäußerten Befürchtungen vor Ausverkauf und Tarifflucht haben sich in der Regel nicht bewahrheitet."

Weitere Artikel: Im leider nicht frei verfügbaren Interview mit der Berliner Zeitung spricht Frank Castorf, der aktuell in Dresden Büchners "Dantons Tod" inszeniert, über Fatalismus, Revolution und Außenpolitik. Besprochen werden Amir Reza Koohestanis Inszenierung von Mahin Sadris Kleist-Adaption "FC Prinz Homburg: Träume und Handgemenge" am Staatstheater Wiesbaden (FR, nachtkritik), Max Merkers Faust-Inszenierung am Bregenzer Landestheater (nachtkritik), Herbert Fritschs Inszenierung "Rauflust oder Fifty Shades of Green" am Theater Freiburg (nachtkritik), Sandra Hüllers und Tom Schneiders Inszenierung von MarDis Stück "Penthesile:a:s - Amazonenkampf" am Neuen Theater in Halle (nachtkritik), Fritzi Wartenbergs "Sisi"-Inszenierung am Wiener Burgtheater (NZZ, mehr hier) und Philipp M. Krenns Inszenierung des "Parsifal" mit Jonas Kaufmann in der Hauptrolle bei den Tiroler Festspielen in Erl, die Kaufmann aktuell auch als Intendant verantwortet (Welt).
Archiv: Bühne

Musik

Von Christian Thielemann als Barenboim-Nachfolger auf der Position des Generalmusikdirektors der Staatsoper Unter den Linden hat das Berliner Publikum in den letzten Monaten (insbesondere wegen Thielemanns seit Jahren bis weit in die Zukunft gefüllten Terminkalenders) eher wenig mitbekommen, stellt Manuel Brug in der Welt fest. Wünschen würde er sich, dass Thielemann sich in kulturpolitischen Fragen angesichts der Kürzungen zum Herold aufschwingt. "Der 66-Jährige ist ein Vertreter alter Festkultur, die gern das große, bedeutende Repertoire wiederholt, aber zu wenig in die Zukunft blickt. Das ging lange gut, weil Geld da war und Politikerwille. Das wird beides jedoch stetig weniger. Dafür sitzt man in der Hauptstadt, die sich immer als Kulturmetropole mit sieben Orchestern, zwei Chören, drei Opern, fünf großen Theatern und einem Ballett feierte, sehr auf dem Präsentierteller: auf dem viele den Zusammenhalt der Gesellschaft und ihre Empathie lesen mögen. Würde Thielemann dort mehr mitspielen wollen, als Galionsfigur etablierten Könnens, die Opern miteinander verbünden und mal zu gemeinsamen Spielplanaktionen anhalten - er könnte auf diesem Posten über sich hinauswachsen."

Bachs Johannespassion hört Petra Bahr an diesem Ostern unter den Eindrücken eines wiedererstarkenden Antisemitismus in den letzten anderthalb Jahren nicht "mit wohliger Ergriffenheit, sondern mit Verstörung und Beklemmung", räumt die Theologin in der Zeit-Beilage "Christ und Welt" ein. Der Grund: Die "Kreuzige, Kreuzige"-Rufe der Juden im Johannesevangelium sind "musikalisch so kunstvoll umgesetzt, dass sich der Aggression im Raum niemand entziehen kann" - Ausdruck des kirchlichen Antijudaismus, der dem späteren Antisemitismus den Boden bereitet hat. Verändern sollte man das Werk aber keineswegs: Solche "Eingriffe wären problematisch, genauso wie der Versuch, die Bachsche Musik ihrer theologischen Botschaft zu berauben, um sie so ins Universelle, quasi ins sanft Entchristlichte zu ziehen." Besser wäre es, die Johannespassion "künstlerisch zu kommentieren, durch kleine kompositorische Aufmerkzeichen oder Kurzvorträge als Prosa oder Poesie. Kunst kommentiert also Kunst in theologisch aufklärerischer Absicht, ohne der Passion ihre Wirkung zu nehmen." Denn: "Die Auseinandersetzung mit dem christlichen Antijudaismus und seinem gefährlichen Zwilling, dem Antisemitismus, darf niemandem im Publikum erspart bleiben."

Weitere Artikel: Joachim Hentschel spricht für die SZ mit Bryan Ferry. Adriano Sack verbringt für die WamS einen Tag mit dem Pianisten Malakoff Kowalski. Stefan Fromann plaudert für die WamS mit Tobias Forge, dem Sänger der schwedischen Metalband Ghost. Aida Baghernejad porträtiert für Zeit Online die queeren Countrymusikerinnen Julien Baker und Mackenzie Scott.



Besprochen werden das neue Album von Bon Iver (Presse), ein Konzert von Gil Ofarim (Zeit Online), ein Auftritt des Grégoire Pignède Trios in Frankfurt (FR) und zwei Konzerte der Jazzmusikerin Ingrid Laubrock in New York (SZ).
Archiv: Musik