Efeu - Die Kulturrundschau

Deutet sich hier ein Gewitter an

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11.04.2025. Die Feuilletons diskutieren über Siegfried Unselds NSDAP-Mitgliedschaft: Die FR wundert sich über die späte Entdeckung, die NZZ vermutet gar ein "intellektuelles Kartell des Schweigens". Peter Truschner fragt sich im Perlentaucher, ob Juergen Tellers Auschwitz-Buch den Ort wirklich neu beleuchten kann. Die FR bestaunt im Wallraf-Richartz-Museum die Impressionisten-Sammlung des Ehepaars Brown. Die taz stellt fest: Immer mehr Frauen nehmen die Turntables als DJs für sich ein.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2025 finden Sie hier

Literatur

An der nun aufgedeckten Tatsache, dass Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld 1942 als 18-Jähriger in die NSDAP eingetreten ist (hier unser Resümee), findet Judith von Sternburg in der FR "besonders wenig überraschend". Dies "nicht nur, weil er aus einem ausdrücklichen Nazi-Elternhaus stammte" und "eine gängige Ulmer Hitlerjugend-Jugend verlebte", sondern auch, weil er, anders als Grass, "nicht zu überscharfen Urteilen gegen verwickelte Altersgenossen neigte. Und umgekehrt eine vorsichtige, gelegentlich demütige Haltung gegenüber NS-Opfern, gegenüber den jüdischen Autorinnen und Autoren seines Verlags einnahm." Er "leugnete nicht, dass er zum 'Volk der Täter' gehörte und mit einer schweren Bringschuld einen Verlag, später noch dazu einen Jüdischen Verlag führte." Skandalöser findet von Sternburg schon eher, dass Unselds NSDAP-Mitgliedschaft erst heute aufgedeckt wurde: Das "sagt mehr über die Nachgeborenen als über einen Verleger, der selten schwieg, an dieser Stelle aber schon".

Auch Willi Winkler von der SZ gehört zu den Leuten, die zwar zu Unselds Leben publiziert haben, aber in die beim Bundesarchiv eingelagerte NSDAP-Zentralkartei keinen Blick geworfen haben. Dennoch, vielleicht aber auch deswegen, weist er von sich, dass "die Biografie des Verlegers 'an einem zentralen Punkt neu geschrieben werden muss'", wie der Historiker Thomas Gruber in seinem Zeit-Artikel zu seinen Recherchern schreibt. "Das ist lediglich einer dieser Superlative, mit denen Medien gern auftrumpfen, wenn sie eine Information exklusiv haben", meint Winkler.

Paul Jandl macht sich in der NZZ Gedanken und stellt Fragen: "Ob Siegfried Unseld etwa mit Autoren seines Verlags über sein Geheimnis gesprochen hat, wird sich vielleicht noch zeigen. Wenn ja, dann hätte ein intellektuelles Kartell des Schweigens ziemlich lange dichtgehalten. Auch noch nach dem Tod. Auch nachdem es Ende der nuller Jahre eine ganze Reihe politischer Outings gegeben hatte. ... Martin Walser, seinem Verleger Siegfried Unseld engstens verbunden, war im gleichen Alter, auch mit siebzehn, der Hitler-Partei beigetreten. Kann es sein, dass man sich nie darüber unterhalten hat? Und wenn, tat man es dann mit der Einmütigkeit prominenter Nachkriegslinker, dass so etwas allenfalls eine Jugendsünde gewesen sein konnte?"

Weiteres: Nadine A. Brügger spricht in der NZZ mit dem Schriftsteller Karl Ove Knausgård. Besprochen werden unter anderem Margaret Atwoods "Hieb und Strich" (FR), Oliver Lovrenskis "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" (online nachgereicht von der FAS), Kurt Prödels "Klapper" (Zeit) und die ersten zwei Bände der "gesammelten Schriften" von Hermann L. Gremliza (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

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Das Auschwitz-Buch des Modefotografen Juergen Teller ist schon vielfach gefeiert worden - vor allem wegen der Sachlichkeit und Zurückhaltung, die der Fotograf hier walten ließ. In 820 Aufnahmen hält er fest, was in Auschwitz heute zu sehen ist. Peter Truschner erscheint das Buch in seinem Perlentaucher-Fotolot banal. Worin besteht diese Banalität? "Um die adäquate, mit der nötigen respektvollen Distanz einhergehende Sachlichkeit zu gewährleisten, die Orte wie Auschwitz offenkundig zu verlangen scheinen, muss Teller das, was ihn als Fotografen berühmt gemacht hat, regelrecht beiseite schieben - aber wofür? Dass man in den Medien erleichtert das moralische Urteil fällen kann, er habe sich in Auschwitz uneitel = anständig aufgeführt? Kann das kartografische 'Zeigen' dieses Ortes dem, was dort vor sich ging, (künstlerisch) wirklich etwas geben? Und mit einer solchen Gabe (die auch aus einer ganz eigenen Fantasie bestehen kann) etwas beleuchten (und sei es ein Detail), wie das etwa Imre Kertesz mit seinem 'Roman eines Schicksallosen' gelungen ist? Oder Mieczyslaw Weinberg mit seiner Oper 'Die Passagierin'?"

Camille Pissarro: Boulevard Montmartre, 1897, Bildrechte: Stiftung Langmatt Jenny und Sidney Brown, Jean-Pierre Kuhn.


FR-Kritiker Stephan Klemm kommt im Kölner Wallraf-Richartz-Museum kaum aus dem Staunen heraus: Dort ist die Ausstellung "Schweizer Schätze. Meisterwerke des Impressionismus" zu sehen mit Werken aus der Sammlung des Ehepaars Jenny und Sidney Brown. Die beiden haben sich beim Sammeln vor allem auf die Impressionisten konzentriert, ohne zu wissen, dass diese tatsächlich mal in die Kunstgeschichte eingehen würden. Klemm betrachtet in neun Sälen: "Landschaftsszenen, von denen die 'Trocknende Wäsche am Ufer der Seine' von Gustave Caillebotte (etwa 1892) eine besondere Wirkung entfacht. Die weiße Wäsche scheint im Wind zu wehen, verschwommen endet der Uferweg in der Ferne, blau strahlt der Fluss, auf dem zwei Hausboote liegen. Auch Renoir ist hier vertreten, mehrfach sogar, wobei sein 'Die Ufer der Seine bei Rueil' aus dem Jahre 1879 wild durch die Szenerie führt. (…) Redons Werk 'Fischerboote. Erinnerung an Venedig' (1908) überlässt es dem Betrachter, den leuchtenden Hintergrund zu deuten. Ist im Abendlicht die Silhouette der Lagunenstadt zu sehen? Oder deutet sich hier ein Gewitter an, das näher zieht, während im Vordergrund ruhig ein Bragozzo durchs Bild segelt?"

Dass Kuratorin Susanne Pfeffer die Exponate der Schau "Typologien - Photography in 20th Century Germany" in der Fondazione Prada in Mailand nach Ähnlichkeiten angeordnet hat, regt FAZ-Kritikerin Karen Krüger zu einem neuen Blick auf die Fotografien von beispielsweise Isa Genzken oder Andreas Gursky an. Die Gegenüberstellungen machten Raum für Assoziationen: "Ursula Schulz-Dornberg porträtierte Bushaltestellen in Armenien, oft an abgelegenen Orten. Die abgehalfterten Unterstände sehen aus, als seien sie von der Natur inspiriert. Blattförmige und pilzhütige Betonplatten wölben sich über den Wartenden und wirken wie Überreste eines utopischen Sozialismus, der in den Bildern von Frauen mit Kindern am Leben erhalten wird. Erst durch die Herausstellung des Typus Haltestelle und deren Variationen werden die Phantasie der Architekten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich, und dieses Prinzip gilt grundsätzlich für die Typologien: Es schärft den Blick."

Weiteres: Anne Kiesiel interviewt die Keramikkünstlerin Anna Bochkova für Monopol. Besprochen werden die beiden Berliner Yoko-Ono-Ausstellungen "Dream Together" in der Neuen Nationalgalerie und "Music of the Mind" im Gropius-Bau (SpOn).
Archiv: Kunst

Film

Rüdiger Suchsland hat für Artechock die Gesprächsveranstaltung besucht, die das Festival Achtung Berlin anberaumt hatte, nachdem im Netz gegen Laura Laabs' Film "Rote Sterne überm Feld" gewettert wurde, weil darin in einem Kurzauftritt Rammstein-Sänger Till Lindemann zu sehen ist (unsere Resümees hier und dort). Suchsland berichtet von einer "krassen Erfahrung. ... Bei einem Film, den lauter Frauen gemacht haben, wird von lauter Frauen, die sich Feministinnen nennen, nur über einen Mann gesprochen. Wir lernen, dass sich Festivals mit dem schwachköpfigen Verhaltenskodex selbst die Probleme ins Haus holen. ... Wir erleben, dass Leute, die vorher wissen, dass Till Lindemann mitspielt und deswegen hingehen, eine Triggerwarnung wollen. Eine wichtigtuerische Anti-Lindemann-Fraktion mit Schaum vorm Mund nutzt den Namen des Sängers, um sich selbst in Szene zu setzen - und damit im übrigen nur Lindemann ins Spiel bringen und die Rammstein-Fans ins Kino. Das zu merken, sind sie aber zu dumm. Abgesehen davon ist 'Rote Sterne' kein Film über ihn; Lindemann ist hier gerade mal eine Minute von 135 Minuten im Bild." Am Ende gewann der Film übrigens den Preis als bester Film.

Weitere Artikel: Andreas Scheiner spricht für die NZZ mit dem spanischen Auteur Albert Serra über dessen neuen Dokumentarfilm "Afternoons of Solitude", der "den Stierkampf aus nächster Nähe zeigt": "Indem Serra ... die pervertierte Schönheit der Darbietung betont, sorgt er für kontroverse Reaktionen." Dunja Bialas hat für Artechock das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon besucht. Jörg Taszman schaut im Filmdienst auf das gestern bekannt gegebene Programm von Cannes, wo mit Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" erstmals seit Jahren auch wieder ein deutscher Film im Wettbewerb vertreten sein wird.

Besprochen werden Paolo Sorrentinos "Parthenope", der vom Artechock-Team gleich drei Kritiken spendiert bekommt (unsere finden Sie hier), Luzia Schmids "Ich will alles" über Hildegard Knef (Artechock), Peter Wältys und Steffen Appels Buch "The Blofeld Files" über James Bond (TA), Tim Ellrichs "Im Haus meiner Eltern" (Artechock), die Paramount-Serie "Dexter: Original Sin" (FAZ) und die auf Netflix gezeigte, dokumentarische Mini-Serie "Vom Rockstar zum Killer" über den französischen Rockmusiker Bertrand Cantat, der vor 22 Jahren seine Frau Marie Trintignant zu Tode geschlagen hat (SZ).
Archiv: Film

Bühne

"Robin Hood" am Schauspielhaus Zürich. Foto: Inès Manai.


Nachtkritikerin Valeria Heintges ist nicht restlos überzeugt von Sophia Al-Marias Stück "Robin Hood", das Wu Tsang und ihr Kollektiv Moved by the Motion am Schauspielhaus Zürich inszeniert haben. Obwohl sie die Idee, die Figuren als Tiere statt als Menschen zu zeigen, durchaus reizvoll findet: "Fantasievoll ausgestattet hüpfen und tänzeln die Tiere nun über die Bühne. Auf der reihen sich zu Beginn kunstvoll die Weizenhalme zu Zäunen auf; ähnlich weizenhalmbesäumt sind die Schilde, die Robin Hood und Little John als Tarnung vor sich hertragen. Im Hintergrund tauchen die Berge im nebligen Abendlicht auf, wachsen riesige (projizierte) Bäume in den Himmel, zacken Neonröhren als Blitzlichter. (…) Das ist alles ganz nett, krankt einzig allein an der Geschichte, die doch sehr sentenziös daherkommt ('Freiheit kann nicht bestehen ohne Achtsamkeit') und vor allem sprachlich deutlich humorvoller und politisch weniger korrekt hätte sein dürfen. Dann wäre der Spaß vollkommen gewesen."

Ueli Bernays findet die Aufführung in der NZZ "wenig kontrovers - bestenfalls verträumt, schlechtestenfalls einschläfernd. Das liegt zunächst am deutschen Text, den die Schauspielerinnen und Schauspieler unterschiedlicher nationaler Herkunft je mit einem besonderen Akzent einfärben. Er erweist sich als behäbig und brav - von wenigen Witzen abgesehen. (...) Die beherzten Kinderlacher während der Premiere deuten darauf hin, dass die Produktion eher auf das jüngere Publikum zugeschnitten ist. Ältere Semester hätten sich Robin Hood vielleicht etwas heroischer, souveräner gewünscht."

Weitere Artikel: Die Nachtkritiker haben ihre Top 100 der Inszenierungen der letzten 25 Jahre ernannt: Die Nummer Eins ist Frank Castorfs siebenstündige "Faust"-Inszenierung von 2017 an der Berliner Volksbühne. Antonia Munding porträtiert für den Freitag die Opernkomponistin Missy Mazzoli, die als erste Frau von der Metropolitan Opera engagiert wurde. Christian Wildhagen zeigt in der NZZ, welche Pläne Matthias Schulz als neuer Intendant für die Oper Zürich hat.
Archiv: Bühne

Musik

Anna Schors hört sich für die taz in der DJ- und Elektroszene um, die sich in den letzten Jahren nicht zuletzt in einer Sache ziemlich gewandelt hat: "Immer mehr Frauen nehmen die Turntables als DJs für sich ein und bereichern die elektronische Musikkultur mit ihren Perspektiven und Sounds. ... Laut einer Studie des Netzwerkes female:pressure waren in 175 weltweiten elektronischen Musikfestivals des Jahres 2023 immerhin 29,8 Prozent der Auftretenden weiblich. Im Jahr 2012 waren es gerade mal 9,2 Prozent. female:pressure räumt allerdings ein, dass nicht alle Institutionen gleichermaßen Wert auf Geschlechtergerechtigkeit legen: 'Größere Festivals haben tendenziell einen geringeren Anteil an weiblichen und nichtbinären Acts. Öffentlich finanzierte Festivals und Festivals mit künstlerischen Leiterinnen haben einen höheren Anteil an Künstlerinnen.' Der Kampf um Parität ist trotzdem noch nicht ausgefochten. Zudem sagen Zahlen wie diese nichts darüber aus, ob Musikerinnen vertreten sind, die queer oder nichtweiß sind und deshalb neben ihrem Geschlecht auch aufgrund von Hautfarbe oder Sexualität diskriminiert werden können."

Weiteres: Gunnar Leue erzählt in der Welt sehr ausführlich Geschichte und Hintergründe des im KZ entstandenen "Buchenwald-Liedes". Besprochen werden Anikas "Abyss" ("ein Album voller kathartischer Zacken", meint tazler Julian Zwingel) und das neue Album von Bon Iver ("Wenn die Liebe so weich und sexy klingt, geht" Zeit-Online-Kritiker Jochen Overbeck "da gerne mit").

Archiv: Musik
Stichwörter: Clubszene, Parität, Queer